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Murmann Verlag GmbH, Hamburg, 3. Auflage, 2007 "Kommunikationsfalle" kann Verschiedenes bedeuten. Am häufigsten dürfte es wohl diese zwei Erscheinungen bezeichnen: 1. Kommunikationsfehler locken uns in die Falle der Mißverständnisse, der Konflikte, der Zerwürfnisse; sie machen uns einsam und krank. 2. Die moderne Kommunikationstechnik lockt uns in die Falle der Unfreiheit, des Zeitmangels, der Verkümmerung unserer Seele und unserer sozialen Beziehungen. Dieses Buch bezieht sich auf die zweite Bedeutung. Taschenfernsprecher, Kurzmitteilungsdienst, Rechner, E-Post, Weltnetz sind nicht nur technische Wunderwerke, sondern auch unverschämte Zeitdiebe, die unser Leben besetzen und erobern. Inzwischen sind wir davon überzeugt, sie zu brauchen, obwohl es bis vor kurzem noch ganz ohne sie ging. Wir haben sie lieben gelernt, aber wir geraten auch immer mehr in ihre Abhängigkeit. Rechnerprobleme zum Beispiel sind Probleme, von denen wir ohne Rechner nichts wüßten, und die Zeit, die moderne Technik uns einspart, fordert sie um ein Vielfaches zurück, bis wir sie beherrschen und damit sie fehlerfrei funktioniert. Die Bequemlichkeit und Belustigung, die sie uns gibt, bezahlen wir mit der Gefangenschaft in der Falle, in die sie uns zieht: Sie frißt viel von unserer Energie, die wir eigentlich für uns selber und für andere brauchten. Miriam Meckel fragt: "Zerstören die neuen Kommunikationstechnologien unsere Identität und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen? Machen sie uns wirklich schneller. produktiver und effizienter? Oder simsen und mailen wir uns orientierungs- und besinnungslos?" Die Autorin kommt zu dem Ergebnis: Wir brauchen unbedingt Kommunikationspausen. Wer sich verständigen und verstanden werden will. muß in aller Ruhe und Besinnlichkeit nachdenken können und sich ausführlich erklären dürfen. Wer immer und überall für jeden erreichbar sein will, verliert sich am Ende selbst. Für jemanden oder etwas wirklich da zu sein bedeutet, regelmäßig auch abzuschalten und dann nur für sich selbst da zu sein. Ich habe dieses spannende Buch mit großer Anteilnahme in fast einem Zug gelesen und empfehle es Dir gerne weiter! © Eberhard E. Küttner, 15.3.2009
Haushofer, Marlen: Die Wand. Roman, Die Ich-Erzählerin, seit zwei Jahren verwitwet, ist von ihrer Cousine und deren Mann eingeladen worden, drei Tage mit ihnen in einem Jagdhaus in den Bergen zu verbringen. Alle drei sowie der Hund Luchs sind guter Dinge. Am Nachmittag nach der Ankunft entschließt sich das Ehepaar, einen Spaziergang ins Dorf zu machen. Die Erzählerin bleibt im Haus, und bald trottet auch Luchs zurück zu ihr. Es wird Abend, es wird Nacht, aber die beiden Spaziergänger kehren nicht zurück. Auch als die Frau am Morgen erwacht, sind die Betten noch immer unberührt. Unruhig macht sie sich an diesem strahlenden Maimorgen mit dem Hund auf den Weg ins Dorf. Aber sie kommt nicht weit: Am Ende der Schlucht, durch die der Weg hindurch führt und sich zur Straße verbreitert, heult Luchs vor Schmerz auf, er jault und winselt, und die Frau sieht erschrocken seine blutende Schnauze. Er muß sich an etwas gestoßen haben. Aber es ist nichts zu sehen. Dann stößt auch die Frau an etwas Glattes, Kühles, das sie am Weitergehen hindert. Sie denkt zunächst an eine Sinnestäuschung, aber die schmerzende und anschwellende Beule auf ihrer Stirn belehrt sie eines Besseren: Da ist eine unsichtbare Wand, hinter der die Straße weitergeht, aber die ist völlig leer. Alles, was jenseits der Wand lebte, ist tot: der Vogel, der am Boden liegt, der Mann im nächsten Gehöft, der unbeweglich an seinem Brunnen steht, die gehöhlte Hand wie mitten in der Bewegung eingefroren, zum Gesicht erhoben. Die Frau hämmert mit den Fäusten gegen die Wand, aber die bewegt sich nicht und bleibt undurchlässig. Am Abend davor muß diese Wand dahin gekommen sein, die nun das lebendige Hier vom erstorbenen Drüben trennt, von jenem Drüben, in dem auch die Cousine und ihr Mann offensichtlich vom Tod überrascht worden sind. In den folgenden Tagen macht sich die Frau mit Luchs, dem einzigen ihr noch verbliebenen lebenden Wesen, noch mehrfach auf den Weg, um die Wand zu erforschen und nach Fluchtmöglichkeiten zu suchen. Aber die Wand scheint in beiden Richtungen endlos zu sein, ihr Ende in der Höhe ist unerreichbar, und auch durch die Erde kann man sich nicht auf die andere Seite hindurchgraben. Irgendwann erkennt die Gefangene, daß es nicht möglich ist zu entrinnen, und also sucht sie sich nach und nach in ihrer begrenzten Welt einzurichten, so gut es geht. Glücklicherweise sind im Jagdhaus ausreichend Lebensmittelvorräte vorhanden und auch die wichtigsten Dinge des täglichen Gebrauchs wie Haushaltsgeräte, Kerzen, Zündhölzer usw. Natürlich hofft die Frau, daß die Wand, für deren Ursache und Herkunft es keinerlei Erklärung gibt, eines Tages ebenso plötzlich wieder verschwinden würde, wie sie gekommen ist, oder daß vielleicht ein zufällig auftauchendes Flugzeug die Rettung bringen könnte, oder daß noch ein anderer Mensch käme, mit dem gemeinsam sich ein Ausweg finden ließe. Aber zunächst findet sich nur eine Katze und eine Kuh, die ihr zulaufen und die gemeinsam mit Luchs, dem treuen Gefährten, für lange Zeit die einzigen Mitbewohner im Jagdhaus bleiben. Sehr viel später soll sich zwar auch die Sehnsucht nach einem menschlichen Wesen erfüllen, aber diese kurze Begegnung endet sehr tragisch. Aus Wochen werden Monate und aus Monaten Jahre. Nach mehreren Sommern bekommt die Katze Junge, und die Kuh kalbt. Für die Tiere zu sorgen macht den Hauptinhalt des Alltags der Frau aus, gibt ihm Aufgabe und Struktur und erhält letztlich ihren Lebenswillen. Als sie fast alle verloren hat, greift sie schließlich zu den letzten Schreibgeräten, die ihr noch verblieben sind, einem fast ausgetrockneten Kugelschreiber sowie drei Bleistiftstummeln, und bringt ihre Geschichte zu Papier. Ob jemals ein Mensch sie lesen wird, weiß sie nicht. Die Autorin gibt der Ich-Erzählerin den Sprachstil einer praktisch veranlagten Frau unserer Tage im mittleren Lebensalter, die mit ihrer Natürlichkeit und Authentizität überzeugt. Einerseits glaubt man dieser Frau, daß sie bisher nicht zu schreiben gewohnt war und bescheinigt ihr gerade deshalb gern, daß sie es gut kann. Sie hat sich vor diesem tiefen Einschnitt in ihr Leben auch nie besonders mit philosophischem Denken beschäftigt und wohl auch kaum groß über fundamentale Lebensfragen reflektiert. Das wird ihr in der Jagdhütte auch deutlich bewußt: So vieles hat sie einmal gelernt, aber kaum etwas weiß sie wirklich. Das macht sie dem heutigen Leser sympathisch, weil er sich in ihr wiedererkennt. Daher paßt es auch sehr genau zu dieser Figur, daß der Text in einer einfachen, klaren Sprache geschrieben ist, die bescheiden wirkt, auf jedes Pathos verzichtet und frei ist von vordergründiger Psychologisierung ebenso wie von allzu leicht durchschaubaren Deutungsangeboten. Vor allem in diesem Stil offenbart sich die Meisterschaft der Autorin. Deutungen vorzunehmen und Gefühle nachzuempfinden ist und bleibt die Sache des Lesers. Aber das dürfte ihm auch nicht schwerfallen, denn die Geschichte ist von Anfang bis Ende eine groß angelegte und bis ins kleinste Detail fein ausgearbeitete Parabel voller Metaphern. Da ist alles aufeinander abgestimmt und stimmig. Das zentrale Motiv ist die unüberwindbare Wand, die sich als unbarmherziges Schicksal plötzlich und unvorhersehbar vor uns auftut und unsere ganze Lebensplanung zunichte macht. Hinter dieser gläsernen Wand geht die Straße weiter - aber nicht mehr für uns. Das "Drüben", zum Greifen nah, ist uns mit einem Schlag unerreichbar geworden. Wir sind unentrinnbar gefangen in der Situation, wie sie nun ist, und nichts ist mehr so, wie es war. Nun müssen wir zusehen, wie wir damit fertig werden. Diese Erfahrungen können wir alle machen, und viele haben sie schon machen müssen. Aber die Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf die Wand. Die einen können und wollen sich nicht mit ihr abfinden, und sie vergeuden ihre ganze Kraft in einem Kampf, den sie nicht gewinnen können. Damit aber zerstören sie letztlich ihr Leben und sich selbst. Die anderen lernen die Wirklichkeit zu akzeptieren, freilich ohne gänzlich hoffnungslos zu werden, und richten sich in der neuen Situation bestmöglich ein. So macht es die Frau in diesem Roman. In ihrer ausweglos scheinenden Lage könnte der Zweifel am Sinn des Weiterlebens die Oberhand gewinnen. Freilich hat auch sie mitunter den Gedanken gehabt, ob es nicht klüger wäre, sich beizeiten umzubringen, anstatt einem Dahinvegetieren ohne einen Menschen und - im Falle ernster Krankheit und Hilflosigkeit - ohne Arzt und Hilfe zu sein oder dem Verhungern entgegensehen zu müssen, wenn eines Tages alle Vorräte aufgebraucht sein würden. Aber da waren ja die Tiere. Für sie mußte sie leben. Als die Tiere dann bis auf eines nicht mehr da waren, war es das Aufschreiben ihres Berichtes, dessentwegen sie leben mußte. Danach würde es ganz sicher wieder etwas anderes sein, das sie am Leben hielt. Die Existenz der Wand wirft also unter anderem solche Fragen auf
wie: Der Roman gibt auf diese Fragen, ohne sie etwa in ihrer Schwere unzulässig zu verharmlosen, durchweg lebensbejahende Antworten und vermittelt damit eine natürliche optimistische Grundhaltung, eine positive Lebenseinstellung, die Mut und macht und Zuversicht gibt. Am Ende des Romans, als die Frau ihren Bericht vollendet, schreibt sie noch hinein: "Jetzt bin ich ganz ruhig. Ich sehe ein kleines Stück weiter. Ich sehe, daß das noch nicht das Ende ist. Alles geht weiter." Die Schriftstellerin Marlen Haushofer, geboren 1920 im oberösterreichischen Frauenstein und gestorben 1970 in Wien, ist eine bedeutsame Dichterin, in deren Prosawerk sich viel Poesie findet. Ihr gelang die literarische Gestaltung von Szenen stark einprägsamer Originalität, leidenschaftlicher Wahrheit und verblüffender Entfremdung. 1968 erhielt sie den österreichischen Staatspreis für Literatur. Ihr Thema ist der Mensch in seiner schicksalhaften Verflochtenheit mit den Gegebenheiten des vielgestaltigen und konfliktreichen Lebens und wie er sich und seiner Menschlichkeit aber stets treu zu bleiben versucht. So ist in Marlen Haushofers Werken ein tiefer Humanismus zu finden, wie er auch in der "Wand" deutlich zu erkennen ist. Nicht nur, wer sich in einer Lebenskrise befindet, wird diesen Roman mit Gewinn lesen, er kann jedem Menschen etwas sehr Wertvolles geben: die Anregung, über sich selbst und sein Leben nachzudenken und möglicherweise bisherige Werte in Frage zu stellen. Darüber hinaus ist die Lektüre dieses Buches durch ihre Sprache und die Bilder, die sie in die Vorstellung des Lesers malt, ein ästhetischer Genuß. Obzwar der 234 Seiten lange fortlaufende und nicht in Kapitel unterteilte einschichtige Text (der übrigens wohl eher dem Genre der Erzählung zuzurechnen ist als dem des Romans) auf den ersten oberflächlichen Blick schwierig zu sein anmutet, hat er doch von der ersten bis zur letzten Seite eine Faszination auf mich ausgeübt, deren Spannung mich die ganze Zeit über in Atem hielt. Dieser Roman ist Marlen Haushofers Hauptwerk und, wie Eva Demski schrieb, eines der Bücher, "für deren Existenz man ein Leben lang dankbar ist". Leider ist das erstmals 1968 beim Claassen Verlag GmbH Hildesheim erschienene Buch schon länger nicht mehr neu aufgelegt worden, es kann aber über Antiquariate bezogen werden. Auf den Netzseiten von www.amazon.de wird es beispielsweise als Gebrauchtexemplar für einen Preis zwischen 4,20 und 6,50 Euro angeboten. © Eberhard E. Küttner, 15.08.2005
Stanbury, ein Dorf nahe der englischen Stadt Yorkshire, ist der Hauptschauplatz der Ereignisse. Dort verbringen alljährlich drei befreundete deutsche Ehepaare mit Kindern ihren Urlaub, von denen einer Grundstück und Haus in romantischer Landschaft gehört. Nach außen hin sieht es so aus, als ob die seit Jahrzehnten währende Freundschaft zwischen diesen neun Menschen auf einer unzerstörbaren Harmonie gegründet ist, aber der Schein trügt. Jeder spürt auf seine Weise, daß da etwas nicht stimmt, aber niemand außer Ricarda, einer der Töchter, und ihrer Stiefmutter Jessica wagen es, dieses Unbehagen auszusprechen. Die Vorgängerin an der Seite ihres Ehemannes hatte sich schon deswegen scheiden lassen, weil sie die auf rätselhafte Art belastenden Beziehungen in der Gruppe nicht mehr hatte ertragen können. Dieses Miteinander erscheint auch Jessica bedrückend zwanghaft und verlogen, die ganze scheinbar so idyllische Atmosphäre wirkt in ihrer eigenartig lauernden Stille bedrohlich. Sie gewinnt immer mehr den Eindruck, daß Alexander, ihr Mann, sich der Gruppe mehr verpflichtet fühlt als ihr, und sie fürchtet, daß es ihr wie seiner ersten Frau ergehen könnte, die er dieser Freunde wegen hatte fallen lassen. Als er derentwegen schließlich sogar das Vertrauen und die Liebe seiner Tochter verspielt, beabsichtigt sie endgültig, auf eine Klärung dieser rätselhaften und unnatürlich anmutenden Bindungen zu dringen. Sie kommt allerdings nicht mehr dazu, denn es geschieht völlig unerwartet ein fürchterliches Verbrechen in dem Haus von Stanbury, dem auch Alexander und fünf weitere Personen zum Opfer fallen. Es gibt nur drei Überlebende, zu ihnen gehören auch Jessica und ihre Stieftochter Ricarda. Durch diesen grausamen Massenmord, dessen Urheber lange unbekannt bleibt, wird gleichsam wie eine Lawine eine Entwicklung ausgelöst, die nach und nach all die Verstrickungen aufdeckt, die zwischen den einzelnen Personen existiert haben. Das verworrene Geflecht von Schuld wird allmählich bloßgelegt, das diese Menschen aneinander gebunden und zum Schweigen verdammt hatte; die weit in der Vergangenheit zurückliegende Wurzel des Verschworenseins der drei Männer wird offenbar, und all die Geheimnisse, Widersprüche und Ungereimtheiten klären sich auf, die über den Personen der Handlung ebenso spannungsvoll lagen wie über dem Leser. Die Übriggebliebenen werden mit ihrer ganz persönlichen Wahrheit konfrontiert, und das Ende des Schweigens wird zugleich zum Anfang des Redens, zum Beginn ihrer Befreiung und eines neuen Weges. Es gelingt der Erzählerin in hervorragender Weise, mit sprachlichen Mitteln die extreme Unterschiedlichkeit und auch die Entwicklung der Hauptfiguren herauszuarbeiten. Als ganz besonders gelungen empfinde ich die Charakterisierung der Ricarda, die in den dazwischengeschobenen Tagebucheintragungen sehr überzeugend in der Denk- und Gefühlswelt eines fünfzehnjährigen Mädchens lebt und deren Sprachstil schreibt. Er unterscheidet sich deutlich von den verschiedenen Ausdrucksweisen der anderen Personen, die allein schon an ihrer Sprechweise zu erkennen sind. Auch eingefügte Texte psychologischer Beobachtungen einer der handelnden Figuren treffen genau den wissenschaftlichen Stil und sagen zudem sehr viel über die Persönlichkeit des Schreibers aus. Diese meisterhafte Sprachbeherrschung ist eine der Stärken der Autorin. Eine andere besteht in der Fähigkeit, Menschen mit ihrem Denken und Tun, ihrem Erleben und Verhalten zu erklären. So kommt zu ihrem großen Erzähltalent noch die Spannung, die aus der psychologischen Tiefe des Erzählten erwächst. Diese ist es vor allem, die weit mehr als nur einen reinen Kriminalroman entstehen läßt. Die in Wiesbaden lebende Autorin Charlotte Link, geboren 1963, hat sich in den letzten Jahren zu einer der erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen entwickelt. Ihre letzten Romane ("Die Täuschung", "Die Rosenzüchterin", "Der Verehrer", "Das Haus der Schwestern" und die Trilogie "Sturmzeit") beweisen eine beachtliche Vielseitigkeit ihres Talents: Vom psychologisch-tiefgründigen über den intelligent-spannenden Kriminalroman bis zum großen Familien- und Gesellschaftsroman beherrscht sie alle Genres der epischen Literatur. Ihre Bücher existieren bereits in mehreren Sprachen, ihre verfilmten Romane "Sturmzeit" und "Die Täuschung" waren große Publikumserfolge. Der über 600 Seiten umfassende Roman verfügt über eine klare, übersichtliche Gliederung und bleibt trotz mehreren Nebenhandlungen und Rückblenden immer als Ganzes verständlich. Die einzelnen anfangs und später begonnenen Handlungsstränge fügen sich nacheinander zu einer stimmigen Komposition zusammen. Das Buch besteht aus vier Teilen mit jeweils ein bis drei Dutzend Kapiteln. Jeder Teil, dem immer ein Prolog vorangestellt ist, behandelt einen relativ in sich abgeschlossenen Zeitabschnitt des streng chronologischen Ablaufs vom 12. April bis zum 27. Mai eines nicht näher bestimmten Jahres in der Gegenwart. Während dieser sieben Wochen vollzieht sich die gesamte minutiös beschriebene Handlung. Diese epische Breite wird aber nie langweilig, die Leselust läßt an keiner Stelle nach, die Spannung bleibt bis zur letzten Seite erhalten. Charlotte Links Buch "Am Ende des Schweigens" gehört zu den Romanen, deren Lektüre man nur notgedrungen unterbricht. Selbst eine vierstündige Wartezeit beim Arzt war mir mit ihm diesmal nicht lästig, sondern sogar willkommen, und das will schon etwas heißen. Die Lektüre bedeutete für mich einen tagelangen großen Lesegenuß. Wer an guter Literatur interessiert ist, die nicht nur den nach oberflächlicher Unterhaltung suchenden Leser anspricht, sondern auch geistige und ästhetische Ansprüche auf hohem Niveau erfüllt, dem kann ich dieses Buch sehr empfehlen. Als Neuerscheinung ist das Buch in gebundener Form zum Preise von EUR 23,90 zu haben. © Eberhard E. Küttner, 24.12.2003
Bücher, die zur Lebenshilfe
geschrieben werden, gibt es wie Sand am Meer. Darunter finden sich neben vielen, deren
Lektüre sich kaum lohnt, einige, die durchaus gut und brauchbar, aber nicht besonders
nachhaltig sind in ihrer Wirkung auf den Leser, und schließlich ganz wenige Perlen, die
man als Kostbarkeiten aufbewahrt und immer wieder zur Hand nimmt. Der Verfasser, Mitch Albom,
geboren 1958, lebt in den USA und gilt dort als der berühmteste Sportkolumnist. Außerdem
ist er Radiomoderator und Fernsehjournalist. Das große Thema ist: Wie
leben? Wie sterben? Aber da ist keine theoretische Abhandlung mit vielen weisen
Ratschlägen aufgeschrieben worden, sondern die Quintessenz eines langen und erfüllten
Lebens, das bis zum letzten Atemzug würdevoll gelebt wird. Das Buch umfaßt 28 Kapitel,
14 davon sind den einzelnen Dienstagen zugeordnet. Zwischen mehrere Kapitel wurden -
inhaltlich gut passende - kurze Texte aus alten Überlieferungen sowie Erinnerungen Mitchs
an seine College-Zeit eingefügt. Diese Rückblenden zeigen einen Hochschullehrer, der ein
ganz besonderer Mensch ist. "Morrie glaubte an das Gute in allen Menschen" (S.
175), und Mitch fragt den Leser: "Haben Sie jemals einen richtigen Lehrer gehabt?
[...] Wenn Sie das Glück hatten, einmal einen solchen Lehrer gefunden zu haben, dann
werden sie auch immer wieder den Weg zu ihm finden" (S. 217f.). Dieses Buch hat mich
beeindruckt wie nur sehr wenige andere, es hat mein Weltbild bestätigt und erweitert, in
vielen Punkten meine Ansichten bestärkt und ergänzt, an manchen Stellen hat es
verborgene Saiten in mir zum Klingen gebracht, an anderen wieder hat es mich zu Tränen
gerührt. Es hat mir den Kopf und das Herz angesprochen, und es wird, da bin ich sicher,
ein Stück wohl auch mein eigenes Leben und Sterben beeinflussen. Ich weiß, daß ich es
noch oft lesen und daraus zitieren werde. © Eberhard E. Küttner, 17.11.2003
Seit länger als einem Jahrzehnt gehe ich sehr selten ins Kino, denn ich entschließe mich nur dann zum Kauf einer der teuren Eintrittskarten, wenn ich einigermaßen sicher sein kann, daß der Film es wert ist, und das kommt nicht oft vor. Bei "Good Bye, Lenin!" habe ich nach dem, was ich darüber gelesen und gehört hatte - nicht lange gezögert, und ich habe die Entscheidung nicht bereut. Dieser Film gehört zu den besten und eindrucksstärksten, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. In den wirren Oktobertagen des
Jahres 1989 fällt in Berlin (Hauptstadt der DDR) Christiane Kerner, die Mutter des
21jährigen Alex, nach einem Herzinfarkt ins Koma, aus dem sie erst acht Monate später
wieder erwacht. Sie weiß also nicht, daß in Berlin keine Staatsgrenze mehr gesichert
wird, daß der Kapitalismus mit seinem Geld, seinen schnellen Autos, seiner aggressiven
Produktwerbung, seinen großen Supermarkt- und Fast-Food-Ketten die Hauptstadt inzwischen
überschwemmt hat, daß die in vierzig Jahren mit Herzblut und Schweiß errichteten
Fundamente der Deutschen Demokratischen Republik zu Tode erschüttert sind und damit auch
der reale Sozialismus, dem Alex' Mutter sich eng verbunden fühlt. Da der Arzt dringend
empfiehlt, jede Art von Aufregung von der Patientin, die noch nicht ganz außer
Lebensgefahr sei, unbedingt fernzuhalten, beschließt Alex, die Mutter - entgegen der
ärztlichen Warnung - nach Hause zu holen, damit sie im Krankenhaus nicht unvorbereitet
und schonungslos mit jenen unglaublichen Ereignissen konfrontiert werde, die für sie die
folgenschwersten aller möglichen Aufregungen wären. So soll wenigstens innerhalb der
Wohnung auf 79 Quadratmetern die in den letzten Zügen liegende DDR so lange noch einmal
in alter Souveränität erstehen, bis man eines Tages der Mutter die Wahrheit würde
zumuten können. Der Film gewinnt seine
besondere Eindrucksstärke vor allem durch die Besetzung aller Rollen, selbst der
kleineren, mit ausgezeichneten, hochrangigen Schauspielern. Es stellt sich die Frage, was
dieser Film eigentlich sein soll: Eine Groteske? Ein Schwank? Eine Komödie? Eine
Tragikömödie? Eine lyrische Reminiszenz? Ein ernsthaftes Stück Geschichtsaufarbeitung
mit ungewöhnlichen Mitteln? Ein modernes Märchen? Ich meine, er ist das alles nicht und
hat doch von all dem ein bißchen. Heute in Deutschland einen
Spielfilm über die Deutsche Demokratische Republik zu produzieren, ist ein schwieriges
Unterfangen, das sich auf schmalem Grat bewegt: Einerseits droht der Absturz in die
Seichtheit grotesker Übertreibung, die den Stoff der Lächerlichkeit preisgibt, weil sie
im provokanten Widerspruch zur historischen Realität ein Zerrbild von jenem Lande
zeichnet, das nur noch die älteren unter den ehemaligen DDR-Bürgern wirklich kennen. Das
ist zum Beispiel beim Film "Sonnenallee" passiert. Andererseits droht der
Absturz in die Hölle der pauschalen Verteufelung des politischen Systems und der
gesellschaftlichen Realität der DDR und einer ebenso einseitigen und damit der
Wirklichkeit nicht gerecht werdenden Verzeichnung des Alltagslebens in diesem Lande mit
überwiegenden Grau- und Schwarztönen, allüberall bedrückend eingeengt von schmerzhaft
grellem Rot. Das kennen wir aus mehreren tendenziösen Filmen mit eindeutiger
DDR-Aversion. © Eberhard E. Küttner, 17.2.2003 Nachtrag:
Matthews,
Anne McLean: Die Höhle. Roman, Manchmal - besonders am Abend eines anstrengenden Tages - verspüre ich das Bedürfnis, mich von einem Roman auf intelligente Weise unterhalten und in eine fiktive Welt entführen zu lassen, die meinen Geist in einer ganz anderen Art beansprucht als mein Alltag. Wenn ein solcher Roman ein mich inspirierendes Thema hat und eine schlüssige und überschaubare Handlung, wenn er klug komponiert ist, sprachlichen Genuß bereitet und mit psychologischem Tiefgang flüssig erzählt wird, mithin also schriftstellerisches Können beweist, dann ziehe ich ihn selbst einem guten Spielfilm vor, denn er regt meine Phantasie dazu an, mir bei der Lektüre meinen eigenen Film zu zeigen. Anne McLean Matthews' Buch "Die Höhle" ist ein solcher Roman. Ich verdanke ihm drei lange Abende fesselnder Begeisterung. Helen Myrer, eine
fünfundvierzigjährige engagierte Psychologin in verantwortungsvoller Position mit
langjährigen Erfahrungen im psychologischen Sozialdienst und Mutter zweier Kinder, hat
sich entschlossen, für zwei Wochen Urlaub in einem sehr abgelegenen Ferienhäuschen am
Lake Glory in New Hampshire zu machen, wo sie zwölf Jahre davor schon einmal mit ihrem
vor kurzem verstorbenen Ehemann eine sehr glückliche Zeit verlebt hat. Die Handlung wird im Imperfekt aus der Sicht eines Erzählers mit einer einheitlichen und gegenüber dem Geschehen und dem Leser neutral gehaltenen Darstellungsweise entwickelt. Zu dieser Erzählperspektive gehört, daß zukünftige Ereignisse nicht bekannt sind und also auch niemals angedeutet werden. So bleibt die Spannung bis zum Schluß erhalten. Aufgebaut und über die gesamte Länge von 299 Seiten durchgehalten wird die Spannung vor allem dadurch, daß die männliche Hauptfigur als eine undurchsichtige Persönlichkeit mit unvorhersehbaren Verhaltensweisen konzipiert ist und daß die Handlung immer wieder neue und unerwartete Wendungen erfährt. Dazu kommt, daß durch ein in der zweiten Hälfte des Romans sich verstärkendes Tempo der Schreckensereignisse eine Komprimierung der Erregungsmomente und eine Zuspitzung der Dramatik erfolgt, die sich erst auf den letzten drei Seiten plötzlich löst. Die scheinbar erfolgreichen Manöver Helens, die sich dann aber doch stets als trügerisch herausstellen, bringen eine zusätzliche Dynamik ins Spiel. Der Roman beginnt im ganz unspektakulären Alltagsleben und gleitet dann allmählich immer tiefer in eine unheimliche Welt hinein, die den Leser zusehends gefangennimmt. Im letzten Kapitel kulminieren die sich schließlich zu einem Ganzen zusammenfügenden Einzelerkenntnisse wie zu einem machtvollen Schlußakkord einer Symphonie. Mit den letzten Sätzen läßt die Autorin einen aufgewühlten und erschütterten Leser zurück. Der Roman, dem ein einziger, konsequent und bruchlos durchgeführter, in sich stimmiger Handlungsstrang zu Grunde liegt, ist in neunzehn nicht zu lange Kapitel gegliedert, deren Titel jeweils einen Schwerpunkt im Handlungsfortgang bezeichnen. Hin und wieder sind zwischen zwei Kapitel Tagebuchnotizen eingefügt, in denen vom Erzähler mitgeteilte Ereignisse noch einmal aus der Sicht des Psychopathen betrachtet werden. Das gibt der Konstruktion die Andeutung einer zweiten Perspektive. (Ich beziehe mich hier natürlich auf die deutsche Übersetzung aus dem Amerikanischen, die von Friederike Zeininger vorgenommen worden ist.) Dem Tempo des unberechenbaren und aktionsreichen Geschehens entspricht die sprachliche Form in gelungener Weise: Die Autorin arbeitet viel mit direktem Dialog, benutzt kurze Sätze und treffende Worte und kann mit sparsamen sprachlichen Mitteln sehr lebendige Vorstellungen beim Leser erzeugen. In der wörtlichen Rede differenziert und charakterisiert sie anschaulich die Wesenszüge der beiden Hauptfiguren und damit auch in überzeugender Weise die krankhafte Gedanken- und Gefühlswelt des Triebtäters. In kurzen, aber eindrucksvollen Passagen reflektiert der Text sensibel innere psychische Vorgänge und besonders Helens dramatisch sich zuspitzende körperliche und seelische Verfassung. Der Erzählstil entspricht der beabsichtigten realistischen und sachlichen Darstellung des haarsträubend Grauenhaften. Er wird einheitlich durchgehalten und ist bei aller Schlichtheit und Emotionslosigkeit doch wohlgeformt und von künstlerischem Anspruch. Dieser Kriminalroman hebt sich wohltuend ab von jenen vordergründig action-orientierten Horrorschockern der gegenwärtigen Trivialliteratur, die einen fragwürdigen Zeitgeschmack eines bestimmten Publikums bedienen wollen. Die Autorin hat nicht die Absicht, eventuelle voyeuristische Bedürfnisse beim Vorführen von Abnormität, Perversität und Verbrechen zu befriedigen oder gar niedere Instinkte zu wecken. Die Texanerin hat selbst Psychologie studiert, und man spürt, daß sie sehr wohl weiß, wovon sie schreibt. Sie erzählt das Ungeheuerliche mit Redlichkeit und Seriosität und ohne Effekthascherei. Mit ihrer fiktiven Geschichte, die trotzdem im künstlerischen Sinne durch und durch realistisch ist, erlaubt sie dem Leser mit dem Blick in die "Höhle" zugleich einen Einblick in die erschreckenden Abgründe der menschlichen Seele, in extreme Grenz- und Ausnahmesituationen der menschlichen Existenz und in das Instrumentarium der wissenschaftlichen Psychologie. Dabei stellt sie die Person des Kranken nicht als verabscheuungswürdiges Monster dar, wie die Öffentlichkeit es heutztutage allzu gern tut, sondern als jemanden, der trotz seiner abartigen Grausamkeit ein Mensch ist, für dessen So-Sein es Ursachen gibt, der deshalb Einfühlsamkeit, Verständnis und eine Therapie verdient und dem trotz allem die Menschenwürde nicht abgesprochen werden darf. Sie macht deutlich, daß die Potenz des Bösen in uns allen angelegt ist und daß wir mit unserem Verurteilen anderer immer auch das Urteil über uns selber sprechen. Nicht zuletzt diese zutiefst humanistische Grundhaltung macht den Roman neben seinen vielen anderen Vorzügen lesenswert. Ich werde ihn in meinem Regal neben Harris' "Schweigen der Lämmer" stellen, und sollte er einmal verfilmt wären, was ich mir sehr gut vorstellen könnte, dann möchte ich Götz George in der Hauptrolle sehen. "Die Höhle"
ist 1997 im Limes-Verlag zum Preis von DM 39,80 ( = EUR 20,35) herausgekommen. Die 1998 im
Fischer Taschenbuch Verlag erschienene Ausgabe kostete DM 14,90 ( = EUR 7,62). © Eberhard E. Küttner, 17.2.2003
Bei einem der drei Bücher, die ich mir für einen Daueraufenthalt auf der sprichwörtlichen einsamen Insel auswählen dürfte, brauchte ich keinen Augenblick zu zögern: Das wäre die Bibel. "Der Umgang mit der Bibel ist ein großes und atemberaubendes Abenteuer", hat Manfred Hausmann, ein Dichter unserer Zeit, gesagt, und das kann ich nur aus vollem Herzen bestätigen. Meine Begegnung mit diesem außergewöhnlichen Buch begann in frühen Kindertagen, als ich seine Geschichten erzählt bekam, sie setzte sich fort über die Jahrzehnte, und obgleich ich es nach unzähligem Lesen und Hören von der ersten bis zur letzten Seite zu kennen glaube, entdecke ich doch jedes Mal, wenn ich es aufschlage und mich darin festlese, wieder etwas Neues. Die Bibel ist ein Sammelwerk aus 66 einzelnen Büchern daher auch der Name "biblia" (lat. für "Bibliothek") und die Bezeichnung "Buch der Bücher". 39 davon bilden das (jüdische) "Alte Testament", d.h. jenen in hebräischer und aramäischer Sprache geschriebenen Teil, der dem heiligen Kanon der Juden entspricht; die anderen 27 Bücher bilden das griechisch verfaßte (christliche) "Neue Testament". ("Testament" hat hier nichts zu tun mit den Festlegungen für den Todesfall, sondern bedeutet, abgeleitet von lat. "testimonium", "Zeugnis", "Bezeugung" und meint den Bund Gottes mit den Menschen vor Christus ["Altes Testament"] und durch Christus ["Neues Testament"].) Es ist nicht mit letzter Sicherheit zu sagen, wann die ersten Teile des "Alten Testaments" niedergeschrieben worden sind, nachdem sie über viele Generationen mündlich weitererzählt worden waren, angenommen wird heute etwa die Zeit um 1600 v.u.Z. Die letzten Teile mögen wohl um 400 v.u.Z. schriftlich festgehalten worden sein. Das "Alte Testament" enthält aus der Frühgeschichte des Volkes Israel Überlieferungen von den Erzvätern und Propheten, Gesetze und kultische Vorschriften, Lieder und Sprüche, feierliche Texte, Lehrerzählungen u.a. Das "Neue Testament" besteht hauptsächlich aus vier Evangelien ("Guten Botschaften") vom Leben und Wirken des Jesus von Nazareth, der Geschichte der urchristlichen Gemeinde und Briefen der Apostel ("Sendboten") Jesu bzw. des neuen Glaubensweges. Die Entstehungszeit ist für den Zeitraum etwa von 50 bis 100 u.Z. anzusetzen. Die ältesten bisher bekanntgewordenen biblischen Urkunden sind auf Papyrus und Tierhäuten (Pergament) in Rollenform geschrieben. Die Originale sind freilich verlorengegangen. Allein die Zahl der erhalten gebliebenen hebräischen Abschriften wird auf ca. 6000 geschätzt. Um 400 wurde der Kanon (die Gesamtheit der aufzunehmenden Bücher) der Bibel endgültig festgelegt und das "Alte Testament" ins Griechische übersetzt und danach die ganze Bibel ins Lateinische. Bereits im Jahre 500 gab es die erste Handschrift in althochdeutscher Sprache. In den darauffolgenden Jahrhunderten ist die Bibel in den Klöstern immer wieder kopiert worden. Diese Tätigkeit wurde als eine meditative Art des Gottesdienstes empfunden, und so schufen die Mönche zum Lobe Gottes die kunstvollsten und kostbarsten Buchhandschriften des frühen und späten Mittelalters. Im Jahre 1534 vollendete Martin Luther nach vielen Jahren Arbeit sein großes Schöpfungswerk einer (neuhoch-)deutschen Bibelübersetzung, die wenn auch mehrmals revidiert (sprachlich angeglichen) - bis zum heutigen Tage die bekannteste und am meisten verwendete in Deutschland geblieben ist. Sie hat den Anstoß gegeben für die Entwicklung einer einheitlichen deutschen Sprache, und sie hat jahrhundertelang den Sprachgebrauch der Menschen geprägt. Eine große Zahl von Redewendungen und Sprichwörtern, die wir noch heute benutzen, sind Bibelstellen im Luther-Deutsch. Bis ins XX. Jahrhundert war die Luther-Bibel nahezu die einzige deutsche Bibel. Seit Ende des I. Weltkrieges sind allmählich erste neue Übersetzungen hinzugekommen, und nach 1945 ist ihre Zahl sprunghaft angestiegen. Einer der Gründe dafür sind die neueren Erkenntnisse der Bibelwissenschaft, nach denen es bei den zahlreichen hebräischen Handschriften viele verschiedene Lesarten gibt, die unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten erlauben. Zum anderen ist es äußerst schwierig, ja nahezu unmöglich, Formulierungen aus dem Hebräischen, einer Sprache, die völlig anders strukturiert ist als die deutsche, und aus dem Altgriechischen so in unsere Sprache zu übersetzen, daß sie beim heutigen Menschen möglichst die gleichen Vorstellungen und Gefühle erwecken, die im Ursprungstext gemeint sind. Entweder man möchte dem Grundtext so weit wie möglich sprachlich treu bleiben und muß damit schwerer verständliche oder gar mißverständliche Formulierungen in Kauf nehmen, oder man entscheidet sich für eine freiere Übertragung, die der Absicht des Originals dann zwar vielleicht inhaltlich näher kommt, sich aber in der sprachlichen Form zu weit vom ihm entfernt. Gerade das aber ist für diejenigen Christen unakzeptabel, die an die Verbalinspiration (die buchstabengetreue Eingebung der Texte durch Gott) glauben. Zwischen diesen beiden Gefahren standen und stehen alle Bibelübersetzer, und jeder versucht nach bestem Wissen und Gewissen, einen akzeptablen Kompromiß zwischen den beiden Polen Formtreue und Inhaltstreue zu finden. Von den heute gebräuchlichsten deutschsprachigen Bibeln sind die - mit Abstufungen - mehr formgetreuen: die Elberfelder Bibel, die Zürcher Bibel, die Luther-Bibel und die Einheits-Übersetzung; und die mehr inhaltsgetreuen sind: die Menge-Bibel, die "Gute-Nachricht"-Bibel und die "Hoffnung-für-alle"-Bibel. Außer diesen existieren sehr viele weitere mehr oder weniger gelungene - Versuche, dem sehr hohen Anspruch einer Bibelübersetzung gerecht zu werden. Als eine besonders gute Lösung gilt die "Neue Genfer Übersetzung", von der es bisher erst Teile des "Neuen Testaments" gibt. Man kann heute Bibeln aller Art kaufen: große und schwere Altarbibeln ebenso wie winzige Westentaschenbibeln; teure kunstvoll gestaltete und von berühmten Künstlern illustrierte mit feinstem Ledereinband oder gar Intarsien auf dem Buchdeckel ebenso wie sehr preiswerte Gebrauchsbibeln für den Alltag; Studienbibeln mit Einführungen, Erklärungen und Anmerkungen oder umfangreichen Wörterverzeichnissen ebenso wie solche, die nur den reinen Text haben. . Außerdem gibt es im Elektronikzeitalter natürlich auch CD-ROMs von der Bibel für den PC und kleine Taschenbibelcomputer für unterwegs. Für jeden Gebrauch ist die entsprechende Ausgabe in der gewünschten Übersetzung zu haben. Für jeden Gebrauch gibt es die entsprechende Ausgabe in der gewünschten Übersetzung. Während frühere Generationen mit der Bibel aufgewachsen sind, gibt es heute nur noch sehr wenige Menschen, die sie kennen oder gar ganz gelesen haben. Bei manchen älteren Leuten steht die Konfirmations-Geschenkausgabe der Bibel freilich auch noch fast unberührt im Bücherschrank. Oft sind es Vorurteile, die davon abhalten, ein lebendiges Verhältnis zu ihr einzugehen, wie etwa diese: Das Buch ist in schwieriger, altertümlicher Sprache geschrieben; es handelt von Dingen, die mir fremd sind und die ich nicht verstehen kann; es ist langweilig und viel zu dick, und im übrigen glaube ich nicht an Gott und interessiere ich mich nicht für Religion. Aber all diese Einwände sind unzutreffend: Von den modernen Übersetzungen war bereits die Rede. Und das, wovon die Bibel handelt, sind nicht nur Geschichten und Überlieferungen aus längst vergangenen Zeiten und fremden Welten; es sind Dinge, die hier und heute geschehen und die mich persönlich in meiner Befindlichkeit ansprechen und zutiefst angehen. Die Bibelbücher sind nicht langweilig, sondern lebendig und spannend, abenteuerlich und mitreißend, unterhaltsam und zum Nachdenken anregend, jedes auf seine eigene Art und Weise. Was die Bibel eigentlich ist, wird im Streit der Meinungen sehr gegensätzlich beurteilt. Den einen erscheint sie als ein veraltetes Buch, gar zu weit entfernt von den Problemen der heutigen Welt, ein Buch, das sie in manchen Aussagen sogar für fortschrittsfeindlich halten. Für die anderen ist sie ein unverzichtbarer Teil der Weltkultur und des Lebens von immerwährender Aktualität. Unbestritten freilich ist, daß man sich der Bibel vorurteilsfrei öffnen muß und daß es notwendig ist, sie in ihrer Dialektik zwischen historischer Zeitbezogenheit und zeitloser Allgemeingültigkeit wahrzunehmen Selbstverständlich kann sie ebenso mißbraucht werden wie z.B. auch der Koran und alle heiligen Schriften - für heillose Ziele oder zur Begründung menschenfeindlicher Anschauungen und sogar zur Rechtfertigung von Kriegen. Aber davor ist letztlich kein noch so wertvolles Gedankengut gefeit. Umso wichtiger ist es, den Geist vom Buchstaben zu unterscheiden. Außerdem ist es dringend notwendig für das rechte Verständnis der Bibel, sich auf das Weltbild ihrer Schreiber einzulassen, auf deren - uns Heutigen leider fremd gewordenes - mystisches Denken und ihre oftmals sehr bildhafte Sprache, die der neuzeitliche Mensch weitgehend vergessen hat. Man muß auch nicht zwingend ein religiöser Mensch sein, wenn man in der Bibel liest. Auch Andersgläubige und sogar Atheisten sagen, daß die Bibel ihnen viel gegeben habe. Zwar ist sie die "Heilige Schrift" der Christenheit und (im "Alten Testament") die des Judentums und als solche für die Gläubigen "Gottes Wort", aber trotzdem ist sie nicht nur ein Buch der Religion und des Glaubens, sie ist auch ein Buch der Geschichte und der Kultur, ein Buch des Lernens und der Lebensbewältigung. Wer die Bibel nicht kennt, der findet nur schwer Zugang zur bildenden Kunst und zur belletristischen Literatur der Jahrhunderte bis heute, der findet den Schlüssel nicht zum Verständnis der Geisteswissenschaften und Gedankengebäude, der Traditionen und Bräuche, der Lebensweisen und Konflikte der Völker in Europa und im Nahen Osten während der letzten dreitausend Jahre und in der Gegenwart. Wer die Bibel nicht kennt, dem bleibt auch manche Lebensfrage unbeantwortet und manche Lebenshilfe unerkannt. Die Bibel war die Kampfschrift der Erneuerungsbewegung der Reformation, sie war die Grundlage für die Bürgerrechtsbewegung in den USA, und sie ist in unserer Zeit die politische Kraft der Befreiungsbewegung in Lateinamerika und Afrika. Die Bibel hat die Welt verändert und das Leben einzelner Menschen, und das tut sie heute noch. Sie ist ein unerhört lebendiges Buch, sie ist das "unausschöpfbare Meer" (M. Sperber), sie ist ein "Wegweiser in Richtung auf eine humanere Zukunft" (R. Jungk). Ich habe eine ganze Sammlung unterschiedlicher Ausgaben der Bibel, und immer war eine davon in allen Höhen und Tiefen meines Lebens dabei. Sie ist das Buch, das wie kein anderes zu mir gehört. © Eberhard E. Küttner, 7.11.2002
Frankl,
Viktor Emil: ...trotzdem Ja zum Leben sagen. Heute vor fünf Jahren verstarb im Alter von 92 Jahren in Wien eine der für mich beeindruckendsten Persönlichkeiten, die ich kenne: der große, gütige und weise Viktor Emil Frankl, der auf allen Kontinenten berühmte österreichische Arzt, Professor für Neurologie und Psychiatrie sowie Professor der von ihm begründeten Wissenschaft Logopädie. Unter seinem Werk von über dreißig Fachbüchern, übersetzt in alle wichtigen Sprachen der Erde, ist dieses kleine Bändchen äußerlich vergleichsweise unscheinbar, und dennoch gehört es, wie das Zitat auf der vierten Umschlagseite aussagt, "zum kostbaren Erbe jener säkulären Literatur, in der die Grundwahrheiten unseres Jahrhunderts manifest werden" (deutschland-berichte). Das Buch will kein objektiver Tatsachenbericht über das Leben in Konzentrationslagern des deutschen Faschismus sein, sondern eine subjektive Erlebnisschilderung aus der Sicht eines Häftlings, der das Erfahrene zudem mit den Augen und dem Verstand eines Psychologen betrachtet und zu erklären versucht. Frankl beleuchtet Ereignisse und Situationen sowie Vorgänge und Verhaltensweisen auf seiten der Inhaftierten wie der SS-Offiziere im KZ-Alltag von der Einlieferung bis zur Befreiung und versucht hier und da psychologische Deutungen. Dabei kommt er unter anderem zu der Feststellung, daß mit der Kennzeichnung einer Person entweder als Angehörigen der SS oder als Lagerhäftling noch kein Urteil über ihn gefällt werden könne. "Menschliche Güte kann man bei allen Menschen finden, sie findet sich also auch bei der Gruppe, deren pauschale Verurteilung doch gewiß sehr nahe liegt. [...] So einfach dürfen wir es uns nicht machen, daß wir erklären: die einen sind die Engel und die andern sind Teufel." (S. 137) Damit spricht er etwas aus, das ich schon immer so empfunden habe. Grundsätzlich lehnt er eine Pauschalverurteilung ab und die Existenz einer "Kollektivschuld". Er beschreibt sachlich und emotionslos - aber gerade dadurch sehr eindrucksvoll und berührend - in der "ersten Phase" die Ankunft im Bahnhof Auschwitz, die Aufnahme im Lager mit der ersten Selektion, die Desinfektion und die ersten Reaktionen der Mitgefangenen vom Zerrinnen der Illusionen über den Galgenhumor bis hin zur Neugier. Er setzt sich auseinander mit der Selbsttötung, in der vom ersten Tag an von vielen der einzige Ausweg gesehen wurde. Gleich am ersten Abend hatte Frankl sich selbst das Versprechen abgenommen, nicht "in den Draht zu laufen" (womit die Häftlinge das Berühren des mit elektrischer Hochspannung geladenen Stacheldrahtes meinten), und selbst in der schlimmsten Verzweiflung hat er an diesem Vorsatz festgehalten - in dem Wissen, daß auch unter diesen Umständen sein Leben sinnvoll ist. Als typisch für die "zweite Phase" des Lagerlebens bezeichnet der Autor die Apathie und die Abstumpfung des Gemüts bis hin zur Gleichgültigkeit. Der Tod von Mitgefangenen löste bald kaum noch Gefühlsreaktionen aus. Was dennoch als das Schmerzlichste empfunden wurde, waren nach Mißhandlungen nicht der körperliche Schmerz, sondern der Hohn und der Haß, der sie begleitete, die entmenschte Grausamkeit, der sie entsprangen. Bedingt durch die unter der seelischen Zwangslage des Lagerlebens entstehende Regression, den Rückzug auf eine primitive Form der Emotionalität, spielten in den nächtlichen Träumen der Häftlinge vor allem Brot und Torten und Zigaretten und ein warmes Wannebad die Hauptrolle. Der Hunger und die Gedanken ans Essen bildeten das Haupt-Gesprächsthema, dagegen schwieg unter den Bedingungen der Unterernährung der Sexualtrieb. Die Themen Politik und Kultur rückten zugunsten des religiösen Interesses, das als Ausdruck der inneren (in Ermangelung der äußeren) Freiheit viel Raum im Denken einnahm, in den Hintergrund. "Die geistige Freiheit des Menschen, die man ihm bis zum letzten Atemzug nicht nehmen kann, läßt ihn auch noch bis zum letzten Atemzug Gelegenheit finden, sein Leben sinnvoll zu gestalten. [...] Wenn Leben überhaupt einen Sinn hat, dann muß auch Leiden einen Sinn haben." (S. 109 f.) Allgemein zu beobachten war die Flucht nach innen und damit auch in die Transzendenz, die Meditation, die Selbstgespräche und die Sehnsucht nach Einsamkeit, einem Zustand, der fast nicht existierte. Beeindruckend war für mich, daß es auch künstlerische Aktivitäten im KZ gab in Form von Kabarettveranstaltungen, Lyrikabenden, Musikaufführungen, an denen SS-Leute als Zuschauer teilnahmen; und erstaunlich tönte für mich, daß neben dem Kunsterleben sogar Humor seinen Platz hatte - als eine Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung. Die psychologische Besonderheit der "dritten Phase", nämlich der nach der Befreiung des Lagers (Frankls vierten!), bestand darin, daß der seelischen Hochspannung plötzlich die totale innere Entspannung folgte - mit dem Ergebnis einer ausgeprägten Depersonalisation, in der zunächst alles als irreal, unwahrscheinlich, traumhaft erlebt wurde, so daß man sich über die jahrelang ersehnte Freiheit nicht mehr freuen konnte und nicht mehr zurechtkam mit ihr. Diese Enttäuschung gehörte mit zu den seelischen Spätfolgen des geschehenen Unrechts. Seit ich diesen 1946 geschriebenen Bericht "... trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager" kenne, gehört er zu den kostbarsten Schriften, die ich besitze. Er hat mich zutiefst bewegt sowie emotional und intellektuell bereichert, und es hat mich in meiner Weltanschauung bestärkt. Was mir besonders zusagt: Es ist kein Buch der Anklage und des Hasses, sondern des Verständnisses menschlicher Schwäche und Begrenztheit und des Glaubens an den Sinn des Lebens, der selbst in der furchtbarsten Existenzbedrohung vorhanden ist. Obzwar Frankl Mutter, Vater und Ehefrau in Konzentrationslagern verloren hat, liegt seinem Fühlen und Denken jegliche Bitterkeit fern. Im Rückblick auf die qualvollen Jahre, die hinter ihm lagen, als er dieses Buch schrieb - ebenso wie bis zu seinem Tode -, überwiegt in seinem Urteilen, das an keiner Stelle ein Ver-Urteilen ist, eine dem Wesen des Menschen gerecht werdende ganzheitliche Betrachtungsweise, in der die einzigartige Kostbarkeit des Individuums ebenso Berücksichtigung findet wie die in uns allen angelegte Neigung, schuldig zu werden. Dieses Verständnis, das keine Rechtfertigung ist, schließt für Frankl Vergeltung aus, denn niemand hat nach seiner Überzeugung das Recht, "Unrecht zu tun, auch der nicht, der Unrecht erlitten hat" (S. 145). Dieses zutiefst humanistische und lebensfreundliche Buch möchte ich Leser(inne)n jeden Alters ans Herz legen, die nach dem Verständnis des Menschen fragen, die nach Humanismus dürstet und die nach dem Sinn des Lebens suchen. Das Buch macht Hoffnung und ermutigt zum Leben - auch in Grenzsituationen. Die Ausgabe des Deutschen Taschenbuchverlags von 1982 (21. Auflage 2002), welcher der Text eines von den Häftlingen in Auschwitz aufgeführten Dramas mit dem Titel "Synchronisation in Birkenwald. Eine metaphysische Conférance" und eine Liste weiterer Werke von Viktor E. Frankl beigefügt sind, umfaßt 199 Seiten und ist zum Preis von 7,50 € im Handel erhältlich. © Eberhard E. Küttner, 2.9.2002
Kübler-Ross,
Elisabeth: Interviews mit Sterbenden, Seit dreißig Jahren
begleitet mich ein Büchlein, das mir für meine Entwicklung und für meinen Beruf sehr
wichtig geworden ist: "Interviews mit Sterbenden" von Elisabeth Kübler-Ross.
Die in den USA lebende Schweizer Ärztin und Wissenschaftlerin, Wegbereiterin der
Thanatologie (Wissenschaft vom Sterben; griech. "thanatos" - der Tod), hat mit
der Veröffentlichung dieser Arbeit im Jahre 1969 Neuland betreten. Es war das erste einer
Reihe von Büchern dieser Autorin zu Fragen des Umgang mit dem Tod und mit Menschen, die
lebensbedrohlich krank sind, zu einem Thema also, das damals im gesellschaftlichen
Bewußtsein noch weit mehr tabuisiert worden ist als heute. Ich hatte die Gelegenheit,
dieser sehr engagierten und leidenschaftlichen Frau persönlich zu begegnen und Briefe mit
ihr zu auszutauschen, und das hat meine Hochachtung vor ihr noch verstärkt. Die bedeutsamen Forschungsergebnisse der Autorin bezüglich der verschiedenen psychischen Phasen, die lebensbedrohlich Erkrankte durchlaufen, bilden den Schwerpunkt dieser Veröffentlichung. Sie hatte damals als erste herausgefunden, daß es fünf Phasen sind, von denen das Erleben und Verhalten Sterbender geprägt ist: 1. Die Phase der Leugnung 2. Die Phase des Zorns 3. Die Phase des
Verhandelns 4. Die Phase der
Depression 5. Die Phase der Annahme Zu jeder dieser Phasen
wird überzeugend erläutert, welche Verhaltensweisen der Begleitenden jeweils angemessen
und hilfreich sind und welche - irrtümlich gut gemeinten - vermieden werden sollen. Die Beschreibung dieser fünf Phasen
(die übrigens keine zwangsläufige Aufeinanderfolge darstellen und auch nicht in jedem
Falle gleich verlaufen!) veranschaulicht die Autorin mit zahlreichen Interviews, die sie
mit Patienten im Endstadium ihrer todbringenden Krankheit geführt hat. In weiteren Kapiteln geht Elisabeth Kübler-Ross auf das Phänomen der Hoffnung des Sterbenden ein, die trotz seinem Wissen um den nahen Tod nie ganz verschwindet, sondern - in ihrem Inhalt immer wieder verändert - bis zum letzten Atemzuge bleibt, auf die Familie des Kranken und Besonderheiten und Möglichkeiten in der Abschiedszeit sowie auf Grundsätze der psychischen Behandlung Kranker im Endstadium. Dem Buch ist eine ausführliche Erklärung medizinischer Fachbegriffe hinzugefügt und (zumindest in meiner Ausgabe) ein Nachwort des Theologen Manfred Haustein. Damals, da ich als Student das neu
erschienene Buch zum ersten Male las, fand ich zu sehr wichtigen Erkenntnissen: © Eberhard E. Küttner, 26.08.2002
Johann Wolfgang von Goethe: Italienische Reise Wenn ich an die Bücher
denke, die mich tagelang und halbe Nächte hindurch fesselten und in Atem hielten, dann
fällt mir sofort auch Goethes "Italienische Reise" ein, die ich wohl an die
dutzendmal mit derselben Glut der Begeisterung und doch immer wieder auch mit neuen
Eindrücken gelesen habe. Die Beschreibung seines Italien-Aufenthalts schließt an
"Dichtung und Wahrheit", die Lebenserinnerungen des Weimarer Ministers und
Geheimrates, an, und sie tut es auf die gleiche spannende und eindrucksvolle
Darstellungsweise, die auch dem alten Goethe noch eigen ist und die in mir das längst
vergangene XVIII. Jahrhundert lebendig werden läßt. Immer wenn ich mich auf die
Beschreibung dieser Reise einlasse, mache ich sie im Geiste gleichsam mit, denn ich kann
mich, lesend, der Luft nicht entziehen, die er atmete, und ich wünschte, ich könnte
tatsächlich einmal seinen Fußstapfen folgen, wenn auch das heutige Italien freilich ein
ganz anderes geworden ist. Ich erinnere mich seines Reisebettes, seines Rasierzeugs und
anderer Utensilien, die er mit sich führte und die ich im Goethe-Nationalmuseum Weimar
betrachten konnte, ich sehe seine Zeichnungen vor mir und Heinrich Wilhelm Tischbeins
berühmtes Ölgemälde von ihm, auf dem er mit weitkrempigem Hut auf einem umgestürzten
Baumstumpf in der Campagna di Roma sitzend zu sehen ist, und seine Aufzeichnungen werden
zu einem Film in meinem Kopf. Ich erlebe beim Lesen mit, wie befreiend es ist, wenn man
aus der Enge in die Weite kommt; wenn man in eine neue Welt eintaucht, mit der man sich
schon lange innerlich verbunden weiß; wenn man von neuen Lebensgeistern erfüllt wird,
die man schon zu lange herbeisehnte. Und ich fühle es dem Autor auf jeder Buchseite nach,
wie berauschend es für einen bildungshungrigen Menschen sein kann, an der Quelle unserer
Kultur eine solche Fülle von Impulsen für das Aufladen einer fast leeren Batterie zu
bekommen, wie es Goethe in seiner Italien-Zeit vergönnt war, die er später als die
wichtigste seines Lebens bezeichnet hat. Gegliedert ist das
Tagebuch nach den Stationen seiner Reise: Die Befürchtung der heutigen jüngeren Generation, ein Text, der älter als zweihundert Jahre ist, müsse langweilig und schwierig zu lesen sein, ist spätestens nach den ersten Seiten verflogen, und Begeisterung tritt an ihre Stelle und das Wissen darum, daß der Leser/die Leserin ein Buch in den Händen hält, das - wie alle große Literatur - viel zeitlos Gültiges enthält und immer für einen hohen Lesegenuß und Erkenntnisgewinn sorgen wird. Nach www.amazon.de gibt es in deutschen Verlagen - außer als Bestandteil gesammelter Werke - z.Z. 32 verschiedene Ausgaben der "Italienischen Reise" zum Preis von 7,90 bis 34,90 Euro. © Eberhard E. Küttner, 6.7.2002
Dahlke,
Ruediger: Krankheit als Sprache der Seele. Zum wichtigsten
Handwerkszeug für meine Arbeit gehören die Bücher von Ruediger Dahlke. Sie haben mein
Weltbild gehörig verändert und mich ein ganz anderes Verhältnis zu Krankheit und Leben
finden lassen. Beide Bände beruhen auf einer in unserem gesellschaftlichen Bewußtsein weithin unbeachteten Theorie, die ich in folgenden Thesen zusammenfassen möchte: 1. Es gibt nicht verschiedene Krankheiten, so wie es auch nicht verschiedene "Gesundheiten" gibt; wir befinden uns entweder im Zustand der Gesundheit oder im Zustand der Krankheit. Befinden wir uns in letzterem, so ist niemals nur ein Organ oder ein Körperteil krank, sondern immer der ganze Mensch. 2. Krankheit bedeutet den Verlust einer Ausgewogenheit, einer ausbalancierten Ordnung im Bewußtsein des Menschen, der sich als Symptom im Körper zeigt. Krankheitssymptome sind demzufolge stets Ausdrucksformen seelischer Konflikte. 3. Manifestiert sich im Körper ein Symptom, so zwingt es den Menschen, seine gewohnte Lebensführung zu unterbrechen und aufmerksam zu werden auf die in der Bewußtseinsebene liegende Ursache der Störung. 4.
Das Krankheitssymptom ist nicht, wie die Schulmedizin (im Gegensatz zu Hippokrates) meint,
ein mehr oder minder zufälliges Ereignis ohne tiefere Bedeutung, sondern ein Signal, das
auf seinen eigentlichen Sinn für den Menschen aufmerksam machen will. Deshalb ist es auch
nicht das Ziel wirklicher Heilung (im Sinne von Heil-[=Ganz-]Werdung!), Krankheitssymptome zu bekämpfen, sondern sie zu
verstehen. 5.
Krankheit läßt sich nicht hinreichend aus einer Kausalkette von äußeren Ursachen in
der Vergangenheit erklären... 6. Insofern ist Krankheit auch nicht ein lästiges Schicksal, sondern eine Chance: Sie enthüllt uns eine Botschaft über uns und eine Aufgabe, die uns gegeben ist. Krankheit will uns zu einer Weiterentwicklung verhelfen und bekommt dadurch Sinnhaftigkeit. 7. Dieser Sinn, den es zu finden gilt, drückt sich in Symbolen aus, die zu deuten sind. (Unsere Sprache weist naturgemäß auf diesen Zusammenhang zwischen Psychischem und Physischem hin: Ärger schlägt mir auf den Magen, ein Konflikt geht mir an die Nieren; eine Enttäuschung nehme ich mir zu Herzen usw.) Das Buch enthält nach einer
Einführung in Dahlkes Lehre interessante Gedanken zu Ritualen in unserer Gesellschaft
(Übergangsrituale, Rituale in der alten und in der modernen Medizin, Krankheit als
Ritual), gibt praktische Hinweise zur Symptom-Deutung und wendet sich im Hauptteil dann
der exemplarischen Bearbeitung von Krankheitsbildern zu. Mich hat die Durcharbeitung
dieses sehr anspruchsvollen Buches einerseits viel Mühe gekostet, andererseits aber auch
reich belohnt mit interessanten Denkanstößen und wertvollen Erkenntnissen. Nicht allem,
was darin steht, kann ich rückhaltlos zustimmen, aber es hat meinen Horizont geweitet und
ist mir eine unschätzbare Diskussionsgrundlage im privaten wie im professionellen Bereich
geworden. © Eberhard E. Küttner, 20.6.2002
Nuland,
Sherwin B.: WIE WIR STERBEN. Ein Ende in Würde? Wenngleich in den letzten
Jahren erfreulicherweise der Tod als natürlicher Bestandteil des Lebens allmählich mehr
ins öffentliche Bewußtsein rückt, wird doch die Art, wie wir sterben, immer noch
weitgehend tabuisiert. Wer nicht gerade wie ich beruflich von dieser Thematik tangiert
wird, muß nach dem, was er über populärwissenschaftlich informierende Medien und
hauptsächlich über (vor allem weniger anspruchsvolle) Spielfilme erfährt, sehr
realitätsferne Vorstellungen von den vielgestaltigen Abläufen des Sterbeprozesses haben.
Sehr
beeindruckend finde ich die Darstellung, daß auch ohne Krankheit der Tod Endpunkt eines
bereits im frühen Embryonalstadium beginnenden Alterungsprozesses ist, der, weil er einer
biologischen Gesetzmäßigkeit folgt, objektiv nicht aufgehalten werden kann. Demzufolge
seien, so Nuland, solche Symptome wie Arteriosklerose, Bluthochdruck, Altersdiabetes,
Fettleibigkeit, Verwirrtheit, Krebs und Immunschwäche u.a. zwar die konkreten Anlässe,
nicht aber die eigentliche Ursache des Todes: die Altersschwäche. Der Autor zieht daraus
die Schlußfolgerung, daß die Ärzte sich mit den Grenzen der Natur abfinden müßten und
nicht ihren Berufsehrgeiz dafür einsetzen sollten, das Leben sterbenskranker alter
Menschen bis über diese natürliche Grenze hinaus um jeden Preis ausdehnen zu wollen. Bei aller prinzipiellen
Zustimmung zu diesem Standpunkt sehe ich aber auch eine große Gefahr in ihrer möglichen
logischen Konsequenz. Wenn Nuland z.B. den Sinn krebsbedingter Totaloperationen oder gar
von Dialysebehandlungen für Hochbetagte ernsthaft in Frage stellt, dann könnte sich in
der Zukunft eine zahlungsunfähig gewordene gesetzliche Krankenversicherung auf solche
Überlegungen berufen, wenn sie (wie in Großbritannien heute schon Realität) alten
Menschen ohne Vermögen aus Kostenersparnisgründen lebenswichtige Therapieformen
vorenthalten und sie damit zum vorzeitigen Tod verurteilen will! Die Sprache Nulands ist
trotz der Härte der dargestellten Realität einfühlsam bis ehrfürchtig; jene
Rigorosität im Ausdruck mancher Mediziner, die tagtäglich mit dem Sterben konfrontiert
sind, ist ihm erfreulicherweise nicht anzumerken. © Eberhard E. Küttner, 10.4.2002
Buch,
Johannes: Mit dem Euro durch Europa. Seit knapp vierzehn Wochen
habe ich nun das EURO-Geld in der Tasche, aber bisher ist mir nur ein einziges Geldstück
in die Hände gekommen, das etwas anderes auf seiner Rückseite zeigt als Bundesadler,
Brandenburger Tor oder Eichenblatt. Dabei stelle ich es mir ganz reizvoll vor, nach und
nach eine Sammlung der Münzen aller Euro-Länder zusammenzutragen. Auf 96 Seiten enthält das Büchlein
Wenn ich
also z.B. feststellen möchte, wo das 2-Euro-Stück mit dem loorbeerbekränzten markanten
Männerhaupt herkommt, das ich da kürzlich bekommen habe, dann erfahre ich zunächst aus
der Hauptübersicht auf den beiden inneren Umschlagseiten, daß sie in Italien geprägt
wurde, und dann kann ich auf Seite 41 nachlesen, daß es sich um das Bildnis von Dante
Alighieri (1265-1321) handelt, über den mir die wichtigsten Informationen gleich
mitgeliefert werden. Und auf Seite 40 links daneben finde ich darüber hinaus schließlich
noch in komprimierter Form Angaben zu Fläche, Einwohnerzahl, Bevölkerungsdichte und
Bevölkerungswachstum, zu Staatsform und Regierungschef, zur territorialen Gliederung, zu
den Amtssprachen und Nationalfeiertagen, zu den größten Städten, längsten Flüssen,
höchsten Bergen, zu Bruttoinlandsprodukt, Exporten und Importen, Mehrwertsteuerhöhe und
Arbeitslosenquote, zum Erfüllungsstand der Maastricht-Kriterien und zu den Schöpfern der
Münzrückseiten-Entwürfe. Damit ist mein Informationsbedürfnis fürs erste befriedigt. © Eberhard E. Küttner, 3.4.2002
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