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Chemnitz, den 1.8.2006
14.3.2003: Entrümpelung ENTRÜMPELUNG hätte auch
ich nötig:
19.3.2003: Rausch Rausch ist ein durch
erregende Erlebnisse, Reizeinflüsse oder bestimmte natürliche oder chemische Stoffe
erzeugter übersteigerter psychischer Zustand.
20.3.2003: Warum WARUM werden ab heute
unschuldige Kinder, Frauen und Männer gemordet,
3.4.2003: Eine Stadt Meine große Sehnsucht ist
LEININGEN!
26.4.2003: Erwachsensein Erwachsensein bedeutet
für mich:
25.5.2003: Verzicht Der freiwillige Verzicht
auf Dinge, die ich eigentlich nicht brauche
30.5.2003: Nacht "Nacht"
bedeutet für mich die Schwere der Dunkelheit.
2.6.2003: Kreislauf "Kreislauf" ist
für mich ein ambivalentes Wort:
1.10.2003: Stolz Ich unterscheide zwischen gesundem
Stolz und hoffärtigem Stolz. Letzterer hat etwas mit Überheblichkeit,
Engstirnigkeit und Starrsinn zu tun, ersterer mit Selbstachtung und Verteidigung der
eigenen Würde.
11.2.2004: Irrlichter Die Lichter einer Stadt
sind in Wahrheit Irrlichter.
8.10.2004: Gehirnmüll Wir
"zivilisierten" Menschen haben alle neben viel Wertvollem auch eine Menge Müll
in unseren Gehirnen. Freilich - die einen mehr, die anderen weniger. Und dieser Müll ist
die Hauptursache dafür, daß es seit jeher so schlimm um unsere Welt steht.
8.2.2005: Spaziergang Einen meiner schönsten Spaziergänge habe ich an einem frühherbstlichen Sonntagvormittag des Jahres 1997 über Land um Bad Wildungen gemacht. Mit Wanderkarte und Fernglas bin ich allein mit meinen Gedanken und wachen Sinnen aus der Stadt hinausgegangen und über Feldwege, durch Waldabschnitte und Dörfer drei Stunden später wieder in die Stadt zurückgekehrt. Es war ein geführter Wanderpfad, ich mußte also nur auf Kennzeichnungen an Bäumen und am Wegesrand achten, um die Richtung nicht zu verfehlen. Solcherart Wanderungen auf festgelegter Strecke liebe ich, denn ich weiß, wo ich ankommen werde. Spaziergänge "ins Blaue" dagegen sind mir zu abenteuerlich. Wo ich wollte, bin ich frisch fürbaß geschritten, und wo mir danach war, habe ich ein Weilchen innegehalten, mich auf eine Bank gesetzt, Blumen betrachtet, Erde gerochen, in die Ferne geschaut, geträumt, dem Gesang der Grillen und der Vögel gelauscht und wohl auch ein Äpfelchen geschnurpst. In der ganzen Zeit bin ich fast keinem Menschen begegnet, auch die Dorfstraßen waren so gut wie leer. Nur hier und da krähte nah oder fern ein Hahn, blökte ein Schaf, bellte ein Hund, sonnte sich eine Katze.
27.5.2005: Sprache ist Macht Dieses Thema reizt mich,
denn Sprache ist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens, der wissenschaftliche,
künstlerische und praktische Umgang mit ihr eine meiner Liebschaften, für die ich
glühe. Die Sprache ist mein wichtigstes Werkzeug sowohl im Beruf als auch im Privatleben,
und sie mein kostbarster Schatz.
27.6.2005: Der Mensch, der ich
immer sein wollte... Zweimal ja! Ich hatte schon
immer und ich habe auch jetzt eine Vorstellung von dem Menschen, der ich sein will. Und
ich bin es geworden. Oder besser: Ich bin noch auf dem Wege dazu, es zu werden, und ich
werde immer dahin unterwegs sein.
22.8.2005: Umherschweifen Umherschweifen ist die
Lieblingstätigkeit meiner Augen und meiner Gedanken.
25.8.2005: Trampelpfade Ein Trampelpfad ist ein
unbefestigter, allein durch häufigen Gebrauch entstandener Fußweg. Er ist nicht geplant,
sondern aus Bequemlichkeit spontan niedergetreten worden, weil die befestigte Straße als
Umweg wahrgenommen oder auch als eintönig und langweilig empfunden wird, während dem
Trampelpfad zudem der Nimbus von etwas Nonkonformistischem oder gar Abenteuerlichem
anhaftet. Oft muß der Vorteil seiner Kürze allerdings mit dem Nachteil erkauft werden,
daß er unbequem und zuweilen nur auf eigene Gefahr zu begehen ist. Den Trampelpfad
wählen heißt: vom Üblichen, Gewohnten abweichen. Das kann von dem Mut zeugen, sich für
Neues, Ungewöhnliches, Unkonventionelles zu öffnen, es kann aber auch bedeuten, die gute
Tradition, das Bewährte zu verleugnen und damit den Weg der Tugend und der Pflicht zu
verlassen.
21.9.2005: Lachen Ich finde, wichtig ist die
Art des Lachens und was man dabei macht: Lacht man lauthals oder lächelt man fein
gesittet, feixt oder grinst man? Bricht man in Lachen aus, oder lacht man in sich hinein?
Lacht man vielleicht gar Tränen? Schüttet man sich aus vor Lachen, oder kichert man nur?
Kugelt man sich vor Lachen? Quietscht, gackert oder wiehert man?
3.10.2005: Loslassen Es kommt darauf an, was es
ist, das ich loslassen muß: Menschen, Ideelles oder Materielles, und davon, ob das
Loslassen allmählich oder ganz plötzlich geschieht.
5.10.2005: Ritual Rituale sind zeremonielle,
nach festgelegten Regeln ablaufende Handlungen, die uns helfen, unser Leben zu ordnen und
im Chaos der Zufälligkeiten Sicherheit und Halt zu finden. Die großen Feiertage mit
ihren Ritualen zum Beispiel geben in ihrer regelmäßigen Wiederkehr dem Jahr eine
Struktur. Besonders in Passagezeiten vermitteln Rituale uns Geborgenheit. Der Übergang in
einen neuen Lebensabschnitt ist ein einschneidendes, oft schwierig zu verarbeitendes
Erlebnis. Rituale erleichtern die Situation. Aus diesem Grunde entstanden zum Beispiel
Einschulungs- und Jugendweihe-, Aufnahme- und Ausscheidungs-, Begrüßungs- und
Verabschiedungs-, Hochzeits-, Geburts- und
16.10.2005: Bester Freund / Beste Freundin Für mich läßt das Wort
»Freund« keine Abstufungen zu! Deshalb kenne ich weder »beste« noch »sehr gute«,
»gute« oder vielleicht gar »nicht ganz so gute« Freunde, sondern entweder ein Mensch
ist mir ein Freund (ein männlicher oder ein weiblicher, denn leider ist »Freundin«
durch falschen Sprachgebrauch ja nicht mehr eindeutig), oder er ist mir kein Freund.
29.10.2005: Allee Für mich sind drei Alleen
besonders bedeutsam geworden:
9.1.2006: Kopfkino Was wäre ich ohne mein
Kopfkino?
13.1.2006: Versichern Es gibt in der Welt, in der wir leben nur eine einzige Sicherheit: daß wir sterben müssen. Mors certa hora incerta. Da sonst nichts sicher ist, ist alles, was wir tun, um uns selbst und andere Menschen zu versichern, und sei es absolut ehrlich gemeint, mit dem Mangel der Unsicherheit behaftet. Höhere Gewalt kann all unsere Versicherungen zunichte machen. Zwar ist in einem jeden von uns ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit lebendig und wohl auch ein tiefes Ahnen von seiner Möglichkeit, allein selbst dies erwächst nicht aus Sicherheit, sondern aus Glauben. Also bleibt uns nur, daß wir einander unseres guten Willens versichern und uns selbst unseres kindlich vertrauenden Glaubens, auf daß wir leben können.
19.1.2006: Leder Ich liebe Leder!
5.3.2006:
Kritik Das kommt ganz darauf an,
wie Kritik geäußert wird!
19.3.2006: Herzöffner Was von Herzen kommt und zu
Herzen gehen soll, bedient sich, um seine Wirkung zu entfalten, eines Herzöffners. Es
gibt sehr verschiedenartige Herzöffner: ein ehrliches, gewinnendes Lächeln oder ein
herzhaftes gutmütiges Lachen, ein tiefer liebevoller Blick, eine zarte Berührung, eine
bedeutungsreiche Geste, ein symbolisches Geschenk und auch mit innerer Bewegung
gesprochene oder geschriebene Worte. In welcher Form aber Herzöffner auch immer
vorkommen, stets vermitteln sie eine dieser Botschaften:
2.6.2006: Vorschriften Vorschriften sind in vielen
Lebenssituationen wichtig und notwendig, sie erleichtern Entscheidungen und helfen Fehler
zu vermeiden, sie sorgen für Klarheit und Ordnung. Ohne Vorschriften ist keine
Gemeinschaft möglich.
8.8.2006: Urlaubskrise Der Urlaub ist für viele Paare die am meisten
herbeigesehnte Zeit des Jahres. Sie schmieden gemeinsam Pläne und malen sich schon lange
vorher aus, wie schön und harmonisch alles werden wird. Doch allzu oft, das besagen die
Statistiken, kommt es gerade im Urlaub besonders häufig zu Streitereien und
Zerwürfnissen. Warum eigentlich? 1. Die Partner haben es verlernt,
miteinander zu reden. 2.
Die Partner haben es verlernt, miteinander zu schweigen. 3.
Die Partner verstehen einander nicht mehr. 4.
Die Partner sind zu sehr auf sich selbst bezogen. 5. Die Partner haben unvereinbare Urlaubsvorstellungen. Sie beherrschen keine Technik der Konfliktlösung und wissen nicht, wie man zu Kompromissen findet, durch die einer dem andern ein Stück entgegengeht und doch jeder auf seine Kosten kommt, und sie haben es womöglich auch verlernt, sich für die Vorlieben des anderen bereitwillig zu öffnen und interessiert daran Anteil zu nehmen. 6.
Die Partner meinen, daß man im Urlaub immer zusammen sein muß. Zu
diesen Problemen kommt erschwerend noch hinzu, Eins
scheint mir festzustehen: Die Urlaubskrise macht meist nur das sichtbar, was ohnehin schon
- mehr oder weniger - verdeckt vorhanden war: eine labile Partnerschaft, in der die Liebe
im Schwinden begriffen ist. Eine stabile und harmonische Partnerschaft auf der Grundlage
der Liebe kennt keine Urlaubskrise.
19.10.2006: Rauchverbot Nun steht es fest: Die Spitzenpolitiker von Union und SPD werden einem generellen Rauchverbot in allen Gaststätten, wie es in Irland und Italien jetzt erfolgreiche Praxis ist, falls es im Deutschen Bundestag eingebracht werden sollte, nicht zustimmen. Die Tabaklobby hat gesiegt. Dabei verbietet sich doch überall, wo außer Nikotinabhängigen auch Menschen verkehren, denen Tabakqualm ein Greuel ist, das Rauchen eigentlich von selbst. Das ist nicht nur eine Frage der Höflichkeit, sondern auch der Rücksichtnahme. Der Zwang zum Passivrauchen ist nach allem, was wir wissen, dem Tatbestand der Körperverletzung gleichzuachten! Deshalb sollte meines Erachtens in allen öffentlichen Räumen das Rauchen strikt untersagt sein. Auch sogenannte "Raucherinseln" und "Raucherecken" oder in Eisenbahnwagen "Raucherabteile" dürften keine Exístenzberechtigung haben, denn auch dort müssen oft genug Nichtraucher vorbei- oder hindurchgehen, und der Luftaustausch beim Türöffnen sorgt außerdem noch für eine leichte Verbreitung der Schadstoffe. Wer unbedingt seine eigene Gesundheit zerstören will, kann daran leider nicht gehindert werden. Aber er kann sehr wohl durch Gesetz dazu gezwungen werden, in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln die Verpestung der Luft zu unterlassen und dem scheinbar unvermeidlichen Laster des Rauchens im Freien zu frönen oder an Örtlichkeiten, wo Nichtraucher keinen Zugang haben. Gewiß, wenn alle Menschen auch ohne Strafandrohung verantwortungsvoll handeln würden, brauchten wir keine Gesetze. Aber wir leben nicht in Utopia. Also wird so lange in Gaststätten geraucht werden, wie es nicht verboten ist und für den Verstoß gegen das Verbot eine Geldbuße verlangt wird. Erst wenn für jede (!) in öffentlichen Räumen angezündete Zigarette eine Strafzahlung in Höhe von 100 Euro gefordert wird, kann dem gefährlichen Treiben ein Ende gemacht werden.
13.12.2006: Silvester Ich mag einen stillen und nachdenklichen Altjahrsabend. Noch nie habe ich einen Jahreswechsel in Verbindung bringen können mit karnevalsähnlicher Ausgelassenheit, viel Alkohol, lauter Musik und grölenden Menschen. In meiner frühen Jugend träumte ich von einer späteren Zeit, in der ich als Familienvater zu Hause gemeinsam mit Frau und Kind zuerst auf Beethovens IX. Sinfonie lauschen, dann eine Ansprache halten und ein gemeinsames festliches Mahl halten würde. Bis Mitternacht, so stellte ich mir vor, wollte ich dann abwechselnd gedankentiefe Texte aus der Bibel und aus anderen Werken der Weltliteratur vorlesen und Hausmusik machen (wobei ich stillschweigend davon ausging, daß Frau und Kinder Instrumente spielen könnten). Um null Uhr würden wir dann alle vors Haus gehen und zu den Sternen schauen, wobei jeder schweigend einen Wunsch zum Himmel schickt. Schließlich sollte in der Wohnung bei einem Glas Wein bzw. Limonade auf das neue Jahr angestoßen und hernach flugs in die Betten gegangen werden. - Es ist freilich nie ganz so gekommen...
1.5.2007: Nackt sein Nackt sein ist der natürliche Zustand aller Lebewesen, den Menschen eingeschlossen. Für die im Bewußtsein vieler tief verankerte Gedankenverbindung von Nacktheit und Schamgefühl kann ich deshalb keinen vernünftigen Grund finden. Auch aus diesem Grunde war ich schon immer ein leidenschaftlicher Anhänger der Freikörperkultur. Die Meinung mancher Leute, nur sehr wohlgeformte Körper dürften sich öffentlich zeigen, halte ich für völlig abwegig und diskriminierend. Immerhin gilt diese Einschränkung ja auch nicht für Gesichter - Gott sei Dank! Ebenso widersinnig finde ich das Argument, man dürfe mit dem Anblick seines unbekleideten Körpers am Strand oder auf Waldwegen niemanden belästigen. Schließlich ist ja niemand zum Hinschauen gezwungen, wenn er sich denn schon von so viel Natürlichkeit belästigt fühlt. Auch normal erzogene Kinder dürften vor einer nackten Person, die friedlich ihren Waldlauf macht, kaum erschrecken, denn wo sollte sie ein Messer oder ein anderes Mordwerkzeug verbergen, mit dem sie jemandem gefährlich werden könnte? Normal erzogene Kinder wissen außerdem, daß nackte Männer oder Frauen in der Regel weder geisteskrank noch gefährlich sind. Wie unglaublich absurd man in unserer angeblich so freien Gesellschaft mit Nacktläufern umgeht, zeigt beispielsweise der jahrelange überwiegend fruchtlose Kampf des Psychotherapeuten Dr. Peter Niehenke, den "Nacktjogger von Freiburg", gegen verklemmte Zeitgenossen und engstirnige Behörden (siehe dazu unter anderem http://www.waldfkk.de).
25.8.2007: Reise nach Jerusalem Dieser Begriff weckt keine angenehmen Assoziation in mir. Sogenannte "Gesellschaftsspiele" sind mir seit den frühen Schuljahren ein Graus. Da sich mein Ehrgeiz, unbedingt einen freien Stuhl erhaschen zu müssen, ebenso in Grenzen hielt wie meine Reaktionsschnelligkeit, war ich immer ganz schnell wieder draußen und schüttelte dann über die anderen Mitspieler den Kopf, die sich mit heller Begeisterung für etwas engagierten, das in meinen Augen solchen Einsatz nicht verdiente. Mir wollte sich der Sinn der Sache einfach nicht erschließen! Überhaupt verstehe ich jene nicht, die in Gewinnspielen unbedingt Sieger sein wollen und sogar mißlaunig werden, wenn sie verlieren. Der Ehrgeiz, im Spiel gewinnen zu müssen, geht mir ganz und gar ab. Am lästigsten finde ich Spiele, in denen man sich auf irgendeine Weise vor den anderen zum Affen machen muß - wie etwa beim Pfänderauslösen. Nein, an solcher Art Unterhaltung kann ich wahrlich kein Vergnügen finden.
3.10.2007: Feiertag Der heutige Feiertag ist der "deutschen Einheit" gewidmet. Es gibt zwar keine sichtbare Grenze mehr zwischen den ehemaligen beiden deutschen Staaten, aber es gibt eine nicht minder deutlich spürbare unsichtbare Grenze zwischen zwei Territorien mit unterschiedlichen Löhnen für gleiche Arbeit, unterschiedlichen Arbeitlosengeld-Sätzen, unterschiedlichen persönlichen Biographien und Lebenserfahrungen, unterschiedlichen Geschichtsbildern, unterschiedlichen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit und vielen anderen bedeutsamen Unterschieden im alltäglichen Lebensvollzug. Es gab zwar einen politischen Akt der Bildung eines einheitlichen Staates, aber es gab keine Vereinigung, sondern einen "Beitritt", das heißt: der eine beiden vorherigen Staaten wurde größer, der andere hörte auf zu existieren. Der eine stülpte seine Ordnungen und Regeln dem anderen über, für die Bürger des einen anderte sich (bis auf Sandmännchen, Postleitzahlen und Rechtspfeil) nichts, die anderen wurden über Nacht zu Fremden im eigenen Land. Wenn es keine Vereinigung gab und bis heute nicht gibt - was also sollte ich feiern? Was hat mir der 3. Oktober 1990 gebracht? Etwa die Freiheit? Was für eine Freiheit? Die Freiheit von der Diktatur, wie man immer wieder hört? Die Meinungsfreiheit? Die Freiheit von geheimdienstlicher Ausforschung? Die Reisefreiheit? Oder hat der Anschluß der DDR an die BRD mir die Demokratie gebracht? Hat mir 3. Oktober 1990 also gar nichts gebracht, für das ich dankbar sein kann? Doch, er hat mir die Möglichkeit gebracht, einem für mich sehr wichtigen Menschen aus Göttingen begegnen zu können. Das wäre vorher ausgeschlossen gewesen. Also bin ich dafür sehr dankbar. Er hat mir die Möglichkeit gegeben, sofort nach Beginn meiner finalen Niereninsuffizienz einen Dialyseplatz in Anspruch nehmen zu können. In der DDR gab es davon zu wenig, und ich hätte unter Umständen lange darauf warten müssen, bis einer frei geworden wäre. Vielleicht hätte ich diese Wartezeit nicht überlebt. Daß ich noch leben darf - und mit einer neuen Niere sogar sehr gut -, auch dafür bin ich sehr dankbar. Aber der 3. Oktober 1990 hat mir auch die Möglichkeit gebracht, das in Schule und Studium über den Kapitalismus theoretisch Gelernte praktisch bestätigt zu finden und das kapitalistische System (das "Krebsgeschwür der Menschheit", wie der bekannte niedersächsische Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann es nennt) am eigenen Leibe zu erfahren. Das hat meine politische Überzeugung mehr gefestigt als tausend kluge Bücher. Auch für diese Schule bin ich dankbar obwohl ich andererseits lieber auf sie verzichtet hätte. In meiner Vorstellung bis 1989 konnte es nur einen vereinigten deutschen Staat geben, in welchem eine Politik des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit gemacht würde - also ein sozialistischer Staat. Das allerdings war für mich eine sehr ferne Zukunftsvision, die ich ganz gewiß nicht erleben würde. Obwohl es anders gekommen ist, hätte ich es mir doch noch ganz anders gewünscht - nämlich als ein sehr langsames Zusammenwachsen und eine gerechte Angleichung aneinander durch die gegenseitige Übernahme dessen, was in der jeweils anderen Gesellschaft besser geregelt war als in der eigenen. Aber wollten die DDR-Bürger nicht selber eine schnelle "Vereinigung"? "Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr!"? Nun, ich denke, man darf die Hunderttausende Montagsdemonstranten und die "Wir-sind-EIN-Volk"-Schreier nicht verwechseln mit den Millionen anderer, die aus Überzeugung zu Hause geblieben sind. Das gibt ein falsches Bild. Was hätte ich mir gewünscht? Ich hätte mir den Austritt beider deutscher Staaten aus den jeweiligen Militärbündnissen gewünscht und die Entstehung eines friedlichen neutralen Deutschland (ähnlich der Schweiz), das nicht Soldaten in alle Welt schickt und seinen Luftraum den Kriegsverbrechern im Weißen Haus nicht zur Verfügung stellt. Das wäre meines Erachtens auch eine notwendige Lehre aus der verhängnisvollen deutschen Geschichte des XX. Jahrhunderts gewesen: "Nie wieder Krieg!" Ich hätte mir eine ganz neue gemeinsame Verfassung gewünscht und einen dicken Schlußstrich unter die Vergangenheit. Ich hätte mir gewünscht, daß die Deutschen in Ost und West einander ihre Lebensgeschichten erzählten und sich gegenseitig in ihrem jeweils unterschiedlichen So-Sein verstehen, achten und schätzen gelernt hätten. Ich hätte mir gewünscht, daß es keine Siegerjustiz hätte geben dürfen, nach der ehemalige DDR-Bürger für Handlungen bestrafen werden, die zur Zeit ihrer Ausübung nicht nur nicht verboten, sondern sogar geltendes Recht waren. Ich hätte mir gewünscht, daß man auf eine neue gesellschaftliche Situation nicht mit alten, unbrauchbaren Rezepten reagiert hätte, sondern mit ganz neuen Methoden: Gleiches Recht und gleiche Lebensbedingungen für alle, Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit durch Halbierung der Arbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn statt schwindelerregender Vergrößerung des Profits der internationalen Riesenkonzerne und Banken, direkte Demokratie statt Parteiengezänk und Herabwürdigung der Bürger zum bloßen Stimmvieh. Das alles ist nicht geschehen und wird auch so lange nicht geschehen, bis ein selbstbewußteres Volk das alles von den Regierenden ertrotzt. Davon aber sind wir vermutlich noch sehr weit entfernt. So gesehen, ist für mich heute ein willkommener freier Tag - aber kein Feiertag.
7.11.2007: Küche In meiner Kindheit war die Küche der Raum, wo sich das nahezu gesamte Alltagsleben unserer dreiköpfigen Familie Familie abspielte, denn die "gute Stube" (wie das Wohnzimmer hieß) wurde nur an Sonnen und Feiertagen genutzt und wenn Besuch da war. Obgleich die Küche sehr klein war, wurde darin nicht nur gekocht und gegessen, sondern auch die "kleine" Wäsche (im "Waschasch") gewaschen (das war ein großer zweihenkliger Eisentopf, der sich über alle vier Flammen des Gasherds erstreckte) und (auf die von einer Wand zur anderen gezogene Leine) aufgehängt (für die "große" Wäsche freilich mietete meine Mutter immer für einen ganzen Tag im Monat das Waschhaus im Hof). Es wurde in der Küche gebügelt, jeden Freitag nacheinander gebadet (in der Wanne aus der Bodenkammer), es wurde von meinem Vater die Schuhe der Familie besohlt und Behördenbriefe in die "Orga Privat" (Großvaters alte Schreibmaschine) gehackt, und es wurden Karten gespielt und mit Bauklötzchen Häuser errichtet auf dem Küchentisch. An kalten Tagen machte ich an diesem Tisch meine Hausaufgaben, malte und schrieb ich oder verfolgte gebannt Kinderhörspiele, denn das Kinderzimmer war (ebenso wie das Schlafzimmer der Eltern) nicht beheizbar. In der Küche dagegen war es auch an bitterkalten Tagen gemütlich warm, denn das Feuer im dem kleinen Kohleherd ("Huntofen" genannt), mußte den ganzen Tag brennen, damit (im sogenannten "Neeselbotten", einem kleinen wassergefüllten Ofenschacht) stets heißes Wasser verfügbar war. Einen Tauchsieder oder andere elektrische Küchengeräte hatten wir nicht. Darauf legte meine Mutter keinen Wert, sie meinte, ihre Mutter sei schließlich auch ohne diesen "neumodischen Plunder" ausgekommen. Dafür gab es unter anderem eine handbetriebene Kaffeemühle für den sonntäglichen "Bohnenkaffee", ein (gleichfalls mit der Hand zu betreibendes) Rührgerät und zum Warmhalten des Essens eine Kochkiste, die oft verwendet wurde, wenn ich später als zur Essenszeit aus der Schule kam. Da wir auch keinen Eisschrank besaßen und natürlich noch keinen Kühlschrank kannten, kamen die Essensvorräte in den immerkalten Felsenkeller, auf dem unser 1790 erbautes Haus stand. Dank dem Herd fiel in unserem Haushalt auch kein Müll an, denn der kam außer den Bioabfällen, die vom Bauern und später von der LPG regelmäßig abgeholt wurden, ausnahms- und unterschiedslos in den Kohlenkasten und wurde einschließlich aller Kunststoffprodukte verbrannt (von denen es damals allerdings noch weit weniger gab als heutzutage). Die beim Müllverbrennen entstehenden mitunter sehr hohen Temperaturen sorgten dafür, daß keine Rückstände blieben. Im späteren Verlauf meines Lebens schätzte ich schließlich sehr, daß es dann auch noch andere Räume zum Wohnen, Arbeiten und Ruhen gab als immer nur eine kleine Küche...
5.12.2007: Bettler Es ist ein Skandal, daß es Menschen gibt, die nicht das Nötigste zum Leben haben. Die Liebe gebietet, sie aus dieser Situation herauszuholen. Das kann freilich nur geschehen, indem der Staat zur Erfüllung seiner Fürsorgepflicht gezwungen wird, diesen Personen ein regelmäßiges Einkommen in menschenwürdiger Höhe zu sichern - Arbeitsfähigen durch Arbeit, den anderen in Form einer steuerfinanzierten Rente. So wäre niemand auf Almosen von Hilfsorganisationen oder einzelnen hochherzigen Menschen abhängig. Jeder Mensch hat ein natürliches Recht auf genügend Geld zum Leben! Betteln ist würdelos. Ich würde schlimmstenfalls eher verhungern, als daß ich den letzten Rest meines Stolzes aufgäbe und Straßenpassanten um Geld bäte. Ich bin überhaupt der Meinung, daß es einem Bettler nicht hülfe, würfe man ihm ein paar Münzen oder gar eine größere Banknote zu, denn damit wäre sein Elend ja nicht beseitigt. Es gliche einem Tropfen auf einem heißen Stein, und tags ginge das Betteln weiter. Erst recht brächte die barmherzige Zuwendung keinerlei Nutzen, falls sie in Alkohol umgesetzt würde. Daher wäre es wohl besser, dem bedauernswerten Menschen eine Einladung zu einer politischen Protestaktion zu geben, das ihm zugedachte Geld aber lieber einer Bewegung zu spenden, die für eine bessere Gesellschaft kämpft.
3.1.2008: Zeitmesser Ich bin ein großer Kalenderfreund. Als meine
Terminkalender habe ich überall bei mir den "Palm"-Taschencomputer und
"Action 365"-Taschenkalender mit den täglichen Bibelversinspirationen und dem
großen Anhang mit spirituellen Texten für alle Situationen. Einen weiteren
Terminkalender führe ich im Internet, dieser ist zugleich im Netzwerk auch von der
Liebsten mit nutzbar. Als Abreißkalender verwende ich den üblichen mittelgroßen
Tagesblock von Herlitz, den katholischen Tagesblock "Mit Gottes Wort von Tag zu
Tag" und den berühmten evangelischen "Neukirchener Kalender" mit den
täglichen Andachtstexten. An meinem häuslichen Arbeitsplatz erfreuen meinen
nachdenklichen Blick gelegentlich ein Monats-Fotokalender mit Bildern von der Enkelin und
kleinformatiger Bild-Monatskalender. Andere großformatige Monats-Fotokunstkalender
hängen in allen Räumen als Wandschmuck. Die Küche zieren ein Jahreskalender mit
Küchenkräuter-Bildern und ein Geburtstagskalender. Unterwegs führe ich noch mehrere
Jahresübersichten im Scheckkartenformat mit mir. Wenn ich Bücher verschenke, lege ich
ein Lesezeichen vom Kalender-Lesezeichenblock hinein. Seit meine Standard-Armbanduhr einen
internen Kalender hat, benutze ich keinen Uhrenarmbandkalender mehr. Seit vielen Jahren
begleiten mich noch durch das Jahr die Herrnhuter "Losungen" und ein
Kultur-Jahrbuch mit Gemälden, Gedichten, Sprüchen, Anekdoten, Biographien und anderen
kleinen Kostbarkeiten sowie gelegentlich auch irgendein informativ-unterhaltsames
Jahrbuch.
06.01.2008: Strafe Strafe muß sein! Ohne Bestrafung lernen wir nicht. Die psychologische Theorie vom operanten Konditionieren sagt, daß Lernen durch (positive und negative) Sanktionen erfolgt, also durch Belohnung und Bestrafung. Dabei ist unter "Belohnung" das Einsetzen angenehmer Konsequenzen oder das Aufhören unangenehmer Konsequenzen zu verstehen, und "Bestrafung" meint das Einsetzen unangenehmer Konsequenzen oder das Aufhören angenehmer Konsequenzen. Belohnung führt zur Wiederholung und damit Verstärkung erwünschten Verhaltens, und Bestrafung hat die Nichtwiederholung und damit die Schwächung unerwünschten Verhaltens zur Folge. Bestraftwerden wird, wenn es uns in unserer Entwicklung fördert, keineswegs als ungerecht empfunden und daher auch nicht innerlich abgewehrt. Drohende negative Sanktionen nehmen wir gern in Kauf, wenn wir dadurch erfolgreicher sind. Der strenge Lehrer zum Beispiel wird von seinen (zumindest ehemaligen) Schülern mehr geachtet als jener, der alles durchgehen läßt. Ein Experiment Erfurter Wissenschaftler aus dem letzten Jahr hat das eindrucksvoll belegt: Die Teilnehmer konnten wählen zwischen einer Gruppe, in der unkooperatives Verhalten bestraft wurde, und einer anderen, die es tolerierte. Mit der Zeit wechselten immer mehr Versuchspersonen in die Gruppe mit Strafen, weil diese erfolgreicher war. Hier liegt für mich übrigens auch ein Erklärungsansatz für die schlechten Zeugnisse der letzten PISA-Studien für das deutsche Schulwesen und für das erschreckend niedrige Verhaltensniveau der Schüler. Natürlich sind nicht alle Strafformen für das Lernen gleichermaßen gut geeignet. Strafen, die eine Verletzung der Menschenwürde darstellen (wie etwa körperliche Züchtigung, Psychoterror, Nichtachtung sowie alle anderen Methoden der Erniedrigung und Ehrverletzung) verbieten sich in einer humanistischen Gesellschaft von selbst. Gewiß mußte auch ich in meiner Rolle als Vater strafen. Dabei habe ich aber nach Möglichkeit stets die Methode des Aufzeigens und Wirkenlassens natürlicher Konsequenzen bevorzugt und auf selbst gesetzte Strafmaßnahmen weitgehend verzichtet (das heißt: wenn du das und das tust bzw. nicht tust, wird das und das Unangenehme für dich die logische Folge sein; nicht aber: dann werde ich das und das tun). Erwachsene Menschen bestrafe ich grundsätzlich nicht, denn ich fühle mich nicht zu ihrem Erzieher bestellt. Ich finde zudem, daß es in einer Lebensgemeinschaft keine Bestrafung geben sollte. Zur Überwindung unerwünschten Verhaltens des Partners kann dieser niemals durch häßliche Szenen, Schweigen oder gar Liebesentzug, sondern einzig und allein nur durch Liebe befähigt werden. Ich bestrafe mich auch nicht selbst, denn ich nehme mich so an, wie ich bin und habe nicht weniger Geduld und Verständnis mit meinem eigenen Versagen wie mit dem anderer.
22.01.2008: Streitkultur Streiten ist dann unumgänglich, wenn es verschiedene, ja gegensätzliche Auffassungen in einer WICHTIGEN Frage gibt, über die man sich einigen muß. (Über unwichtige Meinungsverschiedenheiten streitet man sich nicht, die nimmt man einfach nur zur Kenntnis). Es kommt allerdings sehr darauf an, WIE man streitet. Bei einem guten Streit sind Regeln zu beachten. Hier sind ein paar davon: 1. Beginne nie einen Streit mit der Vorstellung, du habest zweifellos recht,
und dein Gesprächspartner sei unbedingt im Irrtum! 2. Höre deinem Gesprächspartner aufmerksam zu und bemühe dich dabei
aufrichtig, seinen Standpunkt und seine Argumente zu VERSTEHEN auch wenn du ganz
anderer Meinung bist! 3. Unterscheide sauber den STANDPUNKT von der PERSON! 4. Bleibe stets sachlich und reize deinen Kontrahenten nicht zu empörten,
wütenden Reaktionen! 5. Bleibe konsequent beim Gegenstand des Streits und rede nicht von Dingen, die
in der Vergangenheit liegen! 6. Drücke Kritik an deinem Gegenüber so aus, daß sie nicht als herzloser
Vorwurf empfunden werden kann! 7. Gib es freiwillig zu, wenn du erkennst, daß du dich geirrt oder falsch
verhalten hast! 8. Bedenke, daß es ganz selten nur EINE Wahrheit gibt! 9. Schrei nicht beim Streiten! 10. Trage deinen Anteil dazu bei, daß es nach dem Ende des Streits keinen
Verlierer gibt, sondern zwei Gewinner! Diese (und noch weitere) Spielregeln müssen natürlich BEIDE Seiten kennen und einhalten. Wenn ich danach handle (und das tue ich grundsätzlich), dann kann trotzdem ein häßlicher Streit entstehen, wenn der Gesprächspartner nicht mitspielt.
25.02.2008: Nachgeben Nachgeben ist Ausdruck von Charakterschwäche, wenn jemand nicht den Mut oder die Kraft hat, seine als richtig erkannte Meinung oder seinen Willen auch gegen Widerstände so lange zu verteidigen, wie es notwendig, sinnvoll und verantwortbar ist. Nachgeben ist Ausdruck von Charakterstärke, wenn jemand aus Einsicht oder aus Gründen der Vernunft den Mut und die Kraft aufbringt, seine als falsch erkannte Meinung zu ändern oder sich einem anderen, vielleicht besseren Willen zu beugen. Auch denke man in diesem Zusammenhang an die beiden Ziegen. Die Weisheit und das Verantwortungsbewußtsein eines Menschen zeigen sich darin, daß er weiß, wann es gilt, beharrlich zu bleiben, und wann es klüger ist nachzugeben. Beides offenbart seinen Charakter.
23.11.08: Trinkgeld Ich war schon immer ein Gegner der Trinkgeld-Unsitte, und zwar aus drei Gründen: 1. Für mich hat die herablassende "Behalten-Sie-den Rest"-Geste etwas von Gutsherrenart an sich, nach der einem Lakaien das Wechselgeld großzügig geschenkt wird. Es gibt Länder, in denen ein Kellner das sogar als Beleidigung empfindet. Mit Recht, wie ich meine. 2. Jeder Werktätige erhält für seine Arbeit einen Lohn bzw. ein Gehalt. Er sollte also auf "Trinkgeld" nicht angewiesen sein. Ist sein Arbeitseinkommen zu gering, dann sollte er sich an seinen Arbeitnehmer wenden (nein, das ist keine Wortverwechslung, denn der Arbeitnehmer ist der, der die Arbeit eines abhängig Beschäftigten in Anspruch nimmt!). Derjenige jedoch, der eine Dienstleistung in Anspruch nimmt, kann nicht moralisch verpflichtet sein, Hungerlöhne abzumildern. 3. Außerdem verstehe ich nicht, weshalb man manche Berufe (z.B. Kellner, Friseure, Taxifahrer, Kofferträger, Handwerker) für trinkgeldwürdig hält und andere dienstleistende, in denen kaum weniger gut gearbeitet werden dürfte, nicht. Ich habe noch nie gehört, daß einem Arzt, einem Postzusteller, einem Behörden-Sachbearbeiter, einer Raumpflegerin oder einem Verkehrspolizisten ein Trinkgeld gegeben wird. Ich als Dozent habe auch noch nie von einem Studenten ein Trinkgeld bekommen. Wozu auch? Will man jemandes außergewöhnlich gute Arbeit dankbar anerkennen, so soll man das mit lobenden Worten oder mit einer symbolischen Geste tun anstatt mit Geld. So halte ich es zum Beispiel bei meiner Friseuse, und daher weiß sie - auch wenn sie von mir nie Trinkgeld bekommt - daß ich ihre ausgezeichnete Arbeit und ihre Freundlichkeit sehr wohl hoch zu schätzen weiß.
18.12.08: Weihnachtsbaum Bei mir gibt es keinen Weihnachtsbaum in der Wohnung. Was soll er auch dort? Mir gefallen die Fichten und Tannen draußen in der Natur, allenfalls mit Schneebelag geschmückt viel besser. Ein Weihnachtsbaum in der Wohnung hat - wenn überhaupt - seine Bedeutung doch nur dann, wenn er einzig drittehalb Tage lang geschmückt und mit für jeweils kurze Zeiten angezündeten Kerzen zu bewundern ist. Was für ein Widersinn, wenn der Baum wochenlang von früh bis abends mit schiefstehenden kerzenähnlichen Lämpchen düster vor sich hin leuchtet, ohne daß ihn jemand eines Blickes würdigt! Für die kurze Zeit aber, in der er noch einen gewissen Sinn haben könnte. ist es wahrlich schade um den Baum, das Geld und die Mühe. Was für ein traurig Ding ist doch der angeputzte Weihnachtsbaum im Wohnzimmer! Ein Jugendleben voller Erwartung, drei Abende im Prachtschmuck und dann für den Rest des allzu kurzen Daseins lieblos abgestellt in der einsamen dreckigen Bodenkammer - allein mit den trügerischen Hoffnungen auf neuen Glanz - bis zum Feuertod. Man lese nur Andersens wunderschönes, von bitterer Wahrheit erfüllte und philosophisch tiefschürfende "Märchen vom Tannenbaum". Da ist alles gesagt.
21.01.09: Wie auf rohen Eiern Wie auf rohen Eiern bewege ich mich achtsamen, nach unten gerichteten Blickes, mit angespanntem Nacken und drehenden Füßen behutsam Schrittchen vor Schrittchen setzend, langsam voraus, wenn Glatteis ist.
06.02.08: Spiegel Spiegel sind nützliche Instrumente, aber was wir in ihnen sehen, sind nicht die Dinge selbst, sondern nur Abbildungen von ihnen. Unsere Erkenntnis ist nicht die objektive Realität, sondern das, was unsere Spiegelbilder uns zeigen. Was wir sicher zu wissen glauben über alles, was außerhalb von uns ist und über uns selbst, ist nichts anderes als die Spiegelung der Wirklichkeit durch unsere Sinne. Bekanntermaßen ist aber dieser unser "Spiegel" ganz und gar nicht zuverlässig, weswegen wir ihm nicht zu sehr vertrauen sollten. Es wäre sehr vermessen zu behaupten, wir wüßten irgendetwas mit letzter Gewißheit! Morgen schon kann jedes angeblich unwiderlegbar bewiesene Wissen sich als Trugbild erweisen. Das geschieht andauernd und immer wieder. Aussagen also, die wir für wahr und richtig halten, sollten wir nicht "wahr" und "richtig" nennen, sondern mit aller Bescheidenheit und Demut als unzulängliche und oft wohl gar fehlerhafte Spiegelbilder in unserer subjektiven und mithin irrtumsbeladenen Wahrnehmung.
28.02.08: Sonntagsarbeit Es gibt Berufe, in denen sonntags gearbeitet werden muß, und es gibt Berufe, in denen sonntags nicht gearbeitet werden muß. In letzteren sollte man dann folgerichtig auch darauf verzichten, arbeiten zu lassen. Daß man als Krankenschwester Sonntagsdienste hat, weiß jede, die sich dafür entscheidet, Krankenschwester zu werden, und nimmt das also in Kauf. Ebenso weiß aber auch der Verkäufer, daß die Öffnung von Ladengeschäften an Sonn- und anderen Feiertagen nicht erforderlich ist, und also braucht er sich nicht daran hindern zu lassen, die Sonntage gemeinsam mit Frau und Kindern zu feiern. Der Sonntag ist nun mal kein Werktag, und das ist gut so, und deshalb sollte es auch - bis auf die unvermeidlichen Ausnahmen - so bleiben. An meiner Buchhandlung steht immer in der Adventszeit geschrieben: "Liebe Kunden! Aus religiösen, kulturellen und sozialen Gründen haben wir sonntags grundsätzlich geschlossen - also auch an einkaufsoffenen Sonntagen. Bitte decken Sie sich montags bis samstags mit Ihrer Sonntagslektüre ein." Der erste Satz dieses Schildes sollte das ganze Jahr über an den geschlossenen Türen aller Dienstleistungseinrichtungen hängen, wo Sonntagsarbeit nicht als lebensnotwendig angesehen werden muß.
04.03.2009: Stimme Meine Stimme ist mein wichtigstes Arbeitsmittel. Mit ihrer Hilfe kann ich Aufmerksamkeit erregen, Interesse wecken, Eindruck machen, Gefühle erzeugen, Einfluß ausüben. Genetische Anlage einerseits sowie sprecherzieherische Schulung und Stimmausbildung andererseits haben mir einen sehr weiten Stimmumfang gegeben, so daß ich früher im Chor zwar hauptsächlich Baß gesungen habe, zugleich aber auch Tenor- und Contraaltlpartien durchaus beherrschte. Nahezu täglich dient mir meine Stimme zum Halten von freien Vorträgen und das Sprechen von Texten. Wenn ich Reden halte, setze ich mit Vergnügen alle mir zu Gebote stehenden rhetorischen Mittel ein, um durch Variation in Stimmhöhe, Stimmdruck, Klangfärbung, Lautstärke, Sprechtempo und Intonation die gewünschten Wirkungen zu erzielen. Ich habe aber auch viel Freude daran, mit meiner Stimme zu spielen, indem ich - wenn ich mich unbelauscht fühle - mannigfaltige Tier-, Kinder- und sehr wesensverschiedene männliche und weibliche Charakterstimmen kreiere. Meine Stimme ist für mich ein kostbares, unersetzliches Geschenk, für das ich dankbar bin.
11.03.2009: Warteschlangen Ich mag Warteschlangen. Sie sind für mich wie Ruheinseln in der Betriebsamkeit des Alltags und bedeuten mir Befreiung vom allgegenwärtigen Zwang zu Aufmerksamkeit und Konzentration. Nichts treibt und drängt mich. In der Schlange kann ich ungehindert meine Gedanken schweifen lassen, Leute beobachten und Studien treiben, meditieren oder lesen - je nach Lust und der Länge der Schlange entsprechend. Wartet ein unliebsamer Termin auf mich, so habe ich ohne schlechtes Gewissen eine akzeptable Entschuldigung für mein Zuspätkommen oder meine telefonische Absage: Die Schlange war zu lang!
29.03.2009: Verloren - Gefunden Im Verlieren finden wir, und im Finden verlieren wir. Wir besitzen vieles, aber nichts ist auf Dauer unser Eigentum. Wir kommen mit nichts und gehen mit nichts. Alles, was wir gefunden haben, ist nur geliehen. Also sollten wir dankbar sein für das, was wir haben, und es wertschätzen. Leider aber denken wir an die Kostbarkeit dessen, was uns gegeben ist, meist erst dann, wenn wir es verloren haben.
02.05.2009: Kassenbuch Zu meinem zehnten Geburtstag bekam ich erstmals Taschengeld - fünf Mark pro Monat. Dazu schenkte meine Mutter mir ein Büchlein, in das ich fein säuberlich und exakt jeden Pfennig an Ausgaben und Einnahmen eintragen sollte, und stets am Monatsersten, wenn es neues Taschengeld gab, überprüfte die Mutter meine Buchführung. So erzog sie mich früh zum gewissenhaften Umgang mit Geld. Seitdem habe ich ununterbrochen Kassenbücher geführt. Vor sieben Jahren allerdings habe ich angefangen, es mit Hilfe eines Rechnerprogramms zu tun. Das geht viel komfortabler. Ich hätte mir mein Leben nie ohne Kassenbuch vorstellen können! Wie sollte ich sonst wissen, wofür ich wieviel Geld ausgegeben habe und wieviel Geld ich folglich in meiner Geldbörse und auf meinen Konten haben müßte? Wie sollte ich wissen, wann genau in den letzten Jahren ich welche Anschaffungen zu welchem Betrag getätigt habe? Wie sollte ich wissen, ob ich nicht vielleicht beim Einkaufen versehentlich zu wenig Geld zurückbekommen oder irgendwo zu viel bezahlt habe? Wie sollte ich sonst ein Kassenminus feststellen und ihm nachforschen können? Und wie sollte ich feststellen können, welche Preise während einer bestimmten Zeitspanne erhöht worden sind? Falls wer meint, das alles brauchte man ja eigentlich gar nicht zu wissen, so kann ich demjenigen nur empfehlen, ein Jahr lang ein Kassenbuch zu führen. Dann wird er ein viel entspannteres Verhältnis zu seinem Geld bekommen. Er wird sich nie mehr fragen: Wo ist nur wieder mein Geld geblieben?! Und er wird in dem Wissen ruhig schlafen können, es nicht vergeudet zu haben.
30.05.2009: Heimat "Heimat" ist für mich eines der schönsten und teuersten Wörter, denn es weckt wunderbare Gefühle! In meinem Sprachgebrauch bezeichnet es aber nicht nur einen geographischen Ort (den Ort, wo meine Wurzeln sind, und die Orte, wo ich Wurzeln schlage, den Ort meiner Herkunft also und die Orte meines Angekommenseins), sondern auch eine geistige Welt, in der ich mich umhüllt fühle und zu Hause weiß, die meinem Dasein Sinn und Bestimmung, Struktur und Halt gibt. So ist meine Heimat beispielsweise nicht nur ein äußeres Staatsgebilde, das zu existieren aufgehört hat, sondern auch eine enge innere Verbundenheit mit der großartigen Idee, die ihm zugrunde lag und die in der Erinnerung der Menschheit nie verlorengehen wird. Überall auf der ganzen Welt, wo ich Menschen begegne, mit denen mich die gleiche Art zu glauben, zu denken und zu fühlen eint, ist meine Heimat. Ich unterscheide freilich auch zwischen den vergänglichen Heimaten dieses Lebens und der unvergänglichen Heimat, aus der wir kommen und in die wir zurückkehren werden, das ewige Sein, das in uns ist und dessen Teil wir sind.
03.06.2009: Pünktlichkeit Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sind edle Tugenden, die ich an anderen und mir selber hoch schätze. Da man an sich selber keine geringeren Forderungen und Erwartungen haben sollte als an seine Mitmenschen, ist einer der wichtigsten Ansprüche, die ich an mich selbst stelle, zu Verabredungen niemals unpünktlich zu erscheinen und gegebene Zusagen stets peinlich genau einzuhalten. Deshalb führe ich zwei Terminkalender (einen Buchkalender und einen Netzkalender), die ich nach jedem neuen Eintrag miteinander abgleiche. Sollte ich meinen immer mitgeführten Taschenkalender einmal verlieren, so könnte ich über den Taschenfunkfernsprecher oder über jeden beliebigen Rechner meine Verpflichtungen abrufen. An wichtige Termine lasse ich mich rechtzeitig durch einen Alarm erinnern. Damit ich pünktlich an Ort und Stelle bin, verlasse ich - nach dem Grundsatz: Lieber zu früh als zu spät! - das Haus so früh, daß ich mich auch dann nicht verspäten kann, wenn einmal ein öffentliches Verkehrsmittel ausfallen sollte. Tritt allerdings höhere Gewalt ein (also beispielsweise plötzliche schwere Erkrankung, Unfall, Klinikeinweisung, Streik der Verkehrsbetriebe, Katastrophenfall oder ähnliches), dann benachrichtige ich auf dem schnellsten Wege die Person, die mich erwartet oder auf die Erledigung eines übernommenen Auftrages vertraut. Ich glaube, das bin ich ihr schuldig. So sagen alle Leute, die mich gut genug kennen, auf mich sei in jedem Falle hundertprozentig Verlaß. Darauf bin ich stolz.
29.07.2009: Diener Zu "Diener" fällt mir als erstes (also noch vor dem Dienstmann und vor dem "stummen Diener"!) die kleine Verbeugung ein, die noch in meiner Kindheit Knaben bei der Begrüßung durch Erwachsene auszuführen hatten. "Mach einen Diener!", wurde einem zugezischt, wenn man gerade nicht daran gedacht hatte. Bei Mädchen hieß es stattdessen: "Mach einen Knicks!", und dann knickten sie mit einem gewinnenden Lächeln beim Begrüßen in den Knien kurz ein, was sehr hübsch aussah. Ich fand und finde noch immer diese netten kleinen Höflichkeitsformen sehr schön, und ich bedaure es außerordentlich, daß sie so völlig aus der Mode gekommen und gänzlich vergessen sind. Es sind für mich Zeichen der Wohlerzogenheit und der Ehrerbietung vor erwachsenen Personen. Völlig undenkbar, daß damals ein Kind bei der Begrüßung durch einen Erwachsenen hätte lässig dastehen können, kaugummikauend und die Hände in den Hosentaschen! Heute erscheint solches respektloses Gebaren den meisten Leuten als selbstverständlich, und nur noch wenige ältere Herrschaften nehmen daran berechtigten Anstoß. Selbst Erwachsene deuten ja heute beim Handschlag, beim grüßenden Vorbeigehen auf der Straße, beim Gruß an eine Gruppe, als Ausdruck des Dankes und begleitend zu einer den Bejahung keine Verbeugung mehr an. Wir sehen das nur noch selten, und zwar vor allem bei Kavalieren der "alten Schule", zu denen auch ich mich zähle. Daß es "Diener" und Verbeugungen heute kaum mehr gibt, sagt viel über den allmählichen Verfall der Sitten und der guten Manieren während der letzten fünfzig Jahre.
9.11.2009: Handtasche Ich finde, es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, daß die Handtasche für Frauen eine Selbstverständlichkeit ist und für Männer nicht! Warum müssen Männer mit Brieftasche, Geldbörse, Schlüsselbund, Lesebrille, Schreibgeräten, Notizbuch, Visitenkartenetui, Faltbeutel, Sicherheitsnadeln, Ringgummis, Medikamenten, Erfrischungsbonbons, Pfefferspray, Taschenfernsprecher, Taschentüchern, Taschenspiegel, Taschenmesser, Taschenalarm, Ersatzschnürsenkel und anderen notwendigen kleinen Dingen für unterwegs ihre Hosen-, Jacken-, Westen- und Manteltaschen ausbeulen, wenn sie nicht dauernd und überall eine Aktentasche mit sich herumtragen wollen?! Gut, es gibt die Herren-Gelenktäschchen. Aber ich habe gehört, die seien wohl nicht mehr so recht zeitgemäß. Also, was tun? Ich schere mich nicht um die Mode und benutze weiterhin meine gute lederne kleine Herrenhandtasche mit Tragegriff oder zum Umhängen. Die Handtasche darf kein alleiniges Vorrecht für Frauen sein!
7.12.2009: Garten Ich habe keinen Garten, aber ich habe eine Vorstellung von einem Garten, wie er mir gefallen könnte. Der Garten meiner Träume ist ein stiller Ort, denn er liegt fernab vom Lärm der Straße, am Rande des Waldes, ein Viertelstündchen von zu Hause entfernt. Es ist ein englischer Garten, ringsum von alten Eichen und wuchtigen Sträuchern blickdicht und einbruchsicher eingegrenzt, und auch darinnen stehen mehrere schattenspendende Laubbäume. Ferner gibt es einen Apfel- und einen Birnbaum. Beide sind so niedrig geschnitten, daß es nur einer kleinen Trittleiter bedarf, um die Früchte zu pflücken, denn auf hohen Leitern kann ich nicht freihändig stehen. Mein Traumgarten ist so groß wie etwa zehn kleine Schrebergärten zusammen, er besteht hauptsächlich aus Rasen, Büschen, Hecken, Wegen, Brücken, Ruhebänken, ein paar Felsbrocken, einem Baumhaus, einem Labyrinth, einer Heilquelle, einem sich durch den ganzen Garten schlängelnden Bach und einem kleinen schattigen, stehtiefen Badesee mit Zufluß aus der Wasserleitung und Abfluß ins Grundwasser. In der Mitte des Sees sprudelt ein kunstvolles Wasserspiel mit Fontäne in die Höhe. Ein paar wenige Gemüse-, Obst- und Blumenbeete nehmen eine kleine Ecke der Gartenfläche ein. Es ist also weniger ein Arbeits- denn ein Erholungsgarten, in dessen urwüchsige Natur ich kaum eingreife. Ich brauche auch keine Rasenmähmaschine, stattdessen halte ich zwei vertraute Schafe (männlich und weiblich), die es sich, wenn sie nicht gerade zum Grasen angepflockt sind, in einem kleinen bequemen Schafstall am Gartenrand gemütlich machen, die Zeit vertreiben und schlafen können. An der Stelle mit der schönsten Aussicht meines Traumgartens steht ein mit Teeküche, Duschkabine, Wasserklosett, elektrischem Strom und einer kleinen Bibliothek ausgestattetes dreieiräumiges stilvolles Tuskulum mit Terrasse, Vorbau und Balkon, wo ich lesen und schreiben, essen und trinken, Gäste zu Gespräch oder Andacht empfangen und bewirten, aber zugleich auch wohlig ruhen kann.
1.4.2010: Gehorsam Gehorsam spielte in meiner Kindheit eine große Rolle. Kinder hatten ihren Eltern und Lehrern zu folgen, d.h. zu gehorchen, und wenn sie es nicht taten, gab es mitunter harte Strafen. Eltern und Lehrer begründeten nicht jede Anweisung; wir Kinder hatten sie ohne Fragen oder gar Widerworte zu befolgen. Immerhin hatten die Erwachsenen uns Kindern die Erfahrung, die bessere Einsicht und den größeren Weitblick voraus, und sie forderten uns nicht, um uns zu schikanieren, sondern weil sie uns liebten und achteten und weil sie uns auf das Leben vorbereiten wollten. Ich fordere dich, weil ich dich achte, war der Leitssatz des berühmten sowjetischen Pädagogen Anton Semjonowitsch Makarenko (1888-1939), der in meiner Kindheit viel galt. Wahrer Gehorsam wird nicht durch die Furcht vor Strafe erzwungen, sondern aus Ehrfurcht und Liebe geleistet. Natürlich ist es möglich, mit Hilfe des Zwangs zu unbedingtem, blindem Gehorsam Kindern den Willen zu brechen und ihrer Persönlichkeit Schaden zuzufügen; aber das liegt dann nicht am Gehorsam, sondern an seinem Mißbrauch. Jedes an sich gute Mittel läßt sich auch mißbrauchen. Das spricht jedoch nicht gegen das Mittel, sondern gegen den unreifen und gewissenlosen Menschen, der es mißbraucht. Also kann man die Erziehung zum Gehorsam nicht einseitig verdammen, nur weil sie im Einzelfall auch zu unlauterem Zwecke eingesetzt wird. Genau diese Verdammung geschieht aber seit den sechziger Jahren bis heute! Kinder müssen, ja sollen nicht mehr gehorchen. Gehorsamkeit ist kein Erziehungsziel mehr, denn sie mache Kinder zu Untertanen. Also läßt man ihnen ihren Willen, diskutiert endlos mit ihnen, statt ein abschließendes Machtwort zu sprechen, und macht sie auf diese Weise lieber zu Tyrannen. Meiner Persönlichkeitsentwicklung hat es nicht geschadet, Gehorsam zu lernen, im Gegenteil, es hat mir geholfen, Selbstdisziplin und Sozialkompetenz zu entwickeln und damit das Leben zu meistern. Die Führungsposition, die ich beruflich einzunehmen hatte, konnte ich besser erfüllen, weil ich als Kind gelernt hatte, Führung zu akzeptieren. Nur wer selber erzogen worden ist, sagt eine alte Erkenntnis, kann andere erziehen; und nur der sollte befehlen dürfen, der Befehlen zu gehorchen gelernt hat. Heute wollen Eltern und Lehrer die Freunde und Partner der Kinder und Jugendlichen sein, und damit erwarten sie von den Heranwachsenden etwas, was diese nicht zu erfüllen imstande sind, weil sie die nötige Reife dazu einfach noch nicht haben können. Statt einen deutlichen Rangunterschied zu machen zwischen den Willen des Erwachsenen und dem Willen des Kindes, wird der kindliche Wille dem Elternwillen gleich- oder sogar höhergestellt, und das muß schiefgehen: Die Eltern werden immer unsicherer und hilfloser, weil sie sich nicht mehr getrauen, sich durchzusetzen, den Lehrern tanzen die Schüler immer boshafter auf der Nase herum, Jugendliche werden zunehmend charakterlich ungefestigt, moralisch haltlos, rücksichtslos gegen andere und kriminell. Das ist auch völlig natürlich,. denn Heranwachsende brauchen klare Regeln und undiskutierbare Grenzen, wenn sie sich natürlich und gesund entwickeln sollen. Ob wir das nun Führung nennen oder Disziplin oder Gehorsam es läuft auf dasselbe hinaus. Irgendwann wird man erkennen müssen, daß die Erziehungspraxis der letzten vierzig Jahre gescheitert ist und daß die antiautoritäre Erziehung ein Irrweg war. Eltern und Lehrer müssen Autoritäten sein, die von den Kindern und Jugendlichen anerkannt, respektiert und geliebt werden! Sonst kann Erziehung nicht gelingen. 29.06.2010: Nachbarschaftsstreit Zum Nachbarschaftsstreit gehören immer zwei Parteien: eine, die Streit vom Zaun bricht, und eine, die sich provozieren läßt. Mit mir würde das nicht funktionieren: Ich bin ein ausgesprochen ruhiger und freundlicher Mensch, und ich fange nie mit jemandem Streit an, denn ich denke, daß sich alles vernünftig regeln läßt. Sollte jedoch ein Nachbar mit mir streiten wollen (was ich allerdings noch nie erlebt habe), so würde ich ihn einfach ins Leere laufen lassen. Nur wenn man mitspielt, kriegt ein Streit Nahrung und eskaliert am Ende. Aber bei mir hätten Streithammels keinen Erfolg, und sobald sie das mitkriegten, verlören sie auch bald den Spaß am Streiten.
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