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Assoziationen


Seit längerem gehöre ich einer Gruppe im Internet an, deren Mitglieder Freude daran haben, ihre Gedanken zu einem "Wort des Tages" zu schreiben, das von einem (wöchentlich wechselnden) Moderator vorgegeben wird. Diese Texte sind - wie es in der Gruppenbeschreibung heißt - "leicht, anspruchsvoll, nachdenklich, heiter, kreativ, harmonisch, familiär"; da mitzuschreiben "macht Spaß, erlaubt Ernst und ist immer wieder spannend". Was diese Gruppe von den zahllosen Internet-Foren wohltuend unterscheidet: Es gibt keine Diskussion, keinen Meinungsstreit, kein Gezänk um die "richtige" Ansicht; wer den Gedankenaustausch mit anderen Mitgliedern sucht, kann ihn in der privaten Korrespondenz finden. Vielleicht ist das gar der entscheidende Grund dafür, daß die Gruppe auch nach Jahren noch immer so frisch und lebendig ist wie am ersten Tag. Durch die alltägliche Lektüre der Beiträge zum "Wort des Tages" habe ich schon viele interessante Menschen mit ihren unterschiedlichen und sogar gegensätzlichen Lebensauffassungen kennengelernt und bin dadurch sehr bereichert worden.
    Im Laufe der Zeit sind natürlich auch zahlreiche eigene Texte entstanden. Wiederholt kam mir zu Ohren, daß es schade sei, wenn sie alle im Archiv der Gruppe verschwänden und vergessen würden. So greife ich heute den mehrfach geäußerten Vorschlag auf, die besten meiner Beiträge einem größeren Leserkreis zugänglich zu machen, und erweitere meinen Netzauftritt nunmehr um diese Kategorie, der ich die Überschrift "Assoziationen" gebe, weil es sich um Gedankenverbindungen handelt, die sich alle aus einem "Wort des Tages" ergeben haben. Ich füge hier eine kleine Auswahl meiner Beiträge aus den letzten drei Jahren in chronologischer Reihenfolge an und werde dann diese Reihe in unregelmäßiger Folge fortsetzen. 

Chemnitz, den 1.8.2006

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14.3.2003:   Entrümpelung

ENTRÜMPELUNG hätte auch ich nötig:
Entrümpelung meiner übervollen Ablagen und Schränke,
Entrümpelung meines überladenen Kellers,
Entrümpelung meines mitunter chaotischen Denkens.
In den Jahrzehnten sammelt sich so vieles an!

Was die GEDANKEN angeht,
so gelingt es mir mitunter schon recht passabel,
einige, die meine Seele unnötig belasten,
auszutauschen gegen solche, die ihr gut tun.

Aber mit den DINGEN ist das schon weit schwieriger:
Ganz oft dann, wenn ich mich schweren Herzens entschlossen habe,
mich endlich von etwas zu trennen,
das ich schon ewig nicht mehr gebraucht habe,
kommt plötzlich eine Situation, in der ich wünschte,
ich hätte es noch!

Vielleicht ist so manches Gerümpel auch
einfach nur ein Stück meines Lebens,
das zu mir gehört?

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19.3.2003:   Rausch

Rausch ist ein durch erregende Erlebnisse, Reizeinflüsse oder bestimmte natürliche oder chemische Stoffe erzeugter übersteigerter psychischer Zustand.
Was fällt mir dazu bei mir ein?
Der von natürlichen oder chemischen Stoffen (Pflanzengifte, Alkohol, Drogen, Dämpfe, Medikamente u.ä.) hervorgerufene Rausch ist mir bislang unbekannt.
Dagegen kenne ich sehr wohl
* den Rausch während einer Tätigkeit, die so voll und ganz von mir Besitz ergreift, daß ich Essen und Schlafen vergesse;
* den Rausch des Lampenfiebers vor einem wichtigen Auftritt;
* den Rausch des Badens im Erfolg beim Gefeiertwerden nach einer gelungenen Arbeit;
* den Rausch der Erinnerung bei ganz bestimmten Klängen, Gerüchen, Bildern usw.
* den Rausch des Erlebnisses göttlicher Nähe;
* den Rausch des tiefen Glücksgefühls der Liebe;
* den Rausch (und den nicht zuletzt, sondern zu allererst!) der sexuellen
Phantasie und ihres Auslebens ohne Raum- und Zeitempfinden.

Diese mir bekannten Rauschzustände unterdrücke ich nicht. Weshalb auch? Ich gebe mich ihnen ganz und gar hin mit allen Fasern meines Seins, genieße sie so intensiv wie möglich, versuche sie auszudehnen, so weit es irgend geht, und koste sie aus bis zur Neige. Dabei und danach fühle ich ganz besonders stark, daß ich lebe und daß das Leben wundervoll ist!

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20.3.2003:   Warum

WARUM werden ab heute unschuldige Kinder, Frauen und Männer gemordet,
die zufällig das Unglück hatten, als Iraker geboren worden zu sein?

WARUM haben die Völker der Welt schon wieder vergessen,
daß man einen "gottgesandten" Führer,
der die Menschen und die Völker in gute und böse einteilt,
um dann die bösen zu vernichten,
mit aller Macht in die Arme fallen muß,
bevor er die Welt ins Unheil stürzt und die Erde mit Blut ertränkt?

WARUM treten Regierungen den Willen der Völker mit Füßen?

WARUM geht das Leben in unseren Städten heute genauso weiter wie gestern,
so als sei nichts passiert?

WARUM gehen wir wie immer unseren Geschäften nach,
arbeiten und ruhen, essen und trinken, lachen und vergnügen uns,
so als wäre alles in Ordnung,
während unweit von uns Menschen ins Stücke zerrissen werden,
weil ein vom Wahn Getriebener es so will?

WARUM betrachtet der deutsche Bundeskanzler einen Kriegsverbrecher
immer noch als Verbündeten, dem man sich verpflichtet fühlt,
anstatt konsequent zu sein und den Aggressor zu ächten?

WARUM steht heute nicht jede Straßenbahn still
und bleibt nicht jedes Fabriktor geschlossen,
solange bis die Regierung bereit ist, dem Weißen Haus zu verkünden:
KEINEN MANN UND KEINEN CENT UND KEIN STÜCK LUFTRAUM
FÜR EUERN VERFLUCHTEN KRIEG!?

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3.4.2003:   Eine Stadt
Sucht Euch eine Stadt aus, in der Ihr noch nie wart, aber gerne mal hin möchtet.

Meine große Sehnsucht ist LEININGEN!

Die meisten von uns versuchen hinzukommen,
aber sie verfehlen immer wieder den Weg.
LEININGEN ist nämlich auf keiner Karte verzeichnet,
nach LEININGEN kann man nicht mit dem Auto fahren,
und es fährt auch kein Bus hin.
Nach LEININGEN kommt man nur zu Fuß.

Als wir noch Kinder waren, gab es nicht mal Wegweiser.
Jetzt - so habe ich erfahren - stößt man an der Abzweigung
auf drei Wanderschilder an einer Astgabel:
NACH KARSTADT, NACH SAMTENGRÜN, NACH LEININGEN.
Und trotzdem verlaufen wir uns!

Irgendwann in unserer Kindheit
müssen wir in LEININGEN gewesen sein.
Wie könnten wir denn sonst davon träumen?
Und uns sehnen
nach den Hügeln und Schlehenhecken am oberen See.
Und lächelnd erwachen mit dem Gefühl,
daß uns an diesem Tag etwas Gutes gelingen werde.

Aber warum finden wir dann heute nicht mehr hin?
Warum verlieren wir immer wieder die Richtung,
wenn wir uns auf den Weg machen?
Vielleicht, weil wir nach LEININGEN aufbrechen,
als wäre es ein Ort wie jeder andere?
Vielleicht, weil wir in unserm tiefsten Innern
auf LEININGEN nicht vorbereitet sind?

Es heißt: Wenn uns im Herzen Freude oder Trauer bewegen,
wenn wir uns lösen von den Verkrustungen der Jahre
und der tief in uns verwurzelten Gewohnheiten und Vorurteile,
wenn wir wieder in die Unmittelbarkeit der Gefühle,
der Ängste und Träume, der Wünsche und Hoffnungen
des Kindes eintauchen, das wir waren,
dann ist die Wahrscheinlichkeit groß,
daß wir LEININGEN finden.

Ihr habt noch nie was von LEININGEN gehört?
Aber LEININGEN existiert!
In uns selber.
In jedem von uns.

Wenn Ihr mehr darüber wissen wollt, lest Uwe Grünings Erzählung
DER WEG NACH LEININGEN.

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26.4.2003:    Erwachsensein

Erwachsensein bedeutet für mich:
charakterliche, emotionale und soziale Reife zu haben,
seine einzigartige Rolle im Leben gefunden zu haben,
den Ernst des Lebens erkannt zu haben,
sich für sein Tun verantwortlich zu fühlen,
die Tragweite seines Handelns absehen zu können,
stets auf der Suche nach Selbstvervollkommnung zu sein,
Toleranz für Menschen, Ideen und Meinungen zu haben,
einen Humor zu haben, der nicht auf Kosten anderer geht,
alles primitiv Kindische abgelegt zu haben,
das innere Kind bewahrt zu haben,
Kindern ein geachtetes Vorbild sein zu können,
angesichts seines Todes zu leben.

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25.5.2003:   Verzicht

Der freiwillige Verzicht auf Dinge, die ich eigentlich nicht brauche
und die mich nur unnötig gefangennehmen,
macht mich frei für das, was ich brauche.

Wenn ich mich löse von dem, was mich bindet,
nehme ich intensiver wahr, was wirklich wichtig ist:
die Liebe, die Familie, die Freunde, die wertvollen Bücher, die Wunder der Natur
und die gelassene Heiterkeit und Klarheit,
die aus der Stille und der Kontemplation erwachsen.

Wenn ich loslasse, was mich in Beschlag nehmen möchte,
komme mit meinen tiefsten Wurzeln in Berührung
und nehme mich als Teil des Kosmos wahr.

Wenn ich auf das Überflüssige verzichte, verliere ich damit auch das,
was sonst meinen Alltag belastet:
die Reizüberflutung, den unnötigen Streß, die Zeitnot,
die Sorge, den Ärger, die Gereiztheit, die Intoleranz,
und komme so leichter zu innerem Frieden und kraftspendender Ruhe.

Wenn ich aus meinem Leben verbanne,
was meine Achtsamkeit, meine Zeit und mein Geld stiehlt,
dann öffnen sich meine Augen für ein umfassenderes Verständnis meiner selbst
und der Menschen um mich herum
und für das Leben uns meine Aufgaben darin.

"Wer verzichtet, wird reich."
Das ist meine persönliche Erfahrung.

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30.5.2003:    Nacht

"Nacht" bedeutet für mich die Schwere der Dunkelheit.
In der Dunkelheit sehe ich schlechter als im Hellen.
In der Dunkelheit sehe ich besser als im Hellen.
Was für mich im Dunkeln liegt, macht mir Angst.
Es gibt dunkle Mächte, dunkle Machenschaften, das Dunkle in mir.
Dunkel ist die Trauer, die Hoffnungslosigkeit, die Verlorenheit.
Ohne Dunkles gibt es keine Helle.
Im Dunkeln lerne ich das Helle zu schätzen
und nehme es deutlicher und dankbarer wahr.

"Nacht" bedeutet für mich *das Wissen um den nahen Tag*.
"Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag."
Diese zwei Verse aus Bertolt Brechts "Lied von der Moldau" erinnern mich immer wieder an
die Vergänglichkeit aller Dinge und stärken in schwierigen Lebenslagen meine Hoffnung.
Ebenso, wie der Dichter mit diesen Zeilen das Ende der zwölfjährigen faschistischen
Barbarei in Deutschland meinte, könnten sie sich auf alles beziehen, was hochmütig
Dauerhaftigkeit für sich beansprucht. Was heute noch fest zu stehen meint, kann morgen
schon wanken und übermorgen gefallen sein...

   "Nacht" bedeutet für mich *den Segen der Stille*.
Nachts höre ich leise und ferne Geräusche viel deutlicher als am Tage.
Auch meine innere Stimme spricht in der Stille lauter.
Meine Gedanken sind tiefer, wenn es still ist.
Die Stille der Nacht befreit mich vom Lärm des Tages.

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2.6.2003:   Kreislauf

"Kreislauf" ist für mich ein ambivalentes Wort:
Es hat etwas Beruhigendes und etwas Beunruhigendes.

Der Kreislauf der Jahreszeiten und der meines Blutes
geben mir das beruhigende Gefühl von Dauer:
"Solange die Erde steht
soll nicht aufhören Saat und Ernte,
Frost und Hitze,
Sommer und Winter,
Tag und Nacht."
(Gen 8:22, Lu rev)

Aber wenn etwas oder jemand im Kreis läuft,
dann habe ich das beunruhigende Gefühl von Stillstand, Stagnation.
Und wo kein Vorwärtsschreiten mehr ist, keine Entwicklung,
da ist tödliches Erstarren.

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1.10.2003:   Stolz

Ich unterscheide zwischen gesundem Stolz und hoffärtigem Stolz. Letzterer hat etwas mit Überheblichkeit, Engstirnigkeit und Starrsinn zu tun, ersterer mit Selbstachtung und Verteidigung der eigenen Würde.
    Hoffärtigen Stolz kenne ich an mir nicht, und ich bin mir ziemlich sicher, daß auch andere ihn bei mir nicht finden können. Hoffärtiger Stolz kann zum Beispiel nicht vergeben. Hoffärtiger Stolz kann keinen Fehler eingestehen, weil er glaubt, sich damit eine Blöße zu geben. Hoffärtiger Stolz fühlt sich stets klüger, schöner, erfolgreicher, beliebter, stärker, besser als alle anderen, und er kann es nicht ertragen, wenn andere gelobt werden. Hoffärtiger Stolz macht den Menschen einsam und blind.
    Gesunden Stolz zu haben, schäme ich mich nicht. Mein Stolz ist mein Rückgrat, das mir einen aufrechten Gang ermöglicht. Mein Stolz verbietet es mir, daß ich mich selbst und die Liebe, die Herzensgüte, die Höflichkeit und alle meine anderen edlen Werte verrate, daß ich gegen mein Gewissen handle, daß ich mich zwingen lasse zu tun, was ich zutiefst verabscheue. Mein Stolz bewahrt mich davor, vor der Bosheit den Nacken zu beugen und so tief zu sinken, daß ich vor mir selbst erschrecken müßte. Mein Stolz hilft mir, in jeder Lebenssituation mir treu zu bleiben.
    Nach meinem Einkommen zähle ich zu denen, die sparsam leben müssen. Aber das sieht man mir nicht an. Man nimmt mich stets sauber gekleidet und mit gepflegtem Äußeren wahr. Müßte ich zum Arbeitsamt, würde ich mit Anzug und Krawatte hingehen, so wie es meine Art ist. Es ist nicht gegen meinen Stolz, um Hilfe zu bitten, wenn ich Hilfe brauche, aber ich bin zu stolz, mich gehenzulassen.
    Ich verachte die Bettler nicht, die auf der Straße sitzen und um eine milde Gabe bitten, denn es sind Menschen, also mein Brüder. Aber für mich selbst würde ich das niemals tun! Wenn ich nur die Wahl hätte zu betteln oder zu sterben, wollte ich lieber sterben. Meine Menschenwürde wäre mir mehr wert als mein Leben, das weiß ich ganz sicher.
    Etwas anderes als Stolz zu haben ist, auf etwas stolz zu sein. Stolz sein kann ich auf etwas, das Ergebnis meiner Leistung ist. Auf Errungenschaften und Verdienste anderer dagegen kann ich nicht stolz sein. Deshalb weiß ich auch nicht, was es bedeuten soll, wenn jemand beispielsweise von sich sagt, er sei "stolz, ein Deutscher zu sein". Was ist sein Verdienst daran?

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11.2.2004:    Irrlichter

Die Lichter einer Stadt sind in Wahrheit Irrlichter.
Irrlichter heißen die unsteten Lichterscheinungen unerlöster Seelen,
von denen eine Stadt voll ist.
Irrlichter lassen den Suchenden sich heillos verirren.
Sie führen ihn nicht ins warme Licht der Geborgenheit,
sondern in die finstere Kälte der Einsamkeit,
die hinter dem vielversprechenden Flackern der großen Stadt lauert
und die ihr gefräßiges Maul aufreißt,
wenn wir dem trügerisch funkelnden Schein folgen.

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8.10.2004:   Gehirnmüll

Wir "zivilisierten" Menschen haben alle neben viel Wertvollem auch eine Menge Müll in unseren Gehirnen. Freilich - die einen mehr, die anderen weniger. Und dieser Müll ist die Hauptursache dafür, daß es seit jeher so schlimm um unsere Welt steht.
    Der Müll, der sich in unseren Köpfen eingenistet hat, setzt sich zusammen
        - aus der Überfülle an Informationen, die unser Hirn vollstopfen, obwohl wir sie nicht brauchen;
        - aus Werbesprüchen, die uns suggerieren wollen, das Glück bestünde in überflüssigen Dingen;
        - aus unerfüllbaren Sehnsüchten und Wünschen, die uns nur unzufrieden machen;
        - aus der schalen Enttäuschung, die nach der Jagd auf kurzlebiges Vergnügen zurückbleibt;
        - aus dem Druck des Gehetztseins, das uns nicht erlaubt, unsere Zeit bewußt zu genießen;
        - aus Gedanken, die uns Angst und Zweifel bereiten, statt Vertrauen und Zuversicht zu stärken;
        - aus dem Selbstmitleid, ein schlechteres Schicksal zu haben als andere Menschen;
        - aus Erinnerungen an schlimme Erfahrungen, die wir nicht im Vergangenen ruhen lassen wollen;
        - aus Groll und Bitterkeit gegen Menschen, denen wir nicht vergeben wollen;
        - aus Haß und Rachsucht, Neid und Mißgunst, Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit, Selbstsucht und Rechthaberei;
        - aus der Achtlosigkeit, die bei anderen Menschen Gefühle des Nichtverstandenseins und Nichtgeliebtseins weckt;
        - aus Verhaltensursachen, die unseren Nächsten in der Zweisamkeit Einsamkeit leiden läßt,
        und aus vielem anderen mehr.
Würden wir uns befleißigen, bei regelmäßigem Großreinemachen in unserem Kopf all das hinauszuwerfen, was zu Handlungen führt, die unsere Mitmenschen und uns selber unglücklich machen, dann wäre es gewiß wunderschön für alle auf unserer Erde, in jedem Land, in jeder Stadt, in jedem Haus, in jeder Familie, in jeder Partnerschaft. Aber ach, die Menschen sind dazu wohl nicht gemacht...

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8.2.2005:   Spaziergang

Einen meiner schönsten Spaziergänge habe ich an einem frühherbstlichen Sonntagvormittag des Jahres 1997 über Land um Bad Wildungen gemacht. Mit Wanderkarte und Fernglas bin ich allein mit meinen Gedanken und wachen Sinnen aus der Stadt hinausgegangen und über Feldwege, durch Waldabschnitte und Dörfer drei Stunden später wieder in die Stadt zurückgekehrt. Es war ein geführter Wanderpfad, ich mußte also nur auf Kennzeichnungen an Bäumen und am Wegesrand achten, um die Richtung nicht zu verfehlen. Solcherart Wanderungen auf festgelegter Strecke liebe ich, denn ich weiß, wo ich ankommen werde. Spaziergänge "ins Blaue" dagegen sind mir zu abenteuerlich. Wo ich wollte, bin ich frisch fürbaß geschritten, und wo mir danach war, habe ich ein Weilchen innegehalten, mich auf eine Bank gesetzt, Blumen betrachtet, Erde gerochen, in die Ferne geschaut, geträumt, dem Gesang der Grillen und der Vögel gelauscht und wohl auch ein Äpfelchen geschnurpst. In der ganzen Zeit bin ich fast keinem Menschen begegnet, auch die Dorfstraßen waren so gut wie leer. Nur hier und da krähte nah oder fern ein Hahn, blökte ein Schaf, bellte ein Hund, sonnte sich eine Katze.

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27.5.2005:   Sprache ist Macht

Dieses Thema reizt mich, denn Sprache ist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens, der wissenschaftliche, künstlerische und praktische Umgang mit ihr eine meiner Liebschaften, für die ich glühe. Die Sprache ist mein wichtigstes Werkzeug sowohl im Beruf als auch im Privatleben, und sie mein kostbarster Schatz.
    Buchstaben aneinanderzureihen ist mir von Kindesbeinen an Lust und Leidenschaft. Mich begeistert die Schönheit der Sprache mit ihren nahezu unbegrenzten Ausdrucksmöglichkeiten, und ich bin fasziniert von der wunderbaren Macht der Worte, Hirne und Herzen zu beeinflussen. Ich habe stets Menschen bewundert, die Meister des Wortes waren und sind, und von ihnen zu lernen versucht. So habe ich die Macht der Sprache zuerst an mir selber erfahren.
    Sprache schafft und verändert Bewußtsein, mit Mitteln der Sprache kann man das Denken und Urteilen seiner Hörer oder Leser in eine bestimmte Richtung lenken, kann man Gefühle erzeugen, kann man überzeugen, motivieren, mobilisieren. Das Spiel mit Worten kann harte Herzen erweichen, unentschlossene Gemüter beherzt werden und gleichgültig
Gestimmte aufhorchen lassen, kann Menschen bereit machen, sich fesseln und führen zu lassen in eine neue, reizvolle Gedankenwelt. Mit Worten kann man Menschen erwecken oder beruhigen, aktivieren oder in Rausch versetzen, Willenskräfte stärken oder schwächen. Die suggestive Kraft der Sprache ist stärker als alle Mächte, die ich kenne. Mit ihr kann man Wirklichkeit verändern und neue Realitäten schaffen.
    Freilich kann man sie auch zum Manipulieren mißbrauchen. Aber das will ich nicht. Ich will, daß das, was ich sage und schreibe, Menschen hilft, sich und mich und andere und das Leben ein wenig besser zu verstehen und einen kleinen Schritt auf dem Wege zu ihrem besseren Ich zu tun.

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27.6.2005:   Der Mensch, der ich immer sein wollte...
Hattet Ihr früher oder habt Ihr jetzt eine Vorstellung davon? Und - seid Ihr es geworden?

Zweimal ja! Ich hatte schon immer und ich habe auch jetzt eine Vorstellung von dem Menschen, der ich sein will. Und ich bin es geworden. Oder besser: Ich bin noch auf dem Wege dazu, es zu werden, und ich werde immer dahin unterwegs sein.
    Der Mensch, der ich immer sein wollte, ist der, der schon zu Anfang in mir verborgen war und der ich werden sollte: Es ist der Mensch, der freimütig "ich" von sich sagen kann und sich nicht hinter "man" verstecken muß. Es ist der Mensch, der sich für seine Stärken selber loben kann und der sich für seine Schwächen nicht schämen muß; der sich annehmen kann, wie er ist, mit dem, was ihm gelingt, ebenso wie mit dem, worin er versagt. Es ist der Mensch, der sein ganzes Leben als Suchender auf dem Wege ist, der sich auch hin und wieder verirrt und trotzdem viel Geduld mit sich hat, der sich seine Schuld von gestern in Liebe vergibt und das Heute dankbar als Chance zum Neuanfang erlebt.

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22.8.2005:   Umherschweifen

Umherschweifen ist die Lieblingstätigkeit meiner Augen und meiner Gedanken.
    Wo auch immer ich bin, schweift mein Blick überallhin, nehme ich mit meinen Augen so viel wie möglich auf, beobachte ich die Umgebung und die Menschen und treibe dabei schweigend meine Studien. Dabei ist das Schöne, daß niemand weiß, was ich bei manchen Wahrnehmungen denke.
    Wenn ich nicht auf etwas Bestimmtes konzentriert sein muß, lasse ich meine Gedanken frei, damit sie umherschweifen können. Das mögen sie besonders gern, denn nirgendwo sind ihnen Grenzen gesetzt.
    Sie vermögen das sonst Unmögliche, mich aus meiner Gebundenheit an Ort und Zeit herauszulösen.
    Sie bringen mich in die Vergangenheit zurück und führen mir vor Augen, was in der Zukunft vielleicht sein könnte. So erlauben sie mir zu träumen, ohne daß sie Ängsten Macht über mich geben.
    Sie können mich augenblicklich an Orte versetzen, die ich nie wirklich sehen und in Situationen, in die ich kaum jemals kommen werde.
    Sie lassen mich Dinge tun und erleben, die ich nur in meiner Phantasie tun kann oder darf. Und niemand verbietet ihnen das, denn niemand kann meine Gedanken lesen.
So ist Umherschweifen für mich ein Synonym für Freiheit.

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25.8.2005:   Trampelpfade

Ein Trampelpfad ist ein unbefestigter, allein durch häufigen Gebrauch entstandener Fußweg. Er ist nicht geplant, sondern aus Bequemlichkeit spontan niedergetreten worden, weil die befestigte Straße als Umweg wahrgenommen oder auch als eintönig und langweilig empfunden wird, während dem Trampelpfad zudem der Nimbus von etwas Nonkonformistischem oder gar Abenteuerlichem anhaftet. Oft muß der Vorteil seiner Kürze allerdings mit dem Nachteil erkauft werden, daß er unbequem und zuweilen nur auf eigene Gefahr zu begehen ist. Den Trampelpfad wählen heißt: vom Üblichen, Gewohnten abweichen. Das kann von dem Mut zeugen, sich für Neues, Ungewöhnliches, Unkonventionelles zu öffnen, es kann aber auch bedeuten, die gute Tradition, das Bewährte zu verleugnen und damit den Weg der Tugend und der Pflicht zu verlassen.
    Beides ist natürlich auch dann möglich, wenn wir in unserem Gehirn Trampelpfade anlegen und gehen: Wir können uns von der sicheren Straße des Altgewohnten, Verfestigten und Erstarrten entfernen und ganz neue Wege einschlagen, die zu gehen noch niemand gewagt hat. Das tut unserer Wahrnehmung und unserem Weltbild ebenso gut wie unserer praktischen Lebensweise und der Lösung unserer Probleme. Das führt uns zur Überwindung von Denkblockaden, Vorurteilen und unsinnigen Tabus. Wir können uns mit unserer Entscheidung für Trampelpfade in unserem Gehirn aber freilich auch auf gefährliches Gebiet begeben, wo wir uns dann auf sehr unsicherem Boden bewegen und auf krumme Wege geraten, die uns in die Irre führen, von wo aus wir nur schwer oder gar nicht mehr zurückfinden.
    Daher gilt es wohl, Trampelpfade im Gehirn gut überlegt zu wählen und dabei stets den Kompaß des Gewissens und der Weisheit, der Liebe und der Selbstdisziplin bei sich zu führen, damit man rechtzeitig umkehren kann, wenn er anzeigt, daß man vom Wege der Gedankenfreiheit und Kreativität abkommt und sich in geistige Abhängigkeit und Realitätsverlust zu verirren droht.

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21.9.2005:   Lachen

Ich finde, wichtig ist die Art des Lachens und was man dabei macht: Lacht man lauthals oder lächelt man fein gesittet, feixt oder grinst man? Bricht man in Lachen aus, oder lacht man in sich hinein? Lacht man vielleicht gar Tränen? Schüttet man sich aus vor Lachen, oder kichert man nur? Kugelt man sich vor Lachen? Quietscht, gackert oder wiehert man?
    Ebenso ist es natürlich entscheidend, aus welchem Grunde man lacht: Lacht man aus Freude oder Schadenfreude, aus Verlegenheit oder Überlegenheit? Handelt es sich um das Lachen des Übermuts oder der Verzweiflung, des Amusements oder des Galgenhumors, der Heiterkeit oder der Bitterkeit?
    Freilich ist es auch nicht ganz unwichtig, wie wohin und mit welchen Folgen man lacht: Lacht man sich einen Buckel oder einen Ast? Lacht man sich krumm, scheckig, schief, krank oder gar tot? Fällt man vielleicht vor Lachen vom Stuhl? Lacht man sich eins ins Fäustchen, oder macht man sich vor Lachen ins Höschen? Platzt man heraus und brüllt los, oder schmunzelt man hinter der vorgehaltenen Hand?
    Nicht zuletzt kommt es wohl auch sehr auf die Präposition an: Lacht man mit oder über jemanden, hinter oder vor jemandem, vor oder hinter jemandem, unter oder auf jemandem, zwischen oder in jemandem?
    Jedes Mal wird das Lachen von den Lachenden und den anderen anders erlebt und empfunden.
    Aber wie auch immer man lacht: Man sollte es an jedem Tag wenigstens einmal tun.

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3.10.2005:   Loslassen

Es kommt darauf an, was es ist, das ich loslassen muß: Menschen, Ideelles oder Materielles, und davon, ob das Loslassen allmählich oder ganz plötzlich geschieht.
    Gegenständlichen Besitz loslassen kann ich recht gut. Ich weiß ja, daß nichts mir wirklich gehört, denn mit nichts bin ich auf die Welt gekommen, und mit nichts werde ich sie wieder verlassen. Alles, was ich habe, ist also geliehen, und irgendwann muß ich es wieder zurückgeben. In diesem Wissen gehe ich bewußter, sorgsamer und dankbarer damit um, als wenn ich dem Irrtum verfallen wäre, ich hätte ein ewiges Eigentumsrecht an allem, was ich besitze. Eine große Weisheit enthält für mich diese Aufforderung aus dem ersten Brief des Paulus an die Korinther: Kaufe, als könntest du es nicht behalten; gebrauche diese Welt, als brauchtest du sie nicht!
    Auch Wünsche und Sehnsüchte loszulassen fällt mir nicht sehr schwer. Ich weiß, das Leben versagt uns häufig das, was wir gerne haben möchten, um uns statt dessen das zu geben, was gut für uns ist. Meistens wird uns das allerderdings erst viel später bewußt. Auch ist oftmals gerade der Traum von der Erfüllung schöner als die Erfüllung selbst, die, wenn sie erreicht ist, doch meist nur neue Unzufriedenheit gebiert. Hier fühle ich mich dem buddhistischen Denken sehr nahe: Den wahren inneren Frieden schafft erst die Bedürfnislosigkeit.
    Heimat, vertraute Umgebung, liebgewordene Gewohnheiten, Sicherheit gebende Alltags- und Lebensstrukturen loslassen zu müssen, fällt mir schon schwerer, den ich bin ein archischer Typ. Dennoch vermag ich auch darin nach einiger Zeit mehr die Chance als den Verlust zu sehen.
    Angst allerdings macht mir zuweilen der Gedanke an das Loslassen-Müssen von Menschen, mit denen ich so eng verbunden bin, daß der Verlust mir meine Ganzheit rauben und mich tief verwunden würde.

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5.10.2005:    Ritual

Rituale sind zeremonielle, nach festgelegten Regeln ablaufende Handlungen, die uns helfen, unser Leben zu ordnen und im Chaos der Zufälligkeiten Sicherheit und Halt zu finden. Die großen Feiertage mit ihren Ritualen zum Beispiel geben in ihrer regelmäßigen Wiederkehr dem Jahr eine Struktur. Besonders in Passagezeiten vermitteln Rituale uns Geborgenheit. Der Übergang in einen neuen Lebensabschnitt ist ein einschneidendes, oft schwierig zu verarbeitendes Erlebnis. Rituale erleichtern die Situation. Aus diesem Grunde entstanden zum Beispiel Einschulungs- und Jugendweihe-, Aufnahme- und Ausscheidungs-, Begrüßungs- und Verabschiedungs-, Hochzeits-, Geburts- und
Trauerrituale.
    Wenn der Morgen bereits mit einem bestimmten Ritual beginnt (die ersten Handlungen nach dem Aufwachen, die stets gleichen Abläufe der Morgentoilette, die feierliche Art der Zubereitung und der Einnahme des Frühstücks usw.), so spüren wir den ganze Tag über viel mehr Ruhe und Ausgeglichenheit. Wird das immer gleiche Morgenritual durch einen unvorhergesehenen Zwischenfall empfindlich gestört, leiden wir noch lange darunter, eventuell gar bis zum Abend. Dasselbe trifft für das sogenannte Einschlafritual zu: Kann es einmal nicht wie gewohnt vollzogen werden, so können wir lange nicht einschlafen.
    Ich lege sehr viel Wert auf Rituale im Alltag. Sie gehören zu meinem Leben, ohne sie würde ich mich in der Unordnung und Zufälligkeit verloren fühlen. Für mich ist jede Mahlzeit eine »heilige« Handlung; der Weg zur Arbeit, die einzelnen Handgriffe bei der Vorbereitung auf bestimmte Tätigkeiten, der Abschluß einer Arbeit - alles wird für mich zum Ritual. Dabei kommt es nicht so sehr auf die Nützlichkeit des rituellen Tuns im Zusammenhang mit einer bestimmten Handlung an, sondern vielmehr auf ihre symbolische Bedeutung. Man kann das ganz besonders deutlich bei den rituellen Handlungen der Geistlichen sehen, wenn sie eine Heilige Messe feiern: Sie dienen keinem vordergründigen Zweck, sondern weisen auf etwas Tieferes, Spirituelles hin.

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16.10.2005:    Bester Freund / Beste Freundin

Für mich läßt das Wort »Freund« keine Abstufungen zu! Deshalb kenne ich weder »beste« noch »sehr gute«, »gute« oder vielleicht gar »nicht ganz so gute« Freunde, sondern entweder ein Mensch ist mir ein Freund (ein männlicher oder ein weiblicher, denn leider ist »Freundin« durch falschen Sprachgebrauch ja nicht mehr eindeutig), oder er ist mir kein Freund.
    Einen »Freund« nenne ich allerdings durchaus nicht jeden Menschen, der mir sympathisch ist und mit dem ich mich gut verstehe. Den Freundesnamen verdient nach meinem Verständnis nur der Mensch, der auch in schwierigsten Lebenssituationen treu zu mir steht - so wie ich zu ihm. Mit allen Konsequenzen! »Niemand liebt mehr als einer, der sein Leben für seine Freunde opfert« (Johannes 15,13 - GNB).

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29.10.2005:   Allee

Für mich sind drei Alleen besonders bedeutsam geworden:
1.     Die Pappelallee in meiner Geburtsstadt und dem Ort meiner Kindheits- und Jugendjahre. Dort befand sich eine Kleingartenanlage, und einen der Gärten hatten meine Eltern gepachtet. Von zu Hause bis dahin waren es etwa vierzig Minuten Fußwegs. Dem kleinen Knaben erschien diese Allee mit den riesigen alten Pappeln endlos lang, und seine müden Beine sehnten das Ziel herbei. Nur der Gedanke an den Rückweg trübte die Ankunftsfreude ein wenig. Dem jungen Mann mit dem Kinderwagen hingegen erschien die Pappelallee Jahre später dann weitaus kürzer. Ich ging sie gern, auch wenn der Garten dort schon lange einen anderen Besitzer hatte.
2.    Die ebenfalls schier endlose Allee zum Bomberg in Bad Pyrmont. Ich sah sie erstmals im November 1991 von unten mit Staunen, wanderte sie erstmals zur Hälfte hinauf mit der Liebsten im November 2000, erklomm sie schließlich erstmals ganz im November 2004. Diese Allee mit den ehrfurchtgebietenden größen Bäumen in ihren mächtigen, einseitig angegrünten Stämmen schaffen in mir jedes Mal eine andächtige Stimmung, und ich fühle mich wie in einem von der Natur geschaffenen Dom. Der Weg hinauf ebenso wie der Weg hinunter in aller Stille regt an zu Besinnung und Meditation. Da die Bäume wenig Sonnenlicht auf den Weg hindurchscheinen lassen, umfängt mich meist eine eigenartig feierliche Stimmung.
3.    Die Allee in meinen Träumen. Sie ist ein ab und zu wiederkehrendes Traummotiv. Ich finde mich plötzlich auf einer sehr langen Allee wieder und weiß nicht, wie ich dahingekommen bin. Der Blick zurück erkennt keinen Anfang, und der nach vermag kein Ende auszumachen. Ich bin mutterseelenallein, die Bäume wirken bedrohlich, sie wechseln ihre Farbe ins grünliche und rötliche, der Himmel ist mit schweren dunklen Wolken verhangen, ich spüre meine Schritte nicht und meine über dem Boden zu schweben. Mich beschleicht die Furcht vor einer unbestimmten Gefahr, die hinter mir oder vor mir auftauchen oder zwischen den Bäumen hervortreten könnte. Ich habe Angst, diese gespenstische Allee könnte niemals aufhören.

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9.1.2006:   Kopfkino

Was wäre ich ohne mein Kopfkino?
    Ich wäre bar jeder Phantasie und könnte nicht aus der in ihr entspringenden Quelle aller schöpferischen Gedanken und geistvollen Ideen schöpfen. Ich würde im Ärger über die Verdrießlichkeiten des Alltags und in der Enttäuschung von all dem Mißlichen, das mir im Leben begegnet, heillos versinken. Ich könnte mich in schwierigen Zeiten nicht aufladen mit jener neuen Energie, die aus Bildern erwächst.
    Mein Kopfkino ist überall und immer verfügbar, es versetzt mich ganz nach meinem Wunsch an alle denkbaren Orte, in alle Zeiten und Lebenslagen, die ich mir vorstellen kann. Abends und in der Nacht, wenn ich wach liege, ist mein Kopfkino das beste Einschlafmittel. Ich allein bestimme, was ich sehen vor meinem geistigen Auge sehen möchte. In den Filmen meines Kopfkinos bin ich selbst der Regisseur: Ich lasse die Szenen, in denen ich mitwirke, so spielen, wie sie mir gefallen. Daraus gewinne ich Erfahrungen über mich selbst, Nahrung für die Seele und den Verstand, aber auch Selbstbestätigung und Kraft. In meinem Kopfkino kann ich Dinge erleben, die mir im Leben versagt bleiben, kann ich das, was sich wirklich ereignet, ganz anders spielen, und ich kann es dort fortführen, wo es in Wahrheit aufhört. Dennoch ist mein Kopfkino kein Fluchtort, ich weiß sehr wohl zwischen Realität und Wachtraum zu unterscheiden. Mein Kopfkino ist nur der Raum in mir, in den ich mich in jeder Situation unbemerkt zurückziehen kann, um gestärkt und bereichert wieder zurückzukehren in Hier und Heute.
    Was wäre ich ohne mein Kopfkino!

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13.1.2006:   Versichern

Es gibt in der Welt, in der wir leben nur eine einzige Sicherheit: daß wir sterben müssen. Mors certa hora incerta. Da sonst nichts sicher ist, ist alles, was wir tun, um uns selbst und andere Menschen zu versichern, und sei es absolut ehrlich gemeint, mit dem Mangel der Unsicherheit behaftet. Höhere Gewalt kann all unsere Versicherungen zunichte machen. Zwar ist in einem jeden von uns ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit lebendig und wohl auch ein tiefes Ahnen von seiner Möglichkeit, allein selbst dies erwächst nicht aus Sicherheit, sondern aus Glauben. Also bleibt uns nur, daß wir einander unseres guten Willens versichern und uns selbst unseres kindlich vertrauenden Glaubens, auf daß wir leben können.

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19.1.2006:   Leder

Ich liebe Leder!
    Ich liebe seinen Geruch, und ich liebe es, mit den Fingern über einen Bucheinband, eine Dokumentenmappe, eine Aktentasche, ein Schreibgeräteetui oder irgendeinen anderen Kanzleiartikel aus weichem Leder zu streicheln und elegante Lederschuhe auf Hochglanz zu polieren. Ich mag konservative Lederjacken, -mäntel, -mützen und -handschuhe, jedoch für Lederhosen - gleich ob kurz oder lang - kann ich mich nicht begeistern, und für Lederhemden oder gar Ganzkörperanzüge aus Leder erst recht nicht.
    Leder gibt mir ein Gefühl von Kostbarkeit, Erlesenheit und Dauerhaftigkeit, und ich fühle mich dem Tier verbunden, von dem es stammt.
    Ich liebe Leder.

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5.3.2006:   Kritik
Wie geht ihr mit Kritik um? Leicht, genervt, beleidigt...?

Das kommt ganz darauf an, wie Kritik geäußert wird!
    Ich kann eine Kritik gut und dankbar annehmen, wenn sie berechtigt und gut begründet ist, wenn sie auf einer differenzierten Sichtweise beruht, die nicht nur das Kritikwürdige wahrnimmt, sondern auch das Anerkennenswerte, wenn sie konstruktiv und hilfreich ist, wenn sie gegen mein Tun und Verhalten gerichtet ist, nicht aber gegen meine Person, und vor allem - wenn sie liebevoll, verständnisvoll und einfühlsam formuliert ist.
Auf diese Art kritisiere ich, wenn ich kritisieren muß.
    Ich mag eine Kritik überhaupt nicht leiden und fühle mich durch sie verletzt, wenn sie nur Kritik um des Kritisierens willen ist, wenn sie auf einer einseitigen Sichtweise beruht, die nicht differenzieren, sondern nur anklagen kann, wenn sie mir nicht wirklich hilft, wenn sie nicht nur mein Handeln und Verhalten in Frage stellt, sondern auch mich selbst, und vor allem - wenn sie unfreundlich, lieblos oder gar selbstgerecht und überheblich ausgedrückt wird.
So kritisiere ich niemals, wenn ich kritisieren muß.
    Kritk, sagte einmal Hermann Kant sehr treffend, muß wie ein Mantel sein, den man dem anderen so hinhält, daß er gut hineinschlüpfen und sich darin liebevoll umhüllt fühlen kann.

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19.3.2006:   Herzöffner

Was von Herzen kommt und zu Herzen gehen soll, bedient sich, um seine Wirkung zu entfalten, eines Herzöffners. Es gibt sehr verschiedenartige Herzöffner: ein ehrliches, gewinnendes Lächeln oder ein herzhaftes gutmütiges Lachen, ein tiefer liebevoller Blick, eine zarte Berührung, eine bedeutungsreiche Geste, ein symbolisches Geschenk und auch mit innerer Bewegung gesprochene oder geschriebene Worte. In welcher Form aber Herzöffner auch immer vorkommen, stets vermitteln sie eine dieser Botschaften:
    Ich mag dich vorbehaltlos. Du kannst Vertrauen zu mir haben und dich fallenlassen. Ich höre aufmerksam auf jedes deiner Worte. Du darfst bei mir so sein, wie du bist, und mußt dich nicht verstellen. Ich will dich nicht verurteilen, sondern verstehen. Du sollst dich in meiner Nähe wohlfühlen. Ich öffne dir mein Herz, damit unser beider Seelen einander erkennen und berühren können.
    Allerdings kann ein Herzöffner nur dann seinen Zweck wirklich erfüllen, wenn ein Herz sich auch öffnen lassen will.

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2.6.2006:   Vorschriften

Vorschriften sind in vielen Lebenssituationen wichtig und notwendig, sie erleichtern Entscheidungen und helfen Fehler zu vermeiden, sie sorgen für Klarheit und Ordnung. Ohne Vorschriften ist keine Gemeinschaft möglich.
    Es gibt aber auch Lebenslagen, in denen ziviler Ungehorsam geboten ist und statt der Erfüllung einer Pflicht die Beachtung der Besonderheit des Einzelfalls. Der sogenannte "Dienst nach Vorschrift", der sich geistlos nur nach dem Buchstaben richtet, verursacht mehr Chaos als Ordnung. Manchmal muß man den Mut haben, eine Vorschrift zu verletzen und das zu tun, was die Vernunft oder das Herz verlangen. Wenn man aus falschem Gehorsam und aus Gedankenlosigkeit eine Vorschrift nur dem Buchstaben nach erfüllt, wird man zum seelenlosen Automaten oder zum unmenschlichen Bürokraten und kann an Menschen schuldig werden.

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8.8.2006:   Urlaubskrise

Der Urlaub ist für viele Paare die am meisten herbeigesehnte Zeit des Jahres. Sie schmieden gemeinsam Pläne und malen sich schon lange vorher aus, wie schön und harmonisch alles werden wird. Doch allzu oft, das besagen die Statistiken, kommt es gerade im Urlaub besonders häufig zu Streitereien und Zerwürfnissen. Warum eigentlich?
   Im Urlaub - ebenso wie an den arbeitsfreien Tagen um Feiertage herum - sind Paare für eine längere Zeit Tag und Nacht beisammen, was im normalen Arbeitsalltag selten der Fall ist. Dabei treten oftmals Probleme zutage, die sonst weitgehend in den Hintergrund gedrängt werden und daher auch nicht so deutlich spürbar sind:

1. Die Partner haben es verlernt, miteinander zu reden.
Sie haben sich so sehr voneinander entfernt, daß sie kaum noch über gemeinsamen Gesprächsstoff verfügen, oder daß es immer schwieriger wird, Themen zu finden, die nicht mittelbar oder unmittelbar zum Gezänk führen.

2. Die Partner haben es verlernt, miteinander zu schweigen.
Sie können nicht mehr die Nähe des andern still genießen und in wortloser seelischer, geistiger und körperlicher Berührung glücklich zu sein.

3. Die Partner verstehen einander nicht mehr.
Sie sind nicht mehr fähig oder willens, sich in die Empfindungen und Sehnsüchte, Gedanken und Träume des anderen einzufühlen und sie mit der Toleranz der Liebe achtungsvoll zu respektieren.

4. Die Partner sind zu sehr auf sich selbst bezogen.
Sie können oder wollen ihre Mißstimmungen nicht beherrschen, sondern lassen sie den Partner schmerzhaft spüren, anstatt sich verständnissuchend an ihn anzulehnen und - falls nötig - liebevoll, ruhig und vorwurfsfrei mit ihm über ihre Gefühle zu sprechen; sie überbetonen Kleinigkeiten, die sie am andern stören und rufen damit dessen Mißbehagen hervor; sie stellen ihre eigenen Belastungen und Ärgernisse, Bedürfnisse und Wünsche über die seelische Befindlichkeit des Partners, nach der sie nicht fragen.

5. Die Partner haben unvereinbare Urlaubsvorstellungen.

Sie beherrschen keine Technik der Konfliktlösung und wissen nicht, wie man zu Kompromissen findet, durch die einer dem andern ein Stück entgegengeht und doch jeder auf seine Kosten kommt, und sie haben es womöglich auch verlernt, sich für die Vorlieben des anderen bereitwillig zu öffnen und interessiert daran Anteil zu nehmen.

6. Die Partner meinen, daß man im Urlaub immer zusammen sein muß.
Sie wissen nicht, wie heilsam es sein kann, sich hin und wieder auch einmal einen Tag voneinander Urlaub zu nehmen, so daß bei unterschiedlichen Interessen jeder das tun kann, was er gern möchte.
  
(Es kann übrigens manchmal sogar empfehlenswert sein, überhaupt getrennt Urlaub zu machen, ohne daß man dies immer gleich als Zeichen für eine gestörte Partnerschaft deuten müßte. Fortwährende räumliche Nähe kann selbst für liebende Paare mitunter ebenso eine emotionale Belastung bedeuten wie zu lang andauernde räumliche Ferne.)

Zu diesen Problemen kommt erschwerend noch hinzu,
- daß viele Menschen meinen, zehn bis vierzehn Tage müßten grundsätzlich ausreichen für einen Jahresurlaub, anstatt sich wenigstens so viel Zeit zu nehmen, bis der Erholungseffekt spürbar eingetreten ist;
- daß viele Menschen den Urlaub zu hektisch beginnen, anstatt sich ein paar Tage des langsamen Umschaltens am Heimatort und dann des allmählichen ruhigen Akklimatisierens am Urlaubsort zu gönnen;
- daß viele Menschen den Urlaub mit zu hohen Erwartungen und mit zahlreichen anstrengenden Vorhaben überfrachten, anstatt der Ruhe und Erholung den wichtigsten Platz einzuräumen;
- daß viele Menschen sich selbst den Urlaub zum Streß machen, weil sie nichts versäumen möchten, um nach ihrer Rückkehr möglichst viel erzählen, möglichst viele Fotos herumzeigen und möglichst viele Reiseandenken mitbringen zu können;
- daß viele Menschen irrtümlich annehmen, Urlaub müsse immer mit den Strapazen einer langen Hin- und Rückreise verbunden sein, anstatt die Erfahrung zu machen, daß man auch in der näheren Umgebung oder sogar zu Hause erlebnisreich und erholsam urlauben kann;
- daß viele Menschen ihre Alltags- und Beziehungsprobleme mit in den Urlaub hineintragen, anstatt sie für diese Zeit konsequent ruhen zu lassen.
   (Das ist im Gegensatz zur allgemein vorherrschenden Ansicht nämlich nicht nur möglich, sondern auch wünschenswert
als eine sehr sinnvolle und nützliche Übung in Selbstdiziplin, Rücksichtnahme und Psychohygiene. Bei diesem vorübergehenden Ruhenlassen von Partnerschafts-, Familien-, Berufs- und anderen Problemen handelt es sich nicht etwa um Verdrängung und Selbstbetrug, wie irrtümlich meist angenommen wird, sondern lediglich um ein auf eine bestimmte Zeit begrenztes Abschalten von bestimmten Gedanken und Gefühlen. Nach der Rückkehr aus dem Urlaub werden diese ja dann wieder aufgenommen und weiter bearbeitet.)

Eins scheint mir festzustehen: Die Urlaubskrise macht meist nur das sichtbar, was ohnehin schon - mehr oder weniger - verdeckt vorhanden war: eine labile Partnerschaft, in der die Liebe im Schwinden begriffen ist. Eine stabile und harmonische Partnerschaft auf der Grundlage der Liebe kennt keine Urlaubskrise.
   Bei mir gibt es keinen Streit im Urlaub. Erstens, weil ich keinen anfange, und zweitens, weil zum Streiten immer zwei gehören und ich - zumindest im Urlaub - mich verweigere mitzustreiten. Außerdem gibt es bei mir die oben aufgeführten Probleme nicht und nicht die danach erwähnten erschwerenden Umstände.

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19.10.2006:    Rauchverbot

Nun steht es fest: Die Spitzenpolitiker von Union und SPD werden einem generellen Rauchverbot in allen Gaststätten, wie es in Irland und Italien jetzt erfolgreiche Praxis ist, falls es im Deutschen Bundestag eingebracht werden sollte, nicht zustimmen. Die Tabaklobby hat gesiegt.

Dabei verbietet sich doch überall, wo außer Nikotinabhängigen auch Menschen verkehren, denen Tabakqualm ein Greuel ist, das Rauchen eigentlich von selbst. Das ist nicht nur eine Frage der Höflichkeit, sondern auch der Rücksichtnahme. Der Zwang zum Passivrauchen ist nach allem, was wir wissen, dem Tatbestand der Körperverletzung gleichzuachten! Deshalb sollte meines Erachtens in allen öffentlichen Räumen das Rauchen strikt untersagt sein. Auch sogenannte "Raucherinseln" und "Raucherecken" oder in Eisenbahnwagen "Raucherabteile" dürften keine Exístenzberechtigung haben, denn auch dort müssen oft genug Nichtraucher vorbei- oder hindurchgehen, und der Luftaustausch beim Türöffnen sorgt außerdem noch für eine leichte Verbreitung der Schadstoffe.

Wer unbedingt seine eigene Gesundheit zerstören will, kann daran leider nicht gehindert werden. Aber er kann sehr wohl durch Gesetz dazu gezwungen werden, in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln die Verpestung der Luft zu unterlassen und dem scheinbar unvermeidlichen Laster des Rauchens im Freien zu frönen oder an Örtlichkeiten, wo Nichtraucher keinen Zugang haben.

Gewiß, wenn alle Menschen auch ohne Strafandrohung verantwortungsvoll handeln würden, brauchten wir keine Gesetze. Aber wir leben nicht in Utopia. Also wird so lange in Gaststätten geraucht werden, wie es nicht verboten ist und für den Verstoß gegen das Verbot eine Geldbuße verlangt wird. Erst wenn für jede (!) in öffentlichen Räumen angezündete Zigarette eine Strafzahlung in Höhe von 100 Euro gefordert wird, kann dem gefährlichen Treiben ein Ende gemacht werden.

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13.12.2006:   Silvester

Ich mag einen stillen und nachdenklichen Altjahrsabend. Noch nie habe ich einen Jahreswechsel in Verbindung bringen können mit karnevalsähnlicher Ausgelassenheit, viel Alkohol, lauter Musik und grölenden Menschen. In meiner frühen Jugend träumte ich von einer späteren Zeit, in der ich als Familienvater zu Hause gemeinsam mit Frau und Kind zuerst auf Beethovens IX. Sinfonie lauschen, dann eine Ansprache halten und ein gemeinsames festliches Mahl halten würde. Bis Mitternacht, so stellte ich mir vor, wollte ich dann abwechselnd gedankentiefe Texte aus der Bibel und aus anderen Werken der Weltliteratur vorlesen und Hausmusik machen (wobei ich stillschweigend davon ausging, daß Frau und Kinder Instrumente spielen könnten). Um null Uhr würden wir dann alle vors Haus gehen und zu den Sternen schauen, wobei jeder schweigend einen Wunsch zum Himmel schickt. Schließlich sollte in der Wohnung bei einem Glas Wein bzw. Limonade auf das neue Jahr angestoßen und hernach flugs in die Betten gegangen werden. - Es ist freilich nie ganz so gekommen...

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1.5.2007:   Nackt sein

Nackt sein ist der natürliche Zustand aller Lebewesen, den Menschen eingeschlossen. Für die im Bewußtsein vieler tief verankerte Gedankenverbindung von Nacktheit und Schamgefühl kann ich deshalb keinen vernünftigen Grund finden. Auch aus diesem Grunde war ich schon immer ein leidenschaftlicher Anhänger der Freikörperkultur. Die Meinung mancher Leute, nur sehr wohlgeformte Körper dürften sich öffentlich zeigen, halte ich für völlig abwegig und diskriminierend. Immerhin gilt diese Einschränkung ja auch nicht für Gesichter - Gott sei Dank! Ebenso widersinnig finde ich das Argument, man dürfe mit dem Anblick seines unbekleideten Körpers am Strand oder auf Waldwegen niemanden belästigen. Schließlich ist ja niemand zum Hinschauen gezwungen, wenn er sich denn schon von so viel Natürlichkeit belästigt fühlt. Auch normal erzogene Kinder dürften vor einer nackten Person, die friedlich ihren Waldlauf macht, kaum erschrecken, denn wo sollte sie ein Messer oder ein anderes Mordwerkzeug verbergen, mit dem sie jemandem gefährlich werden könnte? Normal erzogene Kinder wissen außerdem, daß nackte Männer oder Frauen in der Regel weder geisteskrank noch gefährlich sind. Wie unglaublich absurd man in unserer angeblich so freien Gesellschaft mit Nacktläufern umgeht, zeigt beispielsweise der jahrelange überwiegend fruchtlose Kampf des Psychotherapeuten Dr. Peter Niehenke, den "Nacktjogger von Freiburg", gegen verklemmte Zeitgenossen und engstirnige Behörden (siehe dazu unter anderem http://www.waldfkk.de).

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25.8.2007:   Reise nach Jerusalem

Dieser Begriff weckt keine angenehmen Assoziation in mir. Sogenannte "Gesellschaftsspiele" sind mir seit den frühen Schuljahren ein Graus. Da sich mein Ehrgeiz, unbedingt einen freien Stuhl erhaschen zu müssen, ebenso in Grenzen hielt wie meine Reaktionsschnelligkeit, war ich immer ganz schnell wieder draußen und schüttelte dann über die anderen Mitspieler den Kopf, die sich mit heller Begeisterung für etwas engagierten, das in meinen Augen solchen Einsatz nicht verdiente. Mir wollte sich der Sinn der Sache einfach nicht erschließen! Überhaupt verstehe ich jene nicht, die in Gewinnspielen unbedingt Sieger sein wollen und sogar mißlaunig werden, wenn sie verlieren. Der Ehrgeiz, im Spiel gewinnen zu müssen, geht mir ganz und gar ab. Am lästigsten finde ich Spiele, in denen man sich auf irgendeine Weise vor den anderen zum Affen machen muß - wie etwa beim Pfänderauslösen. Nein, an solcher Art Unterhaltung kann ich wahrlich kein Vergnügen finden.

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3.10.2007:   Feiertag

Der heutige Feiertag ist der "deutschen Einheit" gewidmet.
Ich kann keine "deutsche Einheit" erkennen!

Es gibt zwar keine sichtbare Grenze mehr zwischen den ehemaligen beiden deutschen Staaten, aber es gibt eine nicht minder deutlich spürbare unsichtbare Grenze zwischen zwei Territorien mit unterschiedlichen Löhnen für gleiche Arbeit, unterschiedlichen Arbeitlosengeld-Sätzen, unterschiedlichen persönlichen Biographien und Lebenserfahrungen, unterschiedlichen Geschichtsbildern, unterschiedlichen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit und vielen anderen bedeutsamen Unterschieden im alltäglichen Lebensvollzug.

Es gab zwar einen politischen Akt der Bildung eines einheitlichen Staates, aber es gab keine Vereinigung, sondern einen "Beitritt", das heißt: der eine beiden vorherigen Staaten wurde größer, der andere hörte auf zu existieren. Der eine stülpte seine Ordnungen und Regeln dem anderen über, für die Bürger des einen anderte sich (bis auf Sandmännchen, Postleitzahlen und Rechtspfeil) nichts, die anderen wurden über Nacht zu Fremden im eigenen Land.

Wenn es keine Vereinigung gab und bis heute nicht gibt - was also sollte ich feiern?

Was hat mir der 3. Oktober 1990 gebracht?

Etwa die Freiheit? Was für eine Freiheit?
Die Freiheit von sozialer Sicherheit, ja.

Die Freiheit von der Diktatur, wie man immer wieder hört?
Ich habe mich nicht wie in einer Diktatur gefühlt, sondern ich habe in einem Staat gelebt, in welchem ich eine unbeschwerte Kindheit verleben durfte, eine Jugend, in der mir alle Entwicklungsmöglichkeiten offenstanden, ein Studium und ein Berufsleben, das mir eine allseitige Bildung und harmonische Persönlichkeitsformung ermöglichte.

Die Meinungsfreiheit?
Die hatte ich in der DDR auch, und durch sie konnte ich - zusammen mit anderen - hin und wieder auch Einfluß nehmen auf die gesellschaftliche Entwicklung. Darüber, ob ich jetzt unbeschränkte Meinungsfreiheit habe, bin ich mir sehr im Zweifel. Und im übrigen: Was nützt mir eine Meinungsfreiheit, mit der ich meinem Herzen wohl Luft machen - aber nichts verändern kann?

Die Freiheit von geheimdienstlicher Ausforschung?
Die habe ich auch jetzt nicht.

Die Reisefreiheit?
Was nützt sie mir, wenn das Geld zum Reisen fehlt?

Oder hat der Anschluß der DDR an die BRD mir die Demokratie gebracht?
Gewiß nicht! Nach meinem Verständnis ist Demokratie die Herrschaft des Volkes und nicht die Herrschaft des Kapitals über das Volk. In der BRD lassen die Konzerne und Banken mit Hilfe von zwei Dritteln der "Volksvertreter" die Dinge zum Gesetz werden, die zwei Drittel der Bevölkerung strikt ablehnen. Das kann ich wahrlich nicht Demokratie nennen.

Hat mir 3. Oktober 1990 also gar nichts gebracht, für das ich dankbar sein kann?

Doch, er hat mir die Möglichkeit gebracht, einem für mich sehr wichtigen Menschen aus Göttingen begegnen zu können. Das wäre vorher ausgeschlossen gewesen. Also bin ich dafür sehr dankbar.

Er hat mir die Möglichkeit gegeben, sofort nach Beginn meiner finalen Niereninsuffizienz einen Dialyseplatz in Anspruch nehmen zu können. In der DDR gab es davon zu wenig, und ich hätte unter Umständen lange darauf warten müssen, bis einer frei geworden wäre. Vielleicht hätte ich diese Wartezeit nicht überlebt. Daß ich noch leben darf - und mit einer neuen Niere sogar sehr gut -, auch dafür bin ich sehr dankbar.

Aber der 3. Oktober 1990 hat mir auch die Möglichkeit gebracht, das in Schule und Studium über den Kapitalismus theoretisch Gelernte praktisch bestätigt zu finden und das kapitalistische System (das "Krebsgeschwür der Menschheit", wie der bekannte niedersächsische Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann es nennt) am eigenen Leibe zu erfahren. Das hat meine politische Überzeugung mehr gefestigt als tausend kluge Bücher. Auch für diese Schule bin ich dankbar – obwohl ich andererseits lieber auf sie verzichtet hätte.

In meiner Vorstellung bis 1989 konnte es nur einen vereinigten deutschen Staat geben, in welchem eine Politik des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit gemacht würde - also ein sozialistischer Staat. Das allerdings war für mich eine sehr ferne Zukunftsvision, die ich ganz gewiß nicht erleben würde. Obwohl es anders gekommen ist, hätte ich es mir doch noch ganz anders gewünscht - nämlich als ein sehr langsames Zusammenwachsen und eine gerechte Angleichung aneinander durch die gegenseitige Übernahme dessen, was in der jeweils anderen Gesellschaft besser geregelt war als in der eigenen.

Aber wollten die DDR-Bürger nicht selber eine schnelle "Vereinigung"? "Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr!"? Nun, ich denke, man darf die Hunderttausende Montagsdemonstranten und die "Wir-sind-EIN-Volk"-Schreier nicht verwechseln mit den Millionen anderer, die aus Überzeugung zu Hause geblieben sind. Das gibt ein falsches Bild.

Was hätte ich mir gewünscht?

Ich hätte mir den Austritt beider deutscher Staaten aus den jeweiligen Militärbündnissen gewünscht und die Entstehung eines friedlichen neutralen Deutschland (ähnlich der Schweiz), das nicht Soldaten in alle Welt schickt und seinen Luftraum den Kriegsverbrechern im Weißen Haus nicht zur Verfügung stellt. Das wäre meines Erachtens auch eine notwendige Lehre aus der verhängnisvollen deutschen Geschichte des XX. Jahrhunderts gewesen: "Nie wieder Krieg!"

Ich hätte mir eine ganz neue gemeinsame Verfassung gewünscht und einen dicken Schlußstrich unter die Vergangenheit.

Ich hätte mir gewünscht, daß die Deutschen in Ost und West einander ihre Lebensgeschichten erzählten und sich gegenseitig in ihrem jeweils unterschiedlichen So-Sein verstehen, achten und schätzen gelernt hätten.

Ich hätte mir gewünscht, daß es keine Siegerjustiz hätte geben dürfen, nach der ehemalige DDR-Bürger für Handlungen bestrafen werden, die zur Zeit ihrer Ausübung nicht nur nicht verboten, sondern sogar geltendes Recht waren.

Ich hätte mir gewünscht, daß man auf eine neue gesellschaftliche Situation nicht mit alten, unbrauchbaren Rezepten reagiert hätte, sondern mit ganz neuen Methoden: Gleiches Recht und gleiche Lebensbedingungen für alle, Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit durch Halbierung der Arbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn statt schwindelerregender Vergrößerung des Profits der internationalen Riesenkonzerne und Banken, direkte Demokratie statt Parteiengezänk und Herabwürdigung der Bürger zum bloßen Stimmvieh.

Das alles ist nicht geschehen und wird auch so lange nicht geschehen, bis ein selbstbewußteres Volk das alles von den Regierenden ertrotzt. Davon aber sind wir vermutlich noch sehr weit entfernt.

So gesehen, ist für mich heute ein willkommener freier Tag - aber kein Feiertag.

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7.11.2007:   Küche

In meiner Kindheit war die Küche der Raum, wo sich das nahezu gesamte Alltagsleben unserer dreiköpfigen Familie Familie abspielte, denn die "gute Stube" (wie das Wohnzimmer hieß) wurde nur an Sonnen und Feiertagen genutzt und wenn Besuch da war. Obgleich die Küche sehr klein war, wurde darin nicht nur gekocht und gegessen, sondern auch die "kleine" Wäsche (im "Waschasch") gewaschen (das war ein großer zweihenkliger Eisentopf, der sich über alle vier Flammen des Gasherds erstreckte) und (auf die von einer Wand zur anderen gezogene Leine) aufgehängt (für die "große" Wäsche freilich mietete meine Mutter immer für einen ganzen Tag im Monat das Waschhaus im Hof). Es wurde in der Küche gebügelt, jeden Freitag nacheinander gebadet (in der Wanne aus der Bodenkammer), es wurde von meinem Vater die Schuhe der Familie besohlt und Behördenbriefe in die "Orga Privat" (Großvaters alte Schreibmaschine) gehackt, und es wurden Karten gespielt und mit Bauklötzchen Häuser errichtet auf dem Küchentisch. An kalten Tagen machte ich an diesem Tisch meine Hausaufgaben, malte und schrieb ich oder verfolgte gebannt Kinderhörspiele, denn das Kinderzimmer war (ebenso wie das Schlafzimmer der Eltern) nicht beheizbar. In der Küche dagegen war es auch an bitterkalten Tagen gemütlich warm, denn das Feuer im dem kleinen Kohleherd ("Huntofen" genannt), mußte den ganzen Tag brennen, damit (im sogenannten "Neeselbotten", einem kleinen wassergefüllten Ofenschacht) stets heißes Wasser verfügbar war. Einen Tauchsieder oder andere elektrische Küchengeräte hatten wir nicht. Darauf legte meine Mutter keinen Wert, sie meinte, ihre Mutter sei schließlich auch ohne diesen "neumodischen Plunder" ausgekommen. Dafür gab es unter anderem eine handbetriebene Kaffeemühle für den sonntäglichen "Bohnenkaffee", ein (gleichfalls mit der Hand zu betreibendes) Rührgerät und zum Warmhalten des Essens eine Kochkiste, die oft verwendet wurde, wenn ich später als zur Essenszeit aus der Schule kam. Da wir auch keinen Eisschrank besaßen und natürlich noch keinen Kühlschrank kannten, kamen die Essensvorräte in den immerkalten Felsenkeller, auf dem unser 1790 erbautes Haus stand. Dank dem Herd fiel in unserem Haushalt auch kein Müll an, denn der kam außer den Bioabfällen, die vom Bauern und später von der LPG regelmäßig abgeholt wurden, ausnahms- und unterschiedslos in den Kohlenkasten und wurde einschließlich aller Kunststoffprodukte verbrannt (von denen es damals allerdings noch weit weniger gab als heutzutage). Die beim Müllverbrennen entstehenden mitunter sehr hohen Temperaturen sorgten dafür, daß keine Rückstände blieben. Im späteren Verlauf meines Lebens schätzte ich schließlich sehr, daß es dann auch noch andere Räume zum Wohnen, Arbeiten und Ruhen gab als immer nur eine kleine Küche...

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5.12.2007:   Bettler

Es ist ein Skandal, daß es Menschen gibt, die nicht das Nötigste zum Leben haben. Die Liebe gebietet, sie aus dieser Situation herauszuholen. Das kann freilich nur geschehen, indem der Staat zur Erfüllung seiner Fürsorgepflicht gezwungen wird, diesen Personen ein regelmäßiges Einkommen in menschenwürdiger Höhe zu sichern - Arbeitsfähigen durch Arbeit, den anderen in Form einer steuerfinanzierten Rente. So wäre niemand auf Almosen von Hilfsorganisationen oder einzelnen hochherzigen Menschen abhängig. Jeder Mensch hat ein natürliches Recht auf genügend Geld zum Leben! Betteln ist würdelos. Ich würde schlimmstenfalls eher verhungern, als daß ich den letzten Rest meines Stolzes aufgäbe und Straßenpassanten um Geld bäte. Ich bin überhaupt der Meinung, daß es einem Bettler nicht hülfe, würfe man ihm ein paar Münzen oder gar eine größere Banknote zu, denn damit wäre sein Elend ja nicht beseitigt. Es gliche einem Tropfen auf einem heißen Stein, und tags ginge das Betteln weiter. Erst recht brächte die barmherzige Zuwendung keinerlei Nutzen, falls sie in Alkohol umgesetzt würde. Daher wäre es wohl besser, dem bedauernswerten Menschen eine Einladung zu einer politischen Protestaktion zu geben, das ihm zugedachte Geld aber lieber einer Bewegung zu spenden, die für eine bessere Gesellschaft kämpft.

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3.1.2008:   Zeitmesser

Ich bin ein großer Kalenderfreund. Als meine Terminkalender habe ich überall bei mir den "Palm"-Taschencomputer und "Action 365"-Taschenkalender mit den täglichen Bibelversinspirationen und dem großen Anhang mit spirituellen Texten für alle Situationen. Einen weiteren Terminkalender führe ich im Internet, dieser ist zugleich im Netzwerk auch von der Liebsten mit nutzbar. Als Abreißkalender verwende ich den üblichen mittelgroßen Tagesblock von Herlitz, den katholischen Tagesblock "Mit Gottes Wort von Tag zu Tag" und den berühmten evangelischen "Neukirchener Kalender" mit den täglichen Andachtstexten. An meinem häuslichen Arbeitsplatz erfreuen meinen nachdenklichen Blick gelegentlich ein Monats-Fotokalender mit Bildern von der Enkelin und kleinformatiger Bild-Monatskalender. Andere großformatige Monats-Fotokunstkalender hängen in allen Räumen als Wandschmuck. Die Küche zieren ein Jahreskalender mit Küchenkräuter-Bildern und ein Geburtstagskalender. Unterwegs führe ich noch mehrere Jahresübersichten im Scheckkartenformat mit mir. Wenn ich Bücher verschenke, lege ich ein Lesezeichen vom Kalender-Lesezeichenblock hinein. Seit meine Standard-Armbanduhr einen internen Kalender hat, benutze ich keinen Uhrenarmbandkalender mehr. Seit vielen Jahren begleiten mich noch durch das Jahr die Herrnhuter "Losungen" und ein Kultur-Jahrbuch mit Gemälden, Gedichten, Sprüchen, Anekdoten, Biographien und anderen kleinen Kostbarkeiten sowie gelegentlich auch irgendein informativ-unterhaltsames Jahrbuch.
    Zeitmesser wie Kalender und Uhren faszinieren mich deshalb so sehr, weil sie mich als Zeugen der verfließenden Zeit immer wieder an die Einzigartigkeit und Unwiederholbarkeit des Augenblicks erinnern und damit an den alten Spruch: "CARPE DIEM" - "Nutze den Tag!" und an das weise Wort im 90. Psalm: "Herr, lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden."
    Ich liebe die Zeitmesser, weil sie meinem Leben Struktur geben und mir seine Kontinuität vor Augen führen, weil sie meiner Planungsleidenschaft einen Raum zum Ausleben schaffen.
    Ich liebe Kalenders, weil sie mir erlauben, einen Blick in Vergangenheit und Zukunft zu wagen, und weil sie mir das Gefühl vermitteln, im endlosen und unergründlichen Ozean der Zeit an sicherem Ort geborgen zu sein.
    Ich liebe Uhren, weil ich an ihnen das unaufhörliche Fließen der Zeit gleichsam miterleben, ja gleichsam mitzählen und sie als Strecke wahrehmen kann, die exakt berechenbar ist.
    Ich liebe meine Zeitmesser, weil sie wahrhaft treu sind als meine Begleiter durch das Jahr, und weil ich sie nach Herzenslust betrachten, bewundern, mit Augen und Händen gleichsam streicheln kann.

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22.01.2008:   Streitkultur

Streiten ist dann unumgänglich, wenn es verschiedene, ja gegensätzliche Auffassungen in einer WICHTIGEN Frage gibt, über die man sich einigen muß. (Über unwichtige Meinungsverschiedenheiten streitet man sich nicht, die nimmt man einfach nur zur Kenntnis). Es kommt allerdings sehr darauf an, WIE man streitet. Bei einem guten Streit sind Regeln zu beachten. Hier sind ein paar davon:

1. Beginne nie einen Streit mit der Vorstellung, du habest zweifellos recht, und dein Gesprächspartner sei unbedingt im Irrtum!
(Es kann nämlich auch umgekehrt sein, selbst wenn du es nicht für möglich hältst.)

2. Höre deinem Gesprächspartner aufmerksam zu und bemühe dich dabei aufrichtig, seinen Standpunkt und seine Argumente zu VERSTEHEN – auch wenn du ganz anderer Meinung bist!
(Ein Streit kann nur erfolgreich sein, wenn jeder die Dinge mit den Augen des andern zu sehen vermag.)

3. Unterscheide sauber den STANDPUNKT von der PERSON!
(Den Standpunkt magst du gegebenenfalls ablehnen oder gar verurteilen, die Person aber, die ihn vertritt, verdient deine uneingeschränkte Akzeptanz und Achtung als dein Bruder bzw. deine Schwester.)

4. Bleibe stets sachlich und reize deinen Kontrahenten nicht zu empörten, wütenden Reaktionen!
(Wer seinen Gegner beleidigt, erklärt sich damit zum moralischen Verlierer des Streits.)

5. Bleibe konsequent beim Gegenstand des Streits und rede nicht von Dingen, die in der Vergangenheit liegen!
(Ein richtiger Streit hat stets ein begrenztes Thema und ist keine willkommene Gelegenheit zum Hervorkramen alter Begebenheiten.)

6. Drücke Kritik an deinem Gegenüber so aus, daß sie nicht als herzloser Vorwurf empfunden werden kann!
(Du hast keinen Grund zur Selbstgerechtigkeit, denn an dir ist nicht weniger Kritikwürdiges als an deinem Gesprächspartner.)

7. Gib es freiwillig zu, wenn du erkennst, daß du dich geirrt oder falsch verhalten hast!
(Wer eigene Fehler nicht zugeben kann, erweist sich als ungeeigneter Gesprächspartner.)

8. Bedenke, daß es ganz selten nur EINE Wahrheit gibt!
(Meistens gibt es nämlich so viele Wahrheiten, wie ernsthaft nachdenkende Menschen sich streiten)

9. Schrei nicht beim Streiten!
(Wer in Zorn gerät, gerät in Unrecht, sagt eine japanische Volksweisheit.)

10. Trage deinen Anteil dazu bei, daß es nach dem Ende des Streits keinen Verlierer gibt, sondern zwei Gewinner!
(Nur wenn beide Partner zufrieden sind, ist der Konflikt wirklich gelöst, andernfalls schwelt er weiter und bricht bald wieder auf.)

Diese (und noch weitere) Spielregeln müssen natürlich BEIDE Seiten kennen und einhalten. Wenn ich danach handle (und das tue ich grundsätzlich), dann kann trotzdem ein häßlicher Streit entstehen, wenn der Gesprächspartner nicht mitspielt.

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25.02.2008: Nachgeben

Nachgeben ist Ausdruck von Charakterschwäche, wenn jemand nicht den Mut oder die Kraft hat, seine als richtig erkannte Meinung oder seinen Willen auch gegen Widerstände so lange zu verteidigen, wie es notwendig, sinnvoll und verantwortbar ist.

Nachgeben ist Ausdruck von Charakterstärke, wenn jemand aus Einsicht oder aus Gründen der Vernunft den Mut und die Kraft aufbringt, seine als falsch erkannte Meinung zu ändern oder sich einem anderen, vielleicht besseren Willen zu beugen. Auch denke man in diesem Zusammenhang an die beiden Ziegen.

Die Weisheit und das Verantwortungsbewußtsein eines Menschen zeigen sich darin, daß er weiß, wann es gilt, beharrlich zu bleiben, und wann es klüger ist nachzugeben. Beides offenbart seinen Charakter.

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23.11.08: Trinkgeld

Ich war schon immer ein Gegner der Trinkgeld-Unsitte, und zwar aus drei Gründen:

1. Für mich hat die herablassende "Behalten-Sie-den Rest"-Geste etwas von Gutsherrenart an sich, nach der einem Lakaien das Wechselgeld großzügig geschenkt wird. Es gibt Länder, in denen ein Kellner das sogar als Beleidigung empfindet. Mit Recht, wie ich meine.

2. Jeder Werktätige erhält für seine Arbeit einen Lohn bzw. ein Gehalt. Er sollte also auf "Trinkgeld" nicht angewiesen sein. Ist sein Arbeitseinkommen zu gering, dann sollte er sich an seinen Arbeitnehmer wenden (nein, das ist keine Wortverwechslung, denn der Arbeitnehmer ist der, der die Arbeit eines abhängig Beschäftigten in Anspruch nimmt!). Derjenige jedoch, der eine Dienstleistung in Anspruch nimmt, kann nicht moralisch verpflichtet sein, Hungerlöhne abzumildern.

3. Außerdem verstehe ich nicht, weshalb man manche Berufe (z.B. Kellner, Friseure, Taxifahrer, Kofferträger, Handwerker) für trinkgeldwürdig hält und andere dienstleistende, in denen kaum weniger gut gearbeitet werden dürfte, nicht. Ich habe noch nie gehört, daß einem Arzt, einem Postzusteller, einem Behörden-Sachbearbeiter, einer Raumpflegerin oder einem Verkehrspolizisten ein Trinkgeld gegeben wird. Ich als Dozent habe auch noch nie von einem Studenten ein Trinkgeld bekommen. Wozu auch? Will man jemandes außergewöhnlich gute Arbeit dankbar anerkennen, so soll man das mit lobenden Worten oder mit einer symbolischen Geste tun anstatt mit Geld. So halte ich es zum Beispiel bei meiner Friseuse, und daher weiß sie - auch wenn sie von mir nie Trinkgeld bekommt - daß ich ihre ausgezeichnete Arbeit und ihre Freundlichkeit sehr wohl hoch zu schätzen weiß.

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18.12.08: Weihnachtsbaum

Bei mir gibt es keinen Weihnachtsbaum in der Wohnung. Was soll er auch dort? Mir gefallen die Fichten und Tannen draußen in der Natur, allenfalls mit Schneebelag geschmückt viel besser. Ein Weihnachtsbaum in der Wohnung hat - wenn überhaupt - seine Bedeutung doch nur dann, wenn er einzig drittehalb Tage lang geschmückt und mit für jeweils kurze Zeiten angezündeten Kerzen zu bewundern ist. Was für ein Widersinn, wenn der Baum wochenlang von früh bis abends mit schiefstehenden kerzenähnlichen Lämpchen düster vor sich hin leuchtet, ohne daß ihn jemand eines Blickes würdigt! Für die kurze Zeit aber, in der er noch einen gewissen Sinn haben könnte. ist es wahrlich schade um den Baum, das Geld und die Mühe.

Was für ein traurig Ding ist doch der angeputzte Weihnachtsbaum im Wohnzimmer! Ein Jugendleben voller Erwartung, drei Abende im Prachtschmuck und dann für den Rest des allzu kurzen Daseins lieblos abgestellt in der einsamen dreckigen Bodenkammer - allein mit den trügerischen Hoffnungen auf neuen Glanz - bis zum Feuertod. Man lese nur Andersens wunderschönes, von bitterer Wahrheit erfüllte und philosophisch tiefschürfende "Märchen vom Tannenbaum". Da ist alles gesagt.

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21.01.09: Wie auf rohen Eiern

Wie auf rohen Eiern bewege ich mich achtsamen, nach unten gerichteten Blickes, mit angespanntem Nacken und drehenden Füßen behutsam Schrittchen vor Schrittchen setzend, langsam voraus, wenn Glatteis ist.

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  06.02.08: Spiegel

Spiegel sind nützliche Instrumente, aber was wir in ihnen sehen, sind nicht die Dinge selbst, sondern nur Abbildungen von ihnen. Unsere Erkenntnis ist nicht die objektive Realität, sondern das, was unsere Spiegelbilder uns zeigen. Was wir sicher zu wissen glauben über alles, was außerhalb von uns ist und über uns selbst, ist nichts anderes als die Spiegelung der Wirklichkeit durch unsere Sinne. Bekanntermaßen ist aber dieser unser "Spiegel" ganz und gar nicht zuverlässig, weswegen wir ihm nicht zu sehr vertrauen sollten. Es wäre sehr vermessen zu behaupten, wir wüßten irgendetwas mit letzter Gewißheit! Morgen schon kann jedes angeblich unwiderlegbar bewiesene Wissen sich als Trugbild erweisen. Das geschieht andauernd und immer wieder. Aussagen also, die wir für wahr und richtig halten, sollten wir nicht "wahr" und "richtig" nennen, sondern mit aller Bescheidenheit und Demut als unzulängliche und oft wohl gar fehlerhafte Spiegelbilder in unserer subjektiven und mithin irrtumsbeladenen Wahrnehmung.

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  28.02.08: Sonntagsarbeit

Es gibt Berufe, in denen sonntags gearbeitet werden muß, und es gibt Berufe, in denen sonntags nicht gearbeitet werden muß. In letzteren sollte man dann folgerichtig auch darauf verzichten, arbeiten zu lassen. Daß man als Krankenschwester Sonntagsdienste hat, weiß jede, die sich dafür entscheidet, Krankenschwester zu werden, und nimmt das also in Kauf. Ebenso weiß aber auch der Verkäufer, daß die Öffnung von Ladengeschäften an Sonn- und anderen Feiertagen nicht erforderlich ist, und also braucht er sich nicht daran hindern zu lassen, die Sonntage gemeinsam mit Frau und Kindern zu feiern. Der Sonntag ist nun mal kein Werktag, und das ist gut so, und deshalb sollte es auch - bis auf die unvermeidlichen Ausnahmen - so bleiben.

An meiner Buchhandlung steht immer in der Adventszeit geschrieben: "Liebe Kunden! Aus religiösen, kulturellen und sozialen Gründen haben wir sonntags grundsätzlich geschlossen - also auch an einkaufsoffenen Sonntagen. Bitte decken Sie sich montags bis samstags mit Ihrer Sonntagslektüre ein." Der erste Satz dieses Schildes sollte das ganze Jahr über an den geschlossenen Türen aller Dienstleistungseinrichtungen hängen, wo Sonntagsarbeit nicht als lebensnotwendig angesehen werden muß.

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04.03.2009: Stimme

Meine Stimme ist mein wichtigstes Arbeitsmittel. Mit ihrer Hilfe kann ich Aufmerksamkeit erregen, Interesse wecken, Eindruck machen, Gefühle erzeugen, Einfluß ausüben. Genetische Anlage einerseits sowie sprecherzieherische Schulung und Stimmausbildung andererseits haben mir einen sehr weiten Stimmumfang gegeben, so daß ich früher im Chor zwar hauptsächlich Baß gesungen habe, zugleich aber auch Tenor- und Contraaltlpartien durchaus beherrschte. Nahezu täglich dient mir meine Stimme zum Halten von freien Vorträgen und das Sprechen von Texten. Wenn ich Reden halte, setze ich mit Vergnügen alle mir zu Gebote stehenden rhetorischen Mittel ein, um durch Variation in Stimmhöhe, Stimmdruck, Klangfärbung, Lautstärke, Sprechtempo und Intonation die gewünschten Wirkungen zu erzielen. Ich habe aber auch viel Freude daran, mit meiner Stimme zu spielen, indem ich - wenn ich mich unbelauscht fühle - mannigfaltige Tier-, Kinder- und sehr wesensverschiedene männliche und weibliche Charakterstimmen kreiere. Meine Stimme ist für mich ein kostbares, unersetzliches Geschenk, für das ich dankbar bin.

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11.03.2009: Warteschlangen

Ich mag Warteschlangen. Sie sind für mich wie Ruheinseln in der Betriebsamkeit des Alltags und bedeuten mir Befreiung vom allgegenwärtigen Zwang zu Aufmerksamkeit und Konzentration. Nichts treibt und drängt mich. In der Schlange kann ich ungehindert meine Gedanken schweifen lassen, Leute beobachten und Studien treiben, meditieren oder lesen - je nach Lust und der Länge der Schlange entsprechend. Wartet ein unliebsamer Termin auf mich, so habe ich ohne schlechtes Gewissen eine akzeptable Entschuldigung für mein Zuspätkommen oder meine telefonische Absage: Die Schlange war zu lang!

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29.03.2009: Verloren - Gefunden

Im Verlieren finden wir, und im Finden verlieren wir. Wir besitzen vieles, aber nichts ist auf Dauer unser Eigentum. Wir kommen mit nichts und gehen mit nichts. Alles, was wir gefunden haben, ist nur geliehen. Also sollten wir dankbar sein für das, was wir haben, und es wertschätzen. Leider aber denken wir an die Kostbarkeit dessen, was uns gegeben ist, meist erst dann, wenn wir es verloren haben.

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02.05.2009: Kassenbuch

Zu meinem zehnten Geburtstag bekam ich erstmals Taschengeld - fünf Mark pro Monat. Dazu schenkte meine Mutter mir ein Büchlein, in das ich fein säuberlich und exakt jeden Pfennig an Ausgaben und Einnahmen eintragen sollte, und stets am Monatsersten, wenn es neues Taschengeld gab, überprüfte die Mutter meine Buchführung. So erzog sie mich früh zum gewissenhaften Umgang mit Geld. Seitdem habe ich ununterbrochen Kassenbücher geführt. Vor sieben Jahren allerdings habe ich angefangen, es mit Hilfe eines Rechnerprogramms zu tun. Das geht viel komfortabler. Ich hätte mir mein Leben nie ohne Kassenbuch vorstellen können! Wie sollte ich sonst wissen, wofür ich wieviel Geld ausgegeben habe und wieviel Geld ich folglich in meiner Geldbörse und auf meinen Konten haben müßte? Wie sollte ich wissen, wann genau in den letzten Jahren ich welche Anschaffungen zu welchem Betrag getätigt habe? Wie sollte ich wissen, ob ich nicht vielleicht beim Einkaufen versehentlich zu wenig Geld zurückbekommen oder irgendwo zu viel bezahlt habe? Wie sollte ich sonst ein Kassenminus feststellen und ihm nachforschen können? Und wie sollte ich feststellen können, welche Preise während einer bestimmten Zeitspanne erhöht worden sind?

Falls wer meint, das alles brauchte man ja eigentlich gar nicht zu wissen, so kann ich demjenigen nur empfehlen, ein Jahr lang ein Kassenbuch zu führen. Dann wird er ein viel entspannteres Verhältnis zu seinem Geld bekommen. Er wird sich nie mehr fragen: Wo ist nur wieder mein Geld geblieben?! Und er wird in dem Wissen ruhig schlafen können, es nicht vergeudet zu haben.

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30.05.2009: Heimat

"Heimat" ist für mich eines der schönsten und teuersten Wörter, denn es weckt wunderbare Gefühle! In meinem Sprachgebrauch bezeichnet es aber nicht nur einen geographischen Ort (den Ort, wo meine Wurzeln sind, und die Orte, wo ich Wurzeln schlage, den Ort meiner Herkunft also und die Orte meines Angekommenseins), sondern auch eine geistige Welt, in der ich mich umhüllt fühle und zu Hause weiß, die meinem Dasein Sinn und Bestimmung, Struktur und Halt gibt. So ist meine Heimat beispielsweise nicht nur ein äußeres Staatsgebilde, das zu existieren aufgehört hat, sondern auch eine enge innere Verbundenheit mit der großartigen Idee, die ihm zugrunde lag und die in der Erinnerung der Menschheit nie verlorengehen wird. Überall auf der ganzen Welt, wo ich Menschen begegne, mit denen mich die gleiche Art zu glauben, zu denken und zu fühlen eint, ist meine Heimat.

Ich unterscheide freilich auch zwischen den vergänglichen Heimaten dieses Lebens und der unvergänglichen Heimat, aus der wir kommen und in die wir zurückkehren werden, das ewige Sein, das in uns ist und dessen Teil wir sind.

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03.06.2009: Pünktlichkeit

Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sind edle Tugenden, die ich an anderen und mir selber hoch schätze. Da man an sich selber keine geringeren Forderungen und Erwartungen haben sollte als an seine Mitmenschen, ist einer der wichtigsten Ansprüche, die ich an mich selbst stelle, zu Verabredungen niemals unpünktlich zu erscheinen und gegebene Zusagen stets peinlich genau einzuhalten.

Deshalb führe ich zwei Terminkalender (einen Buchkalender und einen Netzkalender), die ich nach jedem neuen Eintrag miteinander abgleiche. Sollte ich meinen immer mitgeführten Taschenkalender einmal verlieren, so könnte ich über den Taschenfunkfernsprecher oder über jeden beliebigen Rechner meine Verpflichtungen abrufen. An wichtige Termine lasse ich mich rechtzeitig durch einen Alarm erinnern. Damit ich pünktlich an Ort und Stelle bin, verlasse ich - nach dem Grundsatz: Lieber zu früh als zu spät! - das Haus so früh, daß ich mich auch dann nicht verspäten kann, wenn einmal ein öffentliches Verkehrsmittel ausfallen sollte.

Tritt allerdings höhere Gewalt ein (also beispielsweise plötzliche schwere Erkrankung, Unfall, Klinikeinweisung, Streik der Verkehrsbetriebe, Katastrophenfall oder ähnliches), dann benachrichtige ich auf dem schnellsten Wege die Person, die mich erwartet oder auf die Erledigung eines übernommenen Auftrages vertraut. Ich glaube, das bin ich ihr schuldig. So sagen alle Leute, die mich gut genug kennen, auf mich sei in jedem Falle hundertprozentig Verlaß. Darauf bin ich stolz.

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29.07.2009:   Diener

Zu "Diener" fällt mir als erstes (also noch vor dem Dienstmann und vor dem "stummen Diener"!) die kleine Verbeugung ein, die noch in meiner Kindheit Knaben bei der Begrüßung durch Erwachsene auszuführen hatten. "Mach einen Diener!", wurde einem zugezischt, wenn man gerade nicht daran gedacht hatte. Bei Mädchen hieß es stattdessen: "Mach einen Knicks!", und dann knickten sie mit einem gewinnenden Lächeln beim Begrüßen in den Knien kurz ein, was sehr hübsch aussah.

Ich fand – und finde noch immer – diese netten kleinen Höflichkeitsformen sehr schön, und ich bedaure es außerordentlich, daß sie so völlig aus der Mode gekommen und gänzlich vergessen sind. Es sind für mich Zeichen der Wohlerzogenheit und der Ehrerbietung vor erwachsenen Personen. Völlig undenkbar, daß damals ein Kind bei der Begrüßung durch einen Erwachsenen hätte lässig dastehen können, kaugummikauend und die Hände in den Hosentaschen! Heute erscheint solches respektloses Gebaren den meisten Leuten als selbstverständlich, und nur noch wenige ältere Herrschaften nehmen daran berechtigten Anstoß.

Selbst Erwachsene deuten ja heute beim Handschlag, beim grüßenden Vorbeigehen auf der Straße, beim Gruß an eine Gruppe, als Ausdruck des Dankes und begleitend zu einer den Bejahung keine Verbeugung mehr an. Wir sehen das nur noch selten, und zwar vor allem bei Kavalieren der "alten Schule", zu denen auch ich mich zähle. Daß es "Diener" und Verbeugungen heute kaum mehr gibt, sagt viel über den allmählichen Verfall der Sitten und der guten Manieren während der letzten fünfzig Jahre.

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  9.11.2009:   Handtasche

Ich finde, es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, daß die Handtasche für Frauen eine Selbstverständlichkeit ist und für Männer nicht! Warum müssen Männer mit Brieftasche, Geldbörse, Schlüsselbund, Lesebrille, Schreibgeräten, Notizbuch, Visitenkartenetui, Faltbeutel, Sicherheitsnadeln, Ringgummis, Medikamenten, Erfrischungsbonbons, Pfefferspray, Taschenfernsprecher, Taschentüchern, Taschenspiegel, Taschenmesser, Taschenalarm, Ersatzschnürsenkel und anderen notwendigen kleinen Dingen für unterwegs ihre Hosen-, Jacken-, Westen- und Manteltaschen ausbeulen, wenn sie nicht dauernd und überall eine Aktentasche mit sich herumtragen wollen?!

Gut, es gibt die Herren-Gelenktäschchen. Aber ich habe gehört, die seien wohl nicht mehr so recht zeitgemäß. Also, was tun? Ich schere mich nicht um die Mode und benutze weiterhin meine gute lederne kleine Herrenhandtasche mit Tragegriff oder zum Umhängen. Die Handtasche darf kein alleiniges Vorrecht für Frauen sein!

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7.12.2009:   Garten

Ich habe keinen Garten, aber ich habe eine Vorstellung von einem Garten, wie er mir gefallen könnte. Der Garten meiner Träume ist ein stiller Ort, denn er liegt fernab vom Lärm der Straße, am Rande des Waldes, ein Viertelstündchen von zu Hause entfernt. Es ist ein englischer Garten, ringsum von alten Eichen und wuchtigen Sträuchern blickdicht und einbruchsicher eingegrenzt, und auch darinnen stehen mehrere schattenspendende Laubbäume. Ferner gibt es einen Apfel- und einen Birnbaum. Beide sind so niedrig geschnitten, daß es nur einer kleinen Trittleiter bedarf, um die Früchte zu pflücken, denn auf hohen Leitern kann ich nicht freihändig stehen.

Mein Traumgarten ist so groß wie etwa zehn kleine Schrebergärten zusammen, er besteht hauptsächlich aus Rasen, Büschen, Hecken, Wegen, Brücken, Ruhebänken, ein paar Felsbrocken, einem Baumhaus, einem Labyrinth, einer Heilquelle, einem sich durch den ganzen Garten schlängelnden Bach und einem kleinen schattigen, stehtiefen Badesee mit Zufluß aus der Wasserleitung und Abfluß ins Grundwasser. In der Mitte des Sees sprudelt ein kunstvolles Wasserspiel mit Fontäne in die Höhe.

Ein paar wenige Gemüse-, Obst- und Blumenbeete nehmen eine kleine Ecke der Gartenfläche ein. Es ist also weniger ein Arbeits- denn ein Erholungsgarten, in dessen urwüchsige Natur ich kaum eingreife. Ich brauche auch keine Rasenmähmaschine, stattdessen halte ich zwei vertraute Schafe (männlich und weiblich), die es sich, wenn sie nicht gerade zum Grasen angepflockt sind, in einem kleinen bequemen Schafstall am Gartenrand gemütlich machen, die Zeit vertreiben und schlafen können.

An der Stelle mit der schönsten Aussicht meines Traumgartens steht ein mit Teeküche, Duschkabine, Wasserklosett, elektrischem Strom und einer kleinen Bibliothek ausgestattetes dreieiräumiges stilvolles Tuskulum mit Terrasse, Vorbau und Balkon, wo ich lesen und schreiben, essen und trinken, Gäste zu Gespräch oder Andacht empfangen und bewirten, aber zugleich auch wohlig ruhen kann.

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1.4.2010:   Gehorsam

Gehorsam spielte in meiner Kindheit eine große Rolle. Kinder hatten ihren Eltern und Lehrern zu „folgen“, d.h. zu gehorchen, und wenn sie es nicht taten, gab es mitunter harte Strafen. Eltern und Lehrer begründeten nicht jede Anweisung; wir Kinder hatten sie ohne Fragen oder gar Widerworte zu befolgen. Immerhin hatten die Erwachsenen uns Kindern die Erfahrung, die bessere Einsicht und den größeren Weitblick voraus, und sie forderten uns nicht, um uns zu schikanieren, sondern weil sie uns liebten und achteten und weil sie uns auf das Leben vorbereiten wollten. „Ich fordere dich, weil ich dich achte“, war der Leitssatz des berühmten sowjetischen Pädagogen Anton Semjonowitsch Makarenko (1888-1939), der in meiner Kindheit viel galt. Wahrer Gehorsam wird nicht durch die Furcht vor Strafe erzwungen, sondern aus Ehrfurcht und Liebe geleistet.

Natürlich ist es möglich, mit Hilfe des Zwangs zu unbedingtem, blindem Gehorsam Kindern den Willen zu brechen und ihrer Persönlichkeit Schaden zuzufügen; aber das liegt dann nicht am Gehorsam, sondern an seinem Mißbrauch. Jedes an sich gute Mittel läßt sich auch mißbrauchen. Das spricht jedoch nicht gegen das Mittel, sondern gegen den unreifen und gewissenlosen Menschen, der es mißbraucht. Also kann man die Erziehung zum Gehorsam nicht einseitig verdammen, nur weil sie im Einzelfall auch zu unlauterem Zwecke eingesetzt wird.

Genau diese Verdammung geschieht aber seit den sechziger Jahren bis heute! Kinder müssen, ja sollen nicht mehr gehorchen. Gehorsamkeit ist kein Erziehungsziel mehr, denn sie mache Kinder zu Untertanen. Also läßt man ihnen ihren Willen, diskutiert endlos mit ihnen, statt ein abschließendes Machtwort zu sprechen, und macht sie auf diese Weise lieber zu Tyrannen.

Meiner Persönlichkeitsentwicklung hat es nicht geschadet, Gehorsam zu lernen, im Gegenteil, es hat mir geholfen, Selbstdisziplin und Sozialkompetenz zu entwickeln und damit das Leben zu meistern. Die Führungsposition, die ich beruflich einzunehmen hatte, konnte ich besser erfüllen, weil ich als Kind gelernt hatte, Führung zu akzeptieren. Nur wer selber erzogen worden ist, sagt eine alte Erkenntnis, kann andere erziehen; und nur der sollte befehlen dürfen, der Befehlen zu gehorchen gelernt hat.

Heute wollen Eltern und Lehrer die „Freunde“ und „Partner“ der Kinder und Jugendlichen sein, und damit erwarten sie von den Heranwachsenden etwas, was diese nicht zu erfüllen imstande sind, weil sie die nötige Reife dazu einfach noch nicht haben können. Statt einen deutlichen Rangunterschied zu machen zwischen den Willen des Erwachsenen und dem Willen des Kindes, wird der kindliche Wille dem Elternwillen gleich- oder sogar höhergestellt, und das muß schiefgehen: Die Eltern werden immer unsicherer und hilfloser, weil sie sich nicht mehr getrauen, sich durchzusetzen, den Lehrern tanzen die Schüler immer boshafter auf der Nase herum, Jugendliche werden zunehmend charakterlich ungefestigt, moralisch haltlos, rücksichtslos gegen andere und kriminell. Das ist auch völlig natürlich,. denn Heranwachsende brauchen klare Regeln und undiskutierbare Grenzen, wenn sie sich natürlich und gesund entwickeln sollen. Ob wir das nun „Führung“ nennen oder „Disziplin“ oder „Gehorsam“ – es läuft auf dasselbe hinaus.

Irgendwann wird man erkennen müssen, daß die Erziehungspraxis der letzten vierzig Jahre gescheitert ist und daß die „antiautoritäre“ Erziehung ein Irrweg war. Eltern und Lehrer müssen Autoritäten sein, die von den Kindern und Jugendlichen anerkannt, respektiert und geliebt werden! Sonst kann Erziehung nicht gelingen.

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29.06.2010:   Nachbarschaftsstreit

Zum Nachbarschaftsstreit gehören immer zwei Parteien: eine, die Streit vom Zaun bricht, und eine, die sich provozieren läßt. Mit mir würde das nicht funktionieren: Ich bin ein ausgesprochen ruhiger und freundlicher Mensch, und ich fange nie mit jemandem Streit an, denn ich denke, daß sich alles vernünftig regeln läßt. Sollte jedoch ein Nachbar mit mir streiten wollen (was ich allerdings noch nie erlebt habe), so würde ich ihn einfach ins Leere laufen lassen. Nur wenn man mitspielt, kriegt ein Streit Nahrung und eskaliert am Ende. Aber bei mir hätten Streithammels keinen Erfolg, und sobald sie das mitkriegten, verlören sie auch bald den Spaß am Streiten.

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06.08.2010:   Islam

Es ist eine uralte Geschichte, die sich ständig wiederholt: Man manipuliert das Volk dahingehend, daß es bestimmte Menschengruppen (z.B. andere Völker, Kulturen und Religionen) nicht mehr als Brüder und Schwestern wahrnimmt, sondern als Feinde. Zu diesem Zwecke werden mit Hilfe von Halbwahrheiten und Lügen Vorurteile verbreitet und Ressentiments genährt, aus denen allmählich Angst und Haß erwachsen, und bis heute dienen dabei vor allem Religionen als Nebenkriegsschauplätze zur Austragung politischer Kämpfe um die Vorherrschaft in der Welt. War zu meiner Eltern Zeiten "das Judentum" das Feindbild, so ist es heute "der Islam". An die Stelle des Antisemistismus ist nun die Islamophobie getreten. Dabei bringt die Propaganda der neuen Rassisten gläubige Muslime in die Nähe von Verbrechern, die unter Mißbrauch des Namens "Islam" Terror verüben.

Der Islam ist eine Religion wie alle anderen auch, nicht besser und nicht schlechter als das Christentum, nur eben ein wenig anders. Er darf nicht gleichgesetzt werden mit dem (Jahrtausende jüngeren) Koran, der (übrigens ebenso wie die Bibel!) neben kostbaren Worten auch so manchen gewalttriefenden Spruch enthält. Erst recht aber hat der Islam nichts, aber auch gar nichts gemein mit dem religiös verbrämten Extremismus, der schreckliche Schandtaten rechtfertigt. Wer diesen Extremismus mit der friedlichen Religion des Islam und mit den Muslimen auf eine Stufe stellt, ist ebenso unredlich wie jemand, der wegen der pädophilen Neigung einiger katholischer Priester behaupten würde, das Christentum lehre Kinderschändung, oder Christen seien Terroristen, weil die Kriegsverbrechen im Irak von "Christen" wie Bush befohlen wurden.

Der Islam hat eine wunderbare Kultur hervorgebracht und unvergängliche Werke geschaffen, und er blickt auf eine große und reiche Tradition zurück. Terroristen und Selbstmordattentäter, die im Namen Allahs zu handeln vorgeben, beschädigen das heilige Erbe ihrer Glaubensbrüder. Deshalb muß den Demagogen, die Bedrohungsängste vor dem Islam schüren anstatt vor dem politisch instrumentalisierten Fundamentalismus pseudoreligiöser Fanatiker, entschieden widersprochen werden. Wir brauchen keine Hysterie der Angst vor der angeblichen Gefahr der "Islamisierung des Westens", sondern das friedliche und gleichberechtigte Zusammenleben aller Völker und Religionen in einer Welt ohne kalte und heiße Kriege um Ölquellen und Einflußsphären.

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09.09.2010:   Treue

Treue ist absolute Zuverlässigkeit. Wer treu ist, hält unter allen Umständen seine Versprechen. Dem Wort eines Getreuen kann man unbedingt glauben, auf seine Wahrheit uneingeschränkt vertrauen, denn er ist ein Ehrenmann (was natürlich ebenso eine Frau sein kann, auch wenn die Sprache keine weibliche Entsprechung dafür hat). Eher würde er sein Leben opfern als sein Wort zu brechen. (Ein anschauliches Beispiel dafür beschreibt Friedrich Schiller in seiner Ballade "Die Bürgschaft".) Bei einem Getreuen - bzw. einer Getreuen ;-) - brauchte man sich also eigentlich gar nicht durch Zeugen, Schriftstücke und Unterschriften abzusichern, ein Handschlag würde vollauf genügen.

Eine besondere Form der Treue ist die Gattentreue. Die Eheleute versprechen einander vor dem Standesbeamten (und vielleicht auch vor dem Traualtar), einander stets die Treue zu halten. Das bedeutet, daß sie unter allen Umständen, "in guten wie in schlechten Zeiten", zueinander stehen und einander nie aufgeben werden, was auch immer geschehen mag. In dieses eheliche Treueversprechen eingeschlossen ist demzufolge die Annahme des Ehepartners auch in seiner Entwicklung und Veränderung. Niemand ist nach vielen Jahren noch genau derselbe wie am Tage der Hochzeit. Das Treuegelöbnis wird also selbst durch solche Persönlichkeitsveränderungen nicht aufgehoben, die als schwierig oder gar belastend erlebt werden.

Eine außereheliche Liebe (abwertend "Fremdgehen" genannt) wird dann als Untreue empfunden, wenn die Ehe - einseitig oder beidseitig - nicht auf wahrer Liebe beruht. Dann nämlich stellt die außereheliche Liebe das, was die Eheleute für Liebe halten, in Frage und zerstört es. Wahre Liebe dagegen kennt keine Eifersucht und kann durch nichts beschädigt werden, also auch nicht durch eine weitere Liebe neben der Ehe. Wahre Liebe erhebt keinen Besitzanspruch auf den geliebten Menschen und macht schon gar kein ausschließliches Eigentumsrecht an ihm geltend. Eine außereheliche Liebe tut der ehelichen Liebe, wenn es beiderseits wahrhaft Liebe ist, keinen Abbruch. Wer wahrhaft liebt, empfindet es deshalb nicht als Betrug und Verrat und sieht darin keinen Treuebruch, wenn der geliebte Mensch noch andere Menschen liebt, sondern als eine Natürlichkeit und oftmals sogar als eine Bereicherung für die Ehe. Die verständliche Angst eines Ehepartners, der andere Partner könne ihm durch die außereheliche Liebe untreu werden, und er könne ihn dann verlieren, ist absolut unbegründet, wenn man von seinem Partner wahrhaft geliebt wird, denn wahre Liebe endet nicht.

Obgleich das geltende Recht etwas anderes vorsieht, gilt ein eheliches Treueversprechen naturgemäß lebenslang. Dennoch muß sich ein Ehepartner nicht mehr daran gebunden fühlen, wenn der andere ihm die eheliche Gemeinschaft aufkündigt. Die Gattentreue wird sich dann, falls sie auf wahrer Liebe eines Partners beruhte, von dessen Seite aus umwandeln in eine Freundestreue.

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13.10.2010:   Toleranz

Toleranz ist eine Haltung, mit der man andere Meinungen und Verhaltensweisen auch dann respektiert, wenn man sie für falsch hält. Jeder Mensch hat das Recht, seine Wahrheit zu vertreten, und deshalb können verschiedene Wahrheiten gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Voltaire schrieb einst einem Freund sinngemäß: "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, daß du es sagen darfst." Dabei muß man stets sauber trennen zwischen Meinung und Person: Eine Meinung darf man ablehnen, niemals aber die Person, die sie vertritt!

Echte Toleranz ist nicht nur ein gleichgültiges, vielleicht gar widerwilliges Zulassen fremder Überzeugungen im Sinne des Erduldens, sondern das ehrliche Bemühen, das Andersartige zu verstehen und wertzuschätzen. Dann kann man es manchmal sogar für sich selbst nutzbar zu machen. Wir müssen immer daran denken, daß wir nicht weniger irrtumsfähig ist als die anderen. Also kann es sich lohnen, angesichts fremder Ansichten die eigene Meinung kritisch zu hinterfragen und vielleicht auch zu revidieren.

Tolerante Menschen stellen das Verbindende über das Trennende und lassen sich von der Liebe leiten. Wo Liebe ist, ist auch Toleranz. So sind sie in der Lage, sich über unbedeutende Meinungsverschiedenheiten hinwegzusetzen und verständnisvoll Nachsicht zu üben gegenüber den kleinen menschlichen Fehlern und Schwächen. Daher ist Toleranz überall eine notwendige Voraussetzung für das gelingende Zusammenleben von Menschen - in der großen Politik ebenso wie in der kleinen Familie, Fremden gegenüber ebenso wie gegenüber Freunden, Andersdenkenden gegenüber ebenso wie gegenüber Gleichgesinnten.

Freilich muß Toleranz auch ihre Grenze haben. Diese liegt naturgemäß da, wo die intolerante Absolutsetzung der eigenen Auffassung beginnt und damit zur Mißachtung, Diskriminierung oder gar Verfolgung der anderen führt. Wollte man dieser Intoleranz, die sich im praktischen Handeln niederschlägt, mit Toleranz begegnen, so müßte die Toleranz sich selbst aufgeben! Deshalb beinhaltet die moralische Verpflichtung zur Toleranz unbedingt auch den konsequenten Einsatz gegen die Intoleranz. Gegenüber Menschenverachtung,Volksverhetzung, Haßverbreitung und jeglichem inhumanen Handeln darf es keine Toleranz geben.

Es ist allerdings wichtig, daß wir den Kampf gegen die Intoleranz nicht mit den gleichen Mitteln führen, die ihr eigen sind, denn dann würden wir uns mit ihr auf die gleiche Stufe stellen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß man Böses nicht Bösem überwinden kann – also Beleidigung nicht mit Beleidigung, Verletzung nicht mit Verletzung, Verbrechen nicht mit Verbrechen, Krieg nicht mit Krieg -, sondern nur mit Gutem.

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03.11.2010:   Vergebung

Sieben häufige Mißverständnisse, wenn es um Vergebung geht

1. Falsch:
"Vergeben heißt, das schuldhafte Verhalten des andern zu tolerieren."
Richtig:
Vergebung schließt die Verurteilung schuldhaften Verhaltens nicht aus.
Würden wir es nicht verurteilen, hätten wir ja auch nichts zu vergeben.

2. Falsch:
"Vergeben kann man nur, wenn man sich danach fühlt."
Richtig:
Vergebung ist nicht von Gefühlen abhängig, sie ergibt sich aus der Vernunft.
Wollten wir warten, bis wir gefühlsmäßig bereit sind zu vergeben, käme es vielleicht nie dazu.

3. Falsch:
"Vergeben heißt Vergessen."
Richtig:
Vergebung setzt gerade erst dort an, wo wir nicht vergessen können und wo die Erinnerung an das Vorgefallene uns immer noch emotional berührt oder gar erschüttert.Wir müssen nicht vergeßlich werden oder gar dement, um vergeben zu können.
Wären wir es, dann wüßten wir gar nicht, was wir eigentlich vergeben sollen.

4. Falsch:
"Vergeben heißt Verstehen."
Richtig:
Vergebung ist gerade da nötig, wo wir kein Verständnis mehr haben und wo es nichts zu entschuldigen gibt.
Wir müssen auch dann – und erst recht dann – vergeben können, wenn wir das Schlimme, das uns angetan wurde, nicht zu begreifen imstande sind.

5. Falsch:
"Ich vergebe dir erst, wenn du bereust."
Richtig:
Vergebung ist ein Geschenk, das keine Vorleistung verlangt, also auch nicht die Reue des schuldig Gewordenen.
Wir müssen auch dann – und erst recht dann – vergeben können, wenn der andere seine Schuld nicht einsieht. Gerade dann hat er Vergebung nämlich besonders nötig.

6. Falsch:
"Ich vergebe dir erst, wenn ich sehe, daß du dich geändert hast."
Richtig:
Vergebung ist nicht die Folge, sondern der Anfang einer möglichen Veränderung des schuldig Gewordenen.
Wir müssen auch dann – und gerade dann – vergeben können, wenn der andere nicht die Kraft oder den Willen hat, sich zu ändern. Gerade dann hat er Vergebung nämlich besonders nötig.

7. Falsch:
"Vergebung ist Versöhnung."
Richtig:
Versöhnung hängt von mindestens zwei Personen ab, Vergebung nur von einer.
Wir müssen auch dann – und gerade dann – vergeben können, wenn der andere Vergebung nicht zur Versöhnung bereit ist. Gerade dann hat er Vergebung nämlich besonders nötig.

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07.12.2010:   Engel

Neulich, beim Betrachten einer vorweihnachtlichen Engelsfigur, wurde ich von einer Besucherin gefragt, ob es Engel wirklich gebe. Ja, natürlich gibt es Engel, habe ich geantwortet. Allerdings sind sie keine überirdischen Lichtgestalten in langen weißen Gewändern und mit Flügeln, sondern Menschen aus Fleisch und Blut wie du und ich. Wenn ich jemandem begegne, der mich bedingungslos annimmt, mit meinen Schwächen ebenso wie mit meinen Stärken, in dessen Nähe ich mich geborgen fühle und von dessen Schutz ich mich umhüllt weiß, der mir Freiheit gewährt und keine Schuldgefühle macht, der mir gerne Gutes tut, der mir gibt, was ich in einer bestimmten Situation gerade brauche, der meine Bedürfnisse erfüllt, noch bevor ich sie ausspreche, der mich stärkt und mir Kraft zum Leben gibt, der mich vor Unheil bewahrt und mir in der Not beisteht und der mir aufhilft, wenn ich gefallen bin - dann bin ich einem Boten des Göttlichen begegnet, einem Engel also. Es kann sein, daß die Berührung mit solch einem Engel nur einen Augenblick währt, ein paar Stunden oder Tage, und es kann sein, daß einem ein ganzes Leben an der Seite eines Engels geschenkt ist. man kann natürlich auch selbst jemandem ein Engel sein.

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07.01.2011:  Fingerspitzengefühl (wo, wie, wann, weshalb notwendig?)

Wo? Im Umgang mit allen Menschen.
Wie? Indem man, bevor man etwas sagt oder tut, sich im stillen fragt, was die Liebe dazu meint und wie man es empfände, wenn der andere das gleiche sagte oder täte.
Wann? Immer und in jeder Situation.
Weshalb notwendig? Damit wir einander nicht unnötig verärgern und verletzen.

Es gäbe viel weniger destruktiven Streit, viel weniger kranke und zerstörte zwischenmenschliche Beziehungen, viel weniger Gewalt und viel weniger Unglück auf der Welt, wenn viel mehr Menschen viel mehr Fingerspitzengefühl hätten und es viel mehr ihren Kindern anerzögen.

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06.02.2011:   "Typisch Mann"/"typisch Frau"

Wenn jemand "typisch Mann" oder "typisch Frau" sagt, handelt es sich meistens um gedankenlose Vorurteile und unzulässige Verallgemeinerungen. In einigen wenigen Fällen erscheint diese Unterscheidung allerdings auch berechtigt, weil es in der Tat manche Eigenarten und Gewohnheiten gibt, die in einer bestimmten Gesellschaft für den Mann bzw. für das Weib charakteristisch sind. Dabei handelt es sich dann aber in den wenigsten Fällen um angeborene geschlechtsspezifische Wesensmerkmale und stattdessen vielmehr um Sozialisationsfolgen. Diese jedoch halte ich für überflüssig und störend. Ich kann keinen Grund dafür erkennen, warum es weiterhin gepflegt wird, daß ein Mann den Pullover auf andere Weise auszieht als ein Weib, daß man Weib und Mann auf den ersten Blick am Gang und an der Sitzhaltung erkennen kann und daß noch immer als Exot gilt, wer als Mann strickt und spinnt oder als Weib Heimwerkermaschinen repariert und eine Anlage für elektrische Spielzeug-Eisenbahn bastelt.

Ich sehe nicht ein, warum ein Knabe schon vom Kleinstkindalter an anders erzogen werden soll als ein Mädchen. Knaben können ebenso gut mit Puppen spielen wie Mädchen mit dem Stabilbaukasten. Beachtete man dies, dann gäbe es später im Erwachsenenalter auch keine "typischen Frauenberufe" und keine "typischen Männerberufe" mehr. Das wiederum hätte wünschenswerte Folgen für das Leben in der Gesellschaft: Wenn mehr Männer Geburtshelfer, Kinderkrippen- und Kindergartenerzieher, Unterstufenlehrer, Arzthelfer und Chefsektetäre wären und Frauen auch Bauarbeiterinnen, Kranführerinnen sowie Abteilungs- und Betriebsleiterinnen, dann käme deutlich mehr Normalität in die Arbeitswelt und in die Erziehung der Kinder und Jugendlichen. Werden indes künstlich Unterschiede geschaffen zwischen den beiden Geschlechtern, dann erscheinen diese Unterschiede fälschlich als naturgegeben und werden weiter befördert anstatt überwunden. Das aber widerspricht der Tatsache, daß jeder Mensch männliche und weibliche Anteile in seiner Persönlichkeit hat und daß die harmonische Persönlichkeit sich an der Ausgewogenheit beider erkennen läßt. Erstrebenswert ist daher, daß ein Mann über ebenso viele Eigenschaften verfügt, die man gemeinhin für "weiblich" hält, wie solche, die als "männlich" gelten. Dergleichen ist es wünschenswert, wenn sich bei einem Weibe die sogenannten "weiblichen" mit den sogenannten "männlichen" Merkmalen die Waage halten. Dann endlich würde "typisch Mann" und "typisch Frau" der Vergangenheit angehören und allenfalls noch von "typisch Mensch" die Rede sein.

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01.03.2011:   Schutzmann

Als ich noch ein kleiner Knabe war und mit meiner Großtante (Jahrgang 1883) spazieren ging, erzählte sie mir oft vom "Schutzman". Er passe auf, sagte sie, daß alle Leute in der Stadt sich ordentlich verhielten, nicht lärmten, die Fußwege nicht verschmutzten und nicht Tiere quälten. Er bestrafe diejenigen, die mit ihrem Automobil zu schnell führen, die einander prügelten und die in Läden etwas mitnähmen, ohne es zu bezahlen. Er helfe alten Leuten über die Straße, sage Schulkindern die Uhrzeit und bringe kleine Kinder, die sich verlaufen hätten, nach Hause. Und vor allem werde der Schutzmann mit mir schimpfen, wenn ich etwa einmal über die Straße gehen wolle, ohne vorher erst nach links und dann nach rechts zu schauen.

Zu gern hätte ich einmal einen Schutzmann sehen wollen, aber überall sah ich immer nur die freundlichen und stets hilfsbereiten Volkspolizisten. Ich verstand erst später, daß die Tante eigentlich die Volkspolizisten meinte und nur nicht wußte, daß sie nicht mehr "Schutzleute" hießen.

Heute vermisse ich oft die Polizisten, die früher ganz normal zum Straßenbild gehörten, wie sie zu zweit patrouillierten, um zu sehen, ob überall alles in Ordnung ist und ob irgendwo jemand Hilfe braucht. Heutzutage werden ungestört Häuserwände mit Farbe verunstaltet, Banken überfallen, am hellichten Tag ahnungslose Passanten angepöbelt oder gar ausgeraubt. Und nie sind Polizisten in der Nähe! Früher hießen die Polizisten nicht mehr Schutzleute, heute sind sie es auch nicht mehr.

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27.4.2011:   Erziehung

In der gegenwärtigen Gesellschaft findet meines Erachtens Kindererziehung nicht mehr statt. Man überläßt sie einseitig den Eltern, die selbst schon nicht mehr erzogen worden und zudem aus verschiedenen Gründen überfordert sind. Schule und Freizeitgruppen sind sich der Verantwortung für die Heranbildung der jungen Generation zu sozial kompetenten Persönlichkeiten nicht bewußt oder entziehen sich ihr. Es wird ignoriert, daß die jungen Menschen nicht nur in eine Familie gehören, sondern zugleich Glieder einer großen Gemeinschaft sind und es immer besser werden sollen. Die Zeit, da Eltern und Lehrer, Kinder- und Jugendorganisation, Hausgemeinschaft und Brigade die gemeinsame Verantwortung für die Heranwachsenden sahen und im Prozeß der Erziehung und Bildung vertrauensvoll zusammenwirkten, ist ebenso vorbei wie das Aufwachsen der Kinder in Kollektiven, wo die Einübung von Spielregeln gelingender Gemeinschaft stattfand. Ich denke, daß diese verfehlte Erziehungspolitik mit ihrer Ignoranz gegenüber notwendigen Regeln und Grenzsetzungen und mit ihrer Mißachtung von Liebe und Führung, gegenseitigem Respekt und Vorbild in der Kindererziehung noch verheerende Folgen haben wird.

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5.5.2011:   Jähzorn

Jähzorn ist eine sehr unangenehme und verwerfliche Eigenschaft von Menschen. Wer in Zorn gerät, gerät zugleich in Gefahr, die Selbstkontrolle zu verlieren, und wer gar in Jähnzorn verfällt, hat sich erst recht nicht mehr in der Gewalt. Das finde ich schlimm. Auch nachträgliches Bedauern und Bitten um Entschuldigung mindern das Schlimme nicht. Statt Jähzorn gebietet sich Contenance. Ich weiß es sehr wohl zu schätzen, wenn Menschen sich beherrschen können und in jeder Lebenslage Haltung zu bewahren verstehen.

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3.6.2011:   Traumurlaub

Mein Traumurlaub ist eine Kreuzfahrt. Es müßte ein riesiges Luxus-Kreuzfahrtschiff sein, das allen, auch den höheren kulturellen Bedürfnissen gerecht wird, das also beispielsweise über eine vielseitige und anspruchsvolle Bibliothek verfügt und auch eine Kapelle zur Andacht, das Konzert- und Vortragsabende anbietet, und wo es üblich ist, im dunklen Anzug zu Tisch zu erscheinen. Es müßte eine Welt-Rundfahrt sein, die sich über ein ganzes Jahr erstreckte. Zwar sollte es ein Programm geben, aber nur als Angebot und nicht als Massenveranstaltung. An jener lauten, gymnastischen und alkoholisierten Art der Vergnügung, wie wohl die meisten Urlauber sie mögen, liegt mir gar nichts. Viel lieber würde ich hin und wieder auf einsamem Deck die Wellen und den Vogelflug beobachten und den Sonnenuntergang erleben. Ich mag auch keine derartigen Landgänge, bei denen ein riesiger Menschenschwarm, mit Photoapparaten bewaffnet, aus dem Schiff quillt und sich, mit eiligem Schritt einem Führer folgend, für nichts interessiert als nur für das, was der oberflächliche Tourist unter »Sehenswürdigkeiten« versteht und von Ansichtspostkarten kennt. Ich möchte genügend Zeit haben, um Kontakte zu Einheimischen zu knüpfen, Tiere und Pflanzen zu betrachten sowie die Architektur und das Alltagsleben in den abgelegeneren Gebieten.

Natürlich habe ich diesen Traumurlaub noch nicht gehabt, und er ist auch nicht in Aussicht. Er wird und soll immer ein Traum bleiben, denn sein Eintritt in die Realität wäre für mich alles andere als wünschenswert. Ich fände mich nie bereit, mein ganzes bescheidenes Vermögen dafür auszugeben, und auch geschenkt würde ich eine Weltreise nicht haben wollen, denn ich vertrage keine hohen Temperaturen und mag keine unbekannten Speisen; hasse Mücken und andere, oftmals keineswegs harmlosen Insekten; hätte viel zu viel Angst vor den mannigfaltigen Gefahren, die mir ahnungslosem Fußgänger drohten, wenn ich mich allein ins unberechenbare Landesinnere begäbe; würde es ein Jahr lang gar nicht aushalten, so fern von den mir eng verbundenen Menschen zu sein; und zudem löst der Gedanke, daß ich nicht innerhalb weniger Stunden nach Hause könnte, wenn das nötig wäre, eine endgültige Abneigung gegen die Erfüllung dieses Traumes aus.

So ist mein Traumurlaub ein Beispiel dafür, daß manches nur als Traum schön ist, unerträglich aber die Vorstellung, es könnte Wirklichkeit werden.

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