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Reflexionen



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"Das Denken gehört zu den größten Vergnügungen der menschlichen Rasse", läßt Bertolt Brecht den Galilei in seinem Stück "Galileo Galilei" sagen. Ich habe ihm darin immer schon von ganzem Herzen zustimmen können. Unerforschtes Terrain betreten, in Geheimnisse eindringen, nach Hintergründen fragen, das Unmögliche im Geist möglich machen, mentale Grenzen überschreiten, nächtelang schlaue Bücher verschlingen, "wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält" - das ist meine Leidenschaft, solange ich denken kann. Noch mehr Spaß macht mir das kreative Nachsinnen freilich dann, wenn ich es in Gemeinschaft tun kann. Am wohlsten fühle ich mich deshalb in der Umgebung von Menschen, mit denen es möglich ist, über Gott und die Welt reden, und deren Denken nicht an vorurteilsbedingten Barrieren aufhört. Dabei geht es mir keinesfalls um's Rechthaben und um's Überzeugenwollen, sondern um das ergebnisoffene Austauschen von - durchaus auch sehr kühnen und ungewöhnlichen! - Argumenten. Ich finde: Im Kopf ist alles erlaubt, Bretter und Verbotsschilder gibt es da nicht, das Denken läßt sich keine Fesseln anlegen! Die Freiheit des Denkens ist der Wert, den ich als allerletzten preisgeben würde. Es ist mir unerträglich, wenn kleingeistige Enge Gedanken, die nicht in ihr Konzept und in ihre Vorstellungswelt passen, unreflektiert ablehnt oder gar verurteilt. Ich kann jede - wie auch immer geartete - Meinung, die ich nicht teile, akzeptieren, aber niemals den Anspruch eines Gesprächspartners oder einer Institution, die alleinige Wahrheit zu besitzen! Wir alle sind schließlich nur Suchende in diesem Leben. Ich auch.

Es ist meine Eigenart, die vielfältigen Eindrücke und Erfahrungen des Lebens, vieles von dem, was in meinen Gedanken und Gefühlen Raum nimmt, schreibend zu verarbeiten. Übrigens finde ich, daß man mit Menschen – im Nachsinnen oder im wirklichen Gegenüber – dann am besten in einen fruchtbaren Dialog kommen kann, wenn man aufmerksam lesend oder hörend auf sich wirken läßt und in seinem Herzen bewegt, was sie sagen. Deshalb habe ich einige Passagen aus meinen Briefen und Tagebüchern ausgewählt, die für sich und damit auch für mich sprechen sollen.



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Wo ist die Kunst des Briefeschreibens geblieben?

Ich lese immer wieder gern in Briefen, in richtigen langen persönlichen Briefen, so wie man sie früher geschrieben hat, und so wie Sie sie heute noch schreiben! In unserer schnellebigen Zeit mag sich kaum noch jemand hinsetzen und seine Gedanken für einen geneigten Leser in schriftliche Worte zu fassen oder sich die Mühe zu machen, Briefe mit individuell ausgeprägten Handschriften zu entziffern. Heutzutage wird telefoniert, gefaxt und "gemailt". Dabei ist dieser schöpferische Akt des äußeren und inneren Zur-Ruhe-Kommens, des stillen Dialogs mit seinem "Gesprächs"-Partner, das Suchen nach Worten, die das Gefühlte möglichst treffend ausdrücken, das (fast schon zärtlich zu nennende) Streichen der Hand über den verschlossenen Briefumschlag mit der kalligraphisch gestalteten Adresse und der (absichtsvoll ausgewählten) Briefmarke und (beim Einwerfen des Briefes in den Postkasten) die Vorfreude auf die Antwort nach Tagen – , Sie sehen, ich komme ins Schwärmen! - dabei also ist dieser schöpferische Akt, in den so viel Seele einfließt, etwas Wunderbares, das auch etwas Meditatives an sich hat. Leider kennen nur noch wenige Menschen diese Empfindungen. Ich finde das sehr schade, und ich bedaure den Verfall der Kunst des Briefeschreibens!

30.5.1993

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Ein Blick in die Zukunft

Die Zukunft des Universums bereitet mir am wenigsten Sorge; ich gehe davon aus, daß es immer bestand und immer bestehen wird. Es ist ein sich selbst regulierendes System, das ganz in sich selbst ruht und in Ewigkeit keine störenden Einflüsse kennt und keine wie auch immer gearteten Überraschungen. Das Universum wird mich und unsere Erde überleben.

Die Zukunft der Erde ist dagegen nicht in gleicher Weise sicher vorauszusehen. Wie jeder Himmelskörper ist sie dem Gesetz des Werdens und Vergehens unterworfen, und wir wissen nicht, ob ihr Ende in ein paar hunderttausend oder gar Millionen Jahren kommen wird. Freilich kann durch eine kosmische oder irdische Katastrophe globalen Ausmaßes ihr Schicksal auch schon eher besiegelt sein; das ist jederzeit möglich, aber sehr unwahrscheinlich. Also rechne ich damit nicht. Gegenwärtig macht die Erde eine gewaltige Klimaveränderung durch, die zum Aussterben der meisten Lebewesen und zur Entstehung neuer Arten führen wird. Aber das ist auch nichts Neues, das hat unser Planet in seiner Geschichte schon mehrfach erlebt, daran wird er nicht zugrunde gehen.

Aber vielleicht wird die Menschheit dieser neuen Klimakatastrophe mit zum Opfer fallen, wer weiß. Wenn ihr die Anpassung an die völlig andersgearteten Lebensbedingungen nicht gelingt, was ich für sehr wahrscheinlich halte, gebe ich der heutigen Menschheit keine sehr lange Zukunft mehr. Möglicherweise wird es ihr so ergehen wie einst den Dinosauriern. Vielleicht werden auch einige Exemplare der Gattung Homo sapiens überleben und sich zu einer ganz neuen Art entwickeln, wie es das in der langen Evolutionsreihe ja schon immer gegeben hat. Der Mensch ist in der Daseinswelt über eine Reihe von Stufen hinweggeschritten, ehe er bis zum Menschenreich gelangt ist. Auf jeder Stufe seines Fortschritts hat er die Fähigkeit entwickelt, um die nächste Stufe seines Seins zu erreichen. Im Mineralreich erlangte er die Fähigkeit, auf die Stufe der Pflanzen aufzurücken. Im Pflanzenreich vollzog sich die Vorbereitung auf die Tierwelt, und von dort stieg er auf zur Stufe oder zum Reich des Menschen. Während dieser Entwicklungsreise ist er immer und zu jeder Zeit im Keime Mensch gewesen.

Daß Europa es bis zum Untergang der Menschheit noch schafft, zu einem geeinten und friedlichen Staatenbund zu werden, glaube ich nicht. Die zwischen- und innerstaatlichen Widersprüche werden immer zahlreicher, die Konflikte immer größer werden; immer kleinere Völkchen werden sich abspalten, die Zahl der gewaltsamen Auseinandersetzungen wird wachsen.    Auch Deutschland wird demzufolge vermutlich keine glückliche Zukunft haben. Der zunehmende Sozialabbau wird die Kluft zwischen Reichen und Armen drastisch vergrößern, es wird zu Aggressionen im Innern und nach außen kommen, und auch die Deutschen werden wohl am eigenen Leibe wieder die bittere Erfahrung machen müssen, was Krieg bedeutet. Möge uns das zu unseren Lebzeiten noch erspart bleiben!

11.10.1993

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Meine literarischen Versuche

Liebe Frau v. W., [...] Sie möchten wissen, ob ich noch schreibe? Ja, das tue ich, und sicher haben Sie es auch am Stil meines letzten Briefes (vom 7.1.94) gemerkt.

In diesen Wochen habe ich wieder die Zeit und die innere Ruhe gefunden, meine literarischen Versuche erneut aufzunehmen, habe Uraltes überarbeitet und beendet, manch Neues angefangen. Ich habe an die zwei Dutzend Kurzgeschichten in der Schublade, und seit Ende vorigen Jahres arbeite ich an einem längeren Text, von dem ich noch nicht recht weiß, wo er hinauswill. Er ist nicht vergleichbar mit irgendeinem der bekannten Literaturgenres. Er folgt keiner Fabel und hat kaum eine Handlung, die Ereignisse bekommen immer mehr eine Eigendynamik und entwickeln sich, wie sie wollen...

Ich kann mich nicht einfach hinsetzen und schreiben. Erst müssen die Worte dasein. Ich kann nicht schreiben, wann und was ich will, sondern ich muß schreiben, was aus mir herausdrängt, und zwar dann, wenn ich es nicht mehr zurückhalten kann. [...]

17.3.1994

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Alles hat seine Zeit

In der Nacht begannen mich Gesundheitsprobleme zu belästigen, und so verläuft nun dieser Sonntag gänzlich anders als vorgesehen. Aber ich bin damit zufrieden!

Ich plane gern und viel und manchmal sogar etwas zu viel. Wenn dann plötzlich Umstände eintreten, die meinen Plan zunichte machen, fand ich das früher immer höchst ärgerlich. Heute nehme ich so etwas sehr schnell gelassen hin. Es sollte eben nicht sein! Alles hat seine Zeit, und es war halt wohl nicht die rechte Zeit für mein Vorhaben. Geht etwas anders, als es soll, oder auch gar nicht, dann hat das oft sogar auch sein Gutes, sagt meine Lebenserfahrung.

"Alles hat seine Zeit..." - diese Worte im 3. Kapitel Kohelet sind wahrhaftig von unübertrefflicher Weisheit! Sie haben mir immer dann geholfen, wenn ich voller Ungeduld etwas nicht erwarten konnte oder unzufrieden war, daß etwas (noch) nicht sein sollte. Ich habe begriffen: Auch Krankheit und Behinderung, Enttäuschung und Entbehrung, all die Kümmernisse und Sorgen des Alltags sind so etwas, was seine Zeit in unserem Leben hat.

"Für alles gibt es eine bestimmte Stunde", heißt es in einer anderen Übersetzung, "und für jedes Vorhaben eine bestimmte Zeit. ... Welchen Gewinn hat also der Schaffende bei dem, womit er sich abmüht?" Ich habe immer wieder beobachtet: Es gibt Zeiten, da gelingt das, was ich unbedingt schaffen will, trotz größtem Energieaufwand und trotz aller Selbstüberwindung schlecht oder gar nicht; und es gibt Zeiten, da geht dasselbe mir wie von selbst und mit Freuden von der Hand. Vielleicht sollten wir bei dem, was wir tun wollen, tatsächlich öfter die dafür bestimmte Stunde abwarten? "Kairos" heißt das im Griechischen: die (für etwas) "reife" Zeit. Wenn es nicht gerade um Situationen geht, in denen sofort gehandelt werden muß, ist es sicher oft unklug, etwas auf Biegen und Brechen durchsetzen zu wollen.

Ich mag es auch überhaupt nicht, nach dem Motto "Alles geht einmal vorüber" widerwillig etwas hinter mich zu bringen (obwohl das manchmal auch sein muß!); ich möchte alles, was ich tue, möglichst immer ganz und bewußt und mit Hingabe tun.

Bei allen Zukunftsängsten, die wohl die meisten Menschen belasten, tröstet mich immer wieder der Gedanke: "Alles hat seine Zeit!" Im Rückblick können wir in vielen Fällen nur dankbar staunen, wie alles am Ende doch irgendwie gut geworden ist. Ich denke da immer an die Worte Dietrich Bonhoeffers, die er 1943 angesichts der nahen Hinrichtung geschrieben hat: "Ich glaube, daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, daß Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, sondern wenn die Stunde dafür gekommen ist. In solchem Glauben müßte Angst vor der Zukunft überwunden sein." - In diesen Worten liegt jenes natürliche Urvertrauen, das für mich "Glaube" bedeutet.

13.7.1994

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Seit dem 27.12.1993

Seit dem 27.12.93 bin ich infolge des Funktionsausfalls beider Nieren Dialysepatient. Ich werde von der "künstlichen Niere" lebenslang abhängig sein, falls ich nicht irgendwann ein neues Organ transplantiert bekommen kann. Jeden zweiten Tag werde ich für vier Stunden an die Maschine angeschlossen, die eine der lebenswichtigen Funktionen der Niere übernimmt: die Filtration der harnpflichtigen Giftstoffe aus dem Blut. Da andere Funktionen nicht ausgeglichen werden können, entwickeln sich bei Dialysepatienten im Laufe der Jahre freilich weitere gesundheitliche Einschränkungen und Folgekrankheiten, die die Lebenserwartung deutlich herabsetzen. Trotzdem ist die Dialyse eine sehr segensreiche Erfindung, ohne die ich schon jetzt nicht mehr am Leben wäre. Leider bedeutet meine Krankheit neben dem Gebundensein an den Dialyseort auch den Ausstieg aus dem Berufsleben. Es heißt also für mich, meinen Platz im Leben neu zu überdenken, mich zu arrangieren mit der neuen Situation und das Bestmögliche aus ihr zu machen. Erfreulicherweise fällt mir das gar nicht so schwer, wie man vermuten sollte. Ich betrachte meine Lage weniger als eine Tragödie und mehr als eine Chance, weil ich davon überzeugt bin, daß alles, was geschieht, einen Sinn hat. Ich glaube nicht an ein blindwütiges Schicksal, gegen dessen Ungerechtigkeit ich innerlich aufbegehren müßte, sondern an sinnvolle Fügung, die es letztlich doch immer gut mit uns meint, auch wenn wir dies oft erst sehr spät oder auch gar nicht zu erkennen vermögen in unserem kurzen Leben. Ich bin davon überzeugt, daß es bei kaum einem Zustand in dieser Welt, und sei er noch so elend, nicht neben dem Bösen auch etwas Gutes gibt, für das man dankbar sein muß. Wir finden selbst in der mißlichsten Lage doch wohl immer auch einen Gewinn, den wir anders nicht erlangen konnten. So kann die Krankheit, die mich traf, auch eine Gelegenheit für mich sein, andere Seiten des Lebens und in mir selber zum Vorschein zu bringen, neue Erfahrungen zu machen, neue Aufgaben zu entdecken. Deshalb habe ich auch von Anfang an gefragt: Was will diese Situation mir jetzt sagen, welche Bedeutung hat sie für mein Leben, wo liegt ihr tieferer Sinn für mich? Und eine der Antworten, die ich gefunden habe, ist mir besonders wichtig: Das Leben ist nicht nur Arbeit und Anstrengung, Erfolgszwang und Termindruck - sondern auch das bewußte und dankbare Erleben eines herbstlichen Waldspaziergangs; der Freude der Partnerin über einen besonders liebevoll gedeckten Frühstückstisch oder der Tochter über das Geschenk gemeinsamer Zeit; das intensive Glücksgefühl bei guten Gesprächen mit Freunden, beim Beobachten des Sonnenaufgangs, beim Genießen des herben Geschmacks eines Apfels oder der erfrischenden Kühle eines Gläschens Wasser... Ich lasse mich auch immer wieder überraschen, was das Leben noch alles für mich bereithält und bin jeden Tag voller Neugier auf den nächsten. Es gibt nichts Interessanteres als die Zukunft! Wenn wir mit unserer Gegenwart hadern, übersehen wir möglicherweise die vielen kleinen Möglichkeiten, aus denen vielleicht etwas werden könnte. Ich bin also im Grunde ganz zufrieden mit meiner Situation und spüre keinen Widerstand, die Krankheit anzunehmen. Ich habe in den letzten Wochen bestätigt gefunden, was ich immer meinen Studenten gesagt habe, daß nämlich nur das Annehmen-Können der Realität wirklich befreit und daß, wer sich gegen Unabänderliches sträubt, am Ende seine besten Kräfte vergeudet und in destruktive Bitterkeit versinkt. Ich versuche, mehr die helle als die dunkle Seite meiner Lage zu betrachten, denn mir scheint, unsere ganze Unzufriedenheit über das, was uns fehlt, rührt daher, daß wir nicht dankbar sind für das, was wir haben.

An den eigentlichen Vorgang der Dialyse habe ich mich nicht nur psychisch, sondern auch physisch schon recht gut gewöhnt, und ich komme erfreulich gut damit zurecht. Anfangs hatte ich während und nach der Dialyse oft Kreislaufzusammenbrüche, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen - aber glücklicherweise kommt das jetzt kaum noch vor. Ich erlebe diese vier Stunden ruhigen Sitzens sehr intensiv. Wann und wo findet ein Berufstätiger dazu Gelegenheit, vier Stunden nur für sich zu haben, vier Stunden, in denen er nicht gefordert ist, nicht aufmerksam sein muß, nicht gedrängt von wartenden Aufgaben und Verpflichtungen? Für mich sind diese Stunden ein Geschenk. Ich ruhe, wenn ich will; ich verfolge ungestört ein Hörspiel oder ein Rundtischgespräch im Radio, wenn etwas Interessantes im Programm ist; ich genieße eine Sinfonie von der Kassette, wenn mir danach ist; und ich habe noch nie soviel zusammenhängende Zeit und Ruhe zum Lesen, zum Schreiben und zum schöpferischen Denken gehabt. Sollte ich dafür nicht dankbar sein? Im Grunde bin ich wunschlos glücklich, wenn ich in meinem Stuhle sitze. Eine Patientin sagte neulich: An die Dialyse gewöhnt man sich rasch, aber an diese verfluchte Abhängigkeit werde ich mich wohl nie gewöhnen! Mit dem ersten hat sie recht, aber das zweite trifft für mich nicht zu. War ich etwa, als ich noch im Berufsleben stand, weniger abhängig? Seit meiner Dialysezeit habe ich sogar schon zwei einwöchige Urlaubsreisen mit meiner Familie unternommen: im Winter nach Kempten und im Sommer nach Cuxhaven. Und nächstes Jahr fahre ich vier Wochen zur Kur nach Bad Wildungen. Was also will ich mehr? Schwierig ist es allerdings, die strenge Diät und die auf 400 ml eingeschränkte tägliche Trinkmenge einzuhalten, aber auch das gelingt mir zunehmend besser. Ich habe mich in den letzten Monaten sehr intensiv mit der zahlreich vorhandenen Fachliteratur für Dialysepatienten befaßt und mich gebildet. Es gibt ja sogar zwei Zeitschriften für uns! "DiaTra-Journal" (Abkürzung für Dialyse und Transplantation) und "der dialysepatient" heißen die. Sie sind sehr informativ. Außerdem bin ich Mitglied des Verbandes der Dialysepatienten Deutschlands e. V. geworden und des örtlichen Selbsthilfevereins. Hier kann man im gegenseitigen Geben und Nehmen eine Menge guter Erfahrungen sammeln.

Seit einem Monat arbeite ich nun auch wieder einen Tag in der Woche. Und das nimmt natürlich einen beträchtlichen Teil meiner Zeit ein, denn die Konzeption und die Vorbereitung von Lehrveranstaltungen läßt sich ja nicht auf den einen Tag beschränken, vor allem nicht, wenn man mit dem Herzen dabei ist. Aber es macht mir viel Freude, wieder in dieser Weise tätig sein zu können. Vor dem allerersten Seminar nach neun Monaten Pause war mir denn doch etwas eigenartig zumute; aber schon nach wenigen Minuten fühlte ich mich, als hätte ich nie pausiert, und die Resonanz, die ich bei meinen Zuhörerinnen (leitende Schwestern in der Weiterbildung) fand, war wie eh und je erfreulich gut. Das war schon ein beglückendes Gefühl! Mir bekommt dieser Wiedereinstieg ins Berufsleben sehr gut, und mein allgemeines Befinden könnte auch sonst kaum besser sein. Wenn ich Vorlesungen halte oder Seminare leite, denke ich oft an Lehrer, die mir Vorbild waren, und dazu gehören auf jeden Fall auch Sie. Ich habe Sie nicht vergessen, und ich werde Sie und unsere kurze, aber intensive und eindrucksreiche Zeit auch niemals vergessen.

20.10.1994

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Die russischen Realisten

Zur Zeit habe ich wieder einmal die russischen kritischen Realisten für mich entdeckt, speziell Dostojewski. "Erniedrigte und Beleidigte" habe ich nach vielen Jahren wieder gelesen, jetzt bin ich gerade bei "Schuld und Sühne", dann kommt "Der Idiot" an die Reihe. Welch eine ungeheure Darstellungskraft liegt in diesen dichterischen Fiktionen! Freilich, Dostojewski hätte das niemals mit solcher Genialität vermocht, wäre nicht seine hohe soziale und humanistische Sensibilität, sein untrüglicher ästhetischer Sinn für die Realitäten des Lebens und seine geschulte realistische und psychologische Meisterschaft gewesen. Ich spüre, daß ich das Leben und die Menschen durch solche Lektüre besser verstehe. Aber mir wird auch bewußt, daß ich selbst eine Entwicklung durchgemacht habe: Ich lese die Romane heute anders als vor zwanzig Jahren, und das ist in vielerlei Hinsicht sehr aufschlußreich für mich.

21.1.1995

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Mein Allgemeinbefinden

Mir geht es "den Umständen entsprechend" gut, und wenn ich sehe, wie manche anderen Mitpatienten leiden müssen, habe ich keinen Grund, mich zu beklagen. Im Gegenteil, ich finde in meinem Leben viele Gründe zu dankbarer Freude! Freilich machen die vielfältigen (durch die Dialyse nur sehr stark verlangsamten, aber doch fortschreitenden) Organschädigungen infolge des Nierenversagens, wie ich merke, auch um mich keinen Bogen.

Ich kann meine Lage sehr gut annehmen, aber was mich freilich am meisten quält, ist die restriktive Einschränkung der täglichen Trinkmenge (bei mir auf 400 ml, weil meine Nieren auch nicht die kleinste Restfunktion mehr haben) Ja, der ständige Durst...! Er wächst gleichsam vom Körperzentrum aus in die äußersten Zellen der Schleimhäute. Spröde Lippen, trockene Bindehäute und eine ausgedörrte Zunge im verklebten Gaumen sind nur eine oberflächliche Not gegenüber dem Drängen der unersättlichen Gier in der Tiefe. Dort drinnen, ganz nahe am Herzen, wohnt ein Verlangen, das nicht gestillt werden darf. Körper und Geist lechzen nach Wasser wie ein ausgetrockneter Schwamm. Ich denke an Wasser. Ich träume von Wasser. Ich sehe vor mir Seen und Meere, Wasserfälle, Flüsse, Bäche, Brunnen, Krüge, Hände voll Wasser. Über meinem Schlaf lauert ein riesiger Wasserballon, aber niemand bringt ihn zum Platzen. Ich träume, wie sich mir eine Kelle Wasser darreicht: Nimm mich und trink! Und ich schlürfe jede Perle des kostbaren Getränks, lasse es schlückchenweise von der Zungenspitze hinab in die Kehle fließen. Tief in meinen Eingeweiden erlischt das quälende Feuer. Und dann sehe ich mich im Biergarten sitzen. In meinem Maßkrug schwappt und schäumt das Element, bis es sich über die Kante und den Tellerrand und den Tisch ergießt...- Aber auch über diesen ewigen Durst will ich mich nicht beschweren. Sicher liegt der tiefere Sinn dieses ungestillten Sehnens nach Trinkbarem ja gerade darin, daß ich das kostbare Naß, sollte es eines Tages wieder nach Herzenslust durch meine Kehle rinnen dürfen, erst richtig werde zu schätzen wissen. Wie gedankenlos und undankbar habe ich früher Getränke in mich hineingeschüttet! Manchmal muß vielleicht eine Lektion, die wir im Leben zu lernen haben, eben auch ein bißchen wehtun...

5.8.1995

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Mein Koffer ist gepackt

Im Juli war ich zum Operationsvorbereitungsgespräch im Nierentransplantationszentrum Berlin-Friedrichshain. Nach Abschluß aller Voruntersuchungen bin ich in die Stufe I eingruppiert worden, das heißt, ich muß seitdem 24 Stunden am Tag damit rechnen, plötzlich zur Operation einberufen zu werden. Das kann morgen sein oder nächstes Jahr oder in zehn Jahren - wer weiß? Nicht die Reihenfolge der Anmeldungen zählt ja, sondern das Vorhandensein eines maximal übereinstimmenden Transplantatgewebes, und noch ein paar andere Kriterien spielen eine Rolle. Leider ist es um die Organspendenfreudigkeit der Deutschen nach wie vor nicht zum besten bestellt, und die Zahl der Anwärter auf eine neue Niere steigt stetig an. Ich habe mich jedenfalls bestmöglich vorbereitet: Mein Köfferchen für den "Augenblick X" steht bereit; alles Organisatorische ist geregelt, damit dann in der Eile nicht Panik entsteht und Wichtiges vergessen wird.

Übrigens, ist das nicht auch ein passender Vergleich dafür, wie man mit seinem eigenen Tod umgehen sollte? "Der Koffer" für diesen Moment, dessen Stunde niemand kennt, sollte "gepackt" sein, und es sollten keine "unerledigten Geschäfte" (E. Kübler-Ross) bleiben, die das Sterben so schwer machen können!

7.8.1995

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Mann über Bord

Letztens habe ich von einem weithin unbekannten Autor die Kurzgeschichte "Mann über Bord" gelesen. Der Inhalt in Kurzfassung: Ein andauernd betrunkener Matrose, der die ganze Schiffsbesatzung sadistisch tyrannisiert und lebensgefährlich bedroht hat, stürzt bei einer heftigen Rauferei über die Reling hinab in den Ozean. Das ausgesetzte Rettungsboot kentert, das Schiff läuft bei dem Rettungsmanöver auf ein Korallenriff und geht unter. Alle ertrinken oder werden Opfer der Haie. Allein der Verursacher dieses ganzen Unglücks wird gerettet und als einziger Überlebender von den Bewohnern einer nahegelegenen Insel gepflegt, umsorgt und als Held geehrt.

Diese Geschichte hat mich sehr nachdenklich gemacht. Zuerst sträubte sich mein natürliches Gerechtigkeitsempfinden gegen das, was da beschrieben wird: Warum findet der eine Böse Rettung, während die vielen Unschuldigen auf grausame Weise zu Tode kommen? Eine solche Konstellation der Umstände, wie sie jeden Tag vorkommen kann, erweckt bei vielen Menschen ja auch immer wieder die uralte Frage, warum Gott, falls es ihn denn gibt, solches zuläßt.

Aber dann dachte ich: Was weiß ich denn schon? Wieso würde ich denn den Tod dieses Matrosen leichter hinzunehmen bereit sein als den der vielen anderen? Er ist ein Mensch! Wie die anderen, die ertrunken sind, hat vielleicht auch er eine Mutter, die bitterlich um ihn weinen würde. Wer weiß, was die Zukunft noch mit ihm vorhatte? Vielleicht sollte er, beschämt durch die unverdiente Rettung, zu einem anderen Menschen werden? Kann es nicht sein, daß ihm eine ganz besondere Aufgabe zugedacht war, die nur er allein erfüllen konnte? Es gibt so vieles, das wir nicht zu ergründen vermögen! Diese Erkenntnis sollte eigentlich unsere kurzsichtigen menschlichen Maßstäbe der Moral und der Gerechtigkeit sprengen.

Und ich dachte: Warum glauben wir eigentlich immer für alles, was an Anstößigem geschieht, eine Erklärung, eine Begründung, eine Rechtfertigung zu brauchen? Auf unsere quälendste Frage nach dem "Warum?" im Leid bekommen wir doch sowieso nie eine Antwort! Den Sinn, den ein scheinbar so sinnloses Ereignis wie der Tod der Schiffsbesatzung hat,wird uns meist verschlossen bleiben.

Früher habe ich mich oft gefragt, ob ich nicht bestrebt sein sollte, meine Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit um jeden Preis durchzusetzen. Längst weiß ich inzwischen: Solange ich das erzwingen will, was ich mit meiner begrenzten Sicht für gerecht halte, werde ich blind für die Gerechtigkeit des anderen - und erst recht für die Gerechtigkeit Gottes, die ich ohnehin nicht zu verstehen fähig bin. Die Welt ist, wie sie ist, und es gibt keinen vernünftigen Grund, weshalb sie anders sein sollte! Wenn ich mich für diese Erkenntnis öffne und Unabänderliches annehme, dann gelingt es mir auch, an einen Sinn selbst des als sinnlos Erscheinenden zu glauben. Wenn ich den Sprung ins Ungewisse wage und mich überraschen lasse von dem, was kommt, ohne etwas Bestimmtes zu erwarten oder gar herbeizwingen zu wollen, spüre ich eine unsichtbare Begleitung neben mir, der ich mich anvertrauen kann und will.

Das ist keineswegs Fatalismus oder Resignation, kein kampfloses Sich-Ergeben, keine Absage an den Einsatz und die Opferbereitschaft für das Gute und die Gerechtigkeit! Nein, das ist die Freiheit, die aus der Einsicht in die Notwendigkeit erwächst.

So nehme ich beispielsweise zu der Person Kontakt auf, zu der ich mir Kontakt wünsche, aber ich erwarte nicht, daß er zustande kommt. Ich öffne mich für den Menschen, der sich mir mitteilen will, und höre ihm zu, aber ich tue es nicht in der Erwartung, daß auch er mir zuhört. Ich versuche immer wieder nicht enttäuscht zu sein, wenn die Dinge anders kommen, als ich sie gerne hätte und für gerecht halte, und ich mache aus jeder Lebenslage das Beste für mich. Meine Krankheit beispielsweise hätte ich mir niemals gewünscht, aber ohne sie wäre ich nicht der, der ich heute bin. Ein Stück Reife und viele Erfahrungen würden mir fehlen.

Vieles von dem, was ich bisher im Leben wollte, ließ sich nicht erzwingen. Und nicht selten zeigte sich, daß das auch gut so war! Oft bin ich im Rückblick dankbar, daß der eine oder andere meiner Wünsche nicht in Erfüllung gegangen ist. Wenn wir mit dem Schicksal hadern, übersehen wir nur allzu leicht die zahlreichen kleinen und großen Möglichkeiten, die es in sich birgt und aus denen viel werden kann.

Ich würde vielleicht staunen, wenn ich dem brutalen jungen Matrosen in der Kurzgeschichte heute, Jahre später, in der Wirklichkeit begegnen könnte, und meine Dankbarkeit für seine Rettung damals wäre jetzt möglicherweise ebenso groß wie meine Trauer über das Schicksal der seinerzeit Umgekommenen.

22.2.1996

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Nur von innen kann man etwas verändern

Zum einen glaube ich, daß es letztendlich nicht darauf ankommt, wo man Mitglied ist, sondern mit welchen Idealen man sich verbunden fühlt und für welche Ziele man sich einsetzt. Sicher werden wir einst nicht danach gefragt, ob wir Lutheraner waren oder Katholiken; Adventisten, Mormonen, Baha'i oder Jehovas Zeugen; Christen, Juden oder Muslime; Gottgläubige oder Atheisten - sondern, ob wir ehrlich bemüht waren, unser Leben verantwortlich gegenüber unseren Mitmenschen und gegenüber der Schöpfung zu führen. Für den geschundenen Mann auf dem Wege von Jerusalem nach Jericho war es nicht wichtig, daß der Barmherzige, der ihm half, einer der von den Juden verachteten Samariter gewesen ist, sondern, daß es ein Mensch war, der sich ihm zuwandte und ihm das Leben rettete (Lk 10,30-37). Ich bin überzeugt, daß Gott uns nicht nach unserer Zugehörigkeit zu Kirchen, Konfessionen und Parteiungen beurteilt, sondern nach unserem Menschsein. (Im übrigen ist die von den Quäkern immer wieder betonte Wahrheit vom "inneren Licht", "dem von Gott in uns" ohnehin eine Grunderkenntnis wohl aller religiös denkenden Menschen, mit welchen Worten es in den verschiedensten Glaubensrichtungen auch immer gesagt werden mag.)

Zum zweiten glaube ich, daß wir, wenn wir es denn ernst meinen mit der Wahrheit, lebenslang Suchende bleiben werden. Die Größe der Wirklichkeit ist in ihrer Komplexität und Tiefe unerfaßbar, sie läßt sich nicht in unsere engen menschlichen Maßstäbe und Begriffe einzwängen. Freilich ist es sehr bequem, sich in einem scheinbar geschlossenen System sicher und geborgen fühlen zu können, aber wir als Suchende wissen, daß es diesen "der Weisheit letzten Schluß" in diesem Leben nicht gibt, und deshalb bleiben wir stets offen für neue Erkenntnisse und Erfahrungen und halten doch keine von ihnen für absolut und endgültig. Auch wir Quäker glauben uns nicht am Ziel, sondern bleiben unermüdlich Suchende.

Zum dritten glaube ich, daß man dort wirken sollte, wo man nun einmal steht - ich könnte auch sagen: wo Gott uns nun einmal hingestellt hat. Wenn eine Vereinigung von Menschen reformbedürftig ist - wer sollte sich denn für Veränderungen einsetzen, wenn nicht diejenigen ihrer Glieder, die an den bestehenden Mängeln leiden? Die Außenstehenden werden es für sie nicht tun, das war immer und ist überall so: Stets sind die revolutionären Bewegungen von innen gekommen. Wer aber soll diese Bewegung tragen, wenn alle die, die es könnten, die Gemeinschaft resigniert verlassen?

Ein Beispiel: Tausende DDR-Bürger haben bis 1989 ihrer Heimat den Rücken gekehrt, weil sie gewisse Unzulänglichkeiten und Mängel meinten nicht länger ertragen zu können. Wem aber ehrlich an Veränderungen gelegen war, der blieb im Lande, eben weil man nur von innen etwas verändern kann.

Ein anderes: Eugen Drewermann wird oft gefragt, warum er denn nicht aus der katholischen Kirche austritt. Er hat dieselbe Antwort: Nur von innen kann ich an ihrer Veränderung mitwirken - nicht von außen. In seinem jüngsten Buch schreibt er: "Ob die Kirche sich ändert, ändern kann, ändern wird oder, nach jüngsten Beobachtungen, sich wirklich schon 'geändert' hat, allerdings in Richtung einer noch tieferen Vergreisung und Vereisung, kann uns, die wir Heutige sind, mit Verlaub gesagt, ziemlich egal sein. Keine der anstehenden Fragen läßt sich vertagen, bis bei einem künftigen Papst der römisch-katholischen Kirche der Groschen fällt - oder auch nicht. Bei uns allein steht es, das bißchen Wahrheit zu leben, das wir fühlen, denken, wissen und schon deshalb als einziges verantworten müssen." (Drewermann, E.: Was ich denke, Goldmann 1994, S.94)

Und - wenn es denn nun überhaupt noch nötig sein sollte – ein drittes Beispiel: Ich glaube schließlich, daß Du mit Deinen Überzeugungen in Deiner Gemeinde mehr zum lutherischen Ideal der "ecclesia semper reformanda" beitragen kannst als außerhalb von ihr...

13.4.1997

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Mein Lieblingswetter

Mein Blick aus dem Fenster zeigt mir ein nebliges, wolkiges, feuchtkühles Wetter, und ich höre im stillen schon wieder die Klagen so vieler Zeitgenossen, die sich über diesen Sommer beschweren. Ich kann das absolut nicht verstehen! Mir gefällt dieses Wetter!! Es gibt kein schlechtes Wetter - jedes Wetter ist schööön!!! Am meisten aber liebe ich es, wenn ich weder frieren noch schwitzen muß, wenn die Sonne sich hinter den Wolken verborgen hält und wenn eine feuchte Kühle mich erfrischt und ab und zu ein kurzer Regenguß herniedergeht. Ob ich wohl im Urlaub dieses mein Lieblingswetter haben werde?

27.8.1997

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Nur noch ein Jahr

Lieber D.,

[...]
Du fragst, was es für mich bedeuten würde, wenn ich wüßte, daß ich nur noch ein Jahr zu leben hätte. Ich habe lange darüber nachgedacht, und ich vermute, daß dieses Wissen (was ja eigentlich nie ein Wissen sein kann, sondern immer nur ein Ahnen; keine Sicherheit, sondern eine Wahrscheinlichkeit) vermutlich mehrere Empfindungen in mir auslösen würde.

Wenn ich erführe, daß mir vielleicht nur noch ungefähr ein Jahr zu leben bleibt, dann würde sich bei mir – so denke ich – als erstes ein Gefühl der Erleichterung einstellen, denn dann gälte ja für mich: Nicht erst "in fünfzig Jahren ist alles vorbei" (wie der Kehrreim eines bekannten Couplets beruhigend sagt), sondern schon in einem! Ja, ich glaube, daß das schockierend und tröstlich zugleich sein kann. Wer weiß, was einem alles erspart bleibt, wenn man früher stirbt. Freilich, auch viel Schönes mag einem entgehen, aber man weiß schließlich in der Todesstunde nicht, was man versäumen wird. Mißversteh mich nicht: Ich bin ganz und gar nicht lebensmüde! Aber da ich irgendwann ohnehin sterben werde, ist es mir gar nicht so wichtig, ob das in zwanzig Jahren oder in sechs Monaten sein wird. Letztlich wird es für die geliebten Zurückbleibenden immer zur Unzeit kommen. Es ist nicht entscheidend, wie lange ich lebe, sondern wie intensiv. Wirkliches Leben ist Qualität, nicht Quantität.

Deshalb frage ich mich: Lohnt es sich eigentlich, gegen eine tödliche Krankheit auch dann noch verbissen zu kämpfen, wenn man doch spürt, daß man nicht mehr wird siegen können? Sollte man dann seinen Tod, wenn er unabwendbar ist, nicht akzeptieren? Ich liebe das Leben über alles, aber wenn Gevatter Tod irgendwann einmal an meine Türe klopft und sich nicht abweisen läßt, dann will ich ihn auch bereitwillig einlassen, denn ich weiß nicht, ob es, wenn er ein nächstes Mal käme, dann besser paßte, und ob das Sterben ein paar Jahre später angenehmer wäre. Bedeutet nicht jeder mühsam errungene Sieg über den Tod nur einen Aufschub, eine Galgenfrist?

Wenn ich erführe, daß mir vielleicht nur noch ungefähr ein Jahr zu leben bleibt, dann stelle ich mir - wie ich das jetzt sehe - vor, wie ich dieses mir noch geschenkte Jahr bestmöglich nutzen, alle meine "unerledigten Geschäfte" (wie Elisabeth Kübler-Ross das nannte) zu Ende bringen, und jede einzelne Stunde in ihrer einmaligen Kostbarkeit dankbar annehmen könnte. Aber ich stelle mir auch vor, wie ich ganz oft, wenn andere mit Sorgen und Bangen auf das kommende Jahr schauen, mit der Genugtuung des Privilegierten dächte: Ich werde es nicht mehr erleben! Der Tod hat immer zwei Gesichter: Er ist schmerzvoller Abschied und befreiende Entlastung.

Manchmal vergleiche ich das Leben mit einem Spiel, das mir in meiner Schulzeit äußerst verhaßt war: "Völkerball" hieß es. Zwei Mannschaften versuchen, sich gegenseitig die Spieler dadurch abzuschießen, daß ein Ball sie trifft, den sie nicht mit den Händen auffangen können. Wer so getroffen ist, muß ausscheiden. Welche Mannschaft keine Spieler mehr hat, ist Verlierer. Ich, der ich die Kunst, Bälle aufzufangen, nicht beherrschte, hatte keine Lust, mich an sehr empfindlicher Stelle schmerzhaft treffen zu lassen, denn die Bälle kamen meist sehr unsanft. Also hielt ich den Gegnern einfach demonstrativ geduckt meinen Rücken hin, denn dort tat der Ball noch am wenigstens weh, vor allem nicht, wenn ich darauf gefaßt war, und so konnte ich das Spielfeld verlassen und von draußen zusehen und brauchte keinen plötzlichen Ballschuß mehr zu fürchten. Nein, bei diesem Spiel lohnte es sich für mich nicht zu kämpfen, denn ich wußte ja, es würde absolut sicher mit einem Treffer enden, im schlimmsten Falle gar aufs Gesicht.

Wenn ich erführe, daß mir vielleicht nur noch ungefähr ein Jahr zu leben bleibt, dann würde ich - so nehme ich an - wohl in großer Dankbarkeit zu mir sagen: Wie schön, daß ich noch ein ganzes Jahr leben darf! Ich möchte jeden einzelnen Tag dankbar bis zur Neige ausschöpfen mit allen noch möglichen Freuden und unvermeidlichen Schmerzen. Aber "alles hat seine Zeit", wie der Kohelet so treffend sagt, und deshalb werde ich gewiß auch klopfenden Herzens ja sagen und dem Ball meinen Rücken hinhalten, wenn ich spüre, daß die Zeit des Kämpfens vorüber und die Zeit gekommen ist, das Spielfeld zu verlassen und es von draußen zu betrachten.

Wenn ich also erführe, daß mir vielleicht nur noch ungefähr ein Jahr zu leben bleibt, dann würde ich sicher für eine gewisse Zeit erschrocken und schockiert sein, dann aber könnte ich – so will mir scheinen – wohl recht bald für mich sagen: Es ist in Ordnung.
[...]

Herzlichst –

E.2.1.1998

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Ein besonderes Erlebnis...

... liebste B., hatte ich heute, an dem ich Dich gerne teilhaben lassen möchte: Auf dem Weg vom Hauptbahnhof durchs Stadtzentrum hörte ich auf einmal unerwartete Posaunenklänge. Am Rande des Boulevards zwischen Post und Rathaus standen vier junge Männer in kurzen Hosen und T-Shirts und bliesen die G-Dur-Sonatina von Bach. Ich fand das so schön, daß ich mich auf eine der schattigen Bänke unter den jungen Linden setzte und ein Weilchen andächtig zuhörte. Vor sich auf die Pflastersteine hatten die Musikanten ein geöffnetes Köfferchen mit der Aufschrift"Grüße aus St. Petersburg" gelegt, in das hin und wieder Passanten Geldstücke warfen. Ich genoß das Spiel als einen festlichen Ohrenschmaus mitten im Alltagstrubel der Großstadt und beobachtete dabei die Menschen, die unbeeindruckt vorübereilten und nichts zu sehen und zu hören schienen, und ich bedauerte sie ein bißchen... Auf einer anderen Bank saß ein junges Pärchen und lauschte gleich mir Minuten später mit Vergnügen dem Air aus der Suite 1 von Händels Wassermusik, und mir kamen ganz eigenartige Gefühle dabei... Ich stellte mir vor, Du säßest neben mir, und ich legte meinen Arm um Dich, und Du lächeltest mich an... - Als ich nach "Ich bete an die Macht der Liebe", einer der schönsten Choralmusiken, die ich kenne, schließlich aufstand, legte ich beim Vorübergehen zwei Münzen in das Köfferchen - eine von mir und, weil das Lied so trefflich zu meiner Stimmung paßte, eine für Dich mit...

16.5.2000

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Schreiben als sinnlicher Genuß

Letzten Samstag habe ich ein hervorragendes Filmkunstwerk gesehen: "Bettlektüre" ist ein hochästhetisches Filmdrama über die Erotik des Schreibens. Daß Schreiben etwas mit Erotik zu tun haben kann, muß ich Dir nicht erklären. Wer schreibt, hinterläßt, das Papier gleichsam "streichelnd", ein Stück von sich selbst, gibt seine Gefühle, seine Seele preis. Es zu lesen - oder auch nur anzuschauen! - kann erotische Gefühle vermitteln, wie Du ja sehr gut weißt. Die Programmillustrierte resümierte: "Berauschend schöner Bilderreigen von hohem Anspruch und hoher erotischer Ausstrahlung, der ausgelassen verschiedene Filmtechniken kombiniert."

Anläßlich dieses Filmgenusses erinnerte ich mich eines Textes von Karin Stahlhut über das Schreiben, den ich vor längerer Zeit mal in der Hand gehabt hatte. Und da ich manches, was ich mir aufhebe, auch wiederfinde, konnte ich es wieder lesen. "Die Lust am Schreiben" ist dieser Text überschrieben. Er spricht mir aus dem Herzen! Für mich war und ist Schreiben immer etwas ganz Besonderes. Nicht nur wegen der Kreativität des Ästhetischen und weil Schreiben für mich auch ein sinnlicher Akt ist, sondern auch, weil es eine (manchmal die einzige!) Möglichkeit ist, zu sich selber zu kommen. Schreiben heißt denken, es ist mehr als leben, nämlich ein Sich-des-Lebens-bewußt-Werden. Das ist sicher auch der Grund, weshalb mir das Tagebuchschreiben zur Leidenschaft geworden ist. Wer Tagebuch schreibt, ordnet Gedanken und Gefühle, "lockert das Ich", wie Virginia Woolf es nannte, öffnet den Blick für größere Zusammenhänge und überraschende Perspektiven. Probleme werden zwar nicht mit einem Federstrich gelöst, aber Schreiben schafft Bewegung, wo etwas stagniert. Gerade in den letzten Monaten habe ich oft gespürt, daß das Tagebuch eine Anstrengung gegen das Dahinschwinden ist, gegen das Verlieren, gegen das Gefühl von Unwirklichkeit. Ich glaube, daß ich etwas für die Dauer "rette", wenn ich es ins Tagebuch aufnehme.

(Und ganz nebenbei schreibt man sich auch noch "gesund"! Der amerikanische Psychologe James W. Penebaker – ich habe neulich gerade meinen Studenten davon erzählt – kam über die Beschäftigung mit Lügendetektoren und der Frage, ob Geheimhaltung negative Auswirkungen auf den Organismus hat, zu dem Ergebnis, daß es schädlich ist, Gedanken und Gefühle um jeden Preis zurückzuhalten, dagegen der psychischen und physischen Gesundheit förderlich, wenn man sich von der Seele schreibt, was einen bedrückt. - Ich frage mich, wo ich inzwischen wohl wäre, wenn ich mein Tagebuch nicht hätte...

1.8.2000

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Lob der Faulheit

Heute nachmittag war ich mal wieder richtig faul: Ich habe nur gesessen und gelesen und gelegen und geträumt und geschlafen. Nichts Sinnvolles ist entstanden. Aber ich versuche meine Faulheit nicht mal mit dem Urlaub zu entschuldigen, dessen dritte und vorletzte Woche ich gerade beende; ich bekenne mich ganz einfach zu ihr! Irgendwann habe ich nämlich entdeckt, daß das Nichtstun auch etwas Positives für mich hat. Dieses Heraustreten aus dem Alltag mit seinen vielfältigen Zwängen, das Abschalten-Können von den äußeren Störfaktoren halte ich für eine sehr wertvolle Quelle, aus der ich meine "Batterien" wieder aufladen kann. Ich brauche ab und zu dieses möglichst ungestörte In-mich-Gehen, um neue Kraft zu tanken. Und deshalb stehe ich auch voll und ganz zu meinem heutigen "faulen Tag".

Ich wünsche Dir, daß auch Du Gelegenheit zum Nichtstun hast, Augenblicke, in denen Du Deine Probleme mal ein Weilchen vergessen und mit Dir und der Welt im Frieden sein kannst! "Laß Dir's wohlgehen und kümmre Dich einen Teufel um Kümmernisse", soll Luther mal gesagt haben...

12.8.2000

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Lebenswendepunkt

Michael Mary und Henny Nordholt schreiben in einem kürzlich erschienen Aufsatz: "Dem Impuls, sich zu verändern, zu folgen ist ein lustvoller Prozeß. Folgt ein Mensch seiner Lust, geht er den Weg zu mehr Lebensqualität und Freude. In der Regel machen sich diese Impulse auch deutlich bemerkbar: Die Indikatoren beginnender Veränderungen sind vielfältig: Sehnsucht, Unzufriedenheit, immer wiederkehrende Träume, Langeweile, Probleme jeder Art, sei es mit fremden Menschen oder gar in Partnerschaften, Einsamkeit, Krankheiten, Lebens- und Sinnkrisen — all diese Erscheinungen weisen darauf hin, daß etwas Neues geschehen will. Eine Vielzahl psychosomatischer Krankheiten und Beschwerden stellen wir unbewußt her, indem wir emotionale Bedürfnisse ignorieren, die sich dann körperlich durchsetzen. Verspannungen, Verletzungen, Schwindel, Übelkeit, Allergien können Zeichen sein, daß in unserem Leben etwas Neues Raum gewinnen will, das zu lange ignoriert wurde." Da habe ich meine Situation wiedererkannt!

Aus der Psychologie weiß ich: Seinen Sehnsüchten auf die Spur zu kommen ist nicht nur das beste Mittel, den eigenen Weg zu finden, sondern zugleich eine Art persönlicher Gesundheitsvorsorge, die einem kein Arzt abnehmen kann. Wer sich nicht genügend um seine körperlichen, emotionalen und geistigen Bedürfnisse kümmert, läuft Gefahr, Störungen zu schaffen oder krank zu werden. Störungen auf der Körperebene sind Phänomene, deren Auftauchen nie allein körperlich, sondern nur im Zusammenhang mit den Gefühlen und der ganzen Lebenshaltung eines Menschen verstanden werden können. Zum Glück bedarf es nicht immer einer schweren Krankheit, um den Punkt zu erkennen, an dem es Zeit ist, dem Leben eine Wende zu geben. Manchmal muß eine Sehnsucht eine Weile im Verborgenen reifen, ehe sie Realität werden kann. - Was mir schon jahrelang theoretisch und ganz allgemein bewußt war, wird mir nun seit einigen Monaten zu einer praktischen und sehr persönlichen Erfahrung.

So ein Wendepunkt ist freilich alles andere als bequem, auch das ist mir klar geworden. Er rüttelt am Gefüge meines Lebens und zwingt mich, alle Reserven zu mobilisieren, um Altes würdevoll zu beenden und Neues mutig zu beginnen. Aber ich weiß, daß er sein muß, wenn ich meinen Weg finden will.

19.10.2000

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Psychologischer Analphabetismus

Wir verstehen komplizierte Fachbücher, aber wir können nur schlecht in den Augen der Menschen lesen. Wir fliegen ins Weltall, aber was unseren Nächsten bewegt, davon wissen wir wenig. Für den Führerschein müssen wir eine Fahrschule besuchen, aber wo lernen wir die Grundregeln des sozialen Miteinanders? Übers Internet nehmen wir Verbindung auf mit der weiten Welt, aber mit unserm Hausnachbarn können wir nicht vernünftig reden. Von der Umweltverschmutzung lesen wir überall, aber um die Vergiftung unserer mitmenschlichen Umwelt kümmern wir uns kaum. In der Schule haben wir Frösche seziert und den Aufbau der DNS kennengelernt, aber wie es in uns selber aussieht und in der Seele derer, mit denen wir zusammenleben, davon wissen wir so gut wie nichts. Sind wir nicht psychologische Analphabeten?

1.3.2001

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Gelassenheit

Liebe U., [...] Du fragst mich, wie man das denn machen soll, gelassen zu werden in dieser hektischen Zeit. Nun, viele Wege führen nach Rom, das gilt wohl auch hier. Alle aber scheinen dort zu beginnen, wo man seine Einstellung gegenüber den Dingen ändert. Ich zum Beispiel meditiere morgens und abends ein viertel Stündchen. Das hilft mir, den ganzen Tag über gelassener zu sein und viel offener als früher für Menschen und Dinge, für Angenehmes wie für Unangenehmes. Und immer dann, wenn ich merke, daß ich verkrampft bin, ärgerlich und gereizt, unruhig und nervös, dann mache ich – ganz gleich wo ich bin, es merkt ja keiner – eine Minute autogenes Training oder, wenn ich mehr Zeit habe, eine Phantasiereise.

Im übrigen halte ich es mit dem weisen Rabbi in dieser alten Überlieferung, der vom einem jungen umtriebigen Mann, der nie Zeit hatte, gefragt wird, wie er es denn mache, immer so ruhig, so ausgeglichen und aufmerksam zu sein.

Er antwortet:

"Ganz einfach:
Wenn ich schlafe, schlafe ich,
wenn ich aufstehe, stehe ich auf,
wenn ich esse, esse ich,
wenn ich gehe, gehe ich,
wenn ich arbeite, arbeite ich,
wenn ich zuhöre, höre ich zu,
und wenn ich spreche, spreche ich."

Darauf meint der Fragende, er tue das doch auch. Aber der Weise entgegnet ihm:

"Nein, du machst es anders:
Wenn du noch schläfst, stehst du schon auf,
wenn du noch aufstehst, ißt du schon,
wenn du noch ißt, gehst du schon,
wenn du noch gehst, arbeitest du schon,
wenn du noch arbeitest, hörst du schon zu,
und wenn du noch zuhörst, redest du schon."

Ich finde, wir sollten versuchen, etwas bewußter zu leben und den Augenblick in seiner ganzen einmaligen Kostbarkeit wahrnehmen. Erst recht und besonders dann, wenn wir meinen, "keine Zeit" zu haben. [...]

1.7.2002

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Wenn die Zeit gekommen ist

Das schreckliche Flugzeugunglück heute über dem Bodensee, durch das wahrscheinlich 50 Kinder ums Leben gekommen sind, die in den Urlaub fliegen wollten, läßt mich an deren Eltern denken, die sich in ihrer Verzweiflung sicher auch vorstellen werden, daß ihr Kind noch am Leben wäre, wenn es nicht in diesem Flugzeug gesessen hätte...

Dieser Gedanke erinnert mich wieder, wie so oft, an eine alte chassidische Legende, in der einem alten Mann in Jericho eines Nachts träumt, drei Tage später werde der Tod in sein Haus kommen und seinen Sohn mitnehmen. Da gibt der Mann seinem Sohn den Auftrag, nach Jerusalem zu ziehen, um seinem Vetter eine wichtige Botschaft zu überbringen. So würde der Tod, dachte der Alte, sein Opfer nicht finden können, wenn er drei Tage später in sein Haus käme. Der Sohn tritt also seinen weiten Weg an und kommt nach drei Tagesreisen in Jerusalem bei seinem Vetter an. Und noch am selben Tag betritt der Tod das Haus des Vetters und nimmt den mit, den er in seines Vaters Haus nicht hatte finden können.

Dieses - in vielen Varianten existierende - Motiv will sagen, daß wir vor dem Tod nicht fliehen können. Und: Wir sterben nicht, weil eine tödliche Krankheit oder ein Unfall uns zufällig ereilt hat, sondern weil der dafür ausersehene Zeitpunkt gekommen ist. Als Knabe hatte ich, nachdem mein Vater gestorben war, oft Angst um meine Mutter, sie könnte auch noch sterben. Wenn sie auf Dienstreise fuhr und meine Angst spürte, pflegte sie zu sagen: Du kannst ganz ruhig sein. Ist meine Zeit noch nicht da, werde ich wohlbehalten zurückkommen. Wenn sie aber da ist, ist es ganz gleich, wo ich bin, dann findet mich der Tod auch hier zu Hause.

Ich bezweifle zwar, daß es eine solche Vorherbestimmung wirklich gibt. Ich weiß aber, daß dieser Gedanke mir als Knaben sehr geholfen hat. Und er hilft mir noch heute! Vielleicht kann er auch dem einen oder anderen seit heute verwaisten Elternteil irgendwann nach dem ersten betäubenden Schmerz eine Hilfe sein.

2.7.2002

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Ein Name für meine innere Erfahrung

Lieber N.,

[...]
Du hast mich nach meinem Gottesbild gefragt, und ich suche schon eine ganze Weile nach Worten, die eine einigermaßen verständliche Antwort abgeben könnten.

Eigentlich habe ich ja gar kein Bild von Gott, denn ich denke, daß das Göttliche immer ganz anders sein wird als alle Vorstellungen, die wir uns ausdenken können. Deshalb kann ich auch Gottesbilder von anderen Menschen und die in der Bibel nicht einfach so für mich übernehmen. Ich habe eben meine ganz eigene Beziehung zu dem, was ich "Gott" nenne.

Ich könnte es mir leicht machen und einfach sagen: Gott ist ein Name, den ich meiner inneren Erfahrung gebe. Aber das würde Dir nicht viel nützen, denn Du kennst ja meine innere Erfahrung nicht. Also mache ich es mir nun ein bißchen schwerer und hole ein wenig aus.

Solange ich denken kann, habe ich eine starke Sehnsucht in mir getragen. Eine Sehnsucht, die sich im Laufe der Jahrzehnte zusammen mit mir in ihrer Form zwar kontinuierlich verändert hat, in ihrem Inhalt sich aber stets treu geblieben ist. Es ist eine Sehnsucht, von der ich mir sehr lange ganz sicher war, daß sie sich, solange ich lebe, nicht erfüllen wird. Und obgleich - oder gerade weil? - ich das wußte, konnte ich mich erst recht nicht von ihr trennen. Eigenartig, nicht?

Ich sehnte mich nach einer Sicherheit, die durch nichts erschüttert werden kann, durch kein unglückliches Ereignis und durch keinen unvorhergesehenen Zwischenfall. Ich sehnte mich nach der Gewißheit, daß mir nichts Vernichtendes geschehen und daß immer alles zu einem guten Ende kommen wird. Ich sehnte mich nach einer Geborgenheit, von der ich mich für immer behutsam und zärtlich umhüllt weiß. Ich sehnte mich danach, mit allen meinen zahlreichen menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten bedingungslos angenommen zu sein und endlos geliebt zu werden, ohne daß ich mich dieser Liebe würdig erweisen muß. Ich sehnte mich danach, zu wissen, wer ich bin, woher ich kam und wohin ich gehe, worin der tiefe Sinn meines Lebens - und des Lebens überhaupt – besteht und was meine ganz besondere Bestimmung in diesem Leben ist, die mich einmalig und einzigartig wertvoll sein läßt.

Eine solche Sehnsucht, das schien mir langezeit klar zu sein, konnten nur wirklichkeitsfremde Träumer hegen. Realisten, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen, würden dafür nur ein Kopfschütteln übrig haben oder ein mitleidiges Lächeln.

Aber dann habe ich irgendwann angefangen zu spüren, daß da - ganz tief in mir - etwas ist, das mir immer wieder ganz leise sagte: Deine Sehnsucht ist durchaus nicht lächerlich und auch nicht unerfüllbar! Sie wohnt in allen Menschen. Sie verraten es einander nur fast nie, weil sie sich ihrer schämen. Bei manchen ist sie freilich ganz verborgen und vergessen oder gar völlig verschüttet von Verbitterung und Resignation, aber sie stirbt nicht. Bis zum letzten Atemzug nicht. Jeder Augenblick höchsten Glücksgefühls läßt sekundenlang im Menschen das heftige Begehren aufblitzen, er möge ewig dauern; jede große Liebe erweckt in ihm das leidenschaftliche Verlangen, sie möge niemals vergehen.

Ich dachte an die Worte in Goethes „Faust“: Zum Augenblicke möcht' ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!, und ich erkannte, wie recht die Stimme in meinem Innern hatte, und zugleich empfand ich einen Hauch von Vorgeschmack von der Ewigkeit des Augenblicks.

Von da an begann ich, aufmerksamer zu werden für das Verborgene. Und ich konnte mitten in der allgegenwärtigen Unsicherheit, die unser vergängliches Glück, unser Haben und Sein fortwährend bedroht, immer deutlicher eine ganz neue Sicherheit wahrnehmen. Eine tragende, beruhigende und tröstende Sicherheit in meinem Innern, die nicht von äußeren Umständen abhängig ist und die auch in leidvollen Zeiten dableibt und sogar dann, wenn der Boden unter meinen Füßen wankt. Mitten in der Unsicherheit konnte ich immer deutlicher die Geborgenheit spüren, mit der ich umhüllt bin und die nicht zuläßt, daß ich verloren gehe. Mitten in der Endlichkeit konnte ich die Unendlichkeit fühlen, mitten in der Enge die Weite, mitten in der Angst das Gerettetsein, mitten in der Verletzung die Unversehrtheit. Und immer klarer wurde mir das absolute Ja bewußt, das zu mir gesagt ist und das mich so annimmt, wie ich bin, und mich bedingungslos liebt. Und ich hatte das Gefühl, daß diese Liebe zu mir immer dagewesen war. Von meinem Werden im Mutterleib an. Sogar dann, wenn ich mich selbst gehaßt und verurteilt hatte, hat diese Liebe zu mir gestanden und mich verteidigt und freigesprochen, ich hatte es nur nie wahrgenommen. Und sie war es auch gewesen, die mich mit starken Armen durch alles Schwere hindurchgetragen und bewahrt hat, und sie würde mich auch in Zukunft nicht fallenlassen. Auch im Tode nicht und nicht darüber hinaus.

Ich habe gelernt, auf diese leise innere Stimme, die zu oft von den vielen lauten, die auch in mir sind, übertönt wird, immer aufmerksamer zu achten. Wenn ich ganz still werde, kann ich sie manchmal hören. Und was diese Stimme sagt, empfinde ich stets als stimmig. Ich kann mich getrost darauf verlassen und mein Handeln danach ausrichten. Dieses Gefühl hat mich bisher nie getrogen.

Die ganz besondere Stimme in meinem Innern hat mich gelehrt, zuversichtlich ja zu sagen zu dem, was ich hinnehmen muß; mutig zu sein, wenn es darauf ankommt, gegen Widerstände das Gute zu unterstützen; hoffnungsvoll zu sein in schwierigen Lebenssituationen. Sie hat mich das Staunen gelehrt über die unbegreiflichen Wunder der Natur; sie hat mich gelehrt, achtsamer umzugehen mit Menschen und mit mir selber, und sie hat mich gelehrt, dankbar zu sein für die vielen Kostbarkeiten, an denen ich teilhaben darf und die ja nicht selbstverständlich sind.

Natürlich mache ich auch weiterhin jeden Tag Fehler und versage immer wieder aufs neue. Aber das Großartige ist, daß ich Vergebung spüre, wenn ich schuldig geworden bin und wenn mir das von Herzen leid tut, und daß jeder Tag mir als eine neue Chance geschenkt ist. Solange ich lebe.

So hat meine Sehnsucht also doch ihre Erfüllung erfahren und erfährt sie täglich neu. Und dieser meiner inneren Erfahrung gebe ich den Namen "Gott".
[...]

Einen herzlichen Gruß sendet Dir
E.

1.12.2002

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Ingeborg-Bachmann-Preis 2003

Selten habe ich eine Bachmannpreisträgerwahl so enttäuschend gefunden wie in diesem Jahr. Einen Text wie den von Inka Parei, eine naturalistische Eins-zu-eins-Abbildung anstatt Deutung von Wirklichkeit, habe ich in meinem Studium der Literaturwissenschaft Formalismus zu nennen gelernt, ein typisches Merkmal von Kunstdekadenz, vergleichbar dem Fotorealismus in der bildenden Kunst, der Gesehenes möglichst naturgetreu abmalt. Kunst aber hat - davon bin ich noch immer überzeugt - unter anderem die Aufgabe, über die reine Beschreibung hinaus einen Erkenntnisgewinn über Wirklichkeit zu vermitteln, im dargestellten Besonderen das Allgemeingültige aufzudecken. Ich bedaure sehr, daß Juror Thomas Steinfeld mit seiner Kritik, die ich teile, ganz allein stand, und ich halte es für ein Armutszeugnis über die künstlerisch-literarische Breitenbildung unserer Bevölkerung, daß sogar die Publikumsabstimmung per Internet Inka Pareis Romananfang favorisiert hat. Aber solange sogar solche inhaltslose Formenspielerei wie der Text "Prosa, Proserpina, Prosa" von Oswald Egger unwidersprochen den Anspruch erheben darf, Literatur zu sein, muß man sich wohl über nichts mehr wundern. Bei den tatsächlich ernsthaft gemeinten positiv wertenden Aussagen von Juroren zum Sinn dieser Spaß- und Fleißarbeit hätte ich mir jenes Kind in den ORF-Sendesaal gewünscht, das im Märchen von des "Kaisers neuen Kleidern" als einziges die Wahrheit sagt, daß der Kaiser nackt ist. Es hätte hier wohl ausgerufen: Aber der Text hat doch überhaupt keinen Sinn!

29.06.2003

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Demokratie

Ist es in Ordnung,
daß einer Regierung dann, wenn die Defizite im Staatshaushalt immer bedrohlicher werden, stets zuallererst einfällt,
- bei den sozial Schwächsten,
- bei den Ausgaben für medizinische Vorsorge und Versorgung,
- bei Kultur und Bildung
zu sparen,
anstatt
- bei den Ausgaben für Militär und Armee-Auslandseinsätze,
- bei den Gehältern der Einkommensmillionäre,
- bei der mißbräuchlichen Verwendung von Steuergeldern?

Ist es in Ordnung,
daß eine Regierung, die vom Volk gewählt worden ist,
- bei den wichtigsten Entscheidungen das Volk nicht zu fragen braucht,
- gegen den erklärten Willen der Volksmehrheit handeln darf,
- ungestraft das Volksvermögen der gegenwärtigen und künftigen Generationen veruntreuen kann?

Ist es in Ordnung,
daß im Parlament eines Staates, das sich als Vertreter des Volkes ausgibt,
- sich nicht die prozentuale Zusammensetzung der Bevölkerung widerspiegelt,
- in überwiegender Mehrheit Unternehmer, Beamte, Aufsichtsratsmitglieder und Rechtsanwälte sitzen (und vor allem Männer!), anstatt Arbeiter, Bauern, Handwerker und Arbeitslose - Frauen und Männer also aus der Mehrheit des Volkes,
- die Parteidisziplin der Fraktion über der freien Gewissensentscheidung des einzelnen Abgeordneten steht?

Nein, das ist überhaupt nicht in Ordnung!
Ich würde es viel eher in Ordnung finden, wenn eine solche Regierung und ein solches Parlament sich der Wahrheit verpflichtet fühlten und auf das Attribut "demokratisch" ebenso verzichteten wie auf das "C" im Parteinamenkürzel.
Demokratie ist nicht allein schon dadurch gegeben, daß das Volk hin und wieder zum Ankreuzen einer bestimmten politischen Partei auf einem Wahlzettel manipuliert wird.
Demokratie ist nur dort, wo das Volk herrscht.

13.07.2003

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Quo vadis Germania?

Ich habe gestern abend einen Filmbericht über einen grausamen Mord gesehen. Am hellichten Tag haben vier Jugendliche einen 53jährigen Mann in seiner Wohnung auf bestialische Weise langsam und sadistisch zu Tode gefoltert. Er hat sie nicht gekannt, sie haben ihn nicht gekannt, es hat sich halt so ergeben, sagt einer der Angeklagten dem Richter ins Gesicht und grinst hämisch dabei. Da ist keine Spur von Reue. Die vier "Helden" sind 17, 15, 14 und 12 Jahre alt, ein Mädchen ist darunter.

Ich muß zur Kenntnis nehmen, daß im Durchschnitt alle vierzehn Tage Jugendliche irgendwo in Deutschland einen Menschen ermorden. Sie hören nicht mehr auf, wenn ihr Opfer am Boden liegt, seine Hilflosigkeit amüsiert sie, seine Todesangst feuert sie nur noch mehr an. Ihre moralische Hemmschwelle ist auf die Ebene von Gewaltvideos und Computerspielrambos gesunken, niemand hat ihnen ein Gewissen gegeben. Das erschreckt mich.

In was für ein Land bin ich geraten? Was ist das für eine Jugend, in der solches geschieht? Was ist das für eine Gesellschaft, die ihren jungen Menschen keine positiven Werte und Ideale vermitteln kann?

Sind nicht diejenigen die eigentlich Schuldigen, die einer ganzen Generation Orientierung und Lebensperspektive vorenthalten, Sinnerfüllung und Geborgenheit, erstrebenswerte Ziele, für die es zu kämpfen lohnt? Tragen nicht diejenigen die Verantwortung für die furchtbaren Folgen der seelischen Verwahrlosung, die unseren Kindern abbruchreife Schulen zumuten, den gnadenlosen Leistungsdruck dieser profitorientierten Gesellschaft, die reihenweise Schließung von Freizeit- und Kulturstätten und gleich nach der Schule die Eingliederung ins Heer der Arbeitslosen?

Mir ist angst vor der Zukunft, in die uns eine solche verhängnisvolle und unverantwortliche Politik der Ignoranz und der Entsolidarisierung, eine solche Werteverschiebung weg von Moral und Menschlichkeit hin zu Machtstreben und Mammonvergötzung führt.

Sollte es übrigens wirklich zutreffen, daß jedes Volk die Regierung hat, die es verdient?

20.07.2003

 

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Die fünf Stufen der Gesprächskultur bei Meinungsverschiedenheiten


Stufe 1:
„Ich bin nicht deiner Meinung."
Mit dieser wertfreien Aussage stelle ich nur eine Meinungsverschiedenheit fest,

beanspruche aber nicht, recht zu haben.
-------------------------
Stufe 2:
„Ich halte deine Meinung für falsch."
Damit äußere ich lediglich eine rein persönliche Bewertung der Ansicht des Gesprächspartners.
Diese Formulierung läßt immer noch die Möglichkeit offen, daß ich mich auch irren kann.
-------------------------
Stufe 3:
„Deine Meinung ist falsch."
Hier wird nicht mehr nur eine persönlich-unverbindliche Bewertung ausgedrückt,

sondern eine, die Allgemeingültigkeit beansprucht.
Es wird ausgeschlossen, daß der andere recht haben könnte,
und die eigene Ansicht als die unbestritten richtige dargestellt.
-------------------------
Stufe 4:
„Das ist vollkommene Spinnerei!"
Die andere Meinung wird nicht nur als falsch zurückgewiesen,
sondern darüber hinaus noch unsachlich herabgewürdigt.
-------------------------
Stufe 5:
„Du bist ein Spinner!"
Aus der Ablehnung einer Meinung wird schließlich die Ablehnung der Person, von der sie vertreten wird.



Diese Stufen von 1 bis 5 stellen einen schrittweisen Prozeß dar von der respektvollen Achtung des Gesprächspartners bis hin zu seiner aggressiv getönten Mißachtung.

Die beiden einzig akzeptablen Haltungen in einem kulturvollen Streitgespräch sind – mit einer Nuancierung – die der Stufen 1 und 2.

In Stufe 3 wird die alleinige Richtigkeit des eigenen Standpunktes behauptet und damit dem freien und gleichberechtigten Meinungsaustausch die Grundlage entzogen.

Stufe 4 verläßt endgültig die sachliche Ebene des Gesprächs, denn in ihr wird der Gesprächspartner wegen seiner Meinung indirekt selbst disqualifiziert.

Stufe 5 ist als direkte persönliche Beleidigung des Gesprächspartners bereits eine verbale Aggression, welche die Gefahr der Eskalation in sich birgt.

Eine würdige und produktive Streitkultur zeichnet sich dadurch aus, daß beide Gesprächspartner einander von vornherein das Recht auf ihre kontroversen Meinungen zubilligen und die Möglichkeit des eigenen Irrtums nicht ausschließen. Beide begegnen einander bis zum Ende des Gesprächs mit Achtung und Anstand und respektieren den jeweils anderen auch dann, wenn sie seine Ansichten nicht teilen. Sie hören sehr aufmerksam auf das, was der andere sagt, und bemühen sich, es zu verstehen. Sie gehen davon aus, daß auch der andere vernünftige Gründe für seinen Standpunkt hat und das gleiche Recht, ihn zu vertreten. Sie sind sich bewußt, daß es je nach Betrachtungsweise sehr oft mehrere Wahrheiten nebeneinander gibt. Deshalb trennen sie klar die Meinung (die sie ablehnen) von der Person (die sie trotzdem schätzen).

Wenn der eine der beiden Gesprächspartner diese Regeln nicht zu beachten bereit oder fähig ist, sollte der andere die Unterredung sachlich und in freundlichem Ton beenden, bevor sie eskaliert, und dabei zugleich auf die Möglichkeit einer späteren Fortsetzung hinweisen.


20.9.2003


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Ich liebe Regentage

Regentage sind mir eine willkommene Abwechslung
in dem fortwährend von oben verordneten Strahlen,
das auf die Dauer zur Lüge wird.

Regentage sind mir Ergüsse der ewigen Großen Mutter,
aus der ich kam und in die ich zurückkehren werde,
deren Fruchtbarkeit mir Körper, Geist und Seele erneuert,
und in deren Schoß meine Tränen sich mit ihren vereinen.

Regentage sind mir das größte Geschenk eines Urlaubs,
denn sie geben mir ausreichend Zeit,
dem Trommeln der Tropfen an den Scheiben zu lauschen,
ohne daß ich irgendetwas bedauern müßte,
das ich versäumen könnte.

Ich liebe Regentage!

17.2.2004


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Freiheit

Freiheit ist ein sehr hoher Wert für mich. Ich finde, sie gehört unbedingt und notwendig zum Menschsein und schafft die Grundlage dafür, daß die Persönlichkeit sich entfalten und ihre Entwicklungspotenzen ausschöpfen kann. Nach meinem Verständnis gibt es aber in diesem Leben keine absolute Freiheit. Unserem Körper und Geist sind ebenso wie unseren Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten durch unsere menschliche Natur und durch die Gesellschaft, in der wir leben, immer und überall objektiv Grenzen gesetzt. Wer da glaubt, es sei ein Ausdruck von Freiheit, alles tun und lassen zu dürfen, was immer er will, wird sich bald in der Unfreiheit wiederfinden. Die Freiheit, Leben und Gesundheit anderer zu mißachten, endet hinter Gittern. Die Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit hört bekanntlich dort auf, wo es ernsthaft um eine grundlegende Veränderung des ganzen Systems geht. Die Freiheit, sich ein Haus zu bauen oder schnelle Autos zu kaufen und die ganze Welt bereisen zu dürfen, bleibt für Unvermögende eine Illusion. Und die amerikanische Traumkarriere vom Tellerwäscher zum Millionär ist eine ebenso fragwürdige Freiheit wie die des Langzeitarbeitslosen, Sozialhilfe beziehen zu dürfen, oder die des Obdachlosen, auf der Straße zu leben und unter Brücken zu schlafen. Je nach Gesellschaftsordnung gibt es also für den einzelnen Menschen enger oder weiter gezogene Grenzen. Aber ein Zusammenleben von Menschen ganz ohne freiheitsbegrenzende Schranken könnte nicht funktionieren. Gewiß, es gibt Grenzen, die ich hinausschieben, überschreiten oder gar ganz aufheben kann. Diese Möglichkeit betrachte ich als eine Herausforderung, meine Freiräume zu erweitern und im Hinauswachsen über mich selbst stärker, reifer und menschlich reicher werden zu können. Aber es gibt eben auch diese unverrückbaren Grenzen, gegen die kämpfen zu wollen dem Versuch gleichkäme, mit dem Kopf eine Betonwand zu durchstoßen.

Freiheit ist, wie ich es einmal gelernt habe, gebunden an die Einsicht in die objektive Notwendigkeit. Folglich macht es mich frei, Grenzen, die ich nicht erweitern oder ganz aufheben kann, zu akzeptieren. Wollte ich sie nicht anerkennen, würde mich das in die Unfreiheit führen. Lew Tolstoj schrieb: "Die Freiheit besteht nicht darin, daß du tun kannst, was du willst, sondern darin, daß du immer willst, was du tun mußt." Das halte ich für eine sehr weise Feststellung! Deshalb empfinde ich die mir objektiv gesetzten Grenzen nicht als zu beklagende Freiheitseinschränkung, sondern als den notwendigen Raum, in welchem meine Freiheit sich überhaupt erst verwirklichen kann. Insofern fühle ich mich in demselben Maße frei, wie es mir gelingt, auf der Grundlage der notwendigen Erkenntnisse und Einsichten in die tieferen Zusammenhänge das zu tun, was zu meinem und zum Wohle anderer Menschen möglich ist, und Dinge, die ich nicht ändern kann, mit der inneren Bereitschaft hinzunehmen, das bestmögliche aus ihnen zu machen.

Ein Beispiel mag das verdeutlichen: Mein Angewiesensein auf die Dialyse in den Jahren 1993-1999 hat mir auf manchen Gebieten enge Grenzen gesetzt (durch Erwerbsunfähigkeit, stark eingeschränkte Mobilität, extreme Flüssigkeitsreduktion, sehr strenge Diät u.a.). Wenn ich diese Grenzen nicht akzeptiert, sondern ständig meine eingeschränkte Freiheit als Übel beklagt hätte, dann wäre ich zum Opfer meines Selbstmitleids geworden, und dieses würde mich erst wahrhaft unfrei gemacht haben, denn ich hätte vor lauter Hadern mit dem Schicksal nicht mehr frei atmen und die Fülle des Lebens nicht mehr dankbar wahrnehmen und freudig ausschöpfen können. Ich kenne einige Mitpatienten, die sich durch die Krankheit räumlich, seelisch und geistig derart gefangen fühlten, daß sie ihre Freiheit nicht mehr wahrnehmen und genießen konnten. Da ich aber meine objektiven Grenzen annahm, fühlte ich mich frei von Bitterkeit und Resignation, frei für ein reiches und erfülltes Leben mit den mir verbliebenen vielfältigen Möglichkeiten. Indem ich meinem Leben innerhalb dieser Grenzen einen neuen Sinn gab, erlebte ich mich in der Tat freier als mancher gesunde Mensch, der seine Freiheit nicht zu schätzen weiß, sie achtlos aufs Spiel setzt und sich ohne Not in Abhängigkeiten von Dingen gibt, die uns gefangennehmen wollen. Davon gibt es mehr als genug - sei es nun irgendeine Sucht oder die zu starke Bindung an überflüssige materielle Güter, das Diktat der schnellebigen Mode mit ihren Markenartikeln oder der Anpassungsdruck in der sozialen Umgebung mit ihrer öffentliche Meinung, die man insgeheim eigentlich nicht teilt. Von alldem so weit wie möglich unabhängig zu sein, macht mich wirklich frei.

Mein Fazit: Freiheit ist nicht die Macht, die wir über die Umstände haben, unter denen wir leben, sondern die Macht über unsere Einstellungen, unser Denken und Fühlen. Wenn man also glaubt, unfrei zu sein, dann suche man die Ursache in sich selbst! Meine Erfahrungen vor und nach 1990 zum Beispiel haben mich gelehrt, daß man in der "Unfreiheit" frei sein kann und unfrei in der "Freiheit" - und dennoch frei. (Dabei kommt es natürlich auch auf die Relativität dieser Wörter in Anführungszeichen an und darauf, wie man sie im jeweiligen Zusammenhang für sich definiert.)

22.2.2004

Leben ist mehr als Karriere

Lieber G.,

[...]
Was Du über Karriere schreibst, macht mich nachdenklich. Du weißt ja, das Wort „Karriere“ mag ich überhaupt nicht. Es hat für mich so einen unangenehmen Beigeschmack von Egoismus, Rücksichtslosigkeit und engstirniger Einseitigkeit. Der typische Karrierist ist in meiner Vorstellung jemand, der seinem beruflichen Vorwärtskommen alles andere unterordnet, der ihr sein persönliches Glück, sein Privatleben und seine Gesundheit opfert und meint, sich damit ein freies Leben in Reichtum und Ansehen zu erarbeiten. Er übersieht dabei freilich, daß diese vermeintliche "Freiheit" ihn versklavt und dieser Reichtum in Wirklichkeit Armut ist. Berufliches Vorwärtskommen ist gewiß eine gute Sache, solange er nicht zum Nachteil anderer durchgeboxt oder mit der eigenen Lebensqualität erkauft wird. Wer sich damit brüstet, daß er täglich sechzehn Stunden arbeitet, von einem Termin zum nächsten hastet und kaum noch Freizeit hat, ist für mich nicht bewunderns-, sondern bedauernswert. Er wird feststellen müssen, daß er eigentlich nicht gelebt hat, wenn er diese Nacht sterben muß. Was kann er von seinem materiellen Reichtum mitnehmen?

Hier wird aber, wie ich meine, ein Grundproblem dieser Gesellschaft sichtbar: Sie lehrt die Menschen den Irrtum, ihr Wert als Person hänge von dem Erfolg ab, den sie im Leben haben. Der Erfolglose, so wird suggeriert, sei ein Versager, ein Verlierer. Sind dann Leute, die diesem Irrtum Glauben schenken, für längere Zeit arbeitslos, so fühlen sie sich auf einmal auch wertlos. Dabei sind sie doch dieselben Menschen geblieben! Ist das nicht schlimm?

Wegen dieses Irrglaubens, die erfolgreiche Erwerbsarbeit erst mache sie wertvoll, setzen sich viele Berufstätige unter einen andauernden Leistungsdruck, denn man muß ja gut sein, besser möglichst noch als andere, wenn man im unbarmherzigen Wettbewerb auf dem Arbeits"markt" (ein häßliches Wort, das mich fatalerweise immer an "Sklavenmarkt" erinnert) bestehen will. So ist der Arbeitskollege schließlich nicht länger der Mitmensch, dem man alle Gute gönnt, sondern er wird zum Konkurrenten, den man auszustechen versucht. Schließlich will man doch nicht nur seinen "Job" (noch so eine fürchterliche Vokabel) behalten, sondern möglichst weiter aufsteigen auf der Karriereleiter und mehr verdienen.

In unserer so ungesund schnellebigen, reizüberfluteten Zeit der vollen Terminkalender, schnellen Automobile und ständig klingelnden Taschenfernsprecher muß immer alles möglichst sofort und möglichst perfekt erledigt sein. Zeiten der Stille, der inneren Einkehr und der Besinnung bleiben dabei meist auf der Strecke. Für Gefühle ist im Berufsleben kaum Platz, und Schwächen darf man erst recht nicht zeigen in der Ellenbogengesellschaft, sonst ist man bald "weg vom Fenster" und gehört dann vielleicht schon bald zum "abgehängten Prekariat" (was für eine verräterisch menschenverachtende Sprache!).

Aber dieser Druck macht auf die Dauer krank! Unsere psychotherapeutischen Sprechstunden sind voll von solchen „Erfolgsmenschen“, und die Familien werden immer brüchiger. Man kommt kaum noch zu gemeinsamen Mahlzeiten zusammen, die ausgiebig Ruhe und Zeit bieten zum Gedankenaustausch der Familienmitglieder; man fühlt sich immer mehr ausgepumpt und meint dann auch noch, das sei eben ganz natürlich in der heutigen Arbeitswelt. Auch Du denkst ja so, wie ich Deinem Brief entnehme. Aber nein, G., das ist nicht natürlich!

Es gibt Zeitgenossen, die da nicht mehr mitspielen. Sie akzeptieren die äußeren Zwänge nicht, die allzu sehr die Menschlichkeit und die Selbstbestimmung einschränken. Sie haben keine Hemmung, "nein" zu sagen, wenn es ihnen zu viel wird und zu schnell gehen soll. Diesen Außenseitern ist Karriere gleichgültig, Innerlichkeit wichtiger als Äußerlichkeit. Sie sind überzeugt, daß Überfluß an Liebe und Freundschaft mehr wert ist als Überfluß an materiellen Gütern und gesellschaftlichen Ehren. Sie verzichten auf die fragwürdigen Segnungen des Konsumterrors und finden ihr seelisches Gleichgewicht und ihr Glück in Bescheidenheit und Einfachheit. Sie steigen aus der Tretmühle der alltäglichen Überforderung aus und "entschleunigen" ihr Leben.

Entschleunigung ist auch für mich sehr wichtig! Je größer die Zumutungen von außen an mich werden, desto mehr Langsamkeit gönne ich mir zu meinem Selbstschutz. Ich übernehme nur so viele Verpflichtungen, wie ich gut bewältigen kann, und lasse mich zeitlich nicht drängen. Man weiß das inzwischen und ist deshalb auch ziemlich zurückhaltend mit der Frage an mich, ob ich vielleicht bereit wäre, diese oder jene zusätzliche Aufgabe zu übernehmen. Gern sage ich ja, wenn mein Gefühl ja dazu sagt, aber auch nur dann.

Statt von „Karriere“ spreche ich lieber von beruflicher Weiterentwicklung. Aber selbst die berufliche Weiterentwicklung ist für mich nicht das Wichtigste im Leben. Wahres Ansehen erwirbt man sich ja nicht durch seinen sozialen Status, sondern durch seine Menschlichkeit! Mir galt als das Wichtigste stets das Leben für mich und die mir nahestehenden Menschen. Dazu gehörte stets nur soviel beruflicher Einsatz, wie er zur Befriedigung meines natürlichen Arbeitsbedürfnisses und der normalen Lebensführung der Familie erforderlich gewesen ist. Ich lebe ja nicht, um zu arbeiten, sondern ich arbeite, um zu leben, wie es so treffend heißt. Mein Ehrgeiz bestand immer darin, meine Arbeit so gewissenhaft wie möglich zu machen, aber nicht darin, mehr zu tun, als es für mich und die Meinen gut gewesen wäre. In den Jahren, als ich krank war und daher mit nur sehr wenig Geld auskommen mußte, habe ich mich nicht einen Augenblick lang deswegen minderwertig gefühlt. Warum denn auch? Es ist mir fremd, wenn Menschen sich selbst primär oder gar ausschließlich über ihre Arbeit und ihre dienstliche Position definieren. Nach meiner Überzeugung ist es die einzigartige Persönlichkeit, die uns zu Menschen macht, also das, was einer ist, und nicht das, was er leistet und sich leisten kann.
[...]

Sei herzlich gegrüßt von
E.

4.3.2004

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Die vier Elemente

ERDE symbolisiert für mich das LEBEN.
Es ist der Anfang, der Verlauf und das Ende meines irdischen Daseins (»Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden« - Genesis 3:17).
ERDE erinnert mich an Bodenständigkeit, an das beruhigende Gefühl der Sicherheit, festen Boden unter den Füßen zu haben, und an den Kontakt mit der Basis meiner Existenz.

WASSER symbolisiert für mich ENTWICKLUNG.
Es steht für Dynamik und Anpassungsfähigkeit, Erfrischung und Erneuerung.
WASSER ist der Ursprung des Lebens, die Erquickung dessen, was zu verdorren droht, und die Wiedergeburt dessen, was durch seine reinigende Kraft hindurchging.

FEUER symbolisiert für mich BEGEISTERUNG.
Es ist ein Bild für die mächtig lodernden Flammen der Liebe, die sich darin verzehrt, für den andern zu brennen.
FEUER zerstört nur, wenn es entfesselt ist. Wird es gezähmt, dann gereicht seine Kraft und Leidenschaft zum Segen. Wo man es nährt, schenkt es Licht und Wärme; wo es verlischt, bleiben Dunkelheit, Kälte zurück, Einsamkeit und der Tod der Gefühle.

LUFT symbolisiert für mich FREIHEIT.
Es ist das Element, das ich zum Atmen brauche; denn ohne Luft müßte ich ersticken.
LUFT brauche ich draußen und drinnen, beim Ruhen und beim Arbeiten, allein und in einer Beziehung. Der Raum meines Seins muß weit genug sein, daß er mir ausreichend Luft zum Atmen läßt. Keine Verpflichtung und keine Erwartung an mich, keine Rolle, kein Mensch und keine Lebenslage - nichts darf mich so einengen, daß mir die Luft auszugehen droht.

2.5.2004

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Mit dem Blick auf das Ende intensiv leben!

Lieber G., [...] Die Ängste, die Dein Traum vom Friedhof jüngst bei Dir ausgelöst hat, finde ich nun doch ein wenig sonderbar. Seit wann bist Du so abergläubisch?! Also, wenn Du mich fragst, ich gebe auf solche Art lexikalischer, simplex linearer Traumdeutung überhaupt nichts. Ich glaube nicht, daß irgendeinem Menschen je die Gnade der Ankündigung seines Todes durch symbolische Träume und Zeichen gewährt wird. Wir müssen uns - wie von allem Zukünftigen - einfach überraschen lassen. Und in diesem besonderen Falle werden wir's nicht einmal mitkriegen! Denn solange wir leben, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, leben wir nicht mehr...

Keiner weiß den Tag seines Endes, aber es ist trotzdem gut, ab und zu an ihn zu denken. Der Tod ist das natürliche Ende des Lebens, und wenn wir uns gelassen mit ihm auseinandersetzen, dann verliert er viel von seinem Schrecken und von seiner Macht über uns. Der angstfreie Blick auf das Ende hat spürbare Auswirkungen auf unser Leben: Er macht uns die einzigartige Kostbarkeit des Daseins bewußt und lehrt uns das Loslassen, das der einzige wirkliche Gewinn ist. Nur eine persönlich gefundene Haltung zu unserm Tod macht uns zu Menschen!

Im August habe ich meinen Urnenplatz auf dem ***-Friedhof in *** bezahlt. Schließlich ist das Geld ja nicht umsonst ausgegeben, denn der Fall, daß dieses Stückchen Erde eines Tages wirklich gebraucht wird, ist schließlich tod-sicher! So kann ich nun ganz ruhig sein, denn alles ist erledigt und geklärt, besprochen und ausführlich testamentiert. Und sollte mir nun irgendwann einmal wie Dir von einem Friedhof träumen, vielleicht sogar von der Beisetzung meiner Asche, dann würde solch ein Traum mir keine Angst machen, sondern nur ein zufriedenes Lächeln auf mein Gesicht zaubern, und ich wollt' mich weiter dankbar und aus vollem Herzen des wunderschönen Lebens freuen, ganz gleich, wie lange es noch währ. [...]

21.9.2004

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Woran mein Name mich denken läßt

Heute wurde ich gefragt, welche Wörter mir spontan zu den Buchstaben meines Vornamens einfallen und warum gerade diese. Hier ist das Ergebnis:

E hrerweisung EHRERWEISUNG beanspruche ich für mich, Ehre erweise ich jedem anderen Menschen.
Man muß sie sich nicht verdient haben; es genügt, ein Mensch zu sein.
            "Wenn mancher Mann wüßt',
            wer mancher Mann wär',
            gäb' mancher Mann manchem Mann
            manchmal mehr Ehr'!"
B ibel BIBEL heißt das Buch, das mein Leben wie kein anderes begleitet.
Auch das längste Erdendasein würde nicht reichen, seinen Reichtum auszuschöpfen.
E wigkeit EWIGKEIT ist nicht unaufhörliche Dauer, sondern Zeitlosigkeit.
Mitten in der Zeit tauche ich gern hin und wieder in die Ewigkeit ein,
und ich kehre zurück, meist noch bevor fünf Minuten vergangen sind.
R uhe RUHE ist die Quelle der Bewegung.
            "In der Ruhe liegt die Kraft."
Ich brauche innere und äußere Ruhe, wenn ich wachsen und zu Großem fähig sein soll.
Ich brauche Ruhe, um aus dem lauten Stimmengewirr das heraushören zu können,
was wesentlich für mich ist.
H eil HEIL sein ist ganz sein.
Ich spüre meine Unzulänglichkeit ebenso wie meine Sehnsucht nach Vollkommenheit.
Ich leide unter der Heil-losigkeit des Lebens und des Zusammenlebens,
und ich möchte gern an anderen tun und an mir erfahren, was heil macht.
A nfang ANFANG ist jeden Morgen.
An jedem Tag ist mir die Chance zu einem neuen Anfang geschenkt.
Meine Fehler und mein Versagen von gestern sind Vergangenheit,
ich muß mir ihretwegen keine Vorwürfe mehr machen.
Heute darf ich ein neues weißes Blatt im Buch meines Lebens anfangen.
Ist das nicht wunderbar?
R eife REIFE ist das Ziel allen Lebens, bevor es stirbt.
Menschliche und seelische Reife möchte ich erreichen, bevor ich die Welt verlasse.
Beim Menschen ist solche Reife nicht an das Alter gebunden:
Es gibt reife Jugendliche und unreife Greise.
Das ganze Leben ist ein Reifungsprozeß,
und alle Erfahrungen, besonders die schmerzlichen, bringen ihn voran.
D auerhaftigkeit DAUERHAFTIGKEIT macht zuverlässig,
Unbeständigkeit und Sprunghaftigkeit, Wankelmütigkeit und Launenhaftigkeit
machen den Menschen zu einem schwankenden Rohr im Winde.
Von einem dauerhaften Menschen dagegen sagt man:
            "Er ist nicht heute so und morgen so,
            sondern er ist heute so und morgen so."

Ich möchte mich gern auf auf andere Menschen verlassen können,
und ich möchte, daß jeder weiß:
Was ich verspreche, ist von Dauer;
ich werde mir selbst niemals untreu werden;
auf mich ist Verlaß!

24.10.2004

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Advent

Ich mag die Adventszeit nicht,

wenn in ihr der Kommerz alles beherrscht;
wenn sie vom Zwang des Verkaufen- und Kaufenmüssens geknebelt wird;
wenn die Jagd nach Geschenken Hektik aufkommen läßt statt Besinnlichkeit;
wenn laute Weihnachtsmarktbeschallung den Gesang unserer Herzen übertönt;
wenn Tag und Nacht bis zum Überdruß Weihnachtslieder aus dem Radio plärren;
wenn keine Zeit mehr bleibt für Stille und Nachdenklichkeit.

Ich mag die Adventszeit

als jenes Zwölftel des Jahres,
das Symbol ist für einen wesenhaftes Teil unseres Menschseins:
für unser andauerndes Hoffen und Warten auf Heil und Erfüllung;
für unser Bedürfnis, anderen freudige Überraschungen zu bereiten;
für unsere Lust am Besonderen, Herausgehobenen, Geheimnisvollen;
für unsere Sehnsucht nach Licht und Wärme in der kalten Dunkelheit;
für unseren Wunsch nach Liebe, Frieden, Harmonie und Geborgenheit;

für unsere Erinnerungen an die Bilder, Düfte und Klänge der Kindheit;
für das Gefühl der Kontinuität des Lebens durch die Jahrtausende.

Ich mag die Adventszeit nicht,

wenn nach vier Wochen des Stresses und der Aufregung

an den Weihnachtstagen die Nerven blank liegen,
wenn Tränen des Streits und der Erschöpfung fließen
statt Tränen der Freude und der Dankbarkeit, des Glücks und der Rührung.

28.11., 1. Sonntag im Advent 2004

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Deutsche Schrift

Im Jahre 1941 erging im Auftrage Hitlers ein Erlaß des "Reichsführeres SS" Heinrich Himmler an die Reichsleiter, Gauleiter und Verbändeführer des Deutschen Reiches, daß in sämtlichen Druckerzeugnissen Frakturschriften (die von den Nazigrößen schon immer als "Judenlettern" verunglimpft worden waren) keine Verwendung mehr finden dürften. Ist es also nicht ein unglaubliches Kuriosum, daß man diese von den deutschen Faschisten so geschmähten Lettern heute nun ausgerechnet als "Nazischrift" disqualifiziert und aus eben diesem widersinnigen Grunde erneut (und - seit Hitlers Erlaß - immer noch!) im Buch- und Zeitungsdruck weitestgehend vermeidet, ja nicht einmal in den Schulen lehrt?

Erfreulicherweise gibt es aber in Deutschland und Österreich Verlage sowie mitgliederstarke Vereine und erfolgreiche private Intitiativen, die sich der Pflege und Verbreitung der deutschen Druck- und Schreibschrift widmen. Immerhin wäre es wahrlich schlimm, wenn Bücher aus Jahrhunderten deutschsprachiger Literaturgeschichte bis hin zu den handgeschriebenen Briefen und Tagebüchern der eigenen Urgroßeltern bald von niemandem mehr entziffert werden könnten.

Ich habe mir die deutsche Druckschrift, da sie im Schulunterricht nicht vorkam, als Knabe anhand von Büchern selber beigebracht. Schon sehr bald las ich Frakturtexte sogar lieber als in lateinischen Lettern gedruckte. Inzwischen weiß ich auch längst, aus welchen drei Gründen das so ist:

1. Der Frakturdruck ist leichter und schneller zu erfassen und führt daher zu weniger Leserfehlern als der Antiquadruck.
Ganz besonders deutlich zeigt sich das allein schon an der S-Schreibung.

2. Der Frakturdruck strengt die Augen weniger an als der Lateindruck und ermüdet daher weniger.
Beim Lesern gleiten die Augen nämlich nicht von Buchstaben zu Buchstaben, sondern erfassen mit einem Blick ein Wort oder eine ganze Wortgruppe als Bild.

3. Der Frakturdruck ist schöner und variantenreicher als der lateinische.
Er läßt sich viel reicher aus- und umgestalten und erlaubt unbegrenzt viele Varianten von schlicht-schmucklos bis kunstvoll-barock.

Ähnliches trifft auch auf die deutsche Schreibschrift zu. Ich habe sie ebenfalls als Knabe gelernt und seitdem mit Vorliebe benutzt. Meine Vorlesungsmitschriften vom Studium sind alle in Kurrent geschrieben. Auch heute noch ziehe ich diese Schrift den lateinischen Buchstaben vor, denn ich kann sie schneller schreiben, und sie ergibt ein viel schöneres Schriftbild. Ich bedaure nur, daß ich für die meisten Zwecke die lateinischen Buchstaben benutzen muß.

Mein Standpunkt ist: Deutsche Schriftzeichen müssen in der Handschrift und im Druck überall in der Öffentlichkeit wieder die Geltung bekommen, die ihnen gebührt. Vor allem müssen sie wieder in den Schulen gelehrt werden!

06.02.2005

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Mein Lieblingsschreibgerät

Am 11. April 1884 wurde der Füllfederhalter patentiert. Er war die Erlösung vom ungleichmäßigen Schriftbild des bis dahin üblichen einfachen Federhalters und von der Gefahr des unwillkürlichen Klecksens bei schwungvollen Schriftzügen. »Welch nützliches Gerät«, lobte Sherlock-Holmes-Autor Conan Doyle den neu erfundenen Füllfederhalter, und auch Thomas Mann begann mit wachsender Begeisterung »einen dieser sinnreichen Tintenspender« zu benutzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg eroberte dann leider der Kugelschreiber die Jackentaschen und Schreibtische in Deutschland. Aber jetzt, Anfang des 21. Jahrhunderts, erlebt der Füllfederhalter endlich eine allmähliche Wiedergeburt. Das nur mit ihm erreichbare klare Schriftbild ist der ungleichen, oberflächlich und oft unsauber wirkenden Kugelschreiberschrift ästhetisch haushoch überlegen - vorausgesetzt natürlich, man benutzt ein für Tinte geeignetes Papier. Überdies fördert die Verwendung des Füllfederhalters eine gesunde Sitz- und unverkrampfte Schreibhaltung sowie - allein schon durch das bedächtige Auf- und Zuschrauben der Hülse statt des oft hektischen Herausdrückens der Mine - ein ruhiges Zeit- und Lebensgefühl.

Mein Lieblingsschreibgerät ist – wie könnte es wohl anders sein - ein Füllfederhalter, und zwar ein ganz bestimmter: Es handelt sich um einen grüngeflammten, dicken Kolbenfüller (Patronenfüller mag ich nicht) mit minimal abgeschrägter goldener Iridium-Feder und Schraubhülle (Steckhüllen mag ich ebenfalls nicht). Nachdem er mich vor ca. 30 Jahren tagelang von der Schaufensterauslage eines Schreibwarengeschäfts angelächelt hatte, habe ich mich entschlossen, ihn zu meinem Eigentum zu machen. Seitdem begleitet er mich zuverlässig und unverwüstlich wie ein alter Freund. Wenn ich mit ihm schreibe, erfreue ich mich immer wieder daran, wie er in meiner Hand flugs und über das Papier eilt und dort eine nasse königsblaue Spur hinterläßt, die sich geschmeidig zu vielfältigen Schriftzügen und schließlich zu einem gleichmäßigen Schriftbild formt. Natürlich gehe ich sorgsam und pfleglich, ja fast schon liebevoll mit ihm um. Er belohnt es mir damit, daß er mich noch nie im Stich gelassen hat - weder hat er je gekleckst, noch war er irgendwann eingetrocknet, noch hat er meine Finger beschmutzt. Manchmal streichle ich dem treuen Helfer dankbar und stolz über sein glänzendes, glattes Gehäuse aus hartem Kunststoff, wenn ich ihn auf- oder zuschraube. Ja, ich würde seinen Verlust in der Tat sehr bedauern! Übrigens, man muß nicht glauben, daß dieser mein liebster Füllfederhalter sehr teuer gewesen ist! Er kostete damals 12 Mark (der DDR). Natürlich besitze ich als Liebhaber und Sammler von Schreibgeräten noch andere Füllfederhalter, die ich alle in Ehren halte und - je nach Anlaß und Zweck - natürlich auch benutze. Dieser eine jedoch nimmt unter ihnen allen eine besonderen Stellung ein.

11.4.2005

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Falsch gewählt!
Die neue europäische Demokratie

Das französische Volk hatte das Privileg, nach seinem Willen zum Entwurf der EU-Verfassung gefragt zu werden. Es hat dieses ihm zugestandene Recht schändlich mißbraucht und falsch abgestimmt. Und was hat es nun davon? Die Herren in Brüssel werden es zusammen mit den eventuell noch dazukommenden anderen Abweichlern so lange in den Schwitzkasten nehmen, bis kein Mitgliedsstaat es mehr wagt, nein zu sagen. So zumindest sehen es heute viele Kommentare in den großen Tageszeitungen voraus. Notfalls wird man natürlich auch ohne ein paar Widerspenstige die geeigneten Mittel und Wege finden zu erzwingen, was man will. Das ist die neue europäische Demokratie, an die wir uns gewöhnen müssen.

In Berlin war man im Unterschied zu Paris wenigstens auch diesmal wieder so vernünftig, die unmündigen Bürger gar nicht erst vor die Entscheidung zu stellen, von der sie ohnehin überfordert gewesen wären. Wozu hat der Souverän, das deutsche Volk, schließlich Vormünder sitzen in Bundestag und Bundesrat, die ja doch stets viel besser wissen, was für "die Menschen draußen im Lande" (A. Merkel) das beste ist? Am klügsten wäre es freilich, die heute Herrschenden würden dem Rat Bertolt Brechts an die DDR-Regierung im Jahre 1953 folgen, sie möge doch das Volk auflösen und sich ein neues wählen. Damit hätte sich dann übrigens auch gleich die vorgezogene Bundestagswahl erledigt.

30.5.2005

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Die Handschrift als Spiegel der Persönlichkeit

Die Handschrift eines Menschen ist für mich wichtig. Man kann daraus sehr viel über ihn erfahren. (Dagegen sagt ein Paßfoto gar nichts über den abgelichteten Menschen aus. Ich frage mich sowieso immer, warum die Personalabteilungen der Firmen von ihren Bewerbern Bilder verlangen statt eines handgeschriebenen Lebenslaufes.) Seine einzigartige Handschrift kann der Mensch willentlich ebensowenig verstellen wie seine unverwechselbare Stimme, denn das Wesentliche bleibt für die geschulten Sinne stets unverändert. Deshalb kann ich auch nie so schreiben, wie ich vielleicht von anderen gern als Persönlichkeit gesehen werden möchte; ich kann immer nur so schreiben, wie ich bin. Aber ebenso wie ich bei meiner Kleidung auf ein gepflegtes Aussehen achten kann, kann ich das auch bei meiner Handschrift: Ich nehme ein sauberes Blatt Papier, teile es in der Fläche harmonisch auf, wähle die geeignete Schriftgröße und den richtigen Abstand und schreibe dann achtsam, in Gedanken dabei nicht nur bei der Formulierungsarbeit, sondern auch bei der Person, die dieses Blatt dann lesen wird. Nach meiner Überzeugung ist ein Schriftstück von Hand nicht nur schlechthin ein bloßer Träger von Informationen; es ist auch eine Visitenkarte des Schreibers und ein Ausdruck seines Respekts vor ihm.

Eine eigenhändige Unterschrift muß (im Unterschied zu einer Namensschreibung im übrigen Text!) nicht unbedingt leicht lesbar sein, sondern vielmehr möglichst einzigartig und damit weitestgehend fälschungssicher. Deswegen hat sie oftmals schwer nachzuahmende oder auch schmückende Elemente und wird auf diese Weise zu einem - meist eigenwilligen - "Markenzeichen" des Urhebers, das ihre Echtheit verbürgt. Bei wichtigen Dokumenten wird der eigenhändige Namenszug ohnehin noch einmal maschinenschriftlich wiederholt.

21.6.2005

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Wer erzieht eigentlich die Eltern?

Wenn wir ein Auto fahren wollen, müssen wir eine Fahrschule absolvieren, aber wo erlernen wir die "Verkehrsregeln" im Umgang mit Menschen - und speziell mit der Psyche des Kindes?

Wir fliegen heutzutage durchs Weltall, aber wie wir auf dieser Erde miteinander umgehen sollen, damit befassen wir uns kaum. Wir kennen die Oberfläche des Mondes besser als die Gefühle und Bedürfnisse unseres Nächsten.

Wir können über die moderne Technik mit der ganzen Welt kommunizieren, aber oftmals nicht mit unserm Nachbarn und nicht einmal mit unseren halbwüchsigen Kindern. Wir reden viel von Umweltverschmutzung, aber die Vergiftung unserer Seelen durch den sozialen Smog kümmert uns kaum.

Nach zehn oder zwölf Jahren allgemeinbildender Schule wissen wir zwar, wie man den Flächeninhalt eines gleichschenkligen Dreiecks ausrechnet, aber wir haben keine Ahnung, wie wir uns gegenseitig und uns selber das Leben leichter machen können. Wir haben den Aufbau der DNS kennengelernt und Frösche oder Kuhaugen seziert, aber über psychologische Prozesse hat man uns nichts erzählt.

Alles in allem sind wir doch zu Anfang des XXI. Jahhunderts immer noch psychologische Analphabeten! Uns wird das Kostbarste anvertraut, das es überhaupt gibt: Leib, Seele und Geist unserer Kinder, und wir brauchen keine Eignung für ihre Erziehung nachzuweisen! Hier darf ganz und gar der Zufall walten. Das ist, genau betrachtet, ein Skandal.

Wie der Urvater der deutschen Pädagogik, Johann Heinrich Pestalozzi, schon vor 200 Jahren den guten alten Aristoteles zitierte, ist Erziehung "Vorbild und Liebe, sonst nichts". Aber wer bringt den künftigen Eltern die Fähigkeit bei, Vorbild zu sein und lieben zu können? Wer gibt ihnen das nötige Rüstzeug mit auf den Lebensweg, gefestigte, reife, verantwortungsbewußte Persönlichkeiten mit Einfühlsamkeit und Weisheit zu werden? Das Leben? Das ist mir eine Antwort, die alles und nichts sagt. Die eigenen Eltern? Aber die haben es doch vielleicht auch nicht mitbekommen! Die Schule? Die tut es nicht, obwohl es ihre Aufgabe wäre. Die Gesellschaft? Die hat sich im Osten Deutschlands nach 1990 von dieser Aufgabe verabschiedet.

Mit Erschrecken habe ich im Sommer 1990 einen sächsischen Schuldirektor sagen hören, jetzt sei die Schule nicht mehr verantwortlich für die Erziehung der Kinder und Jugendlichen, das sei nun endlich wieder die Aufgabe der Eltern. Die Schule habe sich sozusagen als "Dienstleistungseinrichtung für die Erteilung des Unterrichts" zu verstehen. Und zwei Jahre später hieß es in einem Papier des hessischen Kultusministeriums: "Die kulturelle Vielfalt und die soziale Differenzierung der Gesellschaft verbieten es, bestimmte Moralvorstellungen in Schulen zu etablieren oder verbindlich zu machen." Mit solchen irrigen Vorstellungen gelangt man nicht zu einer gediegenen Erziehung künftiger Eltern!

Wer also sorgt dafür, daß Eltern gute Erzieher sein können? Elternschaft ist nicht nur eine biologische Kategorie! Und auch keine angeborene Fähigkeit. Wer erziehen will, muß selbst erzogen sein, sagt der Volksmund völlig zu recht.

2.7.2005

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Die positive Seite des Altwerdens

Lieber G.,

[...] Nun fehlen mir nur noch vier Jahre an der runden Sechzig! Für mich ist das Erklimmen dieses nächsten Höhenabschnitts ähnlich einer Beförderung beim Militär: Das bald vollendete sechste Lebensjahrzehnt werde ich ebenso stolz begrüßen wie der frischgebackene Oberst seine neuen Schulterstücke…

Nein, ich kann das Alter im Vergleich zur Jugend wirklich nicht einseitig negativ bewerten, denn jeder Lebensabschnitt hat seine Vorzüge und seine Schwierigkeiten. Auch im Alter kann man – ebenso wie in der Jugend - Sinnerfüllung erleben. Krankheit, Behinderung und Pflegebedürftigkeit treten nicht nur im Alter, sondern auch in der Jugend auf. Aber körperliche Einschränkungen müssen nicht zwangsläufig einen Verlust an Lebensqualität bedeuten. Auch in extremen Situationen ist durch Annahme und Beistand Lebensbejahung möglich.

Das frühe Alter bringt allerdings auch manche Chancen mit sich: Nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsprozeß lassen sich vielleicht manche Träume der Jugend verwirklichen und neue Lebensinhalte entdecken. Das späte Alter, das oftmals durch mehr oder weniger schwere gesundheitliche Einschränkungen gekennzeichnet ist, bietet die Möglichkeit zu geistiger Reifung, zur Weitergabe von Lebenserfahrung und Altersweisheit, zur Erkenntnis eines tieferen Sinns der körperlichen Einschränkungen, zur Bereitschaft, Hilfen anzunehmen und ein bejahendes Verhältnis zum nahenden Tod zu finden.

Das Altern ist ein individueller Vorgang, der bei jedem Menschen anders verläuft. Aber wir können Einfluß darauf nehmen, wie es sich gestaltet, denn es handelt sich nicht einfach nur um einen biologischen Prozeß, der ohne unser Zutun geschieht, sondern es ist zugleich eine entwicklungspsychologische Aufgabe für den Menschen. Sie besteht darin, das Alter zu bejahen und eine positive Einstellung zu ihm zu gewinnen. An der Art, wie wir mit unserem eigenen Altwerden umgehen, zeigt sich, ob wir dieser Aufgabe gerecht werden oder nicht. Wenn wir es annehmen können, gelangen wir zu innerer Reife, wenn wir es abzuwehren versuchen und dem Wahn von der "ewigen Jugend" verfallen, dann führt uns das zu innerem Verfall. Nicht "Anti-Aging" sollte also unsere Absicht sein, sondern "Pro-Aging".

"Das Alter ist etwas Herrliches", schrieb Alfred Döblin, "ich bin neugierig auf jedes kommende Jahr", und er spricht mir damit aus dem Herzen. Ich bin gespannt auf mein Alter und sehe ihm mit überwiegend freudigen Erwartungen entgegen. Ich möchte seine reichen Möglichkeiten für mich ausschöpfen und jeden Tag dankbar genießen - auch mit seinen Härten, die mich nur weiter wachsen lassen können. Was vielleicht an Beschwerlichkeiten, Funktionsausfällen und möglicherweise physischen oder psychischen Leiden auf mich zukommen mag - ich möchte immer ich bleiben und alles mir Mögliche tun, daß meine Menschenwürde gewahrt ist. [...]

7.8.2005

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Kino heute

Das Filmtheater heute ist nicht mehr das, was es in meiner Jugend war. Zwar sind die Säle jetzt größer und schöner und die Sitze bequemer, aber dafür kostet eine Kinokarte mehr als früher ein teurer Platz im Opernhaus. Allerdings gleicht sich das für mich dadurch wieder aus, daß höchstens ein- oder zweimal im Jahr ein Film gezeigt wird, für den die Ausgabe mich nicht reut. Außerdem scheint es den Kinobetreibern unserer Tage auch mehr um den Verkauf ihrer Riesen-Popcorntüten und der großen Getränke-Flaschen zu gehen als um die festliche Atmosphäre, die einem Filmkunstabend angemessen wäre.

Der zunehmenden Jugendschwerhörigkeit wird Rechnung getragen mit überhöhter Lautstärke des Filmtons, und den veränderten Sehgewohnheiten kommen die heutigen Filme mit überschnellen Bildschnitten, spektakulären optischen Effekten und den offenbar unverzichtbaren Gewalt- und Totschlagsszenen entgegen. Die meisten der – überwiegend jugendlichen - Kinobesucher scheinen den Filmtheaterbesuch mit dem häuslichen Fernsehabend zu verwechseln, denn sie sind so angezogen, als fläzten sie daheim auf dem Sofa, sie knistern andauernd mit Papier, unterhalten sich und geben laute Bemerkungen von sich.

Und wenn der Abspann beginnt, jene besinnlichen Minuten also, in denen man das Erlebte gerne langsam ausklingen lassen möchte, stehen die ersten Besucher schon auf, trampeln durch die Reihen und stören solche Gäste wie mich, die möglichst ganz in Ruhe alles noch sehen und hören wollen, bis die Leinwand dunkel ist. Manchmal drückt sogar ein übereiliger Filmvorführer sogar noch davor auf den Knopf, der den Vorhang sich schließen läßt. Aber gerade die Schlußmusik ist es ja, die das Filmkunstwerk erst in seiner Ganzheit vollendet. Außerdem haben die vielen Menschen, die an seiner Entstehung mitgewirkt haben, es wahrlich verdient, daß der dankbare Zuschauer ihre Namen wenigstens eines Blickes würdigt.

10.09.2005

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Wann ist Weihnachten?

[...] Wie Du ja weißt, lieber D., heißt Advent - Ankunft. Auf eine Ankunft, die wir erwarten, bereiten wir uns vor, machen wir uns empfangsbereit. Wartezeit ist Vorbereitungszeit. Je näher die Ankunft rückt, desto mehr möchten wir uns innerlich und äußerlich darauf einstellen. Wie bereitest Du Dich auf Weihnachten vor? Hoffentlich nicht so, daß Du Dich wie die meisten Zeitgenossen in fieberhafte Betriebsamkeit stürzt und Deine Kräfte vergeudest im Konsumgetümmel und für Aktivitäten, auf die es gar nicht ankommt. In den vier Adventswochen sollten wir ja schließlich nicht immer unruhiger, sondern immer ruhiger werden, sollte uns nicht immer mehr Unfriede, sondern immer mehr Friede erfüllen! Wie können wir uns also auf Weihnachten vorbereiten? Ich denke, wir könnten in der Stille auf unsere innere Stimme hören, die uns sagen will, was in unserer Seele noch nicht stimmig ist, was noch zu tun bleibt, um mit uns selbst und mit anderen Menschen ins reine zu kommen. Dann könnten wir vielleicht die tief in uns verborgene Sehnsucht spüren, uns selbst und dem anderen etwas Gutes zu tun, uns selbst und dem anderen zu vergeben und einen Neuanfang zu schenken. Dann brauchten wir in den wenigen Tagen bis zum Heiligen Abend auch nicht mehr über Geschenke nachzugrübeln, denn dann hätten wir das kostbarste aller Geschenke gefunden, nämlich die Worte: "Es ist nicht nur gut, daß du da bist, es ist auch gut, daß du so bist, wie du bist." Wenn dieser Satz unser Herz derart mächtig bewegt, daß wir ihn mindestens einem Menschen sagen müssen, dann sind wir wirklich bereit für die Ankunft von etwas Neuem, von der Erfüllung, auf die wir hinleben. Dann kann Weihnachten werden. Nicht nur am 24. Dezember. [...]

18.12.2005

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Leere und Fülle, Entsagung und Gewinn

Lieber G.,

[...] Wir sind es aus unserer kulturellen und religiösen Tradition gewohnt, "leer" als "nichts", als etwas Verneinendes und damit als Gegenstück zu etwas Bejahendem wahrzunehmen. Aber man kann die "Leere" auch verstehen als die eine Seite der Polarität, des dualen Prinzips allen Seins: Dann ist "Leere" nur eine andere Existenzform von "Fülle" - ebenso wie das Licht nicht nur Welle ist, sondern auch Korpuskel. Wo die höchste Fülle ist, breitet sich die größte Leere aus, und erst die absolute Leere (zum Beispiel in der Meditation) wird zur Fülle. Dieses Paradoxon ist eine der grundlegenden Erfahrungen der Mystik. Man kann es bei Meister Eckhart an vielen Stellen finden und auch schon in der altjüdische Weisheitslehre: Wenn du alles haben willst, wirst du alles verlieren; wenn du aber alles hingibst ("dich leer machst"), wirst du alles haben. Jesus soll das ja auch so ähnlich gesagt haben (z.B. Mt 10,39).

So gesehen, ist auch Entsagung nicht nur als etwas Leidvolles zu sehen. Ganz gleich, wessen man entsagt: Es gibt eine freiwillige und eine unfreiwillige Entsagung. Während diese für den Menschen sehr schwer zu ertragen ist, kann jene zu seiner inneren Reifung beitragen und der Sinngebung für sein Leben förderlich sein. Aber selbst die nachteiligen Folgen unfreiwilliger Entsagung für Körper, Seele und Geist sind nicht schicksalhaft unausweichlich. Es kommt darauf an, welche innere Einstellung man grundsätzlich zum Unabänderlichen hat: Ringt man sich zu dessen Annahme durch, so kann es gelingen, daß durch Sublimierung unerfüllbare Sehnsüchte sich in Höheres veredeln, Kräfte der Frustration zu Kräften der Kreativität werden, Begehren sich in Verehren wandelt. So erwächst aus dem Gebundensein an das Gefühl des Entsagens die Freiheit der Bejahung des Notwendigen. [...]

  6.1.2006

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Maske – oder Mut zum eigenen Gesicht?

Da ist sie wieder – die Zeit der Masken. Aus allen Fernsehkanälen versprühten in den letzten Tagen wieder Possenreißer, Clowns, Büttenredner eine besondere Art von Heiterkeit, die nicht jedermanns Sache ist – und meine schon gar nicht.

Freilich, jeder Mensch benutzt hin und wieder eine Maske, denn wir können nicht immer alles offen zeigen, was uns durch den Kopf und das Herz geht. Das wäre in manchen Fällen taktlos oder gar verletzend und unbarmherzig. Masken haben zweierlei Sinn: Sie haben einmal den Sinn, möglichst lustig auszusehen und damit die Bereitschaft zum Fröhlichsein zu signalisieren; und sie haben zum andern den Sinn, das zu verbergen, was man nicht offenbaren will. Hinter der Maske der Fröhlichkeit kann sich Wehmut verstecken, hinter der Maske der Ausgelassenheit kann auch eine Spur von Trauer sein, und es gibt kaum ein Glas voll Freude ohne einen kleinen Wermutstropfen darin. Oft genug verdecken wir mit einer lachenden Maske, daß uns zum Heulen ist, und wir tarnen unsere Sensibilität hinter Burschikosität, unsere Angst hinter einer zur Schau getragenen Unerschütterlichkeit und unsere Verletzlichkeit hinter scheinbarer Gleichgültigkeit.

Solche Schutz-Masken sind zunächst sehr hilfreich, aber dann werden sie immer starrer, immer fester, und eines Tages gehen sie überhaupt nicht mehr ab von unserem Gesicht. Wir wissen dann bald nicht mehr, wer wir hinter der Maske sind, und die Menschen, denen wir uns zuwenden, spüren die Maske, die unser wahres Sein verleugnet, als etwas, das uns von ihnen trennt.

Ich wünsche mir in meiner Umgebung Menschen, für die ich keine Masken aufsetzen muß, Menschen, denen ich mich in meiner Echtheit offenbaren kann, ohne befürchten zu müssen, sie könnten meine Verletzlichkeit gegen mich ausnutzen. Eine Voraussetzung dafür ist, daß ich mich zu mir selbst bekenne. Jeder Mensch hat ein Recht darauf, so zu sein, wie er ist. Nur wenn ich mich als den mag, der ich ohne Maske bin, können auch andere mich ernst nehmen und achten. – Ich wünsche mir, daß die Menschen, denen ich begegne, diese Worte eines Kalenderspruchs zu mir sagen könnten:
"Ich mag dich, weil du so bist, wie du bist, und weil ich bei dir so sein darf, wie ich bin."
Sobald die Menschen in unserer Nähe unsere Maskenlosigkeit spüren, dann können nämlich auch sie ihre Masken ablegen, und so wächst Verstehen und Vertrauen auf beiden Seiten.

Zum Ablegen der schützenden Maske gehört Mut, aber wir gewinnen viel dabei. Wenn ich keine Maske aufsetze, dann muß ich mich auch nicht um ein "Image" bemühen, muß ich keine dunkle Seite von mir geheimhalten, muß ich mich nicht verkrampft immer nur von der besten Seite zeigen. Ich kann ganz frei und unbekümmert sein. Deshalb ist der Mensch am besten dran, der von sich sagen kann: Ich will mich nicht verstellen und verbiegen – ich bin ich! Ich muß nicht so sein, wie andere mich haben wollen. Ich muß erst recht nicht allen gefallen. Ich muß nicht wie ein Chamäleon die Farben meiner Umwelt annehmen, sondern ich darf getrost die Farben behalten, die zu mir gehören, denn sie sind eine bereichernde Nuance im bunten Kaleidoskop der Welt, denn ich bin einmalig und einzigartig. Wer sich stets nur anpaßt, wird farblos. Auch die buntesten Masken können farblos machen, wenn alle sie tragen.

Aber zwingen uns nicht manchmal unsere jeweiligen Rollen, die wir im Leben zu spielen haben, zum Aufsetzen von Masken? Es gibt verschiedene Rollen, die uns auferlegt sind: Es sind Rollen, in denen wir uns wohlfühlen, an denen wir Freude und Spaß haben, weil sie zu uns passen. Es sind aber auch Rollen, in denen wir Ansprüchen gerecht werden müssen, die uns nicht gemäß sind oder die uns überfordern und vergewaltigen. Weshalb befreien wir uns nicht aus solchen Rollen und legen die dazu gehörenden Masken einfach ab? Warum tun wir so, als wäre eine ungeliebte Maske, die uns aufgedrückt wurde, unablösbar auf unser Gesicht geklebt? Wieso schlüpfen wir nicht aus einer Rolle heraus, die uns nicht – oder nicht mehr – paßt, und übernehmen eine andere, eine, die stimmig für uns ist? Der Mensch ist mehr als die Rolle, die er verkörpert! Meine Rollen - das bin nicht ich. Ich bin sehr viel mehr als sie alle zusammen.

Letztlich allerdings gilt: Selbst wenn wir uns durch eine Maske völlig unerkennbar machen könnten, so blieben wir im Grunde doch der Mensch, der wir nun einmal sind, wie Goethe es Mephisto in seinem "Faust" so treffend sagen läßt:

"Du bist am Ende - was du bist.
Setz dir Perücken auf von
Millionen Locken,
setz deinen Fuß auf
ellenhohe Socken,
du bleibst doch immer,
was du bist."

Fastnacht, 28.2.2006

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Ich liebe Bücher!

Bücher sind eine meiner großen Leidenschaften. Sie waren es, als ich aus ihnen vorgelesen bekam, und sie wurden es umso mehr, als ich selbst lesen konnte. Bücher waren mir stets die liebsten Geschenke, und die Stunden, die ich mit Büchern verbrachte, haben immer einen ganz besonderen zauberhaften Reiz für mich gehabt. Wenn ich durch Städte bummle, besuche ich am liebsten Buchhandlungen. Bücher schätze ich als meine Freunde und Lehrer, als eine unerschöpfliche Quelle für Bildung und Lebenshilfe, als treue Begleiter auf allen meinen Wegen. Deshalb kann ich auch keine Bücher wegwerfen - höchstens verschenken. In der Wohnung habe ich überall Bücher griffbereit um mich - in den Schränken, Anbauwänden und Regalen sämtlicher Räume, auf dem Schreibtisch und auf dem Nachtschränkchen. Bücher gehören zu meinem Leben wie die Luft zum Atmen.

Gleich ob Romane oder Fachbücher - ich lese sie alle, sofern sie mir gehören, mit dem Bleistift in der Hand. So finde ich später die für mich bedeutsamen Stellen rasch wieder. Wenn ich Randnotizen sehe, die ich vor vielen Jahren gemacht habe, gibt sich mir das Buch gleich als besonders guter alter Bekannter zu erkennen, der mir Dinge über mich erzählt, die ich schon lange vergessen hatte.

Ich mag Bücher nicht nur ihres Inhalts wegen, sondern auch wegen ihrer buchkünstlerischen Gestaltung. Ich betrachte und rieche gern schöne Schriftdrucke, streiche nahezu zärtlich über gutes Papier und weichlederne Einbände. Dabei können mir sowohl neue als auch alte Bücher sehr gefallen: die neuen wegen ihrer unberührten Schönheit; die alten, sichtbar durchgearbeiteten und abgegriffenen, wegen der Spuren ihrer Geschichte. Habent sua fata libelli, wußten die Römer: Bücher haben ihre Schicksale.

Ob Bücher dünn oder dick sind, ist für mich unwichtig. Das hängt wohl hauptsächlich vom Genre ab: Romane können mir nicht dick genug sein, ein schmales Lyrikbändchen ist aber auch ein kostbares Kleinod. Für unterwegs - ich führe unterwegs stets mindestens ein Buch mit mir - eignen sich kleine Formate besser als große schwere Bände. Die sind mehr etwas für die Lektüre daheim.

Natürlich muß man gerne lesen, um Bücher zu mögen. Ich habe von sehr früh an mit Begeisterung gelesen, und ich bedaure es, daß viele Kinder und Jugendlichen heute diese Begeisterung nicht kennen. Eine ganze Welt bleibt ihnen verschlossen, und sie wissen es nicht einmal! Fernsehserien und Rechnerspiele sind kein Ersatz für diese wundervolle Welt der aneinandergereihten Buchstaben.

1.4.2006

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JA!

"JA" ist eines der wichtigsten Worte, die wir haben. Für ein gelingendes Lebens ist es unverzichtbar.

Wir alle möchten gerne glücklich sein, aber die wenigsten von uns wissen, daß dieses Ziel sich nur dann erreichen läßt, wenn wir JA sagen können. Wenn wir JA sagen können zu unserem Leben, was auch immer es uns bringt; wenn wir es akzeptieren können mit seinen Freuden und Leiden, dann - und nur dann - sind wir glücklich. Wenn wir JA sagen zu den tausend Widrigkeiten des Alltags, die wir nicht ändern können, dann verlieren sie ihre Macht über uns.

Wir sollen gewiß keine Ja-Sager sein, die kein Rückgrat haben. Aber wir sollten zur Übung ab und zu einmal einen „JA-Tag" einlegen und damit uns selbst und anderen zum Segen werden.
An einem solchen "JA-Tag" ist unser erster Gedanke nach dem morgendlichen Aufwachen: JA! Wenn wir aus dem Bett aufstehen, sagen wir uns: JA, diesen Tag, der mir heute geschenkt ist, will ich so, wie er ist, dankbar und mit Freuden leben. Und wenn wir dann im Bad unser Spiegelbild anschauen, rufen wir ihm zu: JA, ich bin einzigartig und unendlich wertvoll. JA, ich liebe mich! Alles, was uns an einem solchen "JA-Tag" begegnet, Angenehmes wie Unangenehmes, beantworten wir mit einem JA in dem Wissen, daß in allem etwas Gutes für uns verborgen ist, auch in dem, was uns nicht gefällt und was uns eine schwere Last auferlegt. An einem solchen "JA-Tag" lassen wir auch unsere Angst zu und unsere Wut, unseren Ärger und unseren Haß, aber wir lassen das alles nicht an anderen Menschen aus.

„Bejahen ist Magie", schrieb Hermann Hesse, und er hat recht: Ein JA kann Wunder wirken! Mit einem aus dem Innern kommenden JA wird scheinbar Unerträgliches erträglich. Ein ehrlich gemeintes JA nimmt Menschen bedingungslos an, ohne von ihnen zu verlangen, daß sie sich ändern müßten. Ein im Herzen gefühltes JA läßt aus Gleichgültigkeit Mitgefühl werden, hilft verstehen und verzeihen, schenkt immer und immer wieder wieder einen neuen Anfang.

7.5.2006

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Toleranz auch für die Intoleranz?

Toleranz ist für mich ein unverzichtbarer Grundwert für das menschliche Zusammenleben. Ich bin der festen Überzeugung, daß jeder Mensch das natürliche und unverlierbare Recht hat, als einzigartige Persönlichkeit mit all ihren Eigenarten und Besonderheiten, mit ihren Stärken und Schwächen, mit ihren Ansichten und Meinungen angenommen zu werden. So wie ich von anderen in meinem So-Sein akzeptiert werden möchte, muß ich auch die anderen so akzeptieren, wie sie sind. Ich verstehe dabei allerdings Toleranz nicht als ein mehr oder weniger widerwilliges Erdulden von etwas, das man insgeheim doch ablehnt, sondern als ein auf der Liebe gegründetes bereitwilliges inneres Bejahen eines Menschen - auch dann, wenn der Umgang mit ihm schwierig ist. Hier halte ich es mit Thomas von Kempen, der schrieb: "Wenn du Ärgernisse an anderen und an dir selbst nicht überwinden kannst, so lerne sie geduldig und frohen Mutes zu ertragen." Übrigens kann man zwar Verhaltensweisen und Ansichten eines Menschen für sich selbst ablehnen, den Menschen selbst als Person indes sollte man niemals pauschal verurteilen!

Ganz besonders zeigt sich diese Grundhaltung in einem Gespräch: Solange jeder Gesprächspartner davon überzeugt ist, daß der andere unrecht hat, kann ein fruchtbarer Meinungsaustausch nicht zustande kommen. Erst wenn beide sich selber dieselbe Irrtumsfähigkeit zugestehen wie dem anderen, sind sie fähig, aufmerksam und mit Respekt aufeinander zu hören. Die Toleranz gebietet, eine andere Meinung auch dann gelten zu lassen, wenn man sie nicht teilt. Mit gutem Recht sagte einst Voltaire: "Ich bin nicht Ihrer Ansicht, aber ich werde immer dafür kämpfen, daß Sie sie vertreten dürfen."

Für mich hat die Toleranz nur eine einzige Grenze, und diese liegt zugleich in ihrem Wesen begründet: Gegenüber der Intoleranz nämlich darf es, so meine ich, keine Toleranz geben. So kann meines Erachtens beispielsweise Gewalt aus moralisch verwerflichen Gründen gegenüber anderen Menschen nicht geduldet werden.

27.6.2006

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 Ferien vom Ich

"Ferien vom Ich" heißt ein BRD-Heimatfilm von 1952. Ein Millionär aus den USA erleidet auf einer Reise einen Herzinfarkt. Auf Anraten seines Arztes eröffnet er ein Kurhotel für gestreßte Mitmenschen. Dort weiß niemand von der Identität des anderen, weil alle Gäste einen neuen Namen erhalten. Es kann in der Tat reizvoll sein, für eine bestimmte Zeit in eine andere Persönlichkeit zu schlüpfen wie in andere Kleider. Immerhin ist das ja nicht nur ein Spiel der Phantasie, sondern jeder kann es tatsächlich tun. Es gelingt uns dann besser, uns auf ganz neuen Gebieten auszuprobieren, bisher unbekannte Seiten an uns zu entdecken und ungestillte Bedürfnisse auszuleben?

Obzwar ich mich selbst so mag, wie ich - mit all meinen Vorzügen und Fehlern - nun einmal bin, und auf Dauer gar kein anderer sein möchte, so finde ich es doch sehr wünschenswert, ab und zu für eine begrenzte Zeit mein sichtbares und bekanntes Ich gegen ein anderes, unbekanntes zu tauschen. Viele Schriftsteller haben dieses interessante Phänomen durchgespielt, die bekanntesten Beispiele sind wohl Stevensons Erzählung „Dr. Jekyll und Mr. Hyde" und Brechts zwei Frauen Shen-Te und Shui-Ta im Drama „Der gute Mensch von Sezuan", die - ebenso wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde - einunddieselbe Person sind, was aber lange niemand ahnt, weil beide so grundverschieden, ja gegensätzlich sind.

Ober so ist es nun einmal: Wir alle tragen als unsere „Schattenseiten" Wesenszüge in uns, die von den Menschen, die uns kennen, nicht für möglich gehalten werden, und die wir nicht einmal selbst wahrhaben wollen. Dennoch sind sie ein Teil unseres Ichs, so sehr wir das auch leugnen möchten, und wir können nur dann „heil" (oder auch „kosmisch" - im Sinne von „ganzheitlich") sein, sobald wir sie als zu uns gehörig akzeptieren. Dazu müssen wir uns zu diesen abgelehnten (weil von der gesellschaftlichen Doppelmoral meist nicht tolerierten) „dunklen" Seiten bekennen und sie zuweilen in der Wirklichkeit oder, wenn das nicht möglich ist, im Spiel ausleben. Das allerdings gelingt dort leichter, wo man uns nicht kennt, oder dann, wenn wir innerhalb unserer gewohnten sozialen Umgebung in eine andere Identität wechseln. In dieser anderen Identität können die sonst verborgenen Seiten unseres Ichs hervortreten und so vor dem unweigerlichen Verkümmern bewahrt werden. Wer seine ungeliebten „Schatten" nicht zu bejahen bereit ist, wer sie - unbewußt oder bewußt - gewohnheitsmäßig verdrängt, der erstarrt immer mehr in Selbstgerechtigkeit, er kann andere Menschen in ihrer Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit nicht verstehen und findet zum Geheimnis „Mensch" keinen Zugang. Durch den Versuch, Teile seines Ichs abzuspalten und abzutöten, gefährdet er schließlich seine eigene seelische Gesundheit.

Deshalb betrachte ich „Ferien vom Ich" auch für mich selbst als eine wichtige Übung für die Erkenntnis der Pluralität des Ichs und eine heilsame Erfahrung auf dem Weg zur Einsicht in die Ganzheitlichkeit der Person.

13.08.2006

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Bildung

In einem Interview sagte neulich Professor Klaus Hekking, der Vorstandsvorsitzenden der SRH-Gruppe in Heidelberg unter anderem:Bildung beginnt dann, wenn man alles vergessen hat, was man auf Schulen und Universitäten gelernt hat.“ Trotz der rhetorischen Zuspitzung hat er vollkommen recht! Bildung ist eben nicht, wie oft irrtümlich verstanden, dasselbe wie Wissen. Letzteres vermag uns allenfalls zum wandelnden Lexikon werden zu lassen oder vielleicht gar zum Sieger bei „Wer wird Millionär?“, aber es macht für sich allein niemals einen Menschen aus uns. Als einen gebildeten Menschen weist keiner sich durch die allerbesten Zensuren und Diplome aus, sondern nur dadurch, daß er seine Aufgabe im Leben erkennt, ständig an der Vervollkommnung seiner Persönlichkeit arbeitet, jede Situation mit Weisheit zu bewältigen sucht und sich in all seinem Tun von der Hoffnung, vom Vertrauen und von der Liebe leiten läßt. Bildung ist nichts wert, wenn sie nicht Herzensbildung ist.

Deshalb verfügt ein gebildeter Mensch außer seinem angelernten Wissen vor allem über ein sehr feinsinniges Taktgefühl, ein sicheres Stilempfinden und gute Umgangsformen. Seine Höflichkeit stammt aber eben gerade nicht nur aus Anstandsbüchern, sondern vor allem aus seiner Menschlichkeit und Güte. Er spürt, wann der Augenblick zum Reden ist, und er erkennt den rechten Zeitpunkt zum Schweigen. Wenn er redet, dann weiß er sich einer gepflegten Sprache zu bedienen und ist mehr ein Zuhörender denn ein Vielredner, der sich in Mittelpunkt rückt. Er offenbart Selbstdisziplin und Bescheidenheit sowie absolute Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Aber all das lernen wir aber nicht auf Schulen und Universitäten, nur Vorbilder und Lebenserfahrung vermögen uns wahre Bildung zu vermitteln. Das bloße Schulwissen kann uns allenfalls den Weg zu ihr zeigen, aber finden und gehen müssen wir ihn selbst.

7.11.2006

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Ursache und Wirkung

Wer wütend ist, der lächelt nicht?
Wer sich nicht freut, hat nichts zu lachen?
Wer nimmer liebt, kann auch nicht zärtlich sein?
Wer ohne Lust ist, mag nicht lieben?

Wer aufhört zu lächeln, verliert die Gelassenheit.
Wer aufhört zu lachen, freut sich nicht mehr.
Wer aufhört zu streicheln, kann nicht mehr lieben.
Wer aufhört zu lieben, den flieht die Lust.

  2.1.2007

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Gibt es schwierige Menschen?

Ich bin der festen Überzeugung: Es gibt keine schwierigen Menschen! Zumindest ist mir noch niemals eine Person begegnet, die von jedem anderen Menschen in jeder Situation als schwierig wahrgenommen worden wäre. Selbst wenn mir eine Person das Leben schwer gemacht hat, so gab es doch immer jemanden, der gut mit ihr auskam, ja sie sogar mochte, und stets gab es Augenblicke, in denen sogar ich selbst liebenswerte Seiten an ihr entdeckte. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns doch eingestehen, daß es ganz bestimmt Leute gibt, die manchmal auch uns in bestimmten Situationen "schwierig" finden. Und am Ende sind es gar dieselben, mit denen wir Probleme haben...?

Schwierig zu sein ist also nicht eine der Person innewohnende Eigenschaft, sondern schwierig ist es nur für uns, den richtigen Umgang mit ihr zu finden und die geeigneten Worte, die als Schlüssel zu ihr passen, damit sie sich uns öffnen kann und wir Zugang bekommen zu ihrem tiefer verborgenen Wesen.

Überall, wo Menschen zusammenleben, muß man sich einigen und Kompromisse finden, und man sollte den anderen in seiner (vielleicht ungeliebten) Art zu akzeptieren und zu respektieren lernen. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Man braucht natürlich nicht alles zu dulden! Verstöße gegen Grundregeln des Zusammenlebens muß man keinesfalls hinnehmen. Aber man wird doch zunächst bei ärgerlichem Verhalten des anderen das sachliche und freundliche Gespräch mit ihm suchen, damit wir beide aussprechen können, was uns aneinander stört und weshalb, denn nur auf diesem Wege ist gegenseitiges Verständnis und bessere Einsicht auf beiden Seiten zu erreichen. Vielleicht wird dann für den Gesprächspartner - ebenso wie für uns selbst - manches etwas klarer. Immer wieder kann man nämlich die Erfahrung machen: Kommen wir jemandem, den wir nicht mögen, menschlich näher, dann bemerken wir, daß er nicht weniger Fehler hat als wir selbst, sondern nur andere, und dann entdecken wir allmählich den Bruder (bzw. die Schwester) in ihm.

22.9.2007

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Wer oder was ist Gott?

Liebe W.,

das Zitat von Ralph Giordano, in welchem er zu wissen behauptet, Gott sei eine Erfindung der Menschen, kann ich natürlich so nicht unterschreiben, Du wirst es vermutet haben. Ganz abgesehen davon, daß mir einige Auffassungen Giordanos (insbesondere seine islam-, kommunismus- und DDR-feindlichen) extrem unsympathisch sind, möchte ich seine These über Gott zwar nicht völlig ablehnen, aber ich würde sie ein wenig präziser formulieren. Ich als jemand, für den Gott der ewige Ursprung alles Seins ist, würde nicht sagen, daß Gott eine Schöpfung des Menschen sei. Allerdings bin ich durchaus der Überzeugung, daß das, was Menschen über Gott sagen (z.B. in der Bibel und in den den kirchlichen Dogmen), in der Tat der Phantasie des Menschen entstammt.

Ich denke, daß die Gottesvorstellungen in den verschiedenen Religionen der Welt und ihren Heiligen Schriften unterschiedliche Versuche der Menschen sind, das Göttliche, das sie ahnen und erfahren, zu beschreiben. In ihren Gottesbildern spiegeln sich aber zwangsläufig stets ihre eigenen historischen und kulturellen Hintergründe, ihre ethnischen Besonderheiten sowie ihre Erlebnishorizonte und Deutungsmuster wider. In allen diesen Gottesvorstellungen sehe ich Ausdrucksformen eines ernstzunehmenden und ehrwürdigen Vortastens zu dem Unerfaßlichen und Unbeschreiblichen, das wir in Ermangelung eines anderen Wortes Gott nennen.

Hier zeigt sich überhaupt das Grundproblem eines jeglichen Redens über Gott: Einerseits ist da die Berechtigung der Gebotes: „Du sollst dir kein Gottesbild machen noch irgendein Abbild von etwas, was oben im Himmel, was unten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist“ (2. Mose/Exodus 20,4 - Zü) und des Gotteswort aus dem Munde des Propheten Jesaja: „Mit wem wollt ihr Gott vergleichen? Gibt es irgendetwas, das einen Vergleich mit ihm aushält?“ (Jesaja 40,18 - GN) Andererseits aber können wir von unserem Erleben des Göttlichen nur dann reden, wenn es in Bild und Symbol geschieht. Ohne Bilder und Vergleiche kommt religiöse Sprache nicht aus. Da dies nun einmal so ist, müssen wir uns auch stets dessen bewußt sein, daß es eben nur Bilder sind, die in den Religionen dazu dienen, Glaubenswahrheiten auszudrücken. Also dürfen wir nie außer acht lassen, daß alles, was Menschen in den verschiedenen Religionen jemals von Gott gesagt und niedergeschrieben haben, nur kümmerliche Versuche sind, innere Erfahrungen mit dem Göttlichen in unsere begrenzte menschliche Vorstellungswelt zu übertragen und in unsere untauglichen Worte zu fassen.

Der griechische Philosoph und Dichter Xenophanes von Kolophon (um 570 bis um 470 v. Chr.) vermutet deshalb: „Wenn die Pferde Götter hätten, sähen diese wie Pferde aus“. Die verschiedenen in den Heiligen Schriften der Religionen beschriebenen Wesensmerkmale Gottes können uns also nicht sagen, wie Gott an sich ist; sie sagen uns lediglich, was er für uns ist – für die Menschen, die ihn so beschrieben, und für diejenigen, die diese Beschreibungen zum Grunde ihres Glaubens gemacht haben.

Für den einen ist Gott ausschließlich der Gott der Bibel, für den anderen ist es nur der des Koran, für einen dritten ist es wieder ein
ganz anderer. Jedoch in allen Glaubensrichtungen steckt der gleiche Fehler: Sie setzen ein menschliches Gottesbild absolut, anstatt zu sehen, daß Gott immer der oder das ganz Andere ist, eine Realität, für die es keine Begriffe in der Erkenntnis der Menschen gibt. Also machen die so Glaubenden aller Religionen mit ihren Bildern und Legenden, ihren überlieferten Mythen und Glaubensvorstellungen sich in der Tat ihren eigenen Gott.

Dem Gott selbst, aus dem alles kommt, was ist, kann man nur in der eigenen inneren Erfahrung begegnen, denn ich glaube, daß alles, was ist, Gott ist, und daß folglich Gott in allem ist, was west. Mein Glaube sagt, daß es keine Trennung gibt zwischen Gott und der Schöpfung, also keine Dualität von Schöpfer und Geschaffenem. So gesehen, ist Gott ebenso ein Produkt menschlichen Geistes, wie der Mensch ein Produkt Gottes ist, denn beide sind Eins. Giordano sieht offensichtlich nur die eine Seite der Medaille und ignoriert die andere.

5.8.2008

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Ein Stück Kulturverlust

Liebe U.,

[...] ich mußte schmunzeln, als ich Deine Erwähnung des Handkusses las. Der Handkuß ist wunderschöne Geste der Verehrung. Ich bedaure sehr, daß er (zumindest in Deutschland) weitgehend aus der Mode gekommen ist. Als Kind habe ich ihn oft gesehen, zum Beispiel wenn meine Großtante (Jahrgang 1883, Offizierswitwe) ihre Geburtstagsgäste begrüßte. Alle Männer gaben ihr den Handkuß. Als ich selbst dann in das Alter kam, wo ich ihn hätte anwenden können, war er leider schon nicht mehr üblich. Nur bei der Tanzstunde (1966) wurde er noch gelernt und ausgeführt. Dabei erfuhren wir damals Siebzehnjährigen, daß man nur noch in geschlossenen Räumen der Dame die Hand küßt und daß man dabei die Hand (oder den Handschuh) nicht mit den Lippen berührt. Geändert hatte sich inzwischen auch, daß die Dame nicht mehr selbst entschied, ob sie einen Händedruck geben oder einen Handkuß haben wollte. Früher sah man das daran, auf welche Weise sie ihre Hand darbot: mit dem Handrücken entweder nach rechts oder nach oben. So wußte der Mann sofort, ob er ihre Hand in die seine nehmen oder nur an die Lippen führen sollte. Einmal sah ich auch meinen verehrten Latein- und Musiklehrer F.H. (Jahrgang 1905, Kavalier alter Schule), wie er einer Frau formvollendet den Handkuß gab.

Daß der Handkuß im Aussterben begriffen ist, liegt wohl, denke ich, auch mit daran, daß zu ihm eine entsprechende Kleidung gehört; und wenn ich mir vorstelle, was man heutzutage beispielsweise in Oper und Konzert trägt oder bei Feierstunden zum Ausbildungsabschluß, dann paßt das gewiß schlecht zu einem Handkuß. Die ausgebeulte blaue Arbeitshose aus dem derben Stoff ist zusammen mit dem T-Hemd zur Allzweck-Einheitsbekleidung für Mann und Frau geworden und hat den gut sitzenden Straßenanzug mit der scharf gebügelten Hose ebenso wie das waden- oder knöchellange Kleid und den Faktenrock mit der Bluse leider nahezu völlig verdrängt aus dem Alltag verdrängt. Und zusammen mit der formbewußten Gesellschaftskleidung ist auch der Kavalier mit dem Handkuß, der Verbeugung und den vielen anderen tradionellen ritterlichen Umgangsformen gegenüber Damen weitgehend verschwunden. Das bedaure ich, denn es ist ein großes Stück Kulturverlust. [...]

11.9.2008

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Der Große Weise.
Ein Gleichnis

Der Große Weise, dessen Leben keinen Anfang und kein Ende hat, den die Menschen seit Urzeiten den „Vater aller Weisheit“ nennen und von dem alle Weisen in aller Herren Länder ihr Wissen haben, gab vor vielen, vielen hundert Jahren einmal den Menschen den Gedanken ein, alles aufzuschreiben, was sie von ihm wußten. So schrieben sie denn über eine sehr lange Zeit mehrere dicke Bücher, in denen sie erzählten, was sie von dem Großen Weisen und über ihn erfahren zu haben glaubten und was sie von ihm dachten und was sie meinten, das er denken und wollen müsse. Jedes dieser Bücher fand seine Leser, und die Leser jedes Buches heiligten es als die reine Wahrheit und glaubten, daß die Leser der anderen Bücher Fälschungen läsen und verehrten. Aber niemand von denen, die ihr Buch für die einzige und die ganze Wahrheit hielten, kam auf die Idee, den Großen Weisen selbst aufzusuchen und persönlich kennenzulernen, um sich ein eigenes Bild von ihm zu machen. Wenn man ihnen sagte, der Große Weise könne doch vielleicht ganz anders sein, als die vor langer, langer Zeit von den Bücherschreibern schriftlich festgehaltenen alten mündlichen Überlieferungen es erzählten, so lehnten sie diese Möglichkeit empört ab, denn sie waren überzeugt, daß die Bücherschreiber nur das in ihre Bücher geschrieben hätten, was der Große Weise ihnen direkt eingegeben habe.

Nur ein paar ganz wenige Leute suchten die direkte Begegnung mit dem Großen Weisen. Sie machten sich auf den Weg zu ihm, lebten eine Zeitlang mit ihm und lernten ihn persönlich kennen. So wurden sie inne, daß vieles in all den Büchern über ihn - und angeblich auch von ihm – menschlicher Phantasie entstammte, und sie stellten fest, daß all die Bücher neben manchem Wahren auch vieles Falschverstandene, Veränderte und frei Ersonnene enthielten, obwohl die jeweiligen Schreiber sich dafür verbürgt hatten, daß sie alles ganz genau so, wie es da stünde, direkt von dem Großen Weisen eingegeben bekommen hätten. Das war nicht einmal gelogen, denn auch in den Mythen und Märchen, Sagen und Legenden kann man viel Wahres finden, wenn man sie nicht buchstäblich, sondern dem tieferen Sinne nach zu verstehen  sucht. Diese ganz wenigen Leute nun, die den Großen Weisen aufgesucht hatten, erlebten ihn, wie er wirklich war, hörten von ihm, was er jetzt dachte und wollte und lehrte. Höchst beglückt beschlossen diese ganz wenigen Leute, für immer bei ihm zu bleiben, weil sie dort den unermeßlichen Reichtum der Erkenntnis fanden.

Aber diese ganz wenigen Leute liefen auch hin und wieder zu den anderen Menschen, die da fest daran glaubten, in ihrem Buch - und nur da - sei die ganze reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit enthalten, und sie erzählten ihnen, was sie aus erster Hand über den Großen Weisen wußten. Davon jedoch wollten die Buchgläubigen nichts hören. Sie verschlossen entrüstet ihre Ohren und verhärteten ihre Herzen und warfen den ganz wenigen Leuten, die jetzt bei dem Großen Weisen lebten, vor, sie verbreiteten nur Einbildungen und Lügen. Immerhin mußten die Buchgläubigen es ja wissen, denn sie hatten schließlich ihr Buch, und so brauchte es sie nicht zu interessieren, wer der Große Weise wirklich war und was er denn heute wollte und lehrte und wie er über die jetzige Welt dachte, die nicht mehr dieselbe war wie vor einigen tausend Jahren, als die alten Bücher geschrieben worden waren. Dieser Buchgläubigen wegen hätte der Große Weise unterdessen sogar schon längst gestorben sein können, wenn das denn möglich wäre; sie würden es nicht einmal bemerkt haben, denn für sie lebte er ja nur in ihren Büchern.

1.10.2008

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RHYTHMUS

RHYTHMUS ist alles, was ist, und nichts existiert, das nicht RHYTHMUS wäre. RHYTHMUS ist in der belebten Natur ebenso wie in der unbelebten die einzige Seinsform, im Makrokosmos gleich wie im Mikrokosmos. Alles entsteht durch RHYTHMUS und verbleibt für immer im RHYTHMUS. Was aus einem RHYTHMUS herausfällt, ist nicht ohne RHYTHMUS, es wechselt nur in einen anderen RHYTHMUS. Selbst Stillstand ist eine Existenzform des RHYTHMUS, denn nichts kann für alle Zeit stehen, es muß sich doch wandeln, und wenn es Jahrmillionen währte, und jedem Wandel folgt ein weiterer. Es gibt kein Ende und also auch keine Vollendung, denn einem jeglichen Ende wohnt ein neuer Anfang inne, und es kann nicht nichts sein. Nur der Mensch ist dem Irrtume unterlegen, mit ihm begänne und endete alles. Dabei ist sein Leben doch nur ein kurzes Aufblitzen im unendlichen Werden und Vergehen, und alles, woraus sein Leib besteht, ist schon seit undenkbaren Zeiten in den Reichen der Mineralien, der Pflanzen und der Tiere von Form zu Form übergegangen und wird es unaufhörlich weiter tun. Die ewigen Kreisläufe der Materie sind das Perpetuum mobile, das nachdenkliche Menschen "Gott" zu nennen pflegen.

6.8.2009

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Mein Lieblingsspielzeug

Mein Lieblingsspielzeug war die riesengroße Schatztruhe meiner Großtante (*1883) in der Bodenkammer. Darinnen war ihr alter Schmuck, den ich mir ansteckte und umhängte, da lagen viele bunte Stoffe, deren Kühle ich wohlig auf meinem Körper spürte, der abgeschnittene Jungmädchenzopf der Tante und ihre alten Puppen und tausend andere kleine Kostbarkeiten aus einer längst vergangenen Zeit.

Mit Begeisterung stöberte ich stundenlang in den wunderbaren Dingen und hatte meine Lust daran. Ich legte ihres 1915 gefallenen Mannes Orden an, setzte mir seinen schwarzen Zylinder auf, schwang mir seinen langen weißen Schal um die Schultern, focht als d'Artagnan mit dem Brieföffner, der die Form eines kleinen Degens hatte, gegen unsichtbare Gegner und wedelte mir in den Kampfpausen mit dem handbemalten Weidenholzfächer, einst von dem Oberst eigenhändig aus Schanghai mitgebracht, frische Luft ins schwitzende Gesicht. Ich blätterte in alten staubigen Folianten mit schwarz-weißen und kolorierten Kupferstichen – wie zum Beispiel der gebundenen "Gartenlaube" von 1873 oder dem "Patriotischen Hausschatz" von 1916 – und verzierte hier und da die Seiten mit Buntstiftkritzeleien; ich schaute mir stundenlang Alben mit alten Ansichts- und Feldpostkarten und vergilbten Fotografien an und wühlte wie ein Schatzsucher im Märchen in der Kiste mit diversen Münzen aus aller Welt. Ach, wie war ich da selig!

Manchmal stellte ich das Grammophon an und lauschte gedankenverloren den kratzigen Stimmen auf den allerersten deutschen Schallplatten und träumte von der Oper, obwohl ich da noch nie gewesen war. Vor allem das Schreibzeug hatte es mir angetan. Schon lange, bevor ich zur Schule ging, waren mir Stahlfedern, Tintenfäßchen und Füllfederhalter bestens vertraut. Ich kritzelte auf feinstes handgeschöpftes Büttenpapier meine ersten Schreibversuche.

Wenn meine Mutter mich abholen kam, brauchte sie mich nicht lange zu suchen. "Er spielt wieder oben in der Kammer", sagte die Tante. Dann stieg Mutti herauf zu mir und holte mich aus meiner Welt.

17.9.2009

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Anzug

"Ein Mann über dreißig, der sich öffentlich irgendwo blicken läßt, sollte einen Anzug tragen, wenn er seine Würde behalten will", sagt Jörg Thadeusz, deutscher Journalist, Schriftsteller, Radio- und Fernsehmoderator, geboren 1968.

Der Mann hat unbedingt recht! Wenn ich zur Arbeit oder zu Besuch, zum Arzt oder zu Ämtern, ins Theater oder zur Versammlung, zum Spazierengehen oder zum Einkaufen ohne Anzug mit dazu passender Krawatte das Haus verlassen sollte, dann würde ich mich unwohl fühlen. Es ist doch eine allgemein bekannte Tatsache: Wenn man sich nicht gut angezogen, ordentlich gekämmt und sauber fühlt, kann man auch nicht selbstsicher auftreten.

Gewiß, meine Würde hängt nicht an der Art meiner Bekleidung, sie ist in meinem Innern, in meiner Person, und sie gehört in jeder Lebenssituation unverlierbar zu mir. Aber es kommt darauf an, daß ich diese meine Würde auch nach außen zeige, um die Würde auch der Menschen, denen ich begegne, zu respektieren. Mein Äußeres ist mein Markenzeichen. Würde ich mich also anders kleiden, als es mir entspricht, dann verletzte ich damit nicht nur meine Würde, sondern auch die derer, denen ich den Anblick eines Menschen zumutete, der nicht im Einklang mit sich selbst ist.

8.10.2009

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Kopierstift

Der Kopierstift ist im Aussterben begriffen. Vielleicht gibt es noch ein paar bestgehütete Exemplare in teuren Spezialgeschäften (wie beispielsweise „Manufactum“) und in dem einen oder anderen Schreibtischfach älterer Herrschaften, jedenfalls aus den großen Kaufhallen ist er ebenso verschwunden wie aus den normalen Schreibwarengeschäften. Nach einem Kopierstift befragt, pflegen sogar Fachverkäuferinnen den Kunden verständnislos anzusehen, als wolle er ein lebendiges Mondkalb kaufen! Wie gut, daß ich noch so viele Kopierstifte besitze, wie ich bis ans Ende meiner Tage kaum noch aufbrauchen werde, obwohl viel und gern mit Kopierstift schreibe.

Der Kopierstift sieht aus wie ein Bleistift (richtiger eigentlich: Graphitstift), und wie mit diesem schreibt man damit. Seine Besonderheit ist jedoch, daß die Mine des Kopierstifts einen Zusatz von violetter Anilinfarbe enthält. Das macht das Abklatschen der Schrift möglich, ihr Ausradieren jedoch unmöglich. Mit der Zeit wird sie durch Luft- und Hautfeuchtigkeit sogar immer gesättigter und leuchtender, und sie bleicht auch nach hundert Jahren nicht aus, wie ich mich an so alten Schriftstücken in meinem Archiv leicht überzeugen kann.

Bevor es den Kugelschreiber gab, schrieb man (wenn man sich nicht gerade des Federhalters, des Füllfederhalters oder des Bleistifts bediente) Briefe, Tagebücher, Rechnungen und alle anderen wichtigen Schriftstücke mit dem Kopierstift. Der unselige Kugelschreiber hat ihn verdrängt. Dabei kann dieses neumodische Schreibgerät, das in unerschöpflichen Mengen die Welt überflutet und als Werbegeschenk jedem, der es haben oder nicht haben will, nachgeworfen wird, einen guten alten Kopierstift doch niemals ersetzen! Die unzuverlässige, unsaubere und leider viel zu oft auch klecksende Kugelschreibermine, mit der niemand ein ausgeglichenes Schriftbild hinbekommen kann und die auf Dauer selbst die schönste Handschrift verdirbt, hat nichts, was der Kopierstift nicht gleichfalls und sogar besser leisten könnte. Weiche und mittelharte Kopierstifte lassen sich leicht in der Hand führen, und der harte sorgt dafür, daß Wörter, Ziffern und Skizzen durch Blaupapier hindurch auch noch auf der dritten Kopie gut lesbar sind. Sogar überköpfisch kann man damit schreiben; versuchen Sie das mal mit einem Kugelschreiber! Es gibt auch farbig schreibende Kopierstifte. Was für ein schönes Schriftbild mit klarer und gleichbleibender Linienführung aus dicken und dünnen Strichen der scharf gespitzte Kopierstift doch erzeugt! Und wie häßlich sieht dagegen ein Kugelschreibertext aus.

Der beiden häufigen Unsitten, die Kopierstiftspitze mit den Lippen anzufeuchten und mit der Zunge über die Kopierstiftschrift zu lecken, sollte man sich unbedingt enthalten, denn Anilin ist hochgiftig (blutvergiftend, krebserregend, erbgutverändernd)! Deshalb gehören Kopierstifte auch nicht in Kinderhände. Damit die Kopierstiftspitze nicht versehentlich mit den Händen, mit weißen Oberhemden und edlem Anzugstoff in Berührung kommt und dort unübersehbare blauviolette Flecken hinterläßt, die sich nur schwer entfernen lassen, braucht es natürlich der guten alten kleinen metallenen Kopierstifthülse, die zum sicheren Schutz übergestreift wird. Die gab es noch bis in die achtziger Jahre in jedem Büroladen als Pfennigartikel zu kaufen. Aber inzwischen scheint auch sie im Aussterben begriffen zu sein. Vielleicht gibt es noch ein paar bestgehütete Exemplare in teuren... - usw., siehe oben.

21.2.2010

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Weib

Ich liebe das Wort "Weib"! Umso mehr bedaure ich, daß eine schlechte Angewohnheit unserer Zeit es nicht mehr gleichwertig neben sein Gegenstück "Mann" stellen will. Was hat uns das schöne und edle Wort "Weib" denn getan, daß es so mißachtet wird? Zwar hört man gelegentlich noch einen Ehemann von "meinem (holden) Weibe" sprechen, aber selbst das geschieht dann meist mit einem spöttischen Augenzwinkern. Nein, das Wort "Weib" hat diese Geringschätzung ebensowenig verdient wie seine männliche Entsprechung, das Wort "Mann". So wie "männlich" und "weiblich" ein Wortpaar bilden, ist das natürlich auch bei "Mann" und "Weib" der Fall. "Mann" und "Frau" dagegen sind kein Wortpaar, denn sie gehören verschiedenen Bedeutungsebenen an: "Mann" und "Weib" sind Geschlechtsbezeichnungen, während "Herr" und "Frau", ursprünglich als Standesbezeichnungen verwendet, heute nur noch Anredeformen sind: Herr Müller und Frau Müller. Zu "Frau" gehört also nicht "Mann", sondern "Herr".

Das Wort "Herr" steht für das verlorengegangene alt-/mittelhochdeutsche Wort "fro" (man denke an "Fronarbeit" und "Fronleichnam"). Also hieß es früher "fro" (Herr) und "frouwe" (Frau), und so ist die gleiche Ebene unverkennbar, die auch heute noch zwischen „Herr“ und „Frau“ besteht. Deshalb müßte die heute übliche Anrede "Meine Damen und Herren!" eigentlich korrekterweise ersetzt werden durch "Meine Frauen und Herren!". Wie gerade schon erwähnt, nennt man das Ehepaar Müller ja doch auch "Herr und Frau Müller" und nicht etwa "Herr und Dame Müller".

Übrigens, schon vor etwa 25 Jahren bemühte ein Weib namens X.Y. das Bundesverfassungsgericht, mit "Dame X.Y." (statt mit "Frau X.Y." angesprochen zu werden. Die Klage wurde abgewiesen. Das Wort "Dame" entstammt nämlich dem romanischen Sprachbereich und ist (wegen des Vorhandenseins von "Frau") im Deutschen überflüssig. "Dame" geht auf das lateinische "domina" zurück, und das gehört zu dem Wort "dominus", das z.B. im Italienischen (und ähnlich auch im Spanischen und Portugiesischen) als "Don" (zur weiblichen Form "Dona"/"Donna") vorkommt.

Seien wir also konsequent und sprechen wir von (ganz ohne abwertenden Beiklang!) "Weibern und Männern" sowie von "Frauen und Herren", und lassen wir die "Dame" in den romanischen Sprachen, wo sie hingehört. Davon, daß in modernen Übersetzungen oder Neubearbeitungen alter Texte das Wort "Weib" ausgemerzt und durch "Frau" ersetzt worden ist (wie z.B. in der Revision des Alten Testaments von 1984) sollten wir uns nicht irritieren lassen.

7.3.2010

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Angenehmes und Unangenehmes

Zu besonderen Anlässen wünschen wir ja alle einander immer »alles Gute«. Aber was ist »Gutes«? Ist Gutes nur das Erfreuliche und Angenehme, das, was uns das Leben leicht macht, die Erfüllung unserer Wünsche und Träume? Oder kann nicht auch etwas gut für uns sein, das uns Schwierigkeiten bereitet? Sind es nicht oft gerade die besonders großen Probleme in unserem Leben, die uns die Möglichkeit geben, an ihnen zu wachsen und als Persönlichkeiten zu reifen?

So kann sich also auch ein Schicksal, an dem wir schwer zu tragen haben, als gut für uns erweisen. Wenn wir es, sofern wir es nicht ändern können, annehmen, kann es uns zum Kraftquell werden, und wir gehen gestärkt daraus hervor. Nein, »Gutes« ist nicht nur das Angenehme, ist nicht nur, Glück zu haben! Glücklich zu sein heißt auch - zu wissen, daß man nicht glücklich sein muß. Unser Glück besteht nicht nur darin, daß wir »Glück gehabt« haben im Leben, sondern vor allem darin, daß wir wir selbst sind, daß wir jeden Tag bewußt erleben und das tun können, was für uns wichtig ist.

Wir können übrigens selbst entscheiden, ob wir glücklich oder unglücklich sein wollen! Es ist allein unsere Entscheidung, ob wir uns über eine unerfreuliche Sache auf unserem Weg ärgern wollen, oder ob wir sie mit Gelassenheit zur Kenntnis nehmen - und dann weitergehen. Wenn wir uns mit beiden Händen an Ärger und Wut, an Kummer und Sorge, an Schmerz und Verzweiflung festklammern, dann haben wir keine Hand mehr frei, um nach dem Mut und der Kraft, nach Optimismus und Lebensfreude zu greifen.

Und dennoch gehört beides zu unserem Leben: das Unangenehme wie das Angenehme. Wenn wir nicht das Unangenehme kennengelernt hätten, könnten wir ja gar nicht wissen, was angenehm ist. Wir wüßten nicht, was Freude ist, hätten wir nicht Traurigkeit erlebt. Wir könnten nicht lachen, wenn wir nicht auch fähig wären zu weinen. Die Erfahrung dieser Gegensätze bereichert unser Gefühlsleben. Es liegt in unserer Natur, daß wir das Glück einer Situation umso deutlicher spüren, wenn wir ihr Gegenteil erlebt haben.

Deshalb sollten wir lernen zu bejahen, was wir nicht ändern können. Vielleicht dienen wir uns überhaupt dann selbst am meisten, wenn wir mit uns und dem Leben in Übereinstimmung sind, weil wir »ja« sagen können. „Bejahen ist Magie“, schrieb Hermann Hesse. Wenn wir »ja« sagen können zu den unangenehmen Dingen, die nicht zu ändern sind, dann verlieren sie nämlich in der Tat ihre Macht über uns. Besonders zu den schweren Zeiten in unserem Leben sollten wir lernen, »ja« zu sagen, denn selbst wenn wir ganz unten sind, dann hat das ja auch etwas Gutes: Wir können nicht tiefer fallen! Aber wir können uns auch wieder nach oben abstoßen, sobald wir wieder genug Kraft haben.

Gefühle werden von Gedanken hervorgerufen. Es gibt Gedanken, die gute Gefühle erwecken, und es gibt Gedanken, die erdrückende Gefühle erzeugen. In einem alten Gebet heißt es: »Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann...« Man könnte die Bitte hinzufügen: »... und laß mich erfahren, daß sie einen Gewinn für mich bedeuten können.« Es tut gut zu wissen, daß Traurigkeit, Angst und Schwäche in unserem Leben nicht das letzte Wort haben: Wir dürfen in jeder Situation, in die wir geraten, voller Hoffnung sein: Es gibt keine hoffnungslose Lage! »Dum spiro spero«, sagten die alten Römer, solange ich atme, hoffe ich. Nach jeder Zeit der Traurigkeit und der Niedergeschlagenheit kommt wieder eine Zeit der Zuversicht und der Fröhlichkeit – auch wenn wir das manchmal gar nicht glauben können. Aber »alles hat seine Zeit...«, lehrt der Prediger.

25.5.2010

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 Vergebung

"Dann trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft soll ich meinem Bruder, der wider mich sündigt, vergeben? Bis siebenmal? Jesus spricht zu ihm: Nicht sage ich dir, bis siebenmal, sondern bis siebzig mal sieben." (Matthäus 18,21 f. - FreeBible 2004)

"Wer nicht vergeben kann, zerstört eine Brücke, über die er gehen muß, denn jeder Mensch braucht Vergebung." (Edward Herbert)

Fast jedesmal, wenn wir tief in unsere Seele blicken, finden wir dort dieselben Fehler, Schwächen und Vergehen, die wir bei anderen verurteilen. Sollten wir allerdings ein gleiches Vergehen in uns selber einmal nicht finden sollten, dann entdecken wir gewiß andere, ebenso schlimme oder gar noch schlimmere. Wenn wir uns in andere Menschen hineinversetzen, dann verlieren wir unseren Stolz und unsere Selbstgerechtigkeit. Nur wer seine eigenen Schwächen kennt, kann die Schwächen seines Nächsten vergeben, und nur wenn wir anderen vergeben, erlangen wir Vergebung.

Die Fähigkeit, Menschen vergeben zu können, die uns verletzt, beleidigt oder weh getan haben, ist wohl eine der schwersten Künste. Viele Menschen sind nicht bereit, sich von einen einmal erfahrenen Schmerz emotional zu trennen. Sie merken dabei gar nicht, daß derjenige, dem sie mit ihrer unversöhnlichen Haltung am meisten schaden, sie selbst sind. Denn sie durchleiden Streß, schlaflose Nächte, Magenschmerzen, vielleicht sogar eine chronische Erkrankung.

Ich denke, daß Vergebung ganz unabhängig vom Glauben eines Menschen ein Weg zur Befreiung ist - und zwar für den, dem vergeben wird, aber nicht minder für den, der vergibt. Das erstere ist sofort einsichtig, deshalb lege ich das Augenmerk hier mehr auf das letztere: die Befreiung für den Vergebenden. Wer nicht vergeben kann, bleibt unter dem Druck des Ärgers oder gar des Hasses gegen den anderen, der ihm Schwerwiegendes zugefügt hat, unter dem Druck des immer neu belebten Leidensgefühls über das Erlittene und unter dem Druck des Selbstmitleides deswegen. Das kann ein ganzes Leben verbittern und vergiften, ohne daß es einen Nutzen brächte! Nur die Vergebung kann die Wunden heilen und dauerhaft Frieden bringen.

Doch wie macht man das - dem anderen vergeben? Selbst wenn man vergeben möchte, kann man doch nicht einfach vergessen, was der andere getan hat. Solche Erfahrungen, die einmal im Gehirn gespeichert sind, kann man nicht einfach wieder löschen. Im Gegenteil: Je mehr wir sie vergessen wollen, desto mehr beschäftigen wir uns damit.

Vergeben ist also nicht gleich Vergessen. Es ist vielmehr eine ganz bestimmte Art und Weise, wie ich mit dem, was ich nicht vergessen kann, umgehe. Vergeben heißt: dem, was ich vergeben habe, nicht mehr zu gestatten, daß es mein Verhältnis zu dem Menschen trübt, der schuldig an mir geworden war.

"Ich vergebe dir" heißt: Ich werde dir nie wieder vorhalten, was du getan hast. Ich werde es dir auch innerlich nicht mehr vorwerfen. Die Sache wird sich nicht mehr trennend zwischen dich und mich schieben. Wenn die Sache überhaupt noch einmal zur Sprache kommt, dann so, daß du dabei fröhlich zuhören könntest.

Sehr heilsam kann es übrigens auch sein, sich selbst zu vergeben. Viele Menschen leiden lebenslang unter einer eigenen schweren Schuld. Wer an die Erlösungswirkung des Kreuzestodes Jesu glaubt, erfährt in diesem Glauben die Vergebung und damit seine Befreiung. Wer nicht an das Kreuzesdogma glaubt, kann zu der Einsicht gelangen (oder behutsam geführt werden), daß er auch durch lebenslanges Büßen seine Schuld nicht ungeschehen machen, daß er sie sich aber vergeben kann, indem ihm bewußt wird: Ich kann das Geschehene als eine Realität akzeptieren und bedauern, und dann kann ich es für immer loslassen, es endgültig hinter mir lassen und nach vorn schauen.

16.7.2010

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