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Lyrik und Prosa

 

Hier ist eine kleine zufällige Auswahl aus meiner Lyrik und Prosa
der letzten
vierzig Jahre.

(Die Texte sind chronologisch geordnet.)

 

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Der Kirchhof

1

Sie öffneten die alte Tür aus schwerem Eichenholz, die zum Marktplatz führte, gleichsam wie das Tor in eine andere Welt. Von diesem Tage an zählte eine neue Zeitrechnung, und all die Jahre bisher schienen nur Vorgeschichte zu sein für das eigentliche Leben, das nun begann und aus dem sie etwas machen wollten.
    Sie hatten beide viel gelesen und kannten fast alle Fehler, mit denen Menschen sich um ihr Glück bringen können, und sie waren überzeugt, daß ihr gemeinsames Leben so glücklich, so sinnvoll und so reich sein werde wie selten eines.
    Laß uns einen Spaziergang machen, schlug er vor, als sie das letzte Glas Wein geleert hatten und die Teller abgeräumt wurden.
    Wohltuend empfanden sie die frische Luft dieses ersten schönen Frühlingstages, und sie freuten sich an der Sonne, deren Strahlen schon merklich wärmer geworden waren.
    Sieh nur, wie die Ringe noch glänzen! - Sie nahm zärtlich seine rechte Hand und hielt Ring an Ring.
    Noch? - Auch er war fasziniert vom glitzernden Spiel des Lichts am kunstvollen Schliff. - Sie werden immer glänzen wie neu!
    Der Boden war noch feucht vom Tauwetter der letzten Tage und weich, und die Spur ihrer Füße drückte sich in der Erde fest. Sie bemerkten es. - Eine Spur hinterlassen müßte man, sagte er nachdenklich. - Ja, erwiderte sie und schaute in weite Fernen. - Und andere setzen unsere Spuren fort...
    Eine Weile lauschten sie der Blaumeise und dem Rotkehlchen, bis auf der Straße, der sie sich näherten, die Bahn auf ihren Schienen um die Kurve ächzte.
    Eine schöne Stadt, sagte sie, gleich neben dem Straßenverkehr so viel Grün.
    Da mußt du erst unseren Kirchhof kennenlernen, entgegnete er, am anderen Ende der Stadt! Die Kirche stammt aus dem siebzehnten Jahrhundert und wird noch immer für Gottesdienste genutzt. Außen sieht sie nicht besonders einladend aus, aber ihr Inneres ist sehenswert. - Seine Augen leuchteten. - Es ist ein eigenartiges Gefühl: Du gehst durch die Reihen der Gräber, überall hohe, schattige Bäume, wie im Wald, und du hörst außer dem Gesang der Vögel, dem Zirpen der Grillen oder dem leisen Knacken eines Zweiges unter deinen Füßen keinen Laut. - Er seufzte. - Für mich war das früher immer der Inbegriff der Stille, so etwas wie eine Oase im Gedröhn des Alltags. Als Junge habe ich oft da gesessen und geträumt. - Er faßte ihre Hand. - Ich war schon lange nicht mehr auf dem Kirchhof. Wir wollen bald einmal zusammen hingehen, ja?
    Sie blieb stehen und betrachtete die Krokusse auf der Wiese. - Ja, das wollen wir. Ich bin gern auf Friedhöfen und in Kirchen. Vielleicht, weil dort das Leben über den Tod hinweggeht...
    Ja, laß uns bald den Kirchhof aufsuchen, wiederholte sie Stunden später in der zärtlichen Wärme seines Körpers, als eine Turmuhr den neuen Tag ankündigte.

2

Kannst du nicht vielleicht den Fernseher ein bißchen leiser drehen? Ich lese jeden Satz dreimal und weiß trotzdem nicht, was da steht! Ich seh einfach nicht mehr durch, und dann noch dieser Krach dazu! Und morgen muß ich das, sie hob eine Broschüre aus dem Punktlicht der Arbeitslampe hoch und hielt sie ihm vorwurfsvoll hin, muß ich das da in meinem Schädel haben!! Mit einer Gebärde der Verzweiflung pochte ihre Faust an die Stirn. - Ist dir klar, was das bedeutet?!
    Er erhob sich müde aus dem Drehsessel, ging zum Fernsehgerät und ließ mit einem Knopfdruck den erregt geführten Dialog auf dem Bildschirm abrupt verstummen. Dann trat er an den Tisch, nahm die Broschüre, klappte sie zu und sagte leise: Du weißt, ich wollte die Sendung nicht zu meinem Vergnügen sehen, sondern weil die Redaktion morgen eine Rezension von mir erwartet. Und es war auch nicht zu laut, deine Nerven sind überanstrengt. Seit Monaten geht das nun schon so. Kaum ein Abend, kaum ein Sonntag ohne deine Bücher. Und haben wir wirklich mal ein Stündchen für uns, dann kannst du trotzdem nicht abschalten, bist gereizt und müde. Aber mich läßt die Arbeit ja auch nicht los. So kann es nicht weitergehen.
    Sie wollte etwas erwidern, aber er setzte sich gegenüber, ergriff ihre Hände und blickte ihr beschwörend in die Augen. - So wichtig das alles auch ist, die Arbeit darf nicht das Wichtigste in den Hintergrund drängen, nämlich für uns und unsere Kinder da zu sein!
    Ich werde morgen keine Rezension abgeben. Ich brüh uns jetzt einen Tee, du machst eine Pause, und umso leichter geht's danach. Und nach deiner Prüfung gönnen wir unserem Familienleben endlich wieder mehr Zeit, einverstanden? - Er strich ihr übers Haar und verschwand in der Küche.
    Wie lange waren wir eigentlich nicht mehr spazieren?, fragte sie versonnen und rührte in ihrem Teeglas, es muß sehr lange her sein...
    Er setzte sein Glas klirrend ab. - Die Wochenenden werden wieder uns gehören. Und dann machen wir endlich mal Urlaub. Die Kinder würden sich bestimmt freuen, wenn wir nach der Prüfung für vierzehn Tage zu deinen Eltern fahren.
    Du hast recht, meinte sie, als habe sie soeben eine schwere Entscheidung getroffen, du hast recht, wir machen Urlaub. - Sie nahm einen großen Schluck Tee.
    Weißt du eigentlich, fragte sie plötzlich, daß wir immer noch nicht auf dem Kirchhof gewesen sind? Wie oft wir uns das vorgenommen haben! Dabei ist es doch nur am anderen Ende der Stadt...
    Er drehte sein Glas und beobachtete das Spiel des Lichts auf der leicht bewegten Oberfläche der goldgelben Flüssigkeit. - Das ist eigenartig, sagte er, da umkreist man die halbe Erde, studiert über Gott und die Welt, schreibt Artikel über Ereignisse in anderen Ländern, aber man schafft es einfach nicht ein paar Straßen weiter bis zu einem besonderen Fleckchen Erde, nach dem man sich sehnt. Man lebt und lebt doch nicht...
    Laß uns übermorgen nachmittag hingehen, ja?, sagte sie, auch leben muß man lernen. Wir sind doch so gelehrig!
    Und dann, als er das Tablett in die Küche trug, saß sie wieder über ihren Büchern.

3

Behutsam trat er ins Schlafzimmer, um sie nicht zu wecken, denn er war froh, daß der Schlaf sie übermannt hatte, während er einkaufen war. Aber sie schlug die Augen auf, als er ans Bett trat.
    Wie geht es dir?, fragte er und strich ihr übers spärlich gewordene weiße Haar. - Möchtest du etwas trinken?
    Danke, Lieber, nein, antwortete sie matt. - Ich brauche nichts. Es geht mir auch schon wieder ein wenig besser, ich habe ein bißchen geschlafen, das hat mir gut getan. Wenn nur die Schmerzen nicht wären.
    Du mußt Geduld haben. - Er setzte sich zu ihr und nahm die fleckige, runzlige Hand. - Heute wollten wir doch noch mal ein paar Schritte in der Wohnung wagen. Na, magst du? Oder fühlst du dich zu schwach? Wir müssen es nicht erzwingen.
    Ach was, versuchen wirs. Ist eigentlich Post gekommen von den Mädels?
    Leider wieder nichts. Vielleicht morgen.
    Ob sie sich wohl zu meinem Geburtstag freimachen können? Ich wünschte mir so sehr, sie kämen! Das wär mir das schönste Geschenk.
    Es wird nicht leicht sein für sie. Du weißt ja, wie sie beruflich eingespannt sind.
    Nun ists schon wieder bald zehn Jahre her, seit unser Großer tot ist...
    Er stand langsam auf. - Ich geh in die Küche und pack aus, was ich eingekauft habe, sagte er, und dann laufen wir ein bißchen.
    Als er zurückkam, wurde ihm schwindelig. Er konnte gerade noch rechtzeitig die Armlehne des Sessels erfassen und sich setzen. Alles drehte sich. Ihm wurde schwarz vor Augen.
    Was machst du so lange?, rief sie aus dem Schlafzimmer. Er hörte ihre Stimme aus weiter Ferne näher kommen und erinnerte sich langsam. Er versuchte aufzustehen. Es glückte. Er ging zur Schlafzimmertür und zwang sich zu unbefangener Sicherheit. Sie sollte ihm nichts anmerken.
    Da bin ich ja schon, sagte er, mühsam lächelnd. - Ich hab noch Kohlen aus dem Keller geholt.
    Du muß dich vorsehen, entgegnete sie.
    Er ging zu ihr. - Komm, setz dich auf und versuche aufzustehen. Ich stütze dich.
    Sie lastete schwer auf seinen Armen.
    Siehst du, es geht doch ganz gut, keuchte er, als sie, aus seiner stützenden Hand entlassen, entkräftet aufs Bett niedersank. - Das machen wir nun jeden Tag. Und wenn der Winter vorbei ist, werden wir schon wieder draußen spazierengehen können.
    Ach ja, sagte sie, im Frühling durch die Gärten gehen, wenn ich das doch noch einmal könnte! Den Vögeln lauschen, die frische Luft atmen... Und die Stille, die herrliche Stille! - Sie wurde von einem mörderischen Hustenanfall geschüttelt. Als es vorüber war, flüsterte sie: Wenn ich überhaupt wieder gesund werde...
    Natürlich wirst du wieder gesund!, versicherte er ihr, aber seine Stimme zitterte ein wenig.
    Weißt du noch, zu unserer Hochzeit, er streichelte die liebe alte Hand, da war auch Frühling. Wir haben damals einen wunderschönen Spaziergang gemacht. Kannst du dich erinnern? Wir müßten denselben Weg noch einmal gehen, du, denselben Weg! Was hältst du davon? Es hängen so viele Erinnerungen dran...
    Denselben Weg noch einmal gehen? - Sie sprach sehr leise. Ach ja, das wäre schön. Aber, setzte sie nach einer langen Pause fort, man kann denselben Weg nicht zweimal gehen, schade...
    Und weißt du, setzte er unbeirrt fort, weißt du, wohin wir unbedingt noch gehen müssen, wenn du wieder gesund bist?
    Sie lächelte. - Ich weiß. Meinst du wirklich, daß wir es am Ende unserer Tage noch schaffen werden, die alte Kirche und den Kirchhof zu sehen am anderen Ende der Stadt? Es muß so wunderschön da sein nach allem, was du so oft erzählt hast... Wie oft habe ich mir alles vorgestellt und davon geträumt, auf einer der Bänke zu sitzen! Warum, warum bloß waren wir nie dort?
    Ich führe dich hin, sagte er erregt, ich habs dir versprochen, damals, nach der Trauung, und ich halte mein Versprechen, wenn auch sechzig Jahre darüber vergangen sind. - Mit Nachdruck faßte er ihre Hand. - Freu dich darauf, damit du schneller gesund wirst! Wir haben ein Leben lang etwas vermißt, und dabei war es all die Jahre stets zum Greifen nah. Werd nur erst gesund, dann -
    Da war es wieder, dieses dumme Schwindelgefühl, und im freien Fall sank er immer schneller, immer tiefer, ins Unendliche.
    An ihrem Geburtstag kamen von weit her die Töchter mit ihren Ehemännern, um sie und den Vater zu Grabe zu tragen.
    Hinter den Särgen schloß sich das alte schmiedeeiserne Tor des Kirchhofes.

(Dieser Text gewann im "Preisausschreiben Junger Autoren" des Rundfunksenders "Radio DDR II" 1969 den Zweiten Preis.)

 

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Monolog des Seilgängers

ICH BIN EIN SEILGÄNGER. Als Seilgänger bin ich geboren. Man hat mich nicht gefragt, ob ich einer sein will; schon im zarten Kindesalter wurde mir bewußt, daß ich einer bin. So bewege ich mich denn seit all den Jahren auf dem Seil vorwärts, bisweilen in beherzten großen Schritten, dann wieder in zaghaften kleinen. Mitunter vergesse ich sogar, daß ich nur ein Seil unter meinen Füßen habe und hüpfe übermütig. Manchmal freilich, wenn mich bei dem Gedanken an die große Höhe der Mut verläßt, setze ich mich auch für eine Weile zusammengesunken und festgekrallt auf das Seil. Dann blicke ich nach hinten, um mich damit zu trösten, welch beachtliche Strecke ich zurückgelegt habe, oder nach vorn, hoffend, ich könnte vielleicht schon das Ende des Seiles auf der anderen Seite entdecken. Aber ebenso wie ich seinen Anfang nicht mehr erkennen kann, verbirgt sich das Ende in der Ferne. Nach unten schauen darf ich nicht: Immer wenn die erschreckende Tiefe meinen Blick magisch anzieht, muß ich ihn mit aller Kraft wegwenden, denn sonst gewinnt die lähmende Angst Macht über mich, und ich kann keinen einzigen Schritt mehr tun. Diese Angst vor dem Absturz ist immer da. Eine einzige falsche Bewegung würde schon genügen! Oder ist es gar nicht so schlimm, den Halt zu verlieren? Dann wären die Schrecken des Seilgangs vorüber! Hin und wieder, wenn ich besonders müde und kraftlos war, habe ich sogar mit dem Gedanken gespielt, mich einfach fallenzulassen. Das wäre das Ende dieser ständigen, zermürbenden Angst. Aber dann quälte mich jedesmal die bange Frage, was mich wohl in dieser unergründlichen Tiefe erwarten würde. Ist sie bodenlos, und ich falle ins Nichts? Schützt daunenweicher Boden mich vor allzu hartem Aufprall? Verurteilt steinerne Härte mich zu endlosem Schmerz? Das Fehlen einer Antwort ließ mich immer wieder zögern und weiter meinen Weg machen Tag um Tag. Was mir an jedem Morgen neue Kraft zum Weitergehen gibt, das ist die Hoffnung, daß ich irgendwann wohlbehalten das Ende des Seils drüben erreiche. Dann werden alle Mühen und Ängste vergessen sein.

1971

Monolog des Eisgängers

ICH BIN EIN EISGÄNGER und dazu bestimmt, mein Leben in einem Haus auf einer kleinen einsamen Insel zu fristen. Wenn es abends still wird und der Wind vom Land herüberweht, höre ich hin und wieder von weit her das fröhliche Lachen verliebter Pärchen, die Hand in Hand übermütig am Ufer entlangspazieren und wohl auch ab und zu stehenbleiben, um sich aneinander zu wärmen und im Mondschein zu küssen. In der warmen Jahreszeit kann ich meine Insel nicht verlassen, denn ich besitze kein Boot, und schwimmen habe ich nie gelernt. Erst wenn das Wasser, das die Insel umgibt, gefroren ist, gehe ich hin und wieder zum Festland hinüber und verkaufe die nützlichen Dinge, die ich den Sommer über hergestellt habe. Ich laufe mit meinem schweren Gepäck über die glatte Fläche, die an manchen Stellen verletztlich dünn ist. Die Furcht, ich könnte jeden Moment einbrechen, sitzt mir dabei ständig im Nacken. Manchmal im Schlaf erschreckt mich ein Alptraum, in welchem ich das Eis unter mir knirschen höre und dann in die Tiefe gleite und im tödlich kalten Wasser erstarre, das über mir zusammenschlägt und mir den Atem nimmt. Mit letzter Kraft suche ich einen Halt, vergebens, und mein Schreien verhallt ungehört. Aber wenn ich dann ertrinke, erfüllt mich plötzlich für einen Augenblick ein seltsam wohliges Gefühl, das ich jedoch gleich nach dem Erwachen ganz schnell und sehr bestimmt aus meiner Erinnerung verscheuche. Denn ich habe die Hoffnung, eines Tages auf dem Festland leben zu können, und diese Hoffnung läßt mich meine Schritte mit allergrößter Vorsicht setzen. Sollte ich allerdings für immer auf der Insel bleiben müssen, dann brauche ich, eingedenk des süßen Vorgeschmacks, die gefährlichen Stellen nicht mehr zu fürchten.

1971

Monolog des Baumes

ICH BIN EIN BAUM, ein gesunder und prächtiger Baum, den alle bewundern und viele beneiden. Meine Wurzeln haben sich tief eingegraben in den fruchtbaren Boden, der mir Leben und Heimat bedeutet, und einige von ihnen umfassen diesen meinen wertvollsten Besitz sogar sichtbar an der Erdoberfläche. Mein Stamm ist von stattlichem Umfang, und meine reich verzweigte Krone von bizarrer Schönheit ragt kraftstrotzend in den Himmel. So könnte ich wohl zufrieden sein und glücklich, wenn mir nur mein Angewurzeltsein nicht immerfort solche Angst bereitete! Tausend Gefahren umlauern mich, und ich bin ihnen hilflos ausgeliefert. Es könnte sein, daß eines Tages Schädlinge mich befallen und mein Leben bedrohen, und ich kann sie nicht abschütteln. Es könnte sein, daß Spaziergänger mich mutwillig verletzen oder Waldarbeiter mich fällen, und ich kann mich nicht wehren. Es könnte sein, daß der Wald brennt und lodernde Flammen meine Äste erfassen, und ich kann dem Feuer nicht entfliehen. Es könnte sein, daß Hase und Reh, meine Freunde, in Not geraten, und ich bin verdammt zuzusehen, kann ihnen nicht zu Hilfe eilen. Der Gedanke, daß ich allem Furchtbaren, das da geschehen könnte, rettungslos ausgeliefert bin, ist mir unerträglich. Diese gräßliche Vorstellung verbittert mir das Leben. Nichts kann mich mehr wirklich erfreuen. Der Gesang der Vögel, die sich wohlfühlen in meinem Geäst, stimmt mich wehmütig; Sonne und Wind, die meine Blätter liebkosen, hauchen mir Trauer an, und der Regen, der mich erfrischt, lockt mir Tränen hervor. Zwar befinden sich die anderen Bäume um mich herum in der gleichen Lage wie ich; aber mir scheint, sie ignorieren es und wiegen sich unentwegt frohen Mutes in ihren Wipfeln. Sie glauben am Ende wohl gar, Herr über ihr eigenes Schicksal und das des ganzen Waldes zu sein. Warum nur will denn keiner wahrhaben, daß wir alle nur Bäume sind?

1972

Monolog des Vogels

ICH BIN EIN VOGEL. Ich entstamme einem alten Geschlecht wilder Vögel, deren Lebensraum der grenzenlose Himmel ist. Als ich noch jung war, durchmaß ich kraftvoll die Weiten des Firmaments und labte mich an den würzigen Lüften der höchsten Höhen. Mit immer neuen Begleiterinnen zog ich meine endlosen Bahnen über die Kontinente, und kein Ort unter der Sonne vermochte mich zu halten, bis ich mich eines Tages nach einer Heimat sehnte. Aber ich fand mich stattdessen wie viele meiner Artgenossen in einem Käfig wieder. Er war groß und hell, und seine Stäbe waren mit Gold überzogen. Tag um Tag wurde ich überreichlich versorgt mit ausgesuchten Körnern und frischem, kühlen Wasser und angenehm unterhalten mit zauberhaften Tönen, bunten Farben und betörenden Düften. So ging es mir viele Jahre lang gut. Heute morgen nun ist die Tür meines Käfigs zum ersten Mal versehentlich offengeblieben. Sehr zögernd habe ich ihn verlassen, und zum ersten Mal sah ich mein Gefängnis von außen. Da fiel mir auf, daß an vielen Stellen das Gold des Käfigs abgeblättert war, und er erschien mir auf einmal auch klein und eng und bedrückend. Es jubelte in meinem wild klopfenden Herzen, als ich gewahr wurde, daß ich meine Flügel nach so langer Zeit wieder ungehindert ausbreiten konnte. Ich erfüllte mit ihnen die Weite des Raumes und erinnerte mich dabei der Weite des Himmels. Auch die alten Bilder vom lustvollen Schnäbeln mit meinen früheren Gespielinnen waren auf einmal wieder ganz lebendig in meinem Gedächtnis, und der Blick von außen ließ mich stärker denn je spüren, wie einsam es drinnen gewesen war. Wie lange war es her, daß ich das letzte Mal gesungen hatte, und wie freute ich mich nun des Klanges meiner Stimme! Ein rauschhaftes Entzücken erfaßte mich und ließ in mir die Glut der alten Leidenschaft, die schon nahe am Erlöschen gewesen war, wieder neu zu lodern beginnen. Ich weiß: Nimmermehr werde ich zurückkehren in den Käfig. Sobald die Tür des Raumes sich öffnet, werde ich hinausfliegen in das atemberaubend Neue, das mich erwartet. Mögen meine Schwingen ihre Kraft behalten haben! Sie sollen mich über die Wolken zu einem Gipfel tragen, auf dem der frische Hauch des Lebens mein Gefieder streichelt und wo ich der Gefährtin begegnen werde, mit der ich meinen Hunger stillen und für den Rest meiner Tage die Freiheit auskosten will.

2000

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Aufschub

Du flehst und betest und hoffst,
daß du nicht sterben mußt
an dieser Krankheit.
Wer weiß,
vielleicht erweist sie sich tatsächlich
als nicht tödlich.
Aber eines Tages
wirst du dich einer neuen Krankheit unterwerfen müssen,
die dich dann endgültig zu Tode bringt.
Meinst du,
sie wird besser sein als diese jetzt?
Und der Tod, den du dann sterben mußt,
leichter als der,
dem du für diesmal noch entronnen bist?

17.11.1999

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Das Schicksal der Wörter

Über den Fluß
send' ich dir meine Gedanken
auf einer Brücke
aus Wörtern.

Doch der Wind
zerzaust die Ordnung der Laute
und verwirrt den Sinn
meiner Bilder,

und was dich
am andern Ufer erreicht,
das schaffst du dir neu
nach deinem Bilde.

Ich wollt',
es brauchte der Wörter nicht,
dich spüren zu lassen,
was ich fühle.

18.3.2000

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vision

was ich ersehne
ich seh es vor mir
geschlossenen auges
hinter heißen lidern
lebendig nah

du bist bei mir
bist mir licht
und wärme
und heimat
läßt mich spüren
die leichtigkeit des fliegens
und die kleinheit der dinge
geschaut aus der höhe

späte blüte des sommers
reifend erst
im fruchtbaren herbst
sich entfaltend
besiegt sie
die kälte und starre
des einsamen winters

2.4.2000

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Lebenselixier

Ich mag dich so, wie du bist,
und mit allem, was zu dir gehört:
mit deiner Seele und deinem Leib,
mit deinem Lachen und deinen Tränen,
mit deinen Gedanken und deinen Gefühlen,
mit deinen Worten und deinem Schweigen,
mit deinen Hoffnungen und deinen Bedenken,
mit deinen Stärken und deinen Schwächen,
mit deinen Vorzügen und deinen Fehlern,
mit dem, was dich freut, und dem, was dich ärgert,
mit dem, was du liebst an dir,
und dem, was du an dir haßt,
mit dem, wie du dir selber
- und mir -
das Leben manchmal schwer machst.
Denn du bist du,
und du bist einzigartig
unter allen Menschen
und für mich.
Bei mir darfst du ganz DU sein.
Du mußt nicht dem Bilde gleichen,
das ich mir von dir gemacht habe,
und du mußt nichts ändern an dir,
damit ich dich mag.
Ich mag dich so, wie du bist.

27.4.2000

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bei dir sein

bei dir sein
heißt
nachts die wärme der sonne spüren
und des mondes erfrischende kühle am tag
heißt
unter tränen lachen
und vor glück weinen
heißt
nehmend geben
und gebend nehmen
heißt
freude schenken für heute
und lust wecken auf morgen
heißt
zukunft sehen und hören
und tasten und riechen und schmecken
heißt
ein seliges lächeln
auf dein gesicht zaubern
heißt
tief einatmen
den geruch von heimat

3.7.2000

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Heute nacht

Ich beweg' mich noch -
im Grenzland von Gestern und Morgen,
beiden gleich nah und entfernt.
Schwere liegt auf meiner Haut.
Komm, frischer Wind,
belebe mich.
Bleib hier!

Ich beweg' mich noch -
mitten im Lärmen und Schweigen.
Das Lärmen betäubt meinen Schmerz nicht,
das Schweigen zerreißt mir die Ohren.
Komm, sanftes Säuseln,
beruhige mich.
Bleib mir!

Ich beweg' mich noch -
in der Stunde zwischen Tag und Nacht.
Wartend lausche ich in die Stille,
daß ich deinen Herzschlag höre.
Komm, meine Liebste,
berühre mich.
Bleib bei mir!

3.10.2000

(Dieser Text erhielt einen Preis im Gedichtewettbewerb 2001
der "Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichtes".)

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VOR UNSERER ZEIT
Drei Variationen über ein Thema

1
beim aufwachen

beim aufwachen
sehe höre taste rieche schmecke ich
einen herzschlag lang
was eben noch da war
dann fliehen die träume
und meine leeren hände
frieren


2
DU

durch worte
sind wir uns nah
sag mir dein schönstes
ferne herzallerliebste
meines heißt
DU
was mich am leben hält
ist die sehnsucht
nach heimat
die mitschwingt
wenn ich
in der einsamkeit
deinen namen rufe


3
hunger

worte und bilder
betteln um speise
solange ich
der stimme der hoffnung
trauen kann
nähre ich mich
tags und nachts
vom glauben
an unsere zeit

17.11.2000

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Die Zeit

Möcht' ich dich halten,
dann eilst du davon;
sollst du entrinnen,
schleichst du gemächlich.
Zu mir gehörst du
so wie mein Leben,
Dein Ende ist meins.

Wieviel ich zunehm',
so viel nimmst du ab.
Ich weiß nicht, wieviel
von dir mir noch bleibt.
Weiß nicht, was soll ich
mir wünschen: noch viel
oder nur wenig?

22.11.2000

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Aufbruch

Bei Tagesanbruch
lauf' ich hinaus,
weit fort
von Altvertrautem
in fremde Gegenden,
die ich schon sah,
als ich noch träumte.

Das Schlagen der Uhr
geht langsamer
als das meines Herzens,
mein Blut kreist schneller
als ihre Zeiger,
nicht der Lauf der Gestirne
mißt meine Zeit.

Solcherart Aufbruch
ist auch Abbruch,
entbehrungsreicher Weg
durch die Wüste
ins Ungewisse
mit der Hoffnung
auf das verheißene Land.

13.12.2000

(Veröffentlicht im Jahrbuch 2002
der "Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichtes")

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Marter

Mein Kopf
ist voller
schöner
Bilder,
und alle
quälen mich
Tag und Nacht
und überall.
Wann
werde ich sie
wieder
mit Freude
betrachten?

16.03.2001

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Wie es mir geht?
Antwort auf eine Frage

Es geht mir gut.
Nur daß manchmal mein Herz klagt.
Nur daß manchmal schwere Steine auf meinem Weg liegen.
Nur daß manchmal der Boden schwankt unter meinen Füßen.
Nur daß manchmal der Horizont vor meinen Augen verschwimmt.
Nur daß manchmal der Tag grau ist und die Nacht kalt.
Nur daß immerzu deine Ferne mich quält.
Trotzdem:
Es geht mir gut.

16.07.2001

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Stille

Wenn allmählich die Nacht
in den Morgen hinübergleitet,
zieht endlich Stille ein in mein Herz,
und sachte verschwimmen die Bilder.
Die Schreie verstummen,
und meine Seele erhebt sich
aus der Tiefe des Lärmens
hinauf in unendliche Weiten.

Erlösender Friede,
lange ersehnt,
ist nicht zu zwingen,
ist ein Geschenk!

Vor lauter Lauschen und Staunen
schweigt stille das Wimmern in mir,
daß mich das Wiegen des Windes beruhige,
eh' wieder der Boden zu beben beginnt.
Bis ich zurück muß
ins Dröhnen des Tages,
umhüllt mich die Stille,
die mich stark macht und trägt.


1.3.2003 

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DREI VARIATIONEN ÜBER DAS ICH

1
Ich bin ich

Muß ich
denn immer so sein,
wie andere mich haben wollen?
Muß ich
denn jedem gefallen?
Muß ich
denn wie ein Chamäleon
die Farben meiner Umgebung annehmen?
Nein!
Ich will meine eigenen Farben behalten.
Sie sind einzigartige Töne
im bunten Kaleidoskop der Welt,
denn ich bin einmalig.
Wer sich stets nur anpaßt, wird farblos.
Ich will nicht verwechselbar
und nicht austauschbar sein.
Ich bin ich.


2
Ich bin der andere

Ich bin ich
und nicht der andere.
Wenn er lacht, dann weine ich,
und bin ich froh, so trauert er.
Wenn die Hoffnung ihn verläßt,
dann erfüllt mich Zuversicht,
und geb' ich auf, so faßt er Mut.
Wenn er festhält, lass' ich los,
und geh' ich sicher, strauchelt er.
Der andere ist ich,
und ich bin
der andere.


3
Ich bin wir

Ich bin ich,
sagte ein vermeintliches Ich
so lange, bis es erkannte,
daß es in Wahrheit Viele war.
Hätte es also eigentlich sagen müssen:
Ich bin wir?
Oder besser:
Wir sind ich?
Oder vielleicht gar:
Wir sind wir?

2.9.2003

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vielleicht

vielleicht sollten wir
demnächst einmal
von einem morgen bis zum andern
auf die sprache der worte
verzichten

vielleicht würden dann
unsere augen hände herzen
zu reden beginnen
über das
was im alltag verstummt ist

vielleicht könnten wir
wenn wir schweigen
sogar die schreie hören
die wir in unseren seelen
gefangen halten

vielleicht spürten wir
in der umhüllenden stille
den atem des andern
wieder als eine unermeßliche
kostbarkeit

13.02.2004

(Veröffentlicht in den "Ausgewählten Werken VII"
der "Bibliothek deutschsprachiger Gedichte")


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Gefühlschaos

Was ich muß, kann ich nicht.
Was ich darf, will ich nicht.
Was ich will, darf ich nicht.
Was ich soll, weiß ich nicht.
Was ich weiß, weiß ich nicht.

Darf ich, was ich will?
Kann ich, was ich will?
Soll ich, was ich will?
Will ich, was ich will?
Weiß ich, was ich will?

15.4.2006

 

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rückwärtswende

nach langer nacht
der tag des neubeginns
ersehnt von generationen
bezahlt mit blut und tränen
tag des träumens und hoffens
tag des säens und erntens
tag des suchens findens irrens
tag der großen visionen
ein halbes menschenalter lang

aber
da kam ein neuer könig auf in ägypten
der wußte nichts
von joseph

und zurück kam die nacht
die überwunden geglaubte

und dennoch
nicht ausgeträumt sind die träume
nicht entseelt die visionen
nicht vergebens die opfer
neue kräfte werden erwachen
die enkel fechten's besser aus
mosche ist noch nicht berufen
der exodus
steht noch bevor

  7.10.2008

 

 

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