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"Eigentlich sind wir alle doch nichts anderes als spielende Kinder im Sandkasten", sagte Herr Z. neulich gedankenversunken. "Warum aber nehmen wir dann unser ganzes Gehabe so furchtbar ernst? Warum schlüpfen wir nicht - wie die Kinder - aus unseren Rollen, wenn sie uns keine Freude mehr machen? Warum finden wir es nicht lächerlich, so zu tun, als wären wir wirklich das, was wir gerade verkörpern, als wäre die dazugehörige Maske unablösbar auf unser Gesicht geklebt? Warum lachen wir nicht über unsere eigene Verbissenheit und spielen einfach etwas Neues? Warum geben wir dem Geld Macht über unser Leben, obwohl es doch nur bedrucktes Papier ist? Warum sagen wir nicht einfach nein, wenn man von uns etwas verlangt, das wir nicht tun wollen und das uns krank macht? Warum haben wir nicht den Mut, Spielverderber zu sein?" © Eberhard E. Küttner 3.9.2003 ![]() Schlechte Nachrichten Herr Z. hat sich vor kurzem entschlossen,
keine Nachrichtensendungen in Rundfunk und Fernsehen mehr zu empfangen. Zuvor hatte er
vier Wochen lang einen Test gemacht: Er hatte sich jeden Tag halbstündlich, jedes Mal von
einem anderen Programm, die Nachrichten angesehen bzw. angehört und dabei die Meldungen
in zwei Gruppen sortiert: in gute und schlechte. Gute Meldungen waren solche, die Freude
und Glück bei ihm auslösten und seinen Zukunftsoptimismus stärkten; als schlechte
Meldungen dagegen galten solche, die Ärger und Wut sowie Gefühle von Trauer,
Enttäuschung und Hilflosigkeit in ihm erzeugten. Dieser Test hatte ein Verhältnis von
drei guten zu siebenundneunzig schlechten Meldungen ergeben. Außerdem hatte Herr Z.
während der vier Wochen den ganzen Tag deutliche Anzeichen zunehmendem seelischen und
körperlichen Mißbehagens an sich wahrgenommen, hatte spürbar schlechter geschlafen als
sonst und war den ganzen Tag über unausgeglichen und gereizt gewesen. Seitdem er nun auf
sämtliche Hörfunk- und Fernsehnachrichten konsequent verzichte, fühle er sich, wie er
immer wieder betont, besser als je zuvor. © Eberhard E. Küttner 11.9.2003
Herr Z. hat mitunter recht
eigenartige lukullische Gelüste. Neulich erzählte er in einer kleinen Runde:
"Gestern zum Frühstück habe ich eine kalte Brühwurst zu Kartoffelpüree mit
untergemischtem Waldmeistersirup gegessen, dazu ein in Senf gedipptes Nußcrème-Brot.
Mittags gab es gegrillte Putenschenkel mit Reis, Weinkraut und Tomatenketchup, dazu
Möhrensalat mit Matjeshering und geriebener Schokolade und zum Nachtisch Apfelmus,
vermischt mit Rührei. Die Schlemmerei des Tages habe ich dann zum Abendbrot abgerundet
mit drittehalb Lachsfilethälften auf Pommes frites mit Orangenspinat und einem Stück
Rührkuchen, belegt mit Gewürzgurkenscheiben. Zu all dem habe ich ein Glas
Himbeerlimonade, verfeinert mit gezuckertem Weinessig, genossen." © Eberhard E. Küttner 16.9.2003
Herr Z. erzählt oft davon, wie es war, als er nach einem Schlaganfall auf die Intensivstation gekommen ist: Ärzte, Schwestern schwirren um mich herum, alle interessieren sich für mich - aber eigentlich doch nicht für mich, sondern für meine Meßwerte. Da kommt einer, ein Arzt offenbar, und redet mich an, fragt mich nach meinem Namen und wie alles gewesen ist. Aber während ich mühsam versuche, einigermaßen verständliche Worte hervorzubringen, schreibt er fortwährend etwas auf, und noch bevor ich fertig bin, hört er schon nicht mehr hin, sondern gibt der Schwester seine Anweisungen, von denen ich kein Wort verstehe. Später vernehme ich Stimmen auf dem Flur: Schwester Ines, schauen Sie doch mal nach der Infusion bei dem Apoplex! und: Ute, wo liegt der Apoplex? und: In der 213, Ines! Die Schwester von vorhin kommt ins Zimmer. Bin ich also jetzt der Apoplex? Was mag das wohl sein? Schwester Ines schaut nach meiner Infusion - aber nicht nach mir. Kein freundliches Wort, kein liebenswürdiges Lächeln, keine zärtliche Berührung. Draußen informiert sie dann jemanden über den in der 213. Ich merke: Alle reden sie über mich, aber nicht mit mir. Ich bin halt nur eine Zimmernummer, ein Fall - der Apoplex." © Eberhard E. Küttner 19.9.2003 Herr Z. ist durch und durch Demokrat.
Deshalb hat er kein Verständnis dafür, daß man die Staatsform seines Landes offiziell
als "Demokratie" bezeichnet. Wenn dort nämlich eine politische Partei 51
Prozent der Wählerstimmen erhält, dann bekommt sie die alleinige
Regierungsverantwortung, und die anderen Parteien, die zusammen von 49 Prozent der zur
Wahl gegangenen Stimmberechtigten gewählt worden sind, haben gar keine. Also wird der
Wille der knappen Hälfte des Wahlvolkes einfach ignoriert. Aber damit nicht genug:
Sollten die Wähler etwa einer Partei das Vertrauen ausgesprochen haben, die dann weniger
als 5 Prozent erreichen wird, dann sind die für sie abgegebenen Stimmen nichts wert, denn
diese Partei wird keinen einzigen Sitz im Parlament bekommen, und der Wille derer, die sie
gewählt haben, ist absolut bedeutungslos. Haben die Wähler aber einmal ihre Stimme -
gleich einer Blankovollmacht - abgegeben, verfügen sie bis zur nächsten Wahl über keine
Stimme mehr und haben keine Möglichkeit, Parteien und Volksvertreter, die nicht den
Willen des Volkes vertreten, abzuwählen. © Eberhard E. Küttner 26.9.2003
Als Herr Z. vor kurzem nach einem Schlaganfall aus der Klinik entlassen worden war, erzählte er glückstrahlend, seine Frau habe zu ihm gesagt: Du brauchst dich nicht zu ändern. Bleib wie du bist! Es ist eigentlich gar nicht wichtig, ob du den einen oder anderen kleinen Fehler hast. Wichtig ist doch nur, daß ich dich habe! Ich liebe dich - mit allem, was nun mal zu dir gehört. Nie zuvor hat ein Wort von meiner Frau mich so gerührt, sagte Herr Z. mit einem seligen Lächeln. Seitdem fühle ich mich entspannt und befreit. Und - welch ein Wunder, fügte er mit dem Ausdruck des Staunens hinzu, ich merke, wie ich mich immer mehr zu meinem Vorteil verändere! © Eberhard E. Küttner 06.10.2003 In letzter Zeit bleibt Herrn
Z. bei Fernsehauftritten der Hofnarren unserer Tage - des politischen Kabaretts - immer
öfter das Lachen im Halse stecken, vor allem dann, wenn er sehen muß, wie die mit Spott
übergossenen Politiker im Saal sich trefflich amüsieren und Beifall klatschen, anstatt
wegen des bitteren Ernstes hinter dem Spaß sich in Grund und Boden zu schämen. © Eberhard E. Küttner
23.02.2004 © Eberhard E. Küttner
12.12.2004
© Eberhard E. Küttner
31.12.2004
© Eberhard E. Küttner 29.01.2005
Neulich meinte Herr Z. nebenbei: "Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist der Ansicht, daß man Länder, die sich Kernwaffen zu beschaffen trachten, mit allen Mitteln daran hindern müsse. Hätte denn aber dieser sein löblicher Appell", so fragte Herr Z., "nicht eine viel größere Wirkung, wenn der Präsident mit gutem Beispiel voranginge und mit der Vernichtung des eigenen Teufelszeugs begänne?" © Eberhard E. Küttner 06.02.2005 Neulich hörte ich, wie eine junge Frau zu Herrn Z. sagte: "Ich bin es langsam müde, tagein, tagaus von der Liebe immer nur zu träumen und vergebens zu warten, daß sie in mein Leben tritt! So gehen meine besten Jahre in unerfüllter Sehnsucht dahin." Darauf entgegnete Herr Z.: "Aber, meine Tochter, weshalb wartest du denn auf die Liebe? Entschließe dich zu lieben! Dann wird sie augenblicklich da sein und nimmer gehen." © Eberhard E. Küttner 08.03.2005
© Eberhard E. Küttner 18.11.2005 Herrn Z. ärgert es immer wieder, daß die Einbürgerung von Ausländern hierzulande häufig Deutscher werden genannt wird. Er findet diesen Sprachgebrauch gedankenlos und falsch. Ein Nichtdeutscher", so sagt er, kann zwar die Staatsbürgerschaft der BRD erwerben und damit Bürger der Bundesrepublik werden - aber nicht Deutscher. Deutscher, Russe oder Ägypter zu sein ist nach seinem Verständnis eine Frage der Nationalität, nicht aber der Staatsangehörigkeit. Bis zum 2. Oktober 1990 galt für Herrn Z. Staatsbürgerschaft: DDR, Nationalität: deutsch, und er sagt: "Jetzt bin ich immer noch deutscher Nationalität, aber in Fragebögen fülle ich korrekterweise die Spalte 'Staatsangehörigkeit' mit 'BRD' aus. Falls ich rein theoretisch einmal Bürger der Volksrepublik China werden sollte, bliebe ich dennoch weiterhin ein Deutscher und würde kein Chinese." © Eberhard E. Küttner 20.3.2006 Vertrauen wagen! Als Herr Z. neulich gefragt wurde, ob er bei
all den Enttäuschungen in seinem Leben überhaupt noch Vertrauen haben könnte, erwiderte
er: © Eberhard E. Küttner 13.07.2007
Herr Z. und die Kunst Herr Z. malt gern. Es bereitet ihm Freude, seine Gefühle in Farben und Formen auszudrücken. Als kürzlich sein alter Freund ihn besuchte, der übrigens auch malt, betrachtete der das jüngste Bild von Herrn Z. lange, kratzte sich den Kopf und bemerkte dann kopfschüttelnd: Das ist nicht gelungen.Darauf erwiderte Herr Z.: Wenn dir das Bild nicht gefällt, sag einfach: Es gefällt mir nicht! Ob es gelungen ist oder nicht, kannst du nicht beurteilen, denn nur ich selber weiß, was ich schaffen wollte und ob ich zufrieden bin. © Eberhard E. Küttner 03.07.2008
Herr Z. und die Toleranz Neulich wurde Herr Z. gefragt, was er von Toleranz halte. Ich halte", antwortete er, "sehr viel davon, daß jeder die Freiheit hat, seine Meinung zu sagen. Wenig allerdings halte ich davon, wenn manche Leute denken, sie seien tolerant, weil sie jedem die Freiheit gewähren, ihre Meinung zu sagen.© Eberhard E. Küttner 25.07.2008
Verstehen muß nicht billigen heißen Als Herr Z. neulich sagte, er könne den eines abscheulichen Kapitalverbrechens überführten Täter verstehen, warfen ihm alle voller Empörung vor, er solidarisiere sich mit einem Monster, das keinerlei Verständnis verdiene. Daraufhin erklärte Herr Z.: Wenn ich sage, daß ich zu verstehen glaube, warum der Straftäter so gehandelt hat, dann sage ich damit nicht, daß sein Tun zu billigen sei! Ich heiße menschenverachtendes Handeln ja nicht zwangsläufig damit gut, daß ich eine Ahnung davon habe, wie es im Denken und Fühlen dieses Menschen entstanden sein könnte. Der Versuch, eine Erklärung für seine Beweggründe zu finden, bedeutet doch nicht zugleich, ihn von Schuld freizusprechen! - Im übrigen", fügte Herr Z. hinzu, "ist der Mann kein 'Monster', sondern ein Mensch. Es gibt den absolut bösen Menschen ebensowenig wie den ausschließlich guten. Mir ist diese verurteilende Selbstgefälligkeit jener 'Gerechten' zuwider, die da meinen, sie seien unfähig zu dem, was sie anderen vorwerfen. Sie leugnen in ihrem Hochmut die Abgründe, die in uns allen - also auch in ihnen - verborgen sind." © Eberhard E. Küttner 04.10.2008
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