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Betrachtungen




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I
nterreligiosität - Die Suche nach der Einheit in der Vielfalt
Richard-L.-Cary-Vorlesung 2009


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© Eberhard E. Küttner, 11. Januar 2010

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Der Widersinn des Sprachfeminismus

Heutzutage sagen manche Leute, wenn sie von den Rentnern und den Sozialhilfeempfängern sprechen: "die Rentnerinnen und Rentner und die Sozialhilfeempfängerinnen und Sozialhilfeempfänger", und sie bringen gar solche Wortungetüme zu Papier wie "RentnerInnen" und "SozialhilfeempfängerInnen". Diese Unsitte nennt man "Sprachfeminismus", weil diejenigen, die sich solcher umständlicher Ausdrucksweise bedienen, meinen, sie drückten damit ihr Bekenntnis zur Gleichberechtigung der Geschlechter aus. Dabei weiß doch jedes Schulkind, daß im Deutschen (im Unterschied beispielsweise zum Französischen) Mehrzahlwörter kein grammatisches Geschlecht haben, und deshalb können sie auch gar nicht ausschließlich Männer bezeichnen. Von einer "männlich dominierten Sprache", die von den deutschen Sprachfeministen beklagt wird, kann mithin keine Rede sein. Wer also von "den Rentnern" spricht, hat keineswegs nur die männlichen Rentenempfänger im Sinne, sondern meint - ganz gleichberechtigt! - die männlichen und weiblichen Bezieher eines Renteneinkommens. Der Extrabenennung (und damit Doppelerwähnung!) der Rentnerinnen bedarf es folglich nicht.

Wollte man diese lästige Sprachdummheit ganz konsequent betreiben, dann müßte man solche Mehrzahlwörter wie beispielsweise "Deutsche", "Menschen", "Kranke", "Flüchtlinge" und "Gäste" grundsätzlich meiden, denn nach der Auffassung der Sprachfeministen dürften ja stets nur Männer damit gemeint sein. Als Ausweg kommen selbstverständlich auch nicht solche völlig überflüssigen Neuschöpfungen in Frage wie etwa der unsinnige und häßliche Ausdruck "unseren Gästen und -gästinnen", den ich doch tatsächlich in einem - ansonsten ernst gemeinten! - Text in einer seriösen Zeitschrift gedruckt sah. Ich mußte zweimal hinschauen, denn ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Es tat richtig weh. Ganz schlimm finde ich es ja, wenn man sinnlose neue Wörter erfindet wie beispielsweise "frau" zu "man" oder gar "befrauschen" anstelle von "beherrschen"!

Ich halte es für absurd, ernsthaft anzunehmen, das Problem der Benachteiligung des Weibes in der Gesellschaft könne man dadurch lösen, daß man grammatische Regeln außer Kraft setzt. Genau so gut könnte man den Hunger in der Welt beseitigen, wenn man das Wort "Hunger" abschafft.

Nach meiner Überzeugung muß die gesellschaftliche Realität anders organisiert werden, wenn Gleichberechtigung Wirklichkeit werden soll! Dazu bedürfte es freilich einer anderen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der für gleiche Arbeit gleicher Lohn gezahlt wird, in der es auf allen Ebenen eine wirksame Frauenförderung gibt, eine Unterstützung beispielsweise von alleinstehenden Schwangeren und jungen Müttern in der Ausbildung, im Berufsalltag und bei der Wohnungssuche, einen gesetzlichen Anspruch auf einen kostenfreien Kinderkrippen- oder Kindergartenplatz für jedes Kind, gleiche berufliche Aufstiegsmöglichkeiten für beide Geschlechter (nach Eignung, nicht nach Quote!) usw. Aber das alles hatten wir schon einmal! Die Frauen, die einst davon profitierten, wissen es im Rückblick heute noch zu schätzen. Ein Staat, der nichts tun will für die Gleichberechtigung, versucht freilich, die Aufmerksamkeit der Frauenrechtler davon ab- und hinzulenken zu jedem grotesken Sprachfeminismus als Alibi, ihre Männerpolitik nicht ändern zu müssen. Da nimmt man dann sogar billigend in Kauf, daß der Sprache schlimme Gewalt angetan wird. Von der ist noch weniger Widerstand zu erwarten als von den viel zu duldsamen entrechteten Frauen...

Der Schweizer Sprachwissenschaftler Dr. Arthur Brühlmeier schreibt: Mit dem Sprachfeminismus "wird ... so schwerwiegend in die Sprache eingegriffen, dass die Lektüre nicht bloss ermüdend wirkt, sondern das laute Lesen teilweise sogar unmöglich wird und der Inhalt kaum mehr verständlich ist. [...] Angesichts dieses Resultates verwundert es denn auch nicht, wenn zunehmend selbst Frauen die neuen Sprachgebräuche als lästig, ja sogar als lächerlich empfinden und keinen Gewinn darin zu sehen vermögen, beim Lesen immer wieder die Banalität bestätigt zu bekommen, dass dem Schreiber die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen bewusst war."

Daß diese dümmliche Rede- und Schreibweise nicht nur lästig und lächerlich, sondern auch sprachlicher Unsinn ist und dem löblichen Gedanken der Gleichstellung von Mann und Weib keineswegs förderlich, sondern sogar abträglich ist, beweist Dr. Brühlmeier überzeugend in seinem sehr lesenswerten Aufsatz "Sprachzerstörung aus Konzilianz - die Umkehr ist fällig oder: Wider die Abschaffung des allgemeinen Menschen in der deutschen Sprache oder: Alibi-Feminismus - kein Gewinn für die Frauen" (http://www.bruehlmeier.info/sprachfeminismus.htm). Ich kann die Lektüre dieses Aufsatzes jedem Sprachliebhaber nur sehr empfehlen!

© Eberhard E. Küttner, 4. Juni 2009

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Eine wunderbare Chance
Meine Erfahrungen mit Dialyse und Transplantation

Eines schönen Tages im Sommer 1993 sagte mir mein Hausarzt im Ergebnis einer Routine-Untersuchung, daß mein Kreatinwert viel zu hoch sei, und ich müsse unbedingt zum Facharzt.
Ich verstand gar nichts.
Was ist "Kreatinin", und was bedeutet dieser Wert? Außerdem hatte ich überhaupt nicht das Gefühl, krank zu sein.

Der Hausarzt hatte wenig Zeit, auf solche Laienfragen einzugehen, deshalb rief er gleich beim Nephrologen an, machte auch sofort einen Termin für mich mit ihm aus und meinte dann beim Ausfüllen der Überweisung, dort bekäme ich das Ganze genauer erklärt.

Bis zum Termin beim Nephrologen hatte ich mich über Fachbücher und Internet selber kundig gemacht, und der Nephrologe schien erleichtert, als er merkte, daß ich offenbar schon informiert war. Er meinte unter anderem, daß es mit der Dialyse noch sehr lange dauern, aber auch ganz schnell gehen könnte. Das hinge unter anderem davon ab, wie diszipliniert ich meine Eiweißzufuhr reduzieren und viel trinken würde.
Die Diagnose hieß: Chronische Niereninsuffizienz infolge Glomerulonephritis unbekannter Genese, und die Woche darauf hatte ich einen Termin beim Gefäßchirurgen zur Shunt-Operation. Spätestens da war mir klar ersichtlich, daß es ernst war, und daß sich mein Leben von Grund auf ändern würde.
Da war ich 44 Jahre alt, verheiratet, Vater zweier schulpflichtiger Töchter, Angestellter in leitender Position.
Auch für Frau und Töchter brachte die neue Situation natürlich Ängste und Sorgen mit sich, und sie hofften gemeinsam mit mir nur, es möge noch sehr lange dauern mit der Dialyse, aber dann ging es doch ganz schnell. Im Verlaufe eines halben Jahres stieg das Serumkreatinin bis 12,3 mg/dl, und einen Tag nach Weihnachten 1993 fand meine erste Dialyse statt.

Ich denke, wer nicht wie ich gewohnt und in der Lage ist, sich selber zu informieren, braucht gleich nach der Diagnosestellung verständliche Aufklärung und hilfreiche Begleitung durch den Arzt, am besten auch unter Einbeziehung des Ehepartners oder Lebensgefährten.
Viele Dialysepatienten, die ich kennengelernt habe, hätten sich in dieser ersten Zeit von ihren Ärzten mehr Zeit gewünscht und ein individuelles Eingehen auf ihre Fragen und Ängste und eine Sprache, die sie verstehen können.

Zunächst hatte ich für mich die Entscheidung zu treffen zwischen Zentrums- und Heimdialyse. Ich hatte mich für die Zentrums-Hämodialyse entschieden, weil die persönlichen und häuslichen Bedingungen für die Dialyse zu Hause mir in meinem Falle nicht ausreichend gegeben zu sein schienen, und weil mir das Zusammensein mit dem Personal und den Mitpatienten im Dialysezentrum wünschenswert und wichtig war.
Die Ärzte im Dialysezentrum waren sehr um uns Patienten bemüht, sie klärten auf, so gut sie konnten und werteten die Laborergebnisse gründlich mit uns aus, gaben Verhaltensregeln und erläuterten die Wirkungsmechanismen der vielen Medikamente. Nach und nach wurde ich selber fast ein "Fachmann" für meine Krankheit.
Die Schwestern fanden zwischen An- und Abschließen der Patienten hin und wieder ein paar Minuten zum Plaudern; und wir verstanden uns gut mit ihnen.
Auch unter uns Leidensgefährten gab es manch gutes Gespräch. Ich habe in dieser Zeit viele Erfahrungen mit Menschen gesammelt und eine Menge gelernt. Zusammen mit dem medizinischen und pflegerischen Personal erlebten wir uns als so etwas ähnliches wie eine "Schicksalsgemeinschaft", verbunden durch gemeinsame Erlebnisse, durch schlimme Zeiten aber auch durch viel Spaß.
Ich hätte bei der Heimdialyse diese Kontakte sehr vermißt.

Überhaupt messe ich dem menschlichen Miteinander im Dialysezentrum und der Behandlung der Patienten als mündige Partner der Ärzte eine große Bedeutung bei für das seelische Befinden der Patienten und für ihre Compliance.

Dialysepatient zu sein bringt psychische und physische Probleme mit sich und mannigfaltige Belastungen für den Betroffenen und für die ganze Familie.

An den eigentlichen Vorgang der Dialyse habe ich mich rasch gewöhnt. Auch an die beiden Kanüleneinstiche in den linken Unterarm dreimal die Woche und daran, daß es manchmal schwierig war, die richtige Stelle zu treffen oder neue Gefäßabschnitte zu erschließen. Auf die Anwendung des "Strickleitersystems" habe ich immer besonderen Wert gelegt, da auf diese Weise die Gefahr der Aneurysmenbildung vermindert werden kann.

Obwohl mir nie sehr viel Wasser entzogen werden mußte, überraschten mich doch anfangs während der Dialyse mitunter Kreislaufzusammenbrüche, und kurz nach dem Abschließen traten mitunter Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen auf, aber später kam das immer seltener vor. Während der Stunden nach der Dialyse hatte mein Körper ein starkes Ruhebedürfnis.
An den dialysefreien Tagen arbeitete ich weiter, ich hielt meine Seminare oder saß zu Hause am Schreibtisch. Dieses Tätigsein war mir wichtig. Und sehr hilfreich war mir dabei, daß meine Vorgesetzten mir die Möglichkeit einräumten, jederzeit zu pausieren, wenn ich mich nicht ausreichend wohlfühlte.
Es ist – wie ich aus eigener Erfahrung und von anderen Patienten weiß – überhaupt grundsätzlich erstrebenswert, wenn der Dialysepatient seiner beruflichen Tätigkeit weiter nachgehen kann, solange sie seine Kräfte nicht überfordert. Allerdings sollte – wie in meinem Falle – vereinbart werden, daß er nach eigenem Ermessen zur Arbeit kommen oder zu Hause zu bleiben kann, falls sein Allgemeinbefinden das erfordert.

Mein Wohlbefinden war hin und wieder erheblich eingeschränkt.
Ich litt unter dem Restless-Legs-Syndrom – ganz besonders abends, wenn ich zur Ruhe kam, und nachts, wenn ich nicht schlafen konnte. Nach zwei Stunden wachte ich jede Nacht auf und fand erst gegen Morgen wieder Schlaf.
Ich litt an trockener, andauernd juckender Haut. Vor allem im Sommer, wenn ich schwitzte, fühlte sich der austretende Schweiß wie Nadelstiche an. Erst spät entdeckte ich nach langem Suchen und Testen eine spezielle Teebaumöl-Créme, die meiner Haut ein wenig Linderung verschaffte.
Ich litt infolge der geringen Flüssigkeitsaufnahme und der ballaststoffarmen Dialysediät an anhaltender Verstopfung, in dessen Spätfolge sich eine Hämorrhoidenerkrankung herausbildete.
Ich litt infolge der – trotz Erythropoetin – geringen Hämoglobin- und Hämatokritwerte an ständiger körperlicher Schwäche und schneller Ermüdbarkeit schon bei leichten Tätigkeiten.
Vor allem aber litt ich – und das im wahrsten Sinne des Wortes – an der extremen Reduzierung der Trinkmenge, denn ich hatte keinen Tropfen Restausscheidung mehr.

Da hing also mein Leben nun an dieser Maschine, mit der ich dreimal pro Woche für vier Stunden fest verbunden war und die über meine Zeit- und Lebensplanung ganz wesentlich mitbestimmte.

Während der folgenden fünf Jahre lernte ich unter den Mitpatienten zwei verschiedene Persönlichkeitstypen kennen: Da waren Menschen, die sich mit ihrem Schicksal nie richtig abfinden konnten, die oft mißmutig und mürrisch waren, die die Zeit an der Maschine als vergeudet empfanden und widerwillig absaßen und die bei jeder Gelegenheit ihre eingeschränkte Freiheit beklagten. Aber da waren auch Menschen, die im Laufe der Zeit lernten, ihr Schicksal anzunehmen und das Beste für sich daraus zu machen. Mir gelang das recht schnell.

Schon das halbe Jahr von der Diagnosestellung bis zur Dialysepflichtigkeit hatte mir Gelegenheit genug geboten, mich nach und nach auf die neue Situation einzustellen. Bekanntlich sind es ja nie die Dinge selbst, die uns emotional bewegen, sondern immer nur unsere Einstellungen zu ihnen.

Natürlich hätte ich gegen mein Schicksal innerlich rebellieren und meine ganze noch verbleibende Kraft in diesem Aufbegehren vergeuden können.
Natürlich hätte ich nur noch beklagen können, was alles nicht mehr möglich ist.
Natürlich hätte ich mich in Selbstmitleid und Bitterkeit vergraben können.
Aber das alles hätte an der Situation nichts geändert, es hätte sie nur noch schwerer erträglich gemacht. Ich wußte, daß ich den Gang der Dinge nicht grundsätzlich beeinflussen konnte, und daher kam nur noch seine verstandes- und gefühlsmäßige Annahme für mich in Frage.

Ich habe die Realität also angenommen als eine Herausforderung, an ihr innerlich zu wachsen.
Ich habe sie angenommen als eine Chance, Erfahrungen zu machen, die mir sonst verschlossen geblieben wären.
Ich habe sie angenommen als ein Angebot, über mein Leben nachzudenken und darüber, ob ich es denn so weiterführen wollte wie vor der Krankheit.

Vielleicht dienen wir uns überhaupt dann selbst am meisten, indem wir mit uns und dem Leben in Übereinstimmung sind, weil wir JA sagen können. "Bejahen ist Magie", schrieb Hermann Hesse. Wenn ich JA sagen kann zu den unangenehmen Dingen, die ich nicht ändern kann, dann verlieren sie ihre Macht über mich.
Freilich heißt dieses Ja-Sagen nicht: resignieren, sich passiv ergeben! Dieses Ja zur Krankheit und den mit ihr verbundenen unangenehmen Begleiterscheinungen schließt selbstverständlich die Bereitschaft ein, positiv mit ihr umzugehen und gesundheitsförderlich zu leben, sich kooperativ zu verhalten sowie Verhaltensregeln und Diätvorschriften diszipliniert zu beachten. Vor allem aber heißt es: zu leben! Und so habe ich diese Herausforderung, diese Chance und dieses Angebot genutzt; und mein Leben hat sich mit der Krankheit verändert, und ich bin froh darüber.

Wahrscheinlich mutet es seltsam an, aber ich möchte die Erfahrungen der Dialysezeit in meinem Leben nicht missen! Ich hatte etwas ganz Kostbares: Zeit. Zeit für mich und Zeit für die Meinen. Ich habe vieles erlebt und mich einfühlen können in fremde Schicksale. Ich bin jedes Dialysejahr mehrere Wochen in Urlaub oder zur ambulanten Kur gefahren, und ich habe damit meine Mobilitätsgrenzen durchbrochen – und mehr erlebt als zuvor in gesunden Jahren. Die Krankheit hat mich unter anderem gelehrt, die Prioritäten in meinem Leben anders zu setzen. Zwar verlor ich durch sie meinen Abteilungsleiter-Posten an der Akademie, aber sie erinnerte mich auch, daß ich nicht lebe, um zu arbeiten, sondern daß ich arbeite, um zu leben. Meine "Karriere" (ich mag dieses Wort ohnehin nicht) war mir nicht mehr so wichtig wie das Leben für mich und die mir nahestehenden Menschen.
Ich kann es nicht mehr wirklich nachvollziehen, wenn Menschen sich selbst und ihren Wert primär oder gar ausschließlich über ihre Arbeit definieren. Wer sich damit brüstet, daß er täglich sechzehn Stunden arbeitet, von einem Termin zum nächsten hastet und kaum noch Freizeit hat, ist für mich nicht mehr bewunderns-, sondern bedauernswert.
Ich bin auch nie auf die Idee gekommen, mich weniger wertvoll zu fühlen, weil ich als Erwerbsunfähiger nur ein sehr niedriges Gehalt habe, denn ich bin überzeugt, daß der Wert eines Menschen in seiner einzigartigen Persönlichkeit liegt – also in dem, was er ist, und nicht in dem, was er "leistet" –, auch wenn das Wirtschaft und Politik in unserer Gesellschaft ganz anders sehen.

Die Krankheit hat mir auch mehr als früher Gelegenheit gegeben, mich bewußter mit meinem Tod auseinanderzusetzen. Das war sehr wichtig für mich. Auch dadurch habe ich eine andere Sicht auf das Leben gewonnen. Ich denke, daß sich mir, wenn ich sterben muß, unter anderem die Frage stellen wird, ob ich eigentlich ich gewesen bin in meinem Leben. Deshalb frage ich mich schon jetzt gelegentlich: Was möchte ich eigentlich? Was ist mein Lebensauftrag? Was ist mein Maß? Wer bin denn eigentlich ich? Und dann stelle ich manchmal fest: Das bin ich doch gar nicht! Oder: Das bin ich nicht mehr.

Weder im Dialysezentrum noch später im Transplantationszentrum gab es Menschen, die von Berufs wegen jene Patienten begleitet hätten, die einen solchen produktiven Weg der Auseinandersetzung mit ihrem Leben und Sterben nicht von allein gefunden haben. Ich halte es aber für durchaus wahrscheinlich, daß mancher jener Patienten, die zu ihrer Krankheit nicht ja sagen und ihr nichts Positives abgewinnen konnten, eine andere Einstellung zu ihr hätten finden können, wenn da psychologische und seelsorgerliche Gesprächsangebote gewesen wären. Es gab sie nicht.
Ich habe sie nicht gebraucht. Andere hätten sie vielleicht gebraucht. Oder sie würden möglicherweise entdeckt haben, daß solche Gespräche ihnen hätten helfen können. In Dialysezentren sollte es meiner Meinung auch einen Arbeitsplatz für einen Psychologen geben, und in den Transplantationszentren sollte er – ebenso wie der Krankenhausseelsorger – für die Patienten jederzeit erreichbar sein.

Ich wußte natürlich von den Risiken einer Transplantation, aber ich wollte sie dennoch wagen. Nachdem ich im Transplantationszentrum der Berliner Charité angemeldet worden und als geeignet eingestuft worden war, freute ich mich darauf, irgendwann eine neue Niere geschenkt zu bekommen. Ich wartete dann allerdings mehr unbewußt darauf, weder ungeduldig noch gleichgültig.

Zur ersten Möglichkeit, die sich für mich bot, war ich glücklicherweise auch operationsfähig, und die Transplantation wurde am 6. März 1999 erfolgreich durchgeführt. Als ich an jenem Samstagmorgen den jahrelang erwarteten Anruf erhielt, kam er dann doch überraschend. Aber der gepackte Koffer stand seit langem bereit, und ich war sehr ruhig und voll freudiger Zuversicht.

Die Operation am späten Abend verlief komplikationslos. Danach gab es eine kurze Abstoßungsepisode, die jedoch medikamentös gut beherrscht werden konnte. Nach fünf Wochen Klinikaufenthalt wurde ich entlassen.

Das erfreuliche Ergebnis der Operation war mir sofort beim Erwachen aus der Narkose mitgeteilt worden, und ich war glücklich! An den ersten Tagen nach der Transplantation hatte ich gelegentlich postoperative Schmerzen, und ich fühlte mich sehr belästigt von den Drähten und Schläuchen der intensivmedizinischen Behandlung sowie der damit zusammenhängenden eingeschränkten Bewegungsfähigkeit.

Aber mein psychischer Zustand war sehr gut. Die Freude und die Dankbarkeit über die neue Lebensqualität mit den zu erwartenden Freiheiten erfüllten mich dermaßen, daß ich alle kleinen Unannehmlichkeiten der Klinikwochen leicht hinnehmen und ihnen auch schöne Seiten abgewinnen konnte: wie zum Beispiel interessante Menschen kennenzulernen, den frühlingshaften Park zu genießen, viel Zeit zum Lesen, zum Rundfunkhören und zum Träumen zu haben.

Ich habe von den Transplantationsärzten erfahren, daß meine Niere von einem jungen Mann aus den Niederlanden stamme, der bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen sei. Mehr darf man nicht wissen, und mehr muß ich auch gar nicht wissen. Dieses Organ war die freiwillige Spende, das humanistische Vermächtnis eines Menschen (oder seiner nächsten Angehörigen), dem bzw. denen ich dafür sehr dankbar bin. Aber ich hatte zu keinem Zeitpunkt die Vorstellung, der junge Mann habe etwa "für mich" sterben müssen. Der Empfang der fremden Niere hat mir nie irgendwelche psychischen Probleme bereitet. Ich habe das neue Organ auch gefühlsmäßig sofort angenommen. Es erschien mir nie "fremd". Von dem Zeitpunkt an, da es in meinem Körper weiterzuarbeiten begonnen hatte, war es für mich "ein Teil von mir".
Das heißt natürlich keinesfalls, daß ich die Niere etwa als eine Selbstverständlichkeit hingenommen hätte, auf die ich ein Anrecht zu haben meinte (das es natürlich nicht gibt). Das heißt lediglich, daß mein Verhältnis zu der neuen Niere nicht durch irrationale Gedanken und Gefühle getrübt war und ist. Durch das geschenkte Organ habe ich nicht nur eine neue Lebensqualität gewonnen, sie hat mir auch zu einem Neuanfang in meinem Leben verholfen: Dafür werde ich immer dankbar sein.

Dankbarer bin ich auch geworden infolge der Erfahrung, wie kostbar das alles ist, was mir in der Dialysezeit verwehrt war und das mir vor der Krankheit ganz selbstverständlich zu sein schien. Daher schätze ich die scheinbar unbedeutenden Kleinigkeiten des Lebens viel mehr. Ich lebe bewußter und intensiver, und ich gehe noch viel achtsamer als früher um mit mir selbst, mit anderen Menschen und mit den vielen wertvollen Dingen, die mir anvertraut sind. Insofern habe ich mich auch als Person verändert.

Die medizinische und pflegerische Betreuung in der Klinik war ausgezeichnet, wenngleich für eine ausreichende mitmenschliche Zuwendung der Ärzte und Schwestern Zeit und Kompetenz fehlten, wie es leider wohl fast überall in den Krankenhäusern der Fall sein dürfte.

Außer einer unbedeutenden Abstoßungsreaktion noch in der Klinik gab es keine weiteren, auch keine anderen ernsthaften medizinischen Komplikationen, abgesehen natürlich von schwerer verlaufenden Infekten, bedingt durch die Immunsuppression. Auch hat die Funktionstüchtigkeit des Transplantats im Laufe der acht Jahre seit der Operation deutlich nachgelassen, und sie wird sich im Laufe der nächsten Jahre erwartungsgemäß weiter vermindern.

Sollte sie irgendwann so schlecht werden, daß ich erneut die Dialyse brauche, dann würde ich die damit verbundenen Unannehmlichkeiten ganz gewiß viel weniger stark empfinden als die Dankbarkeit dafür, daß ich eine so lange Zeit ohne sie habe leben dürfen!

Ich weiß, andere Leidensgefährten können ihr ähnliches Schicksal nicht so positiv sehen wie ich, sie mußten und müssen viel Schlimmeres durchmachen. Aber ich gebe auch zu bedenken: Erfahrung ist nicht das, was uns widerfährt, sondern das, was wir für uns daraus machen.

© Eberhard E. Küttner, 16.11.2007


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Spiritualität

Ich maße mir natürlich nicht an, erklären zu wollen, was das Wesen der Spiritualität sei, ich möchte lediglich zu beschreiben versuchen, was Spiritualität für mich ist. Da mir von jeher ein starker Hang zur Nachdenklichkeit eigen war, haben mich auch schon sehr früh die Fragen nach Ursprung, Sinn und Ziel des Menschenlebens beschäftigt, und sie tun es bis heute. Meine Antworten darauf waren im Laufe der Jahrzehnte - gemeinsam mit mir selbst - einem mehrfachen Wandel unterworfen, zu keinem Zeitpunkt sind sie endgültig gewesen, und sie werden es auch kaum jemals sein. Dies gilt also ebenso für meine folgenden Gedanken.

Für mich bedeutet Spiritualität,
- auf "Das von Gott" in uns zu lauschen,
- eigene innere Erfahrungen mit dem Göttlichen zu machen,
- in der Stille das Wesentliche zu suchen.

An einem freilich habe ich niemals länger und ernsthaft gezweifelt: Ebenso wie das Wissen um unsere Endlichkeit, das uns vom Tier wesenhaft unterscheidet, muß auch das tief in uns verwurzelte Ahnen, daß der Mensch mehr sei als ein rein biologisches Wesen, der Ausdruck einer Wirklichkeit sein. Seine besondere Eigenart, so war und bin ich mir sicher, gründet sich auf eine Herkunft, die neben ihrer körperlichen Existenz noch eine andere, eine seelenhafte, geisterfüllte Dimension hat, und auf eine von dieser Herkunft abgeleitete Bestimmung, die das Leben des Individuums einzigartig und unersetzlich wertvoll macht. Dabei bin ich mir der begrifflichen Vieldeutigkeit und damit auch Mißverständlichkeit von "Seele" und "Geist" durchaus bewußt, aber mir stehen keine anderen üblichen Bezeichnungen für das zur Verfügung, was ich meine. Was ich ausdrücken möchte, läßt sich wohl auch viel besser mit Bildern als mit Wörtern sagen. Besonders eindrucksvoll in ihrer Bildhaftigkeit finde ich die Vorstellung von der "höheren" Herkunft und Bestimmung des Menschen in dieser bekannten alten hebräischen Überlieferung erzählt, wo es heißt:

"Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen" (1. Mose 1,26 f. und 2,7).

Das in der Luther-Übersetzung der Bibel verwendete Wort "Odem" steht für hebräisch "ruach", ("Windhauch", "Geist") und entspricht etwa dem lateinischen Ausdruck "spiritus". Davon schließlich leiten sich "spirituell" und "Spiritualität" ab. Der Mensch wird also erst durch die Einhauchung des göttlichen Geistes zum Menschen, und diese Herkunft aus Gottes Geist ist zugleich auch die Bestimmung des Menschen zur Gottesebenbildlichkeit. Die freilich verwirklicht sich in jedem Individuum auf eine ganz einmalige und unvergleichliche Weise.

"Spiritualität" bezeichnet daher für mich zunächst die Natur des Menschen, ein "geistgezeugtes", also spirituelles Wesen zu sein, dann aber auch dessen Ahnung davon und schließlich sein Bemühen, die Verbindung zu dem Geist, aus dem er kommt und der ihn bestimmt, wahrzunehmen und bewußt herzustellen.

Ich nun habe die Erfahrung gemacht, daß dieser göttliche Geist, in welchem ich die Quelle meines Seins erkenne, nicht nur außerhalb von mir existiert, sondern auch in mir selbst. Das Meer, so beschreibt es sehr treffend Willigis Jäger, ist zugleich die Welle, und die Welle ist das Meer. Auch die von George Fox verwendete Formulierung "Das von Gott in jedem Menschen" ("That of God in every human being") ist eine gute Möglichkeit, meine Vorstellung auszudrücken, daß ich in Gott bin, wie Gott in mir ist und in einem jeden von uns. Ich denke, wir können überhaupt erst dann einander als Brüder und Schwestern erkennen, wenn wir uns durch den göttlichen Geist in uns allen miteinander verbunden wissen, denn "Das von Gott in jedem Menschen", das "innere Licht", wie Fox es auch nennt, ist uns allen innewohnend, auch wenn es durch unsere Lebensführung und durch unser Tun manchmal für andere nahezu unsichtbar werden kann. So bedeutet Spiritualität für mich unter anderem, mit dem Geist in mir selbst und überall außerhalb von mir immer wieder bewußt in Verbindung zu kommen und ihn wahrzunehmen in den Menschen, denen ich begegne, ganz gleich, in welchem Verhältnis sie zu mir stehen.

Spiritualität ist nach meinem Verständnis eng verbunden mit einem immerwährenden Suchen. Quäker bezeichnen sich gern als "Suchende", als Menschen, die sich nie am Ziel glauben, sondern lebenslang auf dem Wege sind; sie sehen sich weniger als Wissende denn als Fragende. Das Göttliche offenbart sich nicht in den Kategorien unseres menschlichen Denkens und also nicht, wie unser Verstand es erfassen könnte. Wäre es anders, gäbe es keine Glaubenszweifel - aber auch keinen Glauben. Wer meint die Wahrheit gefunden zu haben, läßt mich vermuten, daß er einer großen Selbsttäuschung unterliegt. Suchende bleiben wir aber dennoch, solange wir leben, weil wir nicht anders können.

Ich wage nicht zu behaupten, ich könnte, wenn ich die Vokabel "Gott" verwende, genaue Vorstellungen damit verbinden. Aber ich empfinde das nicht als einen Mangel, denn ich denke, daß das, was wir "Gott" nennen, ohnehin immer ganz anders sein wird als alle unsere Vorstellungen. Von "Gott" und "dem Göttlichen" spreche ich also im Grunde nur, weil ich kein anderes Wort für das habe, das ich ohnehin nicht beschreiben kann. Was ich "Gott" nenne, ist meine ganz persönliche innere Erfahrung, die sich im Laufe des Lebens entwickelt und verändert hat. Für mich ist Gott nicht ein personales Wesen, sondern ein allumfassendes Sein, das mich umhüllt und trägt, das mir ein starkes Gefühl der Geborgenheit und der Sicherheit gibt - eine tragende, beruhigende und tröstende Sicherheit in meinem Innern, die von äußeren Umständen unabhängig ist. Aber bei dieser meiner Erfahrung mit dem Göttlichen empfinde ich auch Achtung und Ehrfurcht vor dem Glauben von Menschen, die ein ganz anderes Gottesbild haben. Ich glaube nicht an die buchstäbliche Wahrheit von Worten aus heiligen Büchern und auch nicht an menschengemachte Lehrmeinungen, aber ich glaube mit tiefem und demütigem Vertrauen und Gehorsam an den einen Gott, den ewigen Ursprung allen Seins, der in allen Religionen derselbe ist, ungeachtet der Tausende sich widersprechenden religiösen Theorien.

Gott ist für mich nicht zwischen den beiden Buchdeckeln der Bibel konserviert. Man sollte nicht meinen, er lasse sich von uns auf ein paar hunderttausend Worte in heiligen Schriften reduzieren und in Katechismen einsperren. Dort finde ich ihn ja auch nicht selbst, sondern nur Bilder und Vorstellungen, die Menschen sich von ihm gemacht haben. Gewiß, er kann diese Texte benutzen, um zu mir zu sprechen, und das erlebe ich auch. Aber ich finde seine Botschaft an mich nicht weniger in anderen Büchern, und nicht nur in den Büchern der Religionen, ich spüre seine Gegenwart an allen Orten - in der Stille, in der Natur, in der Kunst, in anderen Menschen, in mir selbst. Da überall bin ich ihm oft sehr viel näher als bei der Bibellektüre. So gewinne ich meine ganz direkten persönlichen Gotteserfahrungen.

Wie wir von den Mystikern wissen, kann man eigene Erfahrungen mit Gott freilich nur machen, wenn man sehr aufmerksam auf die innere Stimme hört. Was diese göttliche Stimme tief drinnen in mir sagt, empfinde ich stets als "stimmig", und deshalb wage ich es, mich darauf einzulassen. Aber ich muß für sie offen sein und aufnahmebereit, denn sie spricht sehr leise und wird in unserer lauten Welt leicht übertönt. Diese Offenheit und Achtsamkeit nenne ich eine spirituelle Haltung, denn sie hilft mir, zum Wesentlichen vorzudringen - beispielsweise von den unangenehmen Seiten meines Nächsten zum Grunde seines Menschseins, von den ärgerlichen Erscheinungen zu den Dingen, für die ich dankbar sein kann, von der Oberflächliche des Alltags in die Tiefe, aus der meine Lebenskraft kommt.

© Eberhard E. Küttner, 25.2.2007

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"…du stellst meine Füße auf weiten Raum"
Die Bibel – ein Buch gegen die Angst

Statistiken sagen uns, daß heutzutage immer mehr Menschen unter Ängsten leiden. Angst ist etwas zutiefst Menschliches, sie begleitet uns das ganze Leben vom Anfang bis zum Ende. Ohne Angst würden wir Gefahren nicht erkennen und wären immerfort bedroht, unsere Existenz und die anderer Menschen aufs Spiel zu setzen. Angst fordert uns heraus und treibt uns zum Handeln an, damit wir uns schwierigen Anforderungen stellen und uns weiterentwickeln können. Aber Angst kann auch selbst zu einer Gefahr für uns werden: Wenn sie zu stark überhand nimmt in uns und unsere gesunden Seelenkräfte lähmt, dann macht sie uns unfähig, das Leben zu bewältigen.

Wie können wir lernen, mit unseren unnötigen Ängsten umzugehen? Neben den therapeutischen gibt es auch spirituelle Wege dahin. Einen davon weist uns beispielsweise die Bibel. Die frühen Freunde wußten das noch besser als wir heutigen. Wir sollten uns manchmal wieder des Reichtums der Bibel erinnern.

1. Die Angst benennen

In der Bibel kommen zuhauf Menschen vor, die sich von der Last der Angst erdrückt fühlen. Vor allem der Psalter führt uns die ganze schaurige Tiefe des Abgrundes der Angst eindrucksvoll vor Augen. Aber immer wieder lesen wir in der starken und bildhaften Sprache der Psalmen auch von der lebenserhaltenden Hoffnung in der Finsternis der Nacht auf das Licht des heraufdämmernden Tages und von der befreienden Erfahrung, aus den Fesseln der Angst erlöst zu sein. Wo jemand sich von Geborgenheit umhüllt weiß, hat die Angst keinen Platz. Im Glauben des hebräischen Volkes ist bei JAHWE diese Geborgenheit zu finden:

"..zur Zeit ihrer Angst schrien sie zu dir und du erhörtest sie…" (Neh 9,27)1

"So reißt er auch dich aus dem Rachen der Angst in einen weiten Raum, wo keine Bedrängnis mehr ist…" (Hiob 36,16)

"…der du mich tröstest in Angst…" (Ps 4,2)

"Du bist mein Schirm, du wirst mich vor Angst behüten" (Ps 32,7)

"…die dann zum HERRN riefen in ihrer Not, und er errettete sie aus ihren Ängsten" (Ps 106,6)

"In der Angst rief ich den HERRN an, und der HERR erhörte mich und tröstete mich" (Ps 118,5)

JAHWE holt den um Hilfe schreienden Beter Israels aus der Enge der Angst, so daß dieser dankbar sagen kann: "…du stellst meine Füße auf weiten Raum" (Ps 31,9).

Der Angst begegnen bedeutet also gar nicht zuallererst, sie zu bekämpfen. Es heißt vielmehr zunächst, sie zuzulassen und aufmerksam auf das zu hören, was sie uns sagen will. Danach kommt es darauf an, eine gute Art des Umgangs mit ihr zu finden, die es uns erlaubt, ihr einen angemessenen Platz in unserem Leben zu geben, oder vielleicht auch, sie zu überwinden.

Angst wird noch gefährlicher für die Seele, wenn wir sie zu verdrängen suchen; aber sie wird schwächer, wenn sie ausgesprochen wird. Die Worte nehmen ihr die Macht, die ihr die Sprachlosigkeit gibt, und so verliert sie ihre Gewalt über uns. Was einen Namen bekommen hat, ist nicht mehr so bedrohlich. Also sollten wir unsere Ängste für uns selbst und für Menschen unseres Vertrauens benennen und wenn nötig auch – in der Einsamkeit oder im Gebet – hinausschreien. Dabei können uns gerade und vor allem die Psalmen zum Vorbild werden. In ihnen hat die Sprache der Angst der Menschen aller Völker und Zeiten eine Heimat. Mit den verzweifelten Worten "Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu dir. HERR, höre meine Stimme!" beginnt zum Beispiel der 130. Psalm, einer der erschütterndsten Klagerufe in der Bibel. In den Psalmen können wir einen Ausdruck für unsere eigenen Gefühle finden, die angstvollen wie die befreienden.

Der Benediktinerpater Dr. Anselm Grün schreibt: "So wie die Wanderer bei Nacht singen, um ihre Angst vor der Dunkelheit zu vertreiben, so sollen wir die Psalmen singen, um uns in der Nacht unseres Lebens zu trösten, und um schon hier etwas von unserer Heimat zu spüren und zu schmecken."2

2. In der Angst die Geborgenheit spüren

In der urchristlichen Gemeinde wird Jesus als das fleischgewordene Wort Gottes zum Bringer der Erlösung aus der Angst. Bereits bei seiner Geburt beginnt der "Engel des Herrn" seine Verkündigung mit dem Satz: "Fürchtet euch nicht!" (Lk 2,10)

Den gleichen Satz verwendet Jesus selbst noch mehrere Male, oft auch mit dem Hinweis auf seine Person: "Seid getrost, ich bin’s, fürchtet euch nicht!" (Mt 14,27). In diesem "ICH BIN" (aram.: ani hu), in dem viele Bibelausleger einen Hinweis auf den Namen Gottes sehen (von Luther wiedergegeben mit: "Ich bin, der ich bin" und "der ICH-BIN hat mich zu euch gesandt"), schwingt die alte Verheißung der seit den Zeiten der Urväter immer wieder erfahrenen Geborgenheit in Gott mit. Wer die befreiende Bindung mit Jesus eingeht, der ist, so verkünden die ersten Christen, aus der versklavenden Bindung an die Angst erlöst, denn in ihm spüren sie die Geborgenheit in Gott: "In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." (Jh 16,33)

Die Geschichte von der Stillung des Sturms ist mir als Illustration dazu in besonderer Weise hilfreich geworden. Es heißt da: "Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Laßt uns hinüberfahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel und die Wellen schlugen in das Boot, so daß das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, daß wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich und es entstand eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!" (Mk 4,35-41).

Ich sehe in dieser symbolischen Erzählung eine bildhafte Beschreibung der Situation des Menschen überhaupt, die ein sehr bekanntes altes Kirchenlied in die Worte faßt: "Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen…" (EG 518). Bedroht von der allgegenwärtigen Gefahr fürchten wir in unserem Lebensschiff, rettungslos verloren zu sein, zumal der, auf den der Glaube uns zu hoffen lehrte, schläft! Er scheint vielen Verzweifelten auch jetzt zu schlafen in unserer heillosen Welt. Aber Martin Luther hat ein vielsagendes Wortspiel mit diesem Vers gemacht: "Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen – kehr’s auch um: Mitten in dem Tode sind wir vom Leben umfangen". – "Keinen Glauben haben" heißt in diesem Bibeltext also wohl nicht einfach: keinen Glauben an Jesus haben, sondern ganz allgemein: nicht der Geborgenheit vertrauen, in der wir immer und überall stehen, was uns auch widerfährt. Wir spüren dann, daß wir selbst in Zeiten der Verlassenheit nicht wirklich verlassen sein können, auch nicht im Leiden und Sterben und nicht im Tod.

Die Quäkerin Rosalind M. Baker hat offenbar dieses Gefühl der Geborgenheit in der Angst erlebt. Sie schrieb: "Ich hatte schreckliche Angst, daß ich zusammenbrechen würde. Es geschah. Es machte nichts."3

Auch der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer war sich dieser sicheren Geborgenheit gewiß. Deshalb konnte er angesichts des faschistischen Terrors kurz vor seiner Ermordung schreiben: "Ich glaube, daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, daß Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müßte alle Angst vor der Zukunft überwunden sein."4

In der Sprache der Bibel heißt es, daß Gott uns nicht immer vor der Gefahr behütet, aber vor allem in ihr. Viele Menschen haben diese wunderbare Erfahrung beschrieben, daß sie sich dann, als die Not am größten war, auf einmal ganz deutlich umfangen und gehalten fühlten. Dieses Wissen vermag uns viel von unserer Angst vor möglichen künftigen Leiden nehmen. 

3. Vertrauen, Loslassen und Liebe üben

Was kann der Satz von der "überwundenen Welt" einem Menschen Befreiendes sagen, der nicht die Vorstellung von einem persönlichen Gott hat und von Jesus als dem Christus der Kirchen? Klingt eine solche Aussage nicht nach Realitätsverlust, nach Weltflucht und Rückzug in sich selbst?

Ich finde, sie klingt vor allem nach Vertrauen. In unserer Welt, wie sie in ihrer Unvollkommenheit nun einmal ist, können wir ohne Vertrauen nicht leben. Wo aber Vertrauen wächst, da schwindet die Angst. Ich habe erlebt, wie an ihre Stelle eine tragende, beruhigende und tröstende Gewißheit im Innern tritt, die nicht von äußeren Umständen abhängig ist, eine aus dem Vertrauen entstehende Sicherheit, die auch in leidvollen Zeiten bleibt und die stärker ist als die Angst vor der Vernichtung. Ich ahne: Unser Eins-Sein mit allem Sein, dem Einen und Letzten – man mag es Gott nennen, das Göttliche, das Absolute Brahman oder wie auch immer –, ist ewig und unauflöslich. Nichts geht in ihm verloren, alles wandelt sich nur. So ist mitten in dieser Ewigkeit alles dem Strom der Zeit unterworfen. Was mir angst macht, ist ebenso vergänglich wie das, was mich beglückt. "Sub specie aeternitatis" – im Blickwinkel der Ewigkeit ist alles in meinem Dasein, ja sogar das ganze Leben selbst, nur ein Augenblick. So gesehen berührt sich das Diesseitige mit dem Jenseitigen: Meine diesseitige Sorge wird in der Dimension des Jenseitigen aufgehoben. Das schafft mir Erleichterung und gibt mir ein Vorgefühl von dem völlig Anderen, Unsagbaren, in dem ich bin und das in mir ist. In diesem Gefühl kann ich die Heilung meiner Angst spüren und dabei erahnen, was gemeint sein könnte mit den Worten "…ich habe die Welt überwunden".

Die Welt überwunden zu haben heißt auch, den Tod als Schrecken überwunden zu haben. "Tod, wo ist dein Stachel?", fragt Paulus im 1. Korintherbrief 15,55. Das Christentum wird oft bezeichnet als die Religion der Angstüberwindung. Solange die Angst den Menschen beherrscht, wird er mit dem Tod nicht fertig. Eugen Biser sagt: "Angst und Tod sind Geschwister. Der Tod hat nicht nur den bekannten Bruder, den Schlaf, er hat auch die weniger geschätzte Schwester, die Angst."5Das Wissen unseres Eingebettetseins in das ewige Pulsieren des allumfassenden Seins lindert uns auch das Entsetzen des Todes.

Im Matthäus-Evangelium lesen wir: "Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?" (Mt 14,26-31). – In dieser Szene finde ich die Bestätigung für eine Erfahrung, die ich schon wiederholt gemacht habe: Solange wir vertrauen, gehen wir nicht unter. Aber sobald wir zu zweifeln anfangen, beginnen wir zu sinken.

Vertrauen lehrt uns zudem das Loslassen. Wir brauchen nicht mehr angstvoll um unser Wohl und unseren Besitz besorgt zu sein. Wer viel hat, hat auch viel Angst. "Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz" (Mt 6,21). – Wer sich nicht von unnötigen Sorgen um die Zukunft freimachen kann, wird zum Sklaven der Angst. "Wer ist unter euch, der, wie sehr er sich auch darum sorgt, seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte?", fragt Jesus (Lk 12,25); und er stellt fest: "Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge" (Mt 10,30); und er legt seinen Zuhörern ans Herz: "Macht euch keine Sorgen um den nächsten Tag! Der nächste Tag wird für sich selber sorgen. Es genügt, daß jeder Tag seine eigene Last mit sich bringt" (Mt 6,34 – Neue Genfer Übersetzung).

Mitunter sollten wir daran denken, daß nichts uns wirklich gehört, denn mit nichts sind wir auf die Welt gekommen, und mit nichts werden wir sie wieder verlassen. Eine große Weisheit enthält für mich diese Mahnung des Paulus aus seinem ersten Brief an die Korinther, wo es sinngemäß heißt: Kaufe, als könntest du es nicht behalten; gebrauche diese Welt, als brauchtest du sie nicht!6 – So sind wir befreit von dem nervenaufreibenden Jagen nach der Verteidigung und Vergrößerung unserer Habe, und damit von vielen Ängsten. In diesem Punkte fühle ich mich dem buddhistischen Denken sehr nahe: Den wahren inneren Frieden schafft erst die Bedürfnislosigkeit.

Es geht aber nicht nur darum, wie wir unserer eigenen Angst begegnen sollen, sondern auch um die Frage, wie wir dazu beitragen können, daß unseren Nächsten ein möglichst angstfreies Leben möglich ist.

Aus dem Satz von der "überwundenen Welt" spricht vor allem natürlich und ganz unüberhörbar die Liebe, denn Liebe und Vertrauen gehören zusammen. Jesus war nach allen Überlieferungen offensichtlich keiner, der in seiner Umgebung Angst verbreitete, vielmehr war er einer, dessen heilsame Gegenwart allein schon die Menschen frei machte von seelischer Not. Seine Liebe ging bis hin zur Selbstaufopferung. Aber man muß gar nicht einmal unbedingt Christ sein, um zu erfahren, daß Liebe und Angst sich zueinander verhalten wie Feuer und Wasser. Liebe löscht die Angst aus. Wo Menschen sich in Liebe angenommen und miteinander verbunden fühlen, ist kein Raum für Angst. Es gibt viel Haß in der Welt, aber die Liebe ist stärker. Sie ist die einzige Antwort auf den Egoismus, die fähig ist, die unheilvolle Spirale von Gewalt und Angst zu durchbrechen. So überwindet die Liebe die Welt. Jesus hat uns ein Beispiel gegeben, und viele andere haben es ihm nachgetan: Franz von Assisi, Jan Hus, Mahatma Gandhi, Lew Tolstoi, Albert Schweitzer, Dietrich Bonhoeffer, Maksymilian Kolbe, Martin Luther King, Paul Schneider, Eugen Drewermann und die unzähligen Namenlosen, die heute mit ihrer Liebe die Welt ein kleines bißchen verändert zurücklassen, wenn sie gehen.

Wenn auch wir mit unserem Leben dafür sorgen wollen, daß etwas weniger Angst unter den Menschen ist, dann müssen sich, glaube ich, alle unsere Gottesvorstellungen und Gottesbeziehungen an diesen Sätzen aus dem 1. Johannesbrief orientieren: "Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm. […] Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht." (1 Jh 4,16.18)  

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1 Wenn nicht anders vermerkt, sind alle Bibelstellen nach dem revidierten Luthertext von 1984 zitiert.
2 Grün, Anselm: Chorgebet und Kontemplation, 3. Auflage, Münsterschwarzach 2002, S. 19 f.
3 Baker, Rosalind M.: Release. In: The Friend vol. 144 (1986), p. 1196
4 Bonhoeffer, Dietrich: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. v. Eberhard Bethge, Kaiser-Taschenbücher, Nr. 100, 16. Auflage, Gütersloh 1951, S. 19 (Hervorhebung von mir – E.K.)
5 Biser, Eugen: Vom Unsinn der Gerichtspredigt. In: Publik-Forum, Nr. 2 (2003), S. 56 f.
6 Siehe 1 Kor 7,29 ff.

© Eberhard E. Küttner, 7.10.2005
In: Quäker. Zeitschrift der deutschen Freunde, Nr. 2 - Februar/März 2006 - 80. Jahrgang, S. 73-77

 

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Der Glaube als eine Art zu leben

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Glaube ist nach meiner Erfahrung etwas Lebendiges, etwas, das wächst und sich verändert und ständig im Werden bleibt. Ich denke, man kann ihn nicht ein für allemal vermittelt bekommen und dann ein Leben lang so behalten. So hat sich auch mein Glaubensverständnis im Laufe der Jahrzehnte gewandelt.

In meiner Kindheit und Jugend hieß "Glaube" für mich: Worte und Sätze für wahr zu halten. Es war streng verboten anzuzweifeln, daß Gott genau so gesprochen hat, wenn geschrieben stand: "Und Gott sprach...". Es durfte nicht in Frage gestellt werden, daß Jesus der "eingeborene" Sohn Gottes ist; ich hatte ohne Wenn und Aber seinen Kreuzestod als Opfer für mich persönlich anzunehmen und gewiß zu sein, daß dieser Jesus tot war und nun doch lebte und meine Gebete hörte. Alles andere wäre "Sünde" gewesen, für die ich am Ende meiner Tage in die Hölle kommen würde. Glaube mußte nach dem, was ich gelernt hatte, "blind" sein, hatte also nicht auf persönlicher Erfahrung und Einsicht zu beruhen, sondern auf der geistigen Leistung, etwas für umso wirklicher zu halten, je absurder es erschien. Wenn ich tatsächlich glaubte, daß Maria nach der Geburt ihres ersten Sohnes noch Jungfrau war, daß der Pfarrer durch Worte Brot und Wein in den wirklichen Leib und in das wirkliche Blut Jesu verwandelt, und daß Gott alle Menschen in die ewige Verdammnis schicken wird, die von diesem Glauben abgefallen sind oder nie zu ihm gefunden haben, dann würde ich damit mein postmortales Seelenheil gewinnen. So fühlte ich mich viele Jahre in dem Konflikt gefangen, auf diese Weise glauben zu wollen - und doch immer weniger zu können, und dieser Glaube, der mich eigentlich befreien sollte, machte mir zunehmend Angst.

Zwar erfuhr ich später zu meiner Erleichterung, daß man die Bibel nicht wortwörtlich zu verstehen habe, und daß das ewige Leben nicht dem Glauben an sie, sondern an Gott erwachse, aber wie hatte ich mir "Gott" vorzustellen? Wie Jesus, hieß die Antwort, denn in diesem Menschen würde mir Gott begegnen. Mein Glaube an Gott müsse also Glaube an Jesus, den Auferstandenen, sein, "sitzend zur Rechten Gottes, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten". Aber was wußte ich denn von diesem Jesus wirklich? Was in den Evangelien war historisch gesichert und was spätere - teilweise vielleicht sogar verfälschende - Interpretation und Legendenbildung? Welche Worte waren tatsächlich aus seinem Munde gekommen, und welche hatte man ihm viel später hineingelegt? Und was sollte ich mir genau vorstellen beim Lesen und Nachsprechen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses?

Viele weitere Jahre beschäftigte mich die Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob Glaube vielleicht auch etwas ganz anderes sein könnte. Ich suchte bei allen christlichen und nichtchristlichen Gemeinschaften, über die ich mich informieren konnte, aber überall mußte man "an" etwas glauben, an Worte, Sätze, Dogmen, Theorien. Von diesem Glauben "an" etwas wußte ich jedoch, daß er nicht verbindet, sondern spaltet und oft gar verfeindet, also wohl doch mehr menschlich ist als göttlich. Dabei mußte doch, so sagte mir ein starkes Gefühl, aus dem einen göttlichen Geist ein Glaube hervorgehen, der kein Theoriegerüst braucht, sondern - ähnlich der Liebe - einfach nur ist, ohne Beschreibungen und Erklärungen, Herleitungen und Begründungen.

2

So kam ich allmählich zu dem, was "Glaube" mir jetzt bedeutet: Statt eines Für-wahr-Haltens von Begriffen und Aussagen, statt eines Glaubens, der in ein System von Lehrsätzen und Definitionen, in ein ganzes theologisches Gedankengebäude gleichsam eingesperrt ist, verstehe ich "Glaube" heute als eine Art zu leben. Für mich ist Glaube vor allem der Mut, in einer unvollkommenen Welt mit ihren Konflikten und Widersprüchen und entgegen allen unseren schlimmsten Erfahrungen und existentiellen Bedrohungen immer wieder Vertrauen zu wagen, zu lieben, Ängste zu überwinden und Grenzen aufzuheben. "Das von Gott" in mir gibt mir den Mut, jenes Vertrauen zu wagen, das in den Worten liegt, die Jahwe zu Josua sagt: "Siehe, ich habe dir geboten, daß du getrost und unverzagt seist. Laß dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst." (Josua 1,9) Glaube ist für mich die "feste Zuversicht auf das, was man hofft" (Hebräer 11,1), das optimistische Abwarten des Laufs aller Dinge, das Wissen um meine Geborgenheit und die aller Menschen und der ganzen Schöpfung im göttlichen Geist. Diese grundsätzliche und endgültige Geborgenheit endet nach meiner und der Erfahrung vieler anderer Menschen auch dort nicht, wo Not, Leid, Schmerz und Tod uns schwere Last auferlegen.

Es gibt eine Anekdote über Martin Luther, in der erzählt wird, daß dieser zusammen mit seinem Gefährten Philipp Melanchthon anläßlich einer Kirchenvisitation in Sachsen an die Hochwasser führende Elbe gekommen sei. Die von den Fluten schon stark in Mitleidenschaft gezogene Holzbrücke ließ befürchten, daß man auf ihr kaum mehr heil ans andere Ufer gelangen könnte. Aber als Melanchthon vorschlug, einen Umweg zu machen und bis zur nächsten Brücke zu wandern, soll Luther ohne Zögern die Planken betreten und dabei gesagt haben: "Domini sumus - in nominativo et in genitivo!" (Das Wortspiel bedeutet frei übersetzt etwa: Wir sind Herren - und gehören dem Herrn!)

Das ist derselbe Glaube, der Luther desgleichen das oft zitierte Apfelbäumchen auch dann noch heute pflanzen ließe, wenn er wüßte, daß morgen die Welt untergeht. Es ist der Glaube, für den keine gute Tat als vergeblich gilt, selbst wenn alle Vernunft dagegen zu sprechen scheint; der Glaube, für den jeder Mensch ein unverlierbares Recht auf Liebe und Vergebung hat, auf Respekt und Vertrauen, denn in jedem menschlichen Wesen wohnt "das von Gott", das ihn mir zum Bruder oder zur Schwester macht. Mut ist dieser Glaube vor allem deshalb, weil er das Risiko des Scheiterns eingeht. Gegen alle scheinbar begründete Aussichtslosigkeit verliert er die Hoffnung nicht, und niemals bricht er endgültig den Stab über einem Menschen. Das ist der Glaube, der uns aus der unerschöpflichen Quelle des göttlichen Geistes die Kraft gibt, uns gegenseitig das Leben leichter zu machen, Schweres zu ertragen und zu überwinden, guten Mutes nach vorn zu schauen und unmöglich Scheinendes für möglich zu halten - also: "Berge zu versetzen" (Matthäus 17,20).

Von Dietrich Bonhoeffer habe ich gelernt, "Glaube" von "Religion" zu unterscheiden. Er nennt den Menschen "religiös", dessen Gottesbeziehung eine vorwiegend metaphysische ist und der das Hauptziel seiner Religion im Leben nach dem Tode sieht. Dazu muß er Weisungen befolgen, deren Einhaltung ihm das jenseitige Seelenheil verspricht, und er tut es in Form dessen, was bei Luther das "Gerechtwerden" aus (frommen) "Werken" heißt. Der Glaube hingegen ist nicht auf Jenseitiges gerichtet, von dem wir ohnehin nichts wissen können, sondern auf diese Welt. Wer glaubt, lebt jetzt. Er nimmt seine Aufgaben im Leben nicht deshalb wahr, weil es ihm darauf ankommt, sich das ewige Leben zu sichern, sondern er setzt sich mutig für das Wohl seines Nächsten und der Schöpfung ein, um seiner Verantwortung gerecht zu werden und zu bewirken, was not tut.

In jeder Religion kennt man Personen, die diesen Glauben als eine Art zu leben praktiziert haben, und denen es nachzufolgen gilt. Der Jesus der Evangelien ist ein solcher Mensch. Sein Glaube war - nach dem Bild, das wir von ihm haben - nicht dogmatisch, sondern flexibel und situationsentsprechend, lebensnah und bedürfnisgerecht. Der Mensch, so soll er zum Beispiel gesagt haben, sei nicht für den Sabbat gemacht, sondern der Sabbat sei für den Menschen da (Markus 2,27). Und wenn der gesetzestreue Jude dem Tempel opferte, was eigentlich seine armen Eltern dringender gebraucht hätten, dann war Jesus dafür, einer solchen Regel nicht zu folgen (Markus 7,11). Er meinte, daß im Konfliktfalle die Gesetze der Menschlichkeit über den von Menschen geschaffenen religiösen Weisungen zu stehen hätten.

3

"Ihr seid meine Freunde...", sagt der Jesus des Johannes-Evangeliums (Johannes 15,14) zu denen, die das Göttliche, das er konsequent verkörpert hat, auch in ihrem Leben zu verwirklichen suchen. Solche Freunde finde ich in unserer Religiösen Gesellschaft der Freunde, die sich nach diesem Zitat so benannt hat. Aber ich finde sie auch außerhalb von ihr. Der institutionelle Rahmen unserer Gesellschaft ist also nicht kongruent mit den "Glaubensgrenzen" unter den Menschen. "Ihr seid meine Freunde" ist zu allen Menschen gesprochen, deren Glaube sie dazu bewegt, "das von Gott in jedem menschlichen Wesen" zu suchen und zu finden, es anzusprechen und ihm zu antworten.

Der Jesus der Evangelien verlangt von seinen Freunden nicht, sich starren Regeln zu unterwerfen und an Lehrsätze zu glauben, sondern den Glauben zu leben, so wie er ihn vorgelebt hat. Ich denke, daß diese Art zu leben der Glaube ist, den Paulus im Sinne hat, wenn er an die Galater schreibt: "Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" (Galater 6,2). "Gottesdienst", wie Jesus ihn gemeint haben könnte, ist nach meinem Verständnis nicht das, was an einem Tag der Woche kultisch zelebriert wird, sondern das, was auf der Straße von Jerusalem nach Jericho geschieht (Lukas 10, 29-37), das, was Menschen jeden Tag und überall aus Liebe ihren Nächsten Gutes tun.

So verstandener Glaube, der aus der Kraft des Göttlichen in uns gespeist wird, ist also überall zu finden - bei Menschen jeder religiösen Tradition, aber auch außerhalb jeglicher religiöser Gemeinschaft. Wo Menschen in diesem Sinne glauben, da geschieht das einzig Wesentliche: die Begegnung mit Gott im Mitmenschen. Dieser Glaube ist überall, wo wir jemanden bedingungslos annehmen, statt ihn abzuweisen und zu verurteilen; er ist da, wo einer dem andern unverdient Halt und Hilfe gewährt, ihm Mut macht und Zuspruch gibt, ihn tröstet und stärkt, ihm Zeit, Liebe und Heilung schenkt - wie der barmherzige Samariter, der alle Bedenken in den Wind schlägt und sich mit seiner ganzen Menschlichkeit seinem Nächsten zuwendet. Das zutiefst mitmenschliche Verhalten in dieser Gleichnisgeschichte (Lukas 10,29-37), das von Jesus als vorbildhaft gekennzeichnet wird, ist das, was dem Göttlichen in uns entspricht. Zu diesem Allerwesentlichsten aber bedarf es keiner fixierten Regeln und Weisungen, keiner heiligen Grundsätze und Lehren. Deshalb wissen sich Menschen innerhalb und außerhalb aller Religionen in diesem Glauben verbunden. Unter diesem Aspekt tritt die Frage nach der religiösen Gemeinschaft, der jemand angehört, und nach deren Selbstverständnis in den Hintergrund. Der Glaube, der eine Art zu leben ist, kennt keine institutionellen Ein- und Abgrenzungen. Die verschiedenen Religionen geben Gott unterschiedliche Namen - und sind doch sämtlich von demselben göttlichen Geist erfüllt, der alle Menschen eint.

Ich muß, so meine ich, nicht beschreiben können, an wen oder was ich als Mitglied der Religiösen Gesellschaft der Freunde glaube, denn allein mein Tun und Verhalten, meine Art zu leben ist mein Glaube. Er spricht für sich und ist das unsichtbare Erkennungs-Abzeichen, das alle Menschen tragen, die zu Jesu "Freunden" gezählt werden können, ob sie nun Quäker sind oder nicht. Mein Glaube bindet mich nicht an Worte und Sätze, an Bekenntnisse und Definitionen, er macht mich frei von alldem. "Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. Der Herr ist Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit." (2. Korinther 3,6.17)

© Eberhard E. Küttner, 06.08.2004
In: Quäker. Zeitschrift der deutschen Freunde, Nr. 4 - Juli/August 2004 - 78. Jahrgang, S. 211-214

 

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Anmerkungen zur Situation von Psychiatrie und Psychotherapie in der DDR

Angesichts der weitverbreiteten einseitig negativen Bewertung des Gesundheitswesens der Deutschen Demokratischen Republik ist es mir ein Anliegen, auch die positiven Seiten zu beleuchten. Als langjähriger Mitarbeiter in diesem Bereich und aus meinen ganz persönlichen jahrzehntelangen Erfahrungen mit psychischer Krankheit im engsten Familienkreis möchte ich dies vor allem im Hinblick auf die damalige Situation von Psychiatrie und Psychotherapie tun.

In der DDR war die Gesundheit der Menschen in ein weitverzweigtes System umfassender staatlicher Fürsorge eingebunden. Dazu gehörten zum ersten die grundlegenden Rahmenbedingungen für die Gesundheit, wie das Recht auf Arbeit, ausreichendes Einkommen und bezahlbares Wohnen, auf soziale Sicherheit und Freiheit von Existenzangst, auf Erholung und Sport, Teilhabe an Kultur usw. Zum zweiten gehörte dazu die gesundheitliche Vorsorge — etwa durch Reihenuntersuchungen in Betrieben und Polikliniken, prophylaktische Kuren u.ä. Zum dritten umfaßte das System die rasche lebensrettende Notfallhilfe sowie die (weitgehend ausreichende) wohnungs- und arbeitsplatznahe medizinische und pflegerische Grundversorgung ebenso wie die spezialisierte und hochspezialisierte medizinische Versorgung und die Dispensairebetreuung chronisch Kranker. In dieses gut durchorganisierte und weitestgehend unbürokratische Gesundheitssystem waren natürlich Psychotherapie und Psychiatrie voll integriert. Wie den anderen medizinischen Disziplinen galt auch diesem Sektor eine hohe Aufmerksamkeit von Politik, Wissenschaft und Forschung. Hier war die DDR nach der UdSSR führend innerhalb der sozialistischen Staatengemeinschaft.

Obwohl psychisch krank zu sein prinzipiell nichts Ehrenrühriges ist und kein Makel, der den Menschen minderwertiger macht, war das Bewußtsein vieler DDR-Bürger natürlich nicht frei von jenen uralten und tief verwurzelten unseligen Vorurteilen, nach denen psychisch Kranke als »nicht vollwertige« Menschen, als sozial untauglich und störend, als zu recht »gestraft« oder gar »gefährlich« eingestuft und deshalb sozial ausgegrenzt werden. Das ist aber auch in der heutigen Bundesrepublik leider nicht anders. Schon die im Volksmund noch immer allerorten übliche gedankenlos-abwertende Bezeichnung »Klapsmühle« für eine psychiatrische Klinik belegt das eindrucksvoll. Es läßt sich auch deutlich ablesen an der nicht unbegründeten Angst psychisch kranker Mitbürger vor den möglicherweise diskriminierenden Folgen des eventuellen Bekanntwerdens ihrer Krankheit im Arbeits- und Wohnumfeld.

Aus diesem Grunde ging es der Gesundheitspolitik der DDR spätestens seit dem »Rodewischer Symposion« im Jahre 1963 darum, das traditionelle Konzept der Psychiatrie zu überwinden. Nach diesen überkommenen Vorstellungen haben die Mitarbeiter der psychiatrischen Krankenhäuser die Aufgabe, die Gesellschaft vor den Patienten zu »schützen« und diese sicher — aber ohne individuelle Therapie — zu »verwahren«. Außerdem wurde seit mehr als hundert Jahren versucht, die psychisch Kranken — ganz gleich, ob sie an Neurosen, Psychosen, Suchtkrankheit oder geistiger Behinderung litten — durch eine wie auch immer geartete Behandlung unter Mißachtung ihrer einzigartigen Persönlichkeit den üblichen sozialen Normen anzupassen. Nun galt es in der DDR also, diese psychiatrischen Anstalten alten Stils mit ihrer tradierten hierarchischen Ordnung der Mitarbeiter und der Bevormundung und Entmündigung der Patienten schrittweise umzuwandeln in moderne Gesundheitseinrichtungen. Dazu gehörten Kollektive aus gleichberechtigten und partnerschaftlich zusammenarbeitenden Ärzten und Schwestern und eine therapeutische Grundhaltung, deren Anliegen es war, neben der Beseitigung und Linderung psychopathologischer Phänomene die gesunden Anteile und Fähigkeiten der Patienten zu fördern. Damit sollte ihnen ein Höchstmaß an sozialer Kompetenz und Eigenständigkeit ermöglicht werden. Der tägliche Umgang der Ärzte und Pflegepersonen mit dem psychisch Kranken hatte also dem Ziel zu dienen, seine Persönlichkeit und seine subjektive Befindlichkeit ernstzunehmen und nach Möglichkeit sein Selbstwertgefühl zu stärken. Wenn Krankheit ganz allgemein schon in Abhängigkeit zwingt, in eine Situation also, in welcher der Patient nicht mehr der Aktive, der Kontrollierende, der sich Beherrschende und Strukturierende ist, dann stellen psychische Störung und Krankheit Extremsituationen dar, in denen er sich in ganz besonderer Weise an Fremde ausgeliefert fühlt. Daher wurde es von den führenden Wissenschaftlern der DDR und der UdSSR auf dem Gebiete der Psychiatrie (wie Bach, Goffman, Kayser, Kindt, Weise, Wing, Wolowik u.a.) als besonders wichtig hervorgehoben, dem psychisch — und infolgedessen meist auch in seinen sozialen Beziehungen — Gestörten optimale zwischenmenschliche Kontakte anzubieten, durch die nicht sein Kranksein, sondern sein Menschsein in den Vordergrund zu stellen war. Das wurde als unverzichtbare Basis aller weiteren Therapie angesehen.

Diese Neuorientierung des Umgangs mit psychisch Kranken fand in dem Prinzip der sogenannten »therapeutischen Gemeinschaft« seinen theoretischen Ausdruck, durch das die Prinzipien der Partnerschaft, der Patientenzentriertheit und der Ganzheitlichkeit realisiert werden sollen. Es ist bis heute das effektivste Behandlungskonzept, das freilich in der deutschen psychiatrischen Praxis noch kaum verwirklicht ist. Es sollte also nicht verwundern, wenn es in der historisch sehr kurzen Zeit von fünfundzwanzig Jahren, die der DDR nach 1963 noch blieben, nicht gelingen konnte, dieses Ziel vollständig zu erreichen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Das waren einerseits wirtschaftliche, politische und strukturelle; andererseits aber sollten sich auch die überlebten Bewußtseinsinhalte in den Köpfen der Menschen sowie die materiellen Schwierigkeiten einer so tiefgreifenden revolutionären Veränderung doch als stärker erweisen als die redlichen Bemühungen um Erneuerung. Dennoch sind auf dem Wege zum gesteckten Ziel viele wertvolle Errungenschaften erreicht worden, die dann allerdings nach 1990 sämtlich wieder rückgängig gemacht wurden. So drängt sich etwa die Frage auf, warum beispielsweise das flächendeckende, sehr effektive und kostengünstige System von Polikliniken, Tageskliniken und organisierter Nachbarschaftshilfe damals kurzsichtigerweise abgeschafft worden ist.

Vor dem Hintergrund des weitgehend gut organisierten Netzwerkes von Auffang-, Betreuungs- und Behandlungsmöglichkeiten im Falle akuter und chronischer psychischer Erkrankung hatte die nachbarschaftliche Hilfe in der DDR immer den Charakter von zusätzlichen Leistungen, die für die Gesamtversorgung die Ausnahme darstellten. Die Nachbarn fühlten sich — ebenso wie auch die nächsten Angehörigen — nicht in der alleinigen Verantwortung und konnten daher leichter Gefälligkeiten anbieten. Heute dagegen haben Familienangehörige und Nachbarn Angst, durch Übernahme von Hilfeleistungen in eine Verantwortung für den psychisch kranken Menschen hineinzugeraten, die sie dann später irgendwann vielleicht nicht mehr leisten können oder wollen. Also ist Voraussetzung für eine funktionierende Hilfe in Familie und Nachbarschaft eine ausreichende Grundversorgung. Die war in der DDR trotz hier und da vorhandener ökonomischer Schwierigkeiten und wegen andauernden Arbeitskräftemangels zweifellos gegeben. Abgesehen davon gab es ein sehr viel stärkeres Gefühl der Zusammengehörigkeit innerhalb der Hausgemeinschaft sowie der Solidarität und Verantwortung füreinander, als das heute der Fall ist.

In der DDR war die Behandlung psychisch Kranker offiziell ausschließlich den Fachärzten für Neurologie und Psychiatrie erlaubt, und die Patienten hatten ein Recht auf stationäre oder ambulante Therapie ohne Wartezeit und natürlich ganz ohne Zuzahlungen. Es war gesellschaftlicher Konsens, daß die Gesundheit keine Ware und daher unbezahlbar ist. Daher war unvorstellbar, daß die Kosten für medizinische Leistungen, wenn auch nur anteilig, jenen Menschen aufgebürdet werden könnten, die ohnehin schon durch Krankheit oder Schädigung benachteiligt sind. Also war es völlig undenkbar, daß eine in der DDR angewandte Therapieform oder ein im sozialistischen Wirtschaftsgebiet zugelassenes Medikament einem Kranken aus finanziellen Gründen vorenthalten worden wäre. Eine Zwei-Klassen-Medizin wurde von den Menschen als in höchstem Maße unmoralisch und unmenschlich verurteilt, und sie galt zudem als ein für alle Zeiten überwunden.

In die psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung waren auf Wunsch die nächsten Angehörigen dergestalt mit einbezogen, daß sie fachärztlich beraten und, wenn nötig, selbst psychologisch begleitet wurden. Nach der Zeit ihrer Arbeitsunfähigkeit, ganz gleich welcher Dauer, blieb den Patienten der Erhalt ihres Arbeitsplatzes garantiert. Grundsätzlich war es den Betriebsleitern verboten, einen Werktätigen wegen Krankheit (also auch solcher mit psychopathologischer Diagnose) zu entlassen. War der Patient krankheitsbedingt nicht mehr in der Lage, seine bisherige Tätigkeit auszuüben, so mußte ihm eine seinen verbliebenen Fähigkeiten entsprechende zumutbare andere Einsatzmöglichkeit — möglichst im gleichen Betrieb — oder gegebenenfalls ein geschützter Arbeitsplatz angeboten werden. Dabei ging man völlig zu recht davon aus, daß die Arbeit unter anderem als Quelle der Identitätsstiftung und der Selbstbestätigung von großer Wichtigkeit besonders für psychisch Kranke ist. So durfte die Möglichkeit, eine berufliche Tätigkeit ausüben zu können, nicht von den vorhandenen freien Arbeitsplätzen abhängig sein, sondern ein Arbeitsplatz mußte notfalls für den Menschen mit psychischer Behinderung notfalls passend gemacht oder extra geschaffen werden.

Diese zutiefst humanistische Wirklichkeit wird heute von Leuten, die aus politischen Gründen gern ein karikiertes DDR-Bild vermitteln, geflissentlich »übersehen«. Eine ausgewogene Betrachtung der Situation psychisch Kranker in der DDR jedoch müßte zwar einerseits selbstverständlich auf die objektiven und subjektiven Mängel hinweisen, die auf manchen Gebieten zweifellos vorhanden waren und die in dem Zurückbleiben der Realität hinter den hohen ethischen und organisatorisch-praktischen Ansprüchen an ein Gesundheits- und Sozialwesen bestanden, das dem sozialistischen Menschenbild gerecht werden sollte. Sie muß andererseits fairerweise aber ebenso deutlich die Tatsache hervorheben, daß bis 1990 eine menschenwürdige Realität geschaffen worden war, von der viele psychisch Kranke in der heutigen Bundesrepublik Deutschland, wo nicht mehr nach den Bedürfnissen des Menschen gefragt wird, sondern nach seinem Geldbeutel und danach, was »sich rechnet«, nur träumen können.

© Eberhard E. Küttner, 25.07.2004

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Hilfe beim Sterben statt Hilfe zum Sterben!

Bundestagsabgeordnete der SPD, der Grünen und der FDP planen zur Zeit eine fraktionsübergreifende Initiative für ein "Sterbehilfe"-Gesetz in Deutschland. Mit einem gemeinsamen Antrag wollen sie erreichen, daß Menschen, die als unheilbar krank gelten, über den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen können. Das Strafgesetzbuch soll so geändert werden, daß Tötung auf Verlangen nicht mehr grundsätzlich verboten und strafbar ist. Die Deutsche Hospizstiftung protestiert gemeinsam mit Kirchen und verschiedenen humanistischen Verbänden (und noch auch mit den Unionsparteien) scharf gegen dieses Ansinnen. Sie fordert stattdessen eine flächendeckende intensive Versorgung Sterbender.

Ich sehe dieses Gesetzesvorhaben als eine Bankrotterklärung der Menschlichkeit unseres Gesellschaftssystems. Wenn die aktive Sterbehilfe legalisiert würde, wäre das für mich nur eine folgerichtige weitere Maßnahme einer Gesundheitspolitik, für die nicht der Mensch, sondern sein in Geld ausgedrückter "Wert" im Mittelpunkt des Interesses steht. Nach meiner Überzeugung kommt es darauf an, das Sterben wieder in unseren natürlichen Alltag zu integrieren und Menschen bis zum letzten Atemzug liebevoll zu begleiten, anstatt erst durch Mangel an Hilfe Todessehnsucht in ihnen entstehen zu lassen und dann nach Möglichkeiten für ihre Tötung zu rufen.

Es ist eine unbestrittene Tatsache, daß Menschen, die sterben möchten, damit in keinem Falle ausdrücken, daß sie nicht mehr leben wollen, sondern ausnahmslos, daß sie so nicht mehr leben wollen! Das heißt, es ist die Aufgabe der Gesellschaft - und darin vor allem der professionell Pflegenden -, alles dafür zu tun, daß eine Situation, die der Patient nicht mehr ertragen kann und will, geändert oder zumindest erträglicher gemacht wird. Die Regierung ist gefordert, für eine solche umfassende und hochqualitative Kranken- und Altenpflege günstige Rahmenbedingungen zu schaffen.

Die Vermeidung von Tötungswünschen ist in den meisten Fällen schon durch eine effektive Schmerzbekämpfung zu erreichen. Starke andauernde Schmerzen müssen vom Patienten heutzutage nicht mehr als unabänderliches Schicksal hingenommen werden. Leider ist Deutschland - verglichen etwa mit Dänemark, Großbritannien oder den USA - im Hinblick auf praktische Schmerztherapie noch immer ein Entwicklungsland. Viele deutsche Ärzte haben auf diesem Gebiet nur eine ungenügende Ausbildung und schrecken z.B. aus unzutreffenden Gründen oder wegen einer verfehlten Arzneimittelverordnung vor der Gabe von Morphinen zurück, und viele Tumorpatienten, die oft unter besonders hartnäckigen und starken Schmerzen leiden, wissen oftmals gar nicht, daß sie eine wirksame Schmerzbekämpfung fordern und gemeinsam mit dem Arzt festlegen können.

Die entscheidende Möglichkeit zur Verbesserung der psychischen Komponente körperlichen Leidens ist die einfühlsame und liebevolle mitmenschliche Zuwendung. Die Praxis beweist immer wieder eindrucksvoll: Ein Patient, der eine angemessene verständnisvolle Hilfe erlebt und die Bereitschaft von Menschen, unter allen Umständen bei ihm zu bleiben und die schwere letzte Lebensphase gemeinsam mit ihm durchzustehen, ein solcher Patient äußert kein Tötungsbegehren oder hält es zumindest nicht aufrecht. So kann der Wunsch eines Schwerkranken, durch Tötung erlöst zu werden, in nahezu allen Fällen als ein Ergebnis des Versagens der sozialen Umwelt angesehen werden. Gerade in der Hospizbetreuung findet diese Erfahrung sich immer wieder bestätigt.

Nach meiner Auffassung sprechen also vor allem diese Gründe gegen eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe:

1.
Kein Mensch ist in der Lage, Wert, Sinn und Prognose seines Lebens oder das eines anderen mit verbindlicher Endgültigkeit zu bestimmen, und niemand hat das Recht, sich selbst oder andere zum Herrn über Leben und Tod zu machen - auch nicht durch ein Gesetz.

2.
Es gibt kein Kriterium dafür, von welchem Leidensmaß an ein menschliches Leben als "unzumutbar" einzustufen ist. Physisches und psychisches Leiden wird immer subjektiv empfunden. Daher sind weder Außenstehende noch der Patient selbst sind in der Lage, endgültige Aussagen zu machen über die Grenze der Tolerierbarkeit des Leidens sowie über den Sinn und die Perspektive eines menschlichen Lebens.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auch darauf aufmerksam machen, daß der Wunsch von Angehörigen, Leiden durch Töten beenden zu dürfen, oft nicht nur daraus entspringt, den Leidenden erlösen zu wollen, sondern auch daraus, sich selbst davon befreien zu können, das Schwere mit ansehen und mit ihm aushalten zu müssen! Zu oft schon wurden einmal geäußerte Wünsche nach aktiver Sterbehilfe später revidiert, sobald sich innere oder äußere Bedingungen für den Patienten auch nur geringfügig veränderten. Dem dürfen wir durch einen irreversiblen Schlußstrich nicht vorgreifen!

3.
Jeder Wunsch zu sterben und jedes Tötungsbegehren Schwerkranker ist situativ bedingt. Die Aufgabe besteht also darin, nach Möglichkeiten für die Verbesserung der Situation des Kranken zu suchen, und nicht darin, nach der gesetzlichen Freigabe seiner schnellen und bequemen "Entsorgung" zu rufen.

4.
Wenn eine Gesellschaft erst einmal darin übereinkommt, daß von einem bestimmten Stadium an Leben nicht länger erhaltenswert sei, können Patienten sich plötzlich nicht mehr sicher fühlen! Zunächst würde man diejenigen Patienten straffrei töten, die danach verlangen. Dann aber würden sehr bald Schwerstpflegebedürftige einen moralischen Druck auf sich lasten fühlen, durch ihren Todeswunsch die Angehörigen oder das professionelle Pflegepersonal von der übergroßen Mühe befreien zu sollen, und schließlich würde man Kranke dahingehend manipulieren, daß sie selbst ihre Tötung wünschen, wenn der Arbeitsaufwand und die Kosten für ihre Pflege zu groß werden.

5.
Jeder Mensch hat ein unveräußerliches Recht auf die ärztliche Lebensbewahrungspflicht, solange der irreversible Sterbeprozeß noch nicht begonnen hat, sowie auf eine intensive und einfühlsam-liebevolle individuelle Begleitung mit wirksamer Schmerzbekämpfung bis zum natürlichen Tod.

6.
Ausnahmslos alle Möglichkeiten der Heilkunde sowie der Kranken- und Altenpflege müssen jedem Patienten - unabhängig von Alter und Geschlecht, Nationalität und sozialem Status sowie von Erfolgsaussichten und erst recht von wirtschaftlichen Erwägungen! - zur Verbesserung seines physischen und psychischen Zustandes und seiner Lebensqualität zur Verfügung stehen.

7.
Gesundheit und Leben sind keine Ware und also unbezahlbar! Die Kosten für medizinische Leistungen müssen von der Solidargemeinschaft aufgebracht werden und dürfen den Menschen, die ohnehin schon durch Krankheit oder Schädigung benachteiligt sind, - weder ganz noch anteilig, weder direkt noch indirekt - aufgebürdet werden. Es darf nicht sein, daß ein Kranker sich eine Therapie oder ein Medikament nicht leisten kann oder daß ihm von der gesetzlichen Krankenversicherung irgendetwas vorenthalten wird, das ihm gut tun könnte. Eine Zwei-Klassen-Medizin ist in höchstem Maße unmoralisch und unmenschlich.

Daran, ob es ein "Sterbehilfe"-Gesetz in Deutschland geben wird oder nicht, wird sich also erweisen, ob diese Gesellschaft in einem ganz wesentlichen Punkt ihrem eigenen ethischen Anspruch gerecht wird oder ob sie in der Tat bereit ist, ihre Absage an die Humanität letztlich auch noch juristisch zu fundamentieren.

© Eberhard E. Küttner, 25.04.2004

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Die Realitätsferne des Papstes

Mit Empörung nehme ich die jüngste Streitschrift des Papstes gegen homosexuelle Partnerschaften zur Kenntnis. Ich halte sie für einen ungerechtfertigten und zum Scheitern verurteilten Versuch des "Stellvertreters Gottes", sich massiv in die Politik einzumischen und der Welt die gleiche Realitätsferne zuzumuten, in der er selbst sich befindet. Dieses fünfzehnseitige Machwerk ist für mich eine unerhörte Diskrimierung von Menschen, die jeglichem christlichen Denken Hohn spricht.Die katholische Kirche muß sich nicht wundern, wenn sie sich mit solchen Vorstößen immer weiter ins Abseits manövriert.

Nie zuvor in der zweitausendjährigen Geschichte des Christentums ist der Rückgang des Glaubens so dramatisch gewesen wie seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Die alte Volksreligiosität mit ihrer Gewißheit ist nicht mehr vorhanden; die Zahl derer, die keinerlei Bezug zu christlichen Begriffen, Vorstellungen und Glaubensinhalten haben, wächst rasch. Immer mehr Menschen fühlen sich in ihrer Befindlichkeit vom spirituellen Angebot des Christentums nicht mehr angesprochen und verstanden, sie betrachten es als weltfremd und wie einen überlebten Aberglauben. In Westeuropa und Nordamerika schrumpft die Zahl der Mitglieder der beiden großen Kirchen jährlich um mehr als ein Prozent. Die Nachwuchssorgen besonders des katholischen Klerus, aber auch der evangelischen Geistlichkeit werden immer ernster.

Was ist der entscheidende Grund für diesen offensichtlichen Niedergang?

Ist es der, daß wir heute in einer aufgeklärten Welt leben, in der die explosionsartig sich entwickelnde Wissenschaft den Glauben immer mehr zurückdrängt, wie so oft behauptet wird? - Sicher nicht. Denn gerade im rasanten Wissenschaftsfortschritt wird uns auch die große Gefahr bewußt, daß wir ihn aus der Kontrolle verlieren könnten; wir fühlen uns auf vielen Gebieten (Militär-, Medizin-, Gentechnik usw.) hilflos ausgeliefert und fragen nach Grenzen zu unserem Selbstschutz, nach ethischen Kriterien, die außerhalb unseres ehrgeizigen wissen- schaftlichen, allein auf enge, menschliche Maßstäbe reduzierten Denkens liegen. Dieses Fragen mündet bei vielen Menschen durchaus auch in religiöses Suchen, wie wir beobachten können.

Liegt der Grund für den Verfall des christlichen Glaubens im Zeitgeist, in der materialistischen Grundorientierung des heutigen "westlichen" Menschen? - Wieder eindeutig nein, denn je materialistischer eine Gesellschaft eingestellt ist, desto mehr braucht sie ein Gegengewicht zu dieser Einseitigkeit, braucht sie die Religion. Wir spüren das sehr deutlich an dem zunehmenden Gefühl der inneren Leere, die sich in so vielen, vor allem jungen Menschen breitmacht und das sie unter anderem mit der Flucht in Formen sinnloser Zeitvergeudung oder in eine Computerspiel-Scheinwelt, mit Rauschmitteln, aggressiven und autoaggressiven Verhaltensweisen, lebensgefährlichen Sportarten und der Entdeckung immer neuer "Kicks" zu betäuben versuchen. Aber auch in der Suche nach Gemeinschaft in ideologischen (etwa neonazistischen) Gruppierungen, in spektakulären Heilslehren (vor allem mißverstandenen fernöstlichen) und pseudoreligiösen (wie etwa satanischen) Kulten zeigt sich die Sehnsucht nach einer Ausfüllung dieser Leere.

Nach meiner Auffassung liegt die Hauptursache für die gegenwärtige Krise des Christentums in einer Kirchenführung begründet, die die Zeichen der Zeit nicht verstanden hat und nicht verstehen will, und in einer Theologie, die bis zum heutigen Tag nicht bereit ist, die Erkenntnisse von hundert Jahren Religions- und Bibelwissenschaft zur Kenntnis zu nehmen.

Der mündige Mensch von heute aber mit seinem kritischen Denken und seinen vielen Fragen, der Wert legt auf Erkenntnis und Lebensnähe, auf Meinungs- und Entscheidungsfreiheit; der selbstbewußte Zeitgenosse, dem Institutionen mit absolutem Wahrheitsanspruch zuwider sind und der eine unüberwindliche Abneigung hat gegen Bevormundung und hohle Phrasen, der ist mit theologischen Lehraussagen, die vor Jahrhunderten auf der Grundlage einer mißverstandenen Botschaft ein für allemal festgelegt wurden und die mit dem Verstand nicht zu erfassen sind, kaum noch zu erreichen, geschweige denn für die christliche Religion zu öffnen.

© Eberhard E. Küttner, 01.08.2003

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Lehrer fürs Leben - Eine Laudatio

Als ich im Jahre 1964 mit Beginn der neunten Klasse an die Erweiterte Oberschule "Ernst Schneller" in Frankenberg (Sachsen) kam, begegnete ich ihm zum ersten Mal, nämlich bei der Aufnahmefeier, als er das Chor-Orchester-Ensemble dirigierte. Der Wechsel seiner Bewegungen zwischen energisch-gewaltigem Pathos und gefühlvoll-graziöser Sanftheit beeindruckte mich sehr. Welche Freude und Ehre für mich, kurz darauf zu jenen Schülern zu gehören, die in dieses Ensemble aufgenommen wurden! Diese vier Mittwochnachmittagsstunden gehörten für mich zu den schönsten der ganzen Woche - nicht nur wegen der Lust am Singen und an den Klängen des Orchesters, sondern auch wegen des Mannes, den ich von Anfang an bewunderte: Fritz Herberger.

Dieser Mann, das spürte ich, verstand die Sprache der Musik, und er übersetzte sie uns mit ausdrucksstarken Bewegungen und einfühlsamer Stimme, mehr noch mit seiner Seele als mit seinen Worten. Jede Musikstunde war ein Erlebnis für uns Schüler. Er kannte sich mit allen Instrumenten des Orchesters bestens aus; er komponierte Lieder, die wir bei Auftritten sangen; er kannte sich in der europäischen Musikgeschichte seit Walther von der Vogelweide aus und konnte mit packender Lebendigkeit aus dem Leben Bachs und Beethovens, Schuberts und Schönbergs erzählen, als wäre er ihr Zeitgenosse gewesen. Ein Abend im Rathaussaal, als Fritz Herberger zusammen mit seinem Bruder, einem Konzertviolinisten aus Baden-Baden, ein Solidaritätskonzert gab, wird mir immer in Erinnerung bleiben. Noch heute sehe ich jedes Mal bei Rachmaninows Prélude in cis-moll, wie einst sein Körper, seine Mimik und seine Bewegungen am Flügel mit dieser wunderbaren Komposition eins zu werden schienen.

Fritz Herberger, damals Anfang sechzig, war als Lehrer für Musik und Latein ein typischer Vertreter des deutschen Bildungsbürgertums, der immer wieder den Verlust der Werte des humanistischen Gymnasiums bedauerte und das drohende Ende der Wissenskontinuität über die Generationen beklagte. In unseren Lehrplänen kamen das klassische griechische und römische Altertum kaum vor und nicht das künstlerische Kulturerbe des vom Christentum geprägten Mittelalters, ebensowenig wie die Gedankenwelt Nietzsches oder Kafkas. Wo und wann immer sich eine Gelegenheit bot, versuchte Herberger diese verheerenden Lücken mit vielen kleinen Mosaiksteinchen zu schließen, die sich hie und da zusammenfanden, einander ergänzten und nach und nach ein Weltbild ergaben.

Besonders im Lateinunterricht fanden sich zahlreiche solcher Gelegenheiten. Ob es Opfer aus Liebe oder selbstsüchtige Treubrüche waren, großmütige Heldentaten oder raffiniert gesponnene Intrigen im Rom der Kaiserzeit oder der Republik - Ereignisse, die wir durch des Lehrers Worte zuweilen wohl mit größerer Spannung nacherlebten als vermutlich mancher Jugendliche heute bei einem Action-Film - stets ergab sich eine Möglichkeit, das Wesen des Menschen zu allen Zeiten, seine Stärke und Schwachheit zu illustrieren. Wir bewunderten ein aufs andere Mal Fritz Herbergers schier unerschöpfliches Wissen auf nahezu allen Gebieten der Geisteswissenschaften und sogar in den Naturwissenschaften. Mir Heranwachsendem schien er damals der letzte große Universalgelehrte zu sein. Er konnte hebräisch, griechisch und Latein lesen; er beherrschte Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch sowie Russisch und Polnisch in Wort und Schrift und war in der Lage, eine Reihe weiterer Sprachen zu verstehen und mit Hilfe des Wörterbuchs zu übersetzen.   

Bei all dem war Fritz Herberger ein einfacher Mensch. Er machte kein Aufhebens von sich, wehrte Bewunderung mit ehrlicher Bescheidenheit ab. Er lebte mit seiner Frau recht zurückgezogen in einem kleinen Häuschen in einer Siedlung am Rande der Stadt. Auf den Besitz eines Autos hat er trotzdem stets lächelnd verzichtet. Er fuhr leidenschaftlich gerne mit dem Rad und lief viel, war bei jedem Wetter unterwegs und praktzierte überhaupt eine gesundheitsförderliche Lebens- und Ernährungsweise. Auf Äußerlichkeiten legte er keinen besonderen Wert. Ich erinnere mich an nur zwei Hosen, die er in diesen vier Jahren trug - eine für den Schulalltag (sie war zwar längst aus der Mode und auch ausgebessert, wie man sah, aber trotzdem immer sauber und mit scharfer Bügelfalte), und eine für Festlichkeiten und öffentliche Auftritte. Umso wichtiger waren ihm die guten Umgangsformen des "Kavaliers alter Schule". Damals machte das noch auf einige von uns - wie auch auf mich - einen starken Eindruck, heute würde er von seinen Schülern wahrscheinlich dafür belächelt und verspottet werden. Herberger war allgemein beliebt und geschätzt bei allen Jahrgängen.

Fritz Herberger war ein Pädagoge im besten Pestalozzischen Sinne: Er verstand es, scheinbar ohne besondere Absicht, einfach nur durch Vorbild und Liebe zu erziehen. Er sah und achtete im Jugendlichen den Menschen und behandelte ihn mit Verständnis und Respekt. Er beherrschte die große Kunst, das Herz anzusprechen und die Seele zu entflammen. Nie war er das, was man - zu recht abfällig - einen "Stundengeber" nennt; ich habe bei allem, was er tat und sagte, seine innere Beteiligung gespürt. Sogar dann sprach er aus, was er dachte, wenn seine Überzeugung mit der offiziellen Meinung im Widerspruch stand. Es waren weniger seine Worte als vielmehr sein Verhalten, das mir viel von seiner Lebensanschauung vermittelt hat, die ein Teil meiner eigenen geworden ist. Bei ihm standen weniger das Lehrprogramm und die Notengebung im Vordergrund, obzwar er beide nicht vernachlässigt hat. Die Hauptsache war für ihn stets die menschliche Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, aus der sich eine gute Beziehung und damit alles andere für den Lernprozeß Wichtige ergab. Aus dem oftmals nur als hohle Phrase verstandenem Satz, daß wir nicht für die Schule lernen, sondern für das Leben, machte er eíne für uns nachfühlbare Wahrheit. Das sage ich durchaus nicht nur mit dem Wissen von heute, wir ahnten damals schon etwas davon. Bei Fritz Herberger lernten wir nicht vordergründig für Zensuren (die seiner unverhüllten Meinung nach ohnehin nur ein "notwendiges Übel" waren, da sie nichts Wesentliches über den Wert einer Persönlichkeit aussagen können), sondern weil wir unseren Wissensdurst stillen wollten - den er zum großen Teil selbst erst erzeugt hatte.

Der Lehrer Herberger hat meine geistige und emotionale Entwicklung in einem Maße beeinflußt, das ihm wohl gar nicht bewußt gewesen sein mag. Man sagt, einen Menschen, den wir besonders mögen und verehren, ahmen wir unbewußt nach. Wie oft bin ich noch während der vier EOS-Jahre von Mitschülern darauf aufmerksam gemacht worden, daß eine Bewegung von mir, eine Wortwahl, ein mimischer oder gestischer Ausdruck an Herberger erinnere! Selbst zwanzig Jahre später zu einem Klassentreffen wurde solches an mir beobachtet. Das ist kein absichtliches Kopieren, darin kommt - ungewollt - eine starke gefühlsmäßige Verbundenheit zum Ausdruck. Bei sehr vielem, das ich heute tue, bemerke ich, daß ich es einst von Fritz Herberger gelernt oder an ihm so wahrgenommen habe. Er hat meine Liebe zur Kunst, zur Wissenschaft, zu Fremdsprachen, zur Rhetorik geweckt oder vertieft; ohne seine Anregung wäre ich auf vieles nicht aufmerksam geworden, das zu einem Teil meines Lebens geworden ist. Er ist - ohne daß wir je darüber gesprochen hätten - auch der Anstoß für meinen Berufswunsch gewesen: Ich wollte ein ähnlich guter Lehrer werden wie er. Während mancher Vorlesungen und Seminare beobachte ich mich bis zum heutigen Tage dabei, daß ich ihm in vielem ähnlich bin. Bis zu seinem Tod im Jahre 1996 haben wir noch miteinander korrespondiert, und zweimal haben wir uns getroffen. Er hat meinen Werdegang mit Interesse verfolgt, und ich habe in ihm einen Verwandten im Geiste verloren.

Was ich geworden bin, führe ich zu einem großen Teil auf diesen Menschen zurück, der mir ein Lehrer fürs Leben war und der mich geprägt hat wie nur wenige andere Personen - Fritz Herberger.

© Eberhard E. Küttner, 30.05.2003

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Die Überlegenheit der Gewaltlosigkeit

"Schlag doch zurück!" ermuntert der Vater seinen kleinen Sohn, der von einem anderen Knaben angegriffen worden ist.
"Wir werden den angreifenden Feind zurückschlagen!" verkündet der Armee-Oberbefehlshaber und gibt den Befehl zum Gegenangriff.
"Wir müssen Deutschland am Hindukusch verteidigen", meinte ein ehemaliger Verteidigungsminister und schickte bewaffnete Soldaten in ein fernes fremdes Land.

Warum nur kommen die Menschen, wenn es einen Konflikt zu lösen gilt, immer so schnell an die Grenze ihres Verstandes, so daß ihnen nicht anderes mehr einfällt als das Mittel der Gewalt?
Geht es - im kleinen wie im großen - nicht auch ohne Gewalt?
Was wäre das doch für eine friedliche Welt, wenn niemand mehr auf Gewalt mit Gewalt reagierte und nicht länger ein Unrecht mit einem neuem, noch größeren Unrecht glaubte vergelten zu müssen!

Sehr viele Menschen meinen, daß der Verzicht auf Gewalt ein zwar löbliches, aber am Ende doch nicht zu verwirklichendes Ideal sei, ein Traumgebilde realitätsferner Phantasten. Das Leben und Wirken solcher Menschen wie der Buddha, Jesus von Nazareth, Laotse, Franz von Assisi, Jan Hus, Gandhi, Martin Luther King und Hunderter anderer beweist aber das Gegenteil. Und im übrigen scheint mir der gewaltlose Widerstand überhaupt eine Überlebensnotwendigkeit in unserer Zeit zu sein!

Die Frage ist, wie Gewaltlosigkeit überhaupt wirkt. Gibt, wer auf Gewalt verzichtet, nicht sich und sein Ziel leichtsinnig dem Untergang preis, und hat, wer nicht kämpfen will, nicht schon von vornherein verloren? Daß dem keineswegs so ist, möchte ich am Beispiel zweier Gegner demonstrieren. Stehen sich zwei Kämpfer gegenüber, die meinen, ohne Gewalt könnten sie ihren Konflikt nicht lösen, so besteht zwischen diesen beiden neben dem tiefen und scheinbar unversöhnlichen Gegensatz, der sie entzweit, auch eine Gemeinsamkeit: Sie führen ihren Kampf nämlich in der grundsätzlichen Übereinstimmung, daß Gewaltanwendung die einzig vernünftige, naturgegebene Methode sei, zu ihrem Recht zu kommen, und daß nur der siegen könne, der den anderen besiegt. Jeder nimmt mit Selbstverständlichkeit bei seinem Gegner dieselbe Voraussetzung an und richtet sein ganzes Verhalten darauf ein, daß auch der andere gewaltsam kämpfen werde. Hat einer, nennen wir ihn A, nun aber einen Gegner vor sich, nennen wir ihn B, der diesen von alters her geheiligten Grundsatz verneint, indem er sich keinesfalls bereit zeigt, auf Gewalt mit Gewalt zu reagieren, dann wird A, der darauf nicht vorbereitet ist, überrascht, bestürzt, irritiert und unsicher sein; sein Instinkt, sein der Gewalt verpflichteter Naturtrieb kann ihn auf einmal nicht mehr sicher leiten. Selbst seine erste Regung, B als Feigling zu beschimpfen, geht infolge der fehlenden Angst bei B und dessen ruhiger Überlegenheit ins Leere, weil B seine entschlossene Bereitschaft offenbart, notfalls lieber zu leiden als Gewalt anzuwenden, und das paßt nicht in das allgemeine Verständnis von Feigheit. A sieht sich einer unbeugsamen Standhaftigkeit gegenüber, die so gänzlich unerwartet daherkommt, daß er nicht weiß, wie er auf sie reagieren soll, und sich immer mehr verwirrt fühlt.

Dieses Überraschungsmoment untergräbt also im Handumdrehen die selbstsichere Haltung von A, und er kann sie nicht zurückgewinnen, bevor eine weitere Wirkung eintritt, die immer dann entsteht, wenn sich der Vorgang, wie es meist der Fall ist, vor Zuschauern abspielt. Diese nämlich fühlen sich, nachdem sie zuerst einen gewaltsamen Kampf sehen wollten, zunehmend mit B solidarisch und geben ihm damit ein moralisches Übergewicht. Hier wirkt der uralte "Herdentrieb", der uns alle stark beeinflußt und oft stärker, als uns das bewußt ist, unsere Handlungsweise bestimmt. Je deutlicher die moralische Überlegenheit von B ausstrahlt, je bezwingender seine Leidensbereitschaft und seine gütige Menschlichkeit, seine innere Beharrlichkeit zu rein geistigem Widerstand den Zuschauern spürbar wird, desto sicherer bekommt er ihre Sympathie. Das fühlt wiederum auch A, und er wird noch hilfloser, weil er – mit Recht – fürchtet, die Zuschauer gegen sich zu haben, falls er auf den wehrlosen A einschlägt. Außerdem befindet sich B eindeutig in einer psychisch vorteilhafteren Lage als A, denn im Gegensatz zu ihm ist er nicht überrascht und fühlt sich deswegen also auch keineswegs verunsichert, da er ja mit der Gewalt des Gegners von Anfang an gerechnet hat, und er ist zudem noch ohne Zorn und ohne Aggressionsgefühle und somit im Besitze seines vollständigen inneren Gleichgewichts. Es kann sogar geschehen - und es gibt zahlreiche Beispiele dafür -, daß diese Größe von B Eindruck auf A macht und ihm Achtung abnötigt. Einen Gegner aber, vor dem man Achtung hat, bekämpft man nicht mehr so leicht mit Gewalt.

Natürlich läßt dieses Beispiel sich auch so umwandeln, daß man sich unter A und B nicht Einzelkämpfer vorstellt, sondern Regierungen, und unter den Zuschauern die Weltöffentlichkeit. Damit ist die große Wirksamkeit aller friedlich angestrebten Konfliktlösungen und ihre eindeutige Überlegenheit über kriegerische Auseinandersetzungen erklärt: Sie setzt starke emotionale Kräfte frei. Alle gewaltsamen Siege bedeuten eine Fesselung der Kräfte im Besiegten, Energien also, die früher oder später wieder neu zum Ausbruch drängen. Der so erzwungene Frieden ist seinem Wesen nach unecht, er wird nur vorgetäuscht, und unterschwellig schwelen die Konflikte weiter. Einzig und allein ein Frieden, der ohne Gewalt erreicht wird, ist ein wahrhaftiger Frieden.

© Eberhard E. Küttner, 24.07.2002

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Jona und der große Fisch

Das zweite Kapitel des Buches Jona im Alten Testament enthält die berühmte Geschichte vom großen Fisch. (Luther hat "Walfisch" übersetzt, im hebräischen Urtext steht aber nur "großer Fisch".) Nun kann man einerseits sagen, das sei doch eine lächerliche Geschichte. Wer nimmt sie noch ernst, und wie kommt man auf die Idee, heute darüber nachzudenken? Wer glaubt denn schon ernsthaft, daß ein Mensch drei Tage und drei Nächte in einem Fisch bleiben und solches überleben kann? Andererseits gibt es Christen, die sagen, man müsse alles glauben, was in der Bibel steht. Bei Gott sei schließlich kein Ding unmöglich. Und wenn schon Jesus Bezug nimmt auf Jona im Fischbauch (Mt 12:40), dann müßte die Sache doch wohl von Bedeutung sein. Und so wird dann die Geschichte zu einer Art Glaubenstest gemacht.

Für mich ist diese Jona-Erzählung weder lächerlich noch Maßstab für den Glauben. Mich dünkt, es geht überhaupt nicht um einen Fisch. Es geht um den Menschen und dessen Beziehung zu seinem Schicksal. Es geht um einen Menschen, der wieder Boden unter die Füße bekommt und der sagen kann: Jetzt bin ich wieder an Land.

Wer eigentlich ist denn dieser Jona? (Ich frage bewußt: Wer ist Jona - und nicht: Wer war Jona.) Jona ist einer, der eine Stimme gehört hat, der einen Auftrag erhalten hat, eine Lebensbestimmung, ein Ziel. Er hat dies wahrgenommen, aber nicht für wahr gehalten. Jona ist einer, der bewegt worden ist, der sich aber nicht bewegen lassen wollte. Jona ist einer, der vor einem neuen Übergang steht und davor zurückschreckt. Wer kennt das nicht, daß Angst blockiert, daß sich Widerstände regen, daß man sich dann zurücknimmt bis auf ein kleines Lebensminimum? So bietet uns die Jona-Erzählung keinen Tatsachenbericht; sie will eine Symbolgeschichte sein. Das heißt, es kommt ihr vor allem darauf an, menschliche Tiefenerlebnisse ins Bild zu setzen. Es geht um ein Bild und Gleichnis unseres eigenen Lebens. Darum sollten wir nicht fragen: Was war das für ein Fisch? Und: Ist es möglich, drei Tage in einem Fischbauch zu überleben? Wir sollten vielmehr fragen: Wovor bin ich auf der Flucht? Und: Welche Ungeheuerlichkeiten bedrohen, überwältigen und verschlingen mich? Und: Was ist mein Lebensziel und wie werde ich ihm gerecht?

In der Gleichnisgeschichte wird deutlich, daß wir, wenn wir uns unserer Bestimmung verweigern, in eine Sackgasse geraten. Ninive bedeutet "Wohnung des Fisches". Jona wollte um keinen Preis nach Ninive, zur "Wohnung des Fisches" also, und befindet sich nun doch in einer - allerdings ganz anderen - "Wohnung des Fisches". Wie paradox! Der Erzähler vermittelt mit feiner Ironie, daß wir uns letztlich unserer Bestimmung nicht entziehen können.

In einem Buch der amerikanischen Ärztin Candida Meves habe ich folgenden Bericht gefunden. Die Psychologin beschreibt das Erleben eines 21jährigen Mannes: "Ich habe den Eindruck gewonnen", schreibt sie, "daß der Patient die Talsohle der Depression bereits hinter sich hat. Er schaut mich mit klaren Augen an, lächelt und sagt: 'Mir scheint, ich bin wieder an Land.' Ich erwidere: 'Wenn man so weit unten war, ist das ein tolles Gefühl, nicht wahr?' 'Ja', sagt er, 'wissen Sie, ich war wie ein Stein, den man ins Meer geworfen hat, und ich fiel und fiel und fiel, war entsetzlich schwer und gänzlich ohnmächtig. Es war so ähnlich, als wenn ich in ein riesiges Ungeheuermaul eingesogen wurde und als wenn es völlig ausgeschlossen sei, aus dieser Lage je gerettet zu werden. Ich träumte von zu Hause, und ich wußte auf einmal, daß ich alles falsch gemacht hatte. Ich hatte mich gedrückt, ich war feige gewesen, war einfach vor meiner Verantwortung davongelaufen.'" Soweit dieser Bericht des 21jährigen. Er kannte die Jona-Geschichte nicht, aber interessanterweise hat er dieselben Bilder verwendet. Im englischen Sprachraum ist übrigens die Wendung "im Bauch des Wales" eine Metapher für eine ausweglos erscheinende Lage.

Wenn wir vor einer schwierigen Lebenssituation stehen – vor einem neuen Lebensabschnitt, vor einer schwierigen Diagnose, vor dem Zerbrechen einer Ehe, vor dem Verlust eines lieben Menschen, vor dem Sterben einer Hoffnung, vor irgendeiner Bewährungssituation -, dann erleben wir Jona-Erfahrungen. Oft erhält unser oberflächliches Leben erst dann Risse, wenn wir in Notlagen geraten.

Vielleicht ahnen wir hier, weshalb der große Fisch nicht in unseren Weltmeeren zu finden ist. Wo aber ist er dann? Nirgendwo anders als in den Tiefen unseres Ichs; dort wo es Dinge gibt, die uns total vereinnahmen, eben verschlucken können. Und was kann das nicht alles sein! Wie Jona werden wir hin und her geworfen von den sturmgepeitschten Fluten des Lebens, fallen in die Tiefe und sterben unsere vielen kleinen Tode. Die Sprache im zweiten Jona-Kapitel legt es nahe, auch an das Sterben-Müssen oder Sterben-Dürfen zu denken. Wie der biblische Erzähler vom Wasser, vom Abstieg in die Tiefe und vom Verschlungenwerden spricht, denkt er wohl auch an den letzten Übergang, der auf uns alle wartet. Der Fisch ist ein Bild für den Tod. Aber der Tod ist eine Erfahrung, die mehr umfaßt als das leibliche Sterben. Tot ist z.B. ein Mensch, der keine Hoffnung mehr hat. Die Mythen der Alten und die Riten der Naturvölker wußten: Um zu reifen, muß der Mensch durch Nacht und Tod gehen. Statt "ausgespieen" werden, könnte man auch sagen, befreit werden von den Fesseln des Todes. Der Bauch des Fisches ist der Mutterleib als Ausgangspunkt einer neuen Geburt. (In Vers 3 bedeutet das hebräische Wort für Bauch auch "Schoß".)

Goethe hat im Gedicht "Selige Sehnsucht" in seinem "West-östlichen Divan" 1814 folgende letzte Strophe geschrieben:

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

"Stirb und werde!" bedeutet für den Dichter: Einverständnis mit der notwendigen Änderung, Bejahung der Umstellung und Neuwerdung. "Stirb und werde!" - das ist der Ruf, der täglich an jeden Menschen ergeht. Erst wenn ich diesen Ruf vernehme und mich darauf einlasse, wird es wirklich "Tag" für mich. Es bricht in mir ein Licht auf. Eine neue Welt öffnet sich, ungeahnte Kräfte werden frei. Diese Erfahrung, die ich wiederholt machen konnte, offenbart etwas von der unauflöslichen Einheit von Tod und Leben, denn wie es ohne das Sterben kein Werden gibt, so gibt es ohne den Tod kein Leben. Das Einüben des täglichen Sterbens läßt uns somit erkennen, daß nicht der Tod, sondern das Leben das Letzte ist. So meint ein jüdischer Bibel-Ausleger:

"Jeden Moment stirbt der Mensch und wird aufs neue geboren;
jeden Moment wird er vom Fisch verschlungen,
jeden Moment versinkt die Vergangenheit vor ihm ins Grab,
sie entschwindet im Zeitlauf."

Noch etwas anderes wird angedeutet: Das Wort "Stirb und werde!" beschreibt die Umkehr vom Traumweg nach Tarsis zur Wirklichkeit in Ninive als zu dem Ort, wo wir unseren Auftrag zu erfüllen haben. Es ist der Weg vom süßen Traum zur harten Realität. Oft genug ist gerade der der rechte Weg für uns, den wir nicht gehen wollen. Manchmal müssen wir zu unserem Glück gezwungen werden. Die Höhle, vor der wir uns fürchten, kann auch Leben hervorbringen. Auf alten Bildern wird der vom Fisch ausgespuckte Jona als kahlköpfiger Mann dargestellt. Keiner kommt "ungeschoren" aus der Erfahrung der Tiefe. Wandlung, Neuwerden hat seinen - allerdings sinnvollen - Preis. Der Fischbauch bewahrt Jona vor dem sicheren Tod durch Ertrinken, läßt ihn aber einen schmerzhaften Reifungsprozeß durchmachen.

So ist das oft im Leben: Ausgerechnet das, wovor wir uns am meisten fürchten, wird uns zur Rettung und führt uns zur Reifung. Der uns verschlingende Abgrund kann uns zum Schoß der Wiedergeburt werden. Unerträgliche Konflikte enthalten die Chance für einen Neubeginn. Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages. Wer vor Übergängen steht und von Angst und Flucht verschlungen wird, geht nicht verloren. Es findet sich ein neuer Weg.

© Eberhard E. Küttner, 09.05.2002

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Gewalt ist nicht die Lösung – Gewalt ist das Problem!

Amber Amundson und ihr Schwager Ryan stehen seit Ende November vor dem Weißen Haus. Eine Gruppe von Freunden läuft still im Kreis um sie herum. Amber Amundson, deren Mann am 11. September beim Terrorangriff auf das Pentagon ums Leben kam, beginnt hier ihren "Marsch für Heilung und Frieden" von Washington D.C. nach New York. Auf dem Banner, das sie trägt, steht geschrieben: "OUR GRIEF IS NOT A CRY FOR WAR" (frei übersetzt: Unser Schmerzensschrei ist kein Kriegsgeheul) kommt ihre Haltung ebenso klar zum Ausdruck wie in ihrem Offenen Brief an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika:

Lieber Präsident Bush,

    Ich bin eine 28-jährige alleinstehende Mutter von zwei kleinen Kindern. Ich bin eine alleinstehende Mutter, weil mein Mann am 11. September umgebracht wurde, während er in Ihrem Dienst stand. Mein Mann, Craig Scott Amundson, arbeitete als Multimedia-Illustrator bei Ihrem stellvertretenden Stabsleiter der Personalabteilung, der auch ums Leben kam.
    Es geht mir nicht gut. Das darauf folgende gewaltsame Vorgehen der Vereinigten Staaten tut mir weh. Ich mache Sie nicht für den Tod meines Mannes verantwortlich, doch ich denke, Sie haben die Pflicht, mich in meinem Schmerz anzuhören.
     Ich möchte kein unnötiges Blutvergießen. Ich möchte nicht, daß der Tod meines Mannes als Vorwand dazu dient, Gewalt auszuüben.
    Da Sie, Herr Präsident, von der Notwendigkeit der Vergeltung spechen, damit die Opfer des 11. September nicht vergebens gestorben seien, möchte ich Sie bitten, Craig Scott Amundson von der Liste der Opfer zu streichen, die weitere Angriffe rechtfertigen soll.
    Ich möchte nicht, daß meine Kinder mit dem Gedanken aufwachsen, der Tod ihres Vaters sei der Grund für die vielen Toten nach dem 11. September gewesen. Ich möchte ihnen eine Welt zeigen, in der wir einander lieben und nicht hassen, in der wir einander vergeben und keine Vergeltung suchen.
    Ich bitte Sie, Herr Bush, mir zu helfen, meinen Mann zu ehren. Auf seinem Auto, mit dem er jeden Morgen zum Pentagon fuhr, hatte er einen Aufkleber: "Stell dir vor, es ist Weltfrieden!" Er vermittelte unseren Kindern ein Verständnis für Mitmenschlichkeit und brachte ihnen bei, sich nicht um Dinge zu streiten, die man gerne für sich selbst haben möchte.
    Als wir meinen Mann zu Grabe trugen, bedeckte die amerikanische Flagge seinen Sarg. Meine Kinder glauben, daß diese Fahne ihren Vater repräsentiert. Bitte sorgen Sie, daß diese amerikanische Fahne Liebe, Frieden und Vergebung bedeutet. Um der Menschheit und meiner Kinder willen bitte ich Sie dringlichst, das Morden einzustellen. Bitte finden Sie einen gewaltlosen Weg, um Gerechtigkeit in der Welt zu schaffen.

Hochachtungsvoll
Amber Amundson

    Auf meine schriftliche Anfrage, ob ich diesen Brief auf meiner Homepage veröffentlichen darf, weil ich meine, daß möglichst viele Menschen die Gelegenheit haben sollten, ihn zu lesen, antwortete mir Amber:

Dear Eberhard, Please feel free to put my letter on your web site. I appreciate your support. It brings me great comfort to know that people all over the world believe in non-violence. I remain convinced that the only way for peace in our lives is through love. If you love peace will follow.

Peace and love, Amber Amundson

(Lieber Eberhard, bitte fühle Dich frei dazu, meinen Brief auf Deine Website zu setzen. Ich schätze Deine Unterstützung sehr. Sie gibt mir die große Beruhigung, daß Menschen auf der ganzen Welt an die Gewaltlosigkeit glauben. Ich werde immer überzeugt sein, daß der einzige Weg zum Frieden in unserem Leben der Weg der Liebe ist. Wenn man liebt, wird Frieden die Folge sein.

In Frieden und Liebe, Amber Amundson)

17.4.2002

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Was LIEBE eigentlich ist

Ich begegne immer wieder einer bedauerlichen Inflation des Wortes "Liebe". Viel zu schnell stellt in Filmen, Romanen und bunten Zeitungen, in Briefen, Bettflüstereien und Alltagsgesprächen dieses Wort sich ein, wo besser andere gebraucht würden. So ist es längst abgegriffen wie eine alte Münze, die gedankenlos entgegengenommen und wieder ausgegeben wird, und dabei sollte es doch eigentlich - wie ein seltenes Stück von unschätzbarem Wert - nur zu besonderen Anlässen aus dem Sprachschatz hervorgeholt werden. Für mich bleibt das Wort "Liebe" tatsächlich etwas ganz Besonderem vorbehalten. Es steht in meinem Sprachgebrauch für eine Ur-Sehnsucht, ein existentielles Bedürfnis und eine notwendige Lebensgrundlage jedes Menschen, für den tiefsten Grund unseres Daseins und seine letzte Vollendung. Ein Leben ohne zu lieben und geliebt zu werden, ist kein wahrhaft menschliches. Die Liebe ist nach meinem Verständnis und meiner persönlichen Erfahrung das dauerhafteste, tiefste und stärkste Gefühl, das es gibt. Der Haß kann wohl zuweilen auch mächtig werden, aber die Kraft der Liebe vermag ihn, wie wir wissen, doch zu überwinden.

Die Liebe ist aber nicht nur ein Gefühl, sie ist vor allem eine Willensentscheidung. Sie ist sehr viel mehr als leidenschaftliche Sympathie für einen anderen Menschen; sie ist der Entschluß, ihm nach Möglichkeit von Herzen gerne das zu geben, was er für sein Menschsein braucht und was ihm in seiner Lebenslage gerecht wird.

Liebe stellt keine Forderungen und Bedingungen. Sie fragt nicht darnach, ob und unter welchen Umständen der andere ihrer würdig sei; sie fordert keine Voraussetzungen bei ihm, sie liebt vorbehaltlos. Die Liebe lebt vom Geben, ohne ans Nehmen zu denken, und wird umso reicher dadurch. Wer liebt, der liebt um des anderen willen, nicht jedoch, um wieder geliebt zu werden, denn er weiß, daß man Liebe geschenkt bekommt und sich weder verdienen noch erkaufen kann. Wer liebt, schenkt dem andern sich selber und findet gerade auf diese Weise den Weg zu seinem eigentlichen, besseren Ich. Der ist umso leichter zu finden, da er nicht unter dem Druck gesucht wird, den Erwartungen des andern gerecht werden zu müssen, um dessen Liebe nicht zu verlieren. Liebe nimmt den anderen Menschen an, wie er ist, und verlangt von ihm nicht, daß er sich ändere, um "liebens-wert" zu werden. Aber gerade diese bejahende Liebe ermöglicht ihm den Willen und die Kraft, sich aus eigenem Antrieb zu ändern.

Die bedingungslose Liebe billigt durchaus nicht unkritisch alles, was der andere sagt und tut, aber sie sucht alles zu verstehen. Und da der Liebende um sein eigenes Versagen weiß, kann er auch vergeben und immer wieder zu einem - vom andern ehrlich gewollten - Neuanfang bereit sein. Bedingungslose Liebe gibt Vertrauen und damit die Gewißheit, daß sie nie mißbraucht werden wird, denn Liebe macht dagegen immun, den andern bewußt zu verletzen. Wer bedingungslose Liebe erfährt, kann frei sein von Angst vor Ausgenutztwerden und Enttäuschung, er spürt Sicherheit, Geborgenheit und Heimat. Liebe löscht die Angst aus. Wo Menschen sich in Liebe angenommen und miteinander verbunden fühlen, ist kein Raum für Angst. Die Liebe ist die einzige Macht, die fähig ist, die unheilvolle Spirale von Angst und Gewalt zu durchbrechen. So überwindet die Liebe die Welt durch Menschen wie Jesus von Nazareth, Franz von Assisi, Jan Hus, Mahatma Gandhi, Lew Tolstoi, Albert Schweitzer, Dietrich Bonhoeffer, Maksymilian Kolbe, Martin Luther King, Paul Schneider, Julius Fucik, Eugen Drewermann und die unzähligen Namenlosen, die heute mit ihrer Liebe die Welt ein kleines bißchen verändert zurücklassen, wenn sie gehen. Einige von ihnen haben aus Liebe zu den Menschen ihr Leben geopfert.

Liebe macht nicht blind, wie die Volksweisheit es behauptet; blind macht nur die Verliebtheit, jene vorübergehende Aufwallung schwärmerisch-romantischer und leidenschaftlich-begehrender Gefühle, die begleitet wird von einer Trübung des kritischen Blickes auf die Fehler des anderen. Liebe dagegen idealisiert und glorifiziert den anderen nicht; sie hat ein realistisches Bild von ihm und sieht sehr wohl auch seine Schwächen und Mängel, aber sie kann gut mit ihnen leben, weil sie ein Teil des geliebten Menschen sind. Ein Kalenderspruch sagt sehr treffend: "Ich liebe dich, weil du so bist, wie du bist, und weil ich bei dir so sein kann, wie ich bin."

Die Liebe erhebt keine Besitzansprüche: Kein Mensch ist des anderen Eigentum, jeder ist frei, über sein Leben selbstbestimmt zu entscheiden. Man sollte nur die Tür zum andern nicht zuschlagen. Liebe ist nicht zwanghaft und nicht aufdringlich, aber sie bricht auch über niemandem endgültig den Stab. So ist die Liebe das schönste und kostbarste Geschenk, das wir einander machen können, denn sie gewährt uns den Freiraum, uns zu der Persönlichkeit zu entfalten, die wir werden können.

Im Unterschied zur Verliebtheit vergeht Liebe nicht. Was aufhört oder sich gar in Haß verwandelt, war - für Liebe gehaltene - Selbstliebe. Das Ja der Liebe zu einem Menschen ist so wie das zu ihrem Kind gesprochene Ja einer Mutter: Es gilt unwiderruflich. Die Liebe wandelt sich im Laufe der Jahre: Sie entwickelt sich und reift, wenn sie gepflegt wird; sie verarmt und verkümmert, wenn man ihr nicht täglich Ausdruck gibt. Ihren schönsten Ausdruck findet sie darin, daß der Liebende mit Worten und Taten immer das Glück des anderen sucht, weil er nur darin das eigene Glück finden kann. Deshalb vermag die Liebe auch mit zunehmender Reife immer besser, jede Einschränkung zu ertragen und jeden notwendigen Verzicht zu leisten.

Eine solche Vorstellung von der Liebe ist keine lebensferne Idealisierung und weltfremde Schwärmerei, wie viele aus Unkenntnis behaupten. Sie hat sich zu allen Zeiten und in allen Kulturen tausendfach als Wirklichkeit erwiesen und wird das immer wieder tun, solange es Menschen gibt. Was Liebe eigentlich ist, hat mit großer sprachlicher Schönheit Paulus von Tarsus in seinem ersten Brief an die Christen in Korinth schon vor fast zweitausend Jahren sehr treffend und sehr schön ausgedrückt:

 "Ohne Liebe bin ich nichts.
Selbst wenn ich mit jedem Menschen in seiner Sprache,
ja mit Engelszungen reden könnte,
hätte aber keine Liebe,
so wären doch alle meine Worte hohl und leer,
wie dröhnendes Eisen oder ein dumpfer Paukenschlag.
Die Liebe ist geduldig und gütig.
Sie kennt keinen Neid, keinen Egoismus,
sie prahlt nicht und ist nicht überheblich.
Die Liebe ist weder verletzend noch reizbar noch nachtragend.
Sie gibt den andern niemals auf,
in jeder Lage bleibt sie ihm treu,
alles Schwierige erträgt sie mit großer Geduld.
Die Liebe vergeht nicht.
Auch wenn alles einmal aufhört,
so werden doch Glaube, Liebe und Hoffnung bleiben.
Die Liebe aber ist das Größte."

(1 Kor 13:1-13 in Auszügen nach einer modernen Übersetzung)

© Eberhard E. Küttner, 15.4.2002

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Nachruf

Lieber A.,

ich habe mich noch nicht an den Gedanken gewöhnt, daß ich Dich in diesem Leben nicht wiedersehen werde. Die Nachricht von Deinem plötzlichen und so völlig unerwarteten Tode traf mich hart. Erst kurz zuvor hatten wir noch miteinander telefoniert, und wenig später wollten wir uns wieder treffen.

In den reichlich neun Jahren, die wir uns gekannt haben, bist Du mir als Freund und als Mensch zu einem wichtigen Weggefährten geworden. Schon bei meinem ersten Besuch bei Dir im Februar 1990, als ich Kontakt knüpfen wollte zu den Quäkern, gefiel mir Deine unkomplizierte und aufgeschlossene Art, mit der Du mir entgegentratest. Ganz unaufdringlich und fast nebenbei brachtest Du mir in der Zeit danach nahe, was Quäkertum ist, und ich lernte es von Dir weniger durch Worte als durch das, was Du mir vorlebtest. Wenn Du von Deiner Vergangenheit erzähltest, war ich immer wieder beeindruckt von der ungebrochenen, aufrechten Haltung und der optimistischen Grundeinstellung, die Du Dir trotz schweren Zeiten bewahrt hattest. Von gesundheitlichen Beeinträchtigungen ließest Du Dich nie entmutigen, nahmst alles mit Gelassenheit und Humor. Bis zuletzt warst Du ein sehr aktiver, vielseitig interessierter und schöpferischer Mensch, nahmst Du intensiv Anteil an den aktuellen Ereignissen in Politik und Gesellschaft, warst Du offen für alle Themen aus Wirtschaft, Religion, Theologie, Philosophie usw. Engstirnigkeit, einseitiges Denken und Intoranz waren Dir fremd. Die Gespräche mit Dir, die wir nach unseren Andachten führten, offenbarten mir Dein autodidaktisch erworbenes mannigfaltiges Wissen und waren stets anregend für mich. Ich staunte oft, was Du alles gelesen hattest. Deine Bibliothek, aus der Du mir so manchen Band gerne ausgeliehen hast, war Dir eine wichtige Quelle tiefgründigen Nachdenkens über Gott und die Welt; viele wertvolle Hinweise auf gute Bücher und interessante Zeitungsartikel verdanke ich Dir. Du führtest einen umfangreichen Briefwechsel, auch mit prominenten Persönlichkeiten und Verantwortungsträgern in Staat und Kirche, und Du wurdest nicht müde, gegen Mißstände und Ungerechtigkeiten unserer Zeit Deine Stimme zu erheben und Dich - als Privatperson und als Mitglied verschiedener nationaler und internationaler Gremien - einzusetzen für eine gute Sache, selbst wenn Du manchmal an der scheinbaren Erfolglosigkeit solcher Bemühungen littest.

Im Laufe der Zeit lernten wir uns auch menschlich immer besser kennen, nahmen wir Anteil an den Freuden und Leiden des andern und seiner Angehörigen. Die häufigen Begegnungen bei Dir und Deiner treuen Lebensgefährtin, Deiner lieben Frau M., sowie Deiner Tochter G. und ihrer Familie werden mir immer in lebhafter Erinnerung bleiben; und wenn wir künftig zusammenkommen, werde ich Dich sehr vermissen. Wir haben manchmal auch über den Tod gesprochen. Daß Du so locker und natürlich damit umgehen konntest, beruhigt mich. Mit Deinem ansteckenden Frohsinn wirst Du für mich im Geiste immer unter uns sein.

Lieber A., Du hast mein Leben in vielerlei Beziehung etwas reicher gemacht, ich danke Dir für alles! Ich werde Dich nie vergessen.

© Eberhard E. Küttner, 10.5.1999

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"Sekten" im Zwielicht

Spätestens seit dem Giftgas-Anschlag der Aum-"Sekte" 1995 in der U-Bahn von Tokio warnen die Massenmedien wieder in gehäuftem Maße vor der Gefahr, die von "Sekten" ausgeht. Wir werden erinnert an ähnliche furchtbare Ereignisse wie den Massenselbstmord der über 900 Volkstempler im Urwald von Guayana 1978, an die 85 Menschen, die starben, als die Polizei in Waco 1993 die Davidianer entwaffnen wollte, oder an den Tod der 48 Sonnen-templer voriges Jahr in der Schweiz. Fernsehsendungen und Illustrierte, seriöse und weniger seriöse, berichten von vermißten und mißhandelten Kindern, von verzweifelten Eltern, deren Kinder skrupellosen Gurus zum Opfer gefallen sind, von seelischen Qualen und Depressionen derer, die sich ahnungslos einfangen ließen, von der psychischen und physischen Verfolgung derer, die sie wieder verlassen wollten oder wirklich verließen. Das alles gibt es leider, und es ist notwendig, daß die Öffentlichkeit darüber aufgeklärt wird. Was mich dabei aber stört, ist der gedankenlose Umgang mit dem Wort "Sekte".

Wenn immer dort von "Sekten" die Rede ist, wo es um religiöse (oder pseudoreligiöse) Gruppierungen geht, vor denen man mit Recht warnen muß, dann wird damit ein eindeutig negativer Begriffsinhalt befördert, der dazu führt, daß im öffentlichen Bewußtsein Sekten grundsätzlich für etwas Gefährliches gehalten werden. Die eigentliche Bedeutung des Wortes "Sekte" kennt aber eine solche Wertung nicht. Sprachgeschichtlich kann man es entweder auf lat. secta (Gefolge, Philosophenschule - von sequi [folgen]) zurückführen oder auf lat. secare/sectum ([ab-]schneiden, [ab-]trennen), wovon übrigens auch "Sektion" (Abteilung, Zergliederung) abgeleitet ist. Eine Sekte ist also zunächst lediglich die Abspaltung eines Teils von einer größeren Einheit, im religionsgeschichtlichen Sinne die Herauslösung und Verselbständigung einer kleinen Gruppe von Gläubigen aus einer etablierten Religionsgemeinschaft. Diese Abtrennung erfolgte (abgesehen natürlich von den sogenannten "Jugendreligionen" und destruktiven Kulten der letzten Jahrzehnte) stets in reformerischer Absicht mit dem Ziel, wesentliche Glaubensinhalte zu realisieren oder wiederzubeleben, die von der Mutterkirche nicht oder nicht mehr vertreten wurden. In diesem Sinne war die urchristliche Gemeinde eine jüdische Sekte, waren gleichermaßen die Kirchen der Reformation nichts anderes als christliche Sekten. "Sekte" ist also zunächst ein völlig wertneutraler (oder wegen des Reformwillens sogar eher noch ein positiv belegter) Begriff. Der negative Bedeutungsgehalt entstand (in der Tradition des Christentums) erst durch die Verwendung des Begriffs aus der Sicht der katholischen Kirche. Für sie waren Abweichungen von ihrer allein wahren Lehre "Irrlehren", und die sie vertraten, waren "Abtrünnige", "Häretiker", "Ketzer". Obzwar die reformatorischen Kirchen zunächst selbst Sekten gewesen sind, haben sie aber den Sekten-Begriff in demselben abwertenden Sinne zu verwenden begonnen, sobald sie institutionalisierte Kirchen waren, von denen wiederum kleinere Gemeinschaften sich abspalteten. "Sekte" ist also zu einer "Kampfparole" geworden, mit der eine Großkirche jene Gruppierungen begrifflich disqualifiziert, die sie verlassen haben. Diese kirchliche Kampfparole geht dort auch in den allgemeinen Wortschatz ein, wo die großen Kirchen einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft haben. (In der DDR, wo es eine konsequente Trennung von Kirche und Staat gab, war das Wort "Sekte" weitgehend unüblich, man sprach nur von Religions- oder Glaubensgemeinschaften; infolge der veränderten Rolle der Kirchen in Ostdeutschland seit 1989 ist "Sekte" nun auch hier in den gesellschaftlichen Sprachgebrauch eingegangen.)

In dieser einseitig negativ bewertenden Verwendung des Wortes "Sekte" sehe ich eine große Gefahr. Ich stimme völlig mit dem überein, was Christoph Türcke in der "ZEIT" geschrieben hat: "Sekte ist ein Schimpfwort: Abspaltung, Auswurf - gemünzt auf die, die sich von der Wahrheit absondern, an der man selbst festhält. Und es sind kleinere Gruppen. Stets hat man Minderheiten so bezeichnet, die sich von einer Mehrheit trennten. Darin schwingt mit: Die Wahrheit liegt bei der Mehrheit. Sie hat die Macht, folglich das Recht, denen, die nicht mitmachen, besagten Schimpfnamen anzuhängen." (DIE ZEIT Nr. 49 v. 2.12.1994, S. 73) - Deshalb bin ich dafür, dieses von der Intoleranz vereinnahmte Wort möglichst zu meiden. Ich plädiere für eine saubere Trennung zweier verschiedener Sachverhalte: Entweder es ist die Rede von einer Gruppe, die sich aus Gewissensgründen von einer größeren Religionsgemeinschaft gelöst hat, dann sollte man sie statt Sekte völlig wertneutral eine Glaubensgemeinschaft nennen. Oder aber man meint eine Gruppierung, die dubioser Praktiken verdächtig oder überführt ist, dann sollte man sie -gleichgültig, ob sie dies unter religiösem oder politischem oder sonstigem Vorzeichen tut - statt als Sekte als das bezeichnen, was sie ist: eine gefährliche Vereinigung. Für letztere gibt es auf (pseudo-)religiösem Gebiet klare Merkmale:

bedingungslose Gefolgschaft gegenüber einem göttlich verehrten Bringer der ausschließlichen Wahrheit, der daraus die Forderung nach absolutem Gehorsam seiner Person gegenüber ableitet
geistige Entmündigung und Verbot selbständigen Denkens
Zerstörung des Willens und der Persönlichkeit der Mitglieder
totale psychische und physische Abhängigkeit von der Gruppe
Loslösung und Entfremdung von der menschlichen Gesellschaft
Ausübung psychischer und physischer Gewalt zur Disziplinierung der Mitglieder, militante Bedrohung von Aussteigern und Kritikern

    Für solche Vereinigungen die Bezeichnung "Sekte" zu verwenden, hieße, sie begrifflich auf eine Stufe zu stellen mit allen religiösen Gemeinschaften. In einer der (weniger seriösen) Illustrierten wurden vor kurzem tatsächlich Scientology Church, Zeugen Jehovas, Universelles Leben, Kinder Gottes (Family of Love), Mun's Vereinigungskirche und die Siebenten-Tags-Adventisten unterschiedslos in einer "Sekten"-Liste aufgeführt!

So verwundert mich denn auch die Reaktion mancher Zeitgenossen auf die erste Bekanntschaft mit der Existenz der Religiösen Gesellschaft der Freunde schon lange nicht mehr. Sie fragen sich natürlich: Ist das etwa auch eine der vielen Sekten, dieser Seelenfänger, vor denen man sich so in Acht nehmen muß?

© Eberhard E. Küttner, 11.7.1997

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Die große Krise

Am Ende des XX. Jahrhunderts befindet sich die Menschheit in der schwersten Krise ihrer Geschichte. Zum ersten Mal ist die Existenz der Zivilisation auf unserem Planeten bedroht.

Nach dem Scheitern des ersten Versuchs der UdSSR und einiger osteuropäischer Staaten, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen, herrscht dort wieder Kapitalismus. Milliarden Menschen auf unserer Erde leben im Elend, Millionen leiden Hunger, unter ihnen Hunderttausende von Kindern. Die natürlichen Ressourcen werden ohne Rücksicht auf biologische Regenerationszyklen aufgebraucht. Damit werden wichtige Lebensbedingungen künftiger Generationen vernichtet. Wasser und Luft werden vergiftet, die klimastabilisierenden Wälder abgeholzt, Hunderttausende von Tier- und Pflanzenarten ausgerottet, die zum biologischen Gleichgewicht der Umwelt beitragen. Selbst in den hochentwickelten Industrieländern, die einen großen Reichtum produzieren, leben beträchtliche und sich ständig noch vergrößernde Teile der Bevölkerung unter der Armutsgrenze und sind massenhaft ohne Obdach oder dauernd arbeitslos. In vielen Regionen der Welt toben Kriege und Bürgerkriege. Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Hunger, Gewalt, Diskriminierung und Unterdrückung. Nachdem nur noch eine Supermacht übriggeblieben ist, werden auch in Europa kriegerische Auseinandersetzungen infolge des sich verschärfenden Kampfes um Einflußsphären, Rohstoffe und Absatzmärkte wieder führbar, und die Bundeswehr wird sich unter Umgehung des Völkerrechts und des Grundgesetzes daran beteiligen. Die Aufrüstung und die Entwicklung von Massenvernichtungsmitteln geht auf jeweils neuestem technischen Entwicklungsstand immer weiter.

Diese weltweite Krise, die schlimmste der überlieferten Menschheitsgeschichte, ist die ökonomische, soziale, ökologische, kulturelle und politische Systemkrise eine Gesellschaft, in der die existentiellen Probleme der Menschheit nur immer weiter verschärft statt schrittweise gelöst werden. Sie bringt zwangsläufig den unlösbaren Widerspruch hervor zwischen den Lebensbedürfnissen von Zivilisation und Natur und den Interessen des mit Zins und Zinseszins ins Unermeßliche wachsenden Kapitals, das zu seiner Vermehrung keine Rücksichten kennt und über Leichen zu gehen bereit ist.

© Eberhard E. Küttner, 7.10.1994

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Bei den Quäkern
habe ich meine geistige und religiöse Heimat gefunden

Ältere Menschen können sich vielleicht noch an die "Quäkerspeisung" nach dem Ersten Weltkrieg erinnern. Aber auch nach 1945 kamen wieder Lebensmittel aus den USA und aus Großbritannien nach Deutschland. Wer waren diese Menschen, die dem besiegten "Feind" so tatkräftige Überlebenshilfe leisteten? Es waren Mitglieder der Religiösen Gesellschaft der Freunde, auch Quäker genannt.

Im XVII. Jahrhundert scharte sich in England um den Handwerker George Fox eine Gruppe von Menschen, die nach religiöser Erneuerung suchten. Sie fanden, daß die Kirche vom Kern des christlichen Lebens abgekommen und in rituellen Formen erstarrt waren, und sie fühlten sich dazu gedrängt, ein bescheidenes Leben im Sinne des Evangeliums zu führen. Entsprechend einem Jesus-Wort verstanden sie sich als "Freunde" (Jesu), bekannt aber wurden sie unter dem (ursprünglichen Spott-)Namen "quakers" (Zitterer). Auch in Deutschland gibt es seit dem Ende des XVII. Jahrhunderts Quäker. Gegenwärtig sind es ca. 450, weltweit zählt man z.Z. etwa 230.000 Freunde.

Die Quäker sind keine "Sekte" im landläufigen Sinne des Wortes. Sie vertreten keinen Ausschließlichkeitsanspruch, treten nicht in Konkurrenz zu anderen Religionen und Glaubensgemeinschaften und Kirchen und erkennen keine überlieferten Lehrsätze oder Glaubensdogmen als allgemein verbindlich an. Nur eines eint sie: das Wissen darum, daß in jedem Menschen "etwas von Gott" ist - und sei es auch noch so sehr verschüttet – ein "inneres Licht", das uns alle zu Brüdern und Schwestern macht. Diese Überzeugung schließt jede Art von Rassenhaß und Fremdenfeindlichkeit ebenso aus wie die Unterdrückung von Minderheiten und die Beteiligung an Kriegshandlungen. Als Leitmotiv in ihrem religiösen Denken und Verhalten gilt für Quäker: Einigkeit in wesentlichen Dingen, Freiheit im Unwesentlichen, über allem aber Liebe.

Das Quäkertum ist eine Religion der Erfahrung, d.h. das Geglaubte ist anhand der ganz persönlichen Offenbarung des Göttlichen immer wieder neu in Frage zu stellen und neu zu überprüfen. Die Quäker wissen sich zwar in der christlichen Tradition, sie meinen aber, daß religiöse Erfahrungen auf vielen verschiedenen Glaubenswegen gemacht werden können. Die Wegweisung durch den göttlichen Geist ist nach Überzeugung der Freunde grundsätzlich auch ohne die Vermittlung durch Geistliche oder die Bibel möglich. Die Quäker verzichten in ihren stillen Andachten, die für alle Menschen offen sind, weitgehend auf Rituale und äußere Formen; sie kennen keine Sakramente (heiligen Handlungen), weil sie das ganze Leben als ein Sakrament betrachten und versuchen, sich im Alltag von ihrem Glauben leiten zu lassen. Deshalb fühlen sie sich auch nicht zum Missionieren beauftragt. Sie meinen, daß ihr Leben mehr für ihren Glauben sprechen muß als ihre Worte. Aktives Handeln zur Linderung der physischen und psychischen Nöte der Mitmenschen war und ist daher für die Quäker von jeher ein Grundanliegen. Im XVII. und XVIII. Jahrhundert wirkten sie in England als entscheidende Förderer sozialer Aufgaben (so z. B. in der Humanisierung des Strafvollzugs, im Schulwesen, in der Kranken- und Armenfürsorge); und in den USA wurde durch Quäker die Sklavenbefreiung entscheidend vorangebracht. Auch die Vision von einem demokratisch verfaßten Staatswesen ist ebenso wie der Gedanke eines "Völkerbunds" bzw. einer "Organisation der Vereinten Nationen" quäkerischen Ursprungs schon im XVIII. Jahrhundert. Viele unserer neuzeitlichen sozialen Errungenschaften gehen auf frühe Vorschläge von Quäkern zurück. Die Freunde treten konsequent für den Frieden ein, und sie haben z.B. dazu beigetragen, daß der Bundesfinanzhof und das Bundesverfassungsgericht sich mit der Frage der Verweigerung von Steuerzahlungen für Kriegszwecke beschäftigen mußte.

In der von ihnen gepflegten gemeinsamen Stille versuchen die Freunde nicht nur die göttliche Stimme in sich deutlicher wahrzunehmen, sondern auch einen Kraftquell für den einzelnen und für die Gemeinschaft zu finden und einen Gegenpol zu der inneren und äußeren Ruhelosigkeit unserer Zeit.

© Eberhard E. Küttner, 13.11.1991

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