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Buch- und Filmtips


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Meckel, Miriam: Das Glück der Unerreichbarkeit. Wege aus der Kommunikationsfalle
Murmann Verlag GmbH, Hamburg, 3. Auflage, 2007

"Kommunikationsfalle" kann Verschiedenes bedeuten. Am häufigsten dürfte es wohl diese zwei Erscheinungen bezeichnen:

1. Kommunikationsfehler locken uns in die Falle der Mißverständnisse, der Konflikte, der Zerwürfnisse; sie machen uns einsam und krank.

2. Die moderne Kommunikationstechnik lockt uns in die Falle der Unfreiheit, des Zeitmangels, der Verkümmerung unserer Seele und unserer sozialen Beziehungen.

Dieses Buch bezieht sich auf die zweite Bedeutung. Taschenfernsprecher, Kurzmitteilungsdienst, Rechner, E-Post, Weltnetz sind nicht nur technische Wunderwerke, sondern auch unverschämte Zeitdiebe, die unser Leben besetzen und erobern. Inzwischen sind wir davon überzeugt, sie zu brauchen, obwohl es bis vor kurzem noch ganz ohne sie ging. Wir haben sie lieben gelernt, aber wir geraten auch immer mehr in ihre Abhängigkeit. Rechnerprobleme zum Beispiel sind Probleme, von denen wir ohne Rechner nichts wüßten, und die Zeit, die moderne Technik uns einspart, fordert sie um ein Vielfaches zurück, bis wir sie beherrschen und damit sie fehlerfrei funktioniert. Die Bequemlichkeit und Belustigung, die sie uns gibt, bezahlen wir mit der Gefangenschaft in der Falle, in die sie uns zieht: Sie frißt viel von unserer Energie, die wir eigentlich für uns selber und für andere brauchten.

Miriam Meckel fragt: "Zerstören die neuen Kommunikationstechnologien unsere Identität und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen? Machen sie uns wirklich schneller. produktiver und effizienter? Oder ‘simsen’ und ‘mailen’ wir uns orientierungs- und besinnungslos?" Die Autorin kommt zu dem Ergebnis: Wir brauchen unbedingt Kommunikationspausen. Wer sich verständigen und verstanden werden will. muß in aller Ruhe und Besinnlichkeit nachdenken können und sich ausführlich erklären dürfen. Wer immer und überall für jeden erreichbar sein will, verliert sich am Ende selbst. Für jemanden oder etwas wirklich da zu sein bedeutet, regelmäßig auch abzuschalten und dann nur für sich selbst da zu sein.

Ich habe dieses spannende Buch mit großer Anteilnahme in fast einem Zug gelesen und empfehle es Dir gerne weiter!

© Eberhard E. Küttner, 15.3.2009

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Haushofer, Marlen: Die Wand. Roman,
erschienen 1968 im Claassen Verlag GmbH Hildesheim

Die Ich-Erzählerin, seit zwei Jahren verwitwet, ist von ihrer Cousine und deren Mann eingeladen worden, drei Tage mit ihnen in einem Jagdhaus in den Bergen zu verbringen. Alle drei sowie der Hund Luchs sind guter Dinge. Am Nachmittag nach der Ankunft entschließt sich das Ehepaar, einen Spaziergang ins Dorf zu machen. Die Erzählerin bleibt im Haus, und bald trottet auch Luchs zurück zu ihr. Es wird Abend, es wird Nacht, aber die beiden Spaziergänger kehren nicht zurück. Auch als die Frau am Morgen erwacht, sind die Betten noch immer unberührt. Unruhig macht sie sich an diesem strahlenden Maimorgen mit dem Hund auf den Weg ins Dorf. Aber sie kommt nicht weit: Am Ende der Schlucht, durch die der Weg hindurch führt und sich zur Straße verbreitert, heult Luchs vor Schmerz auf, er jault und winselt, und die Frau sieht erschrocken seine blutende Schnauze. Er muß sich an etwas gestoßen haben. Aber es ist nichts zu sehen. Dann stößt auch die Frau an etwas Glattes, Kühles, das sie am Weitergehen hindert. Sie denkt zunächst an eine Sinnestäuschung, aber die schmerzende und anschwellende Beule auf ihrer Stirn belehrt sie eines Besseren: Da ist eine unsichtbare Wand, hinter der die Straße weitergeht, aber die ist völlig leer. Alles, was jenseits der Wand lebte, ist tot: der Vogel, der am Boden liegt, der Mann im nächsten Gehöft, der unbeweglich an seinem Brunnen steht, die gehöhlte Hand wie mitten in der Bewegung eingefroren, zum Gesicht erhoben. Die Frau hämmert mit den Fäusten gegen die Wand, aber die bewegt sich nicht und bleibt undurchlässig. Am Abend davor muß diese Wand dahin gekommen sein, die nun das lebendige Hier vom erstorbenen Drüben trennt, von jenem Drüben, in dem auch die Cousine und ihr Mann offensichtlich vom Tod überrascht worden sind.

In den folgenden Tagen macht sich die Frau mit Luchs, dem einzigen ihr noch verbliebenen lebenden Wesen, noch mehrfach auf den Weg, um die Wand zu erforschen und nach Fluchtmöglichkeiten zu suchen. Aber die Wand scheint in beiden Richtungen endlos zu sein, ihr Ende in der Höhe ist unerreichbar, und auch durch die Erde kann man sich nicht auf die andere Seite hindurchgraben. Irgendwann erkennt die Gefangene, daß es nicht möglich ist zu entrinnen, und also sucht sie sich nach und nach in ihrer begrenzten Welt einzurichten, so gut es geht. Glücklicherweise sind im Jagdhaus ausreichend Lebensmittelvorräte vorhanden und auch die wichtigsten Dinge des täglichen Gebrauchs wie Haushaltsgeräte, Kerzen, Zündhölzer usw. Natürlich hofft die Frau, daß die Wand, für deren Ursache und Herkunft es keinerlei Erklärung gibt, eines Tages ebenso plötzlich wieder verschwinden würde, wie sie gekommen ist, oder daß vielleicht ein zufällig auftauchendes Flugzeug die Rettung bringen könnte, oder daß noch ein anderer Mensch käme, mit dem gemeinsam sich ein Ausweg finden ließe. Aber zunächst findet sich nur eine Katze und eine Kuh, die ihr zulaufen und die gemeinsam mit Luchs, dem treuen Gefährten, für lange Zeit die einzigen Mitbewohner im Jagdhaus bleiben. Sehr viel später soll sich zwar auch die Sehnsucht nach einem menschlichen Wesen erfüllen, aber diese kurze Begegnung endet sehr tragisch.

Aus Wochen werden Monate und aus Monaten Jahre. Nach mehreren Sommern bekommt die Katze Junge, und die Kuh kalbt. Für die Tiere zu sorgen macht den Hauptinhalt des Alltags der Frau aus, gibt ihm Aufgabe und Struktur und erhält letztlich ihren Lebenswillen. Als sie fast alle verloren hat, greift sie schließlich zu den letzten Schreibgeräten, die ihr noch verblieben sind, einem fast ausgetrockneten Kugelschreiber sowie drei Bleistiftstummeln, und bringt ihre Geschichte zu Papier. Ob jemals ein Mensch sie lesen wird, weiß sie nicht. 

Die Autorin gibt der Ich-Erzählerin den Sprachstil einer praktisch veranlagten Frau unserer Tage im mittleren Lebensalter, die mit ihrer Natürlichkeit und Authentizität überzeugt. Einerseits glaubt man dieser Frau, daß sie bisher nicht zu schreiben gewohnt war und bescheinigt ihr gerade deshalb gern, daß sie es gut kann. Sie hat sich vor diesem tiefen Einschnitt in ihr Leben auch nie besonders mit philosophischem Denken beschäftigt und wohl auch kaum groß über fundamentale Lebensfragen reflektiert. Das wird ihr in der Jagdhütte auch deutlich bewußt: So vieles hat sie einmal gelernt, aber kaum etwas weiß sie wirklich. Das macht sie dem heutigen Leser sympathisch, weil er sich in ihr wiedererkennt. Daher paßt es auch sehr genau zu dieser Figur, daß der Text in einer einfachen, klaren Sprache geschrieben ist, die bescheiden wirkt, auf jedes Pathos verzichtet und frei ist von vordergründiger Psychologisierung ebenso wie von allzu leicht durchschaubaren Deutungsangeboten. Vor allem in diesem Stil offenbart sich die Meisterschaft der Autorin.

Deutungen vorzunehmen und Gefühle nachzuempfinden ist und bleibt die Sache des Lesers. Aber das dürfte ihm auch nicht schwerfallen, denn die Geschichte ist von Anfang bis Ende eine groß angelegte und bis ins kleinste Detail fein ausgearbeitete Parabel voller Metaphern. Da ist alles aufeinander abgestimmt und stimmig. Das zentrale Motiv ist die unüberwindbare Wand, die sich als unbarmherziges Schicksal plötzlich und unvorhersehbar vor uns auftut und unsere ganze Lebensplanung zunichte macht. Hinter dieser gläsernen Wand geht die Straße weiter - aber nicht mehr für uns. Das "Drüben", zum Greifen nah, ist uns mit einem Schlag unerreichbar geworden. Wir sind unentrinnbar gefangen in der Situation, wie sie nun ist, und nichts ist mehr so, wie es war. Nun müssen wir zusehen, wie wir damit fertig werden. Diese Erfahrungen können wir alle machen, und viele haben sie schon machen müssen. Aber die Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf die Wand. Die einen können und wollen sich nicht mit ihr abfinden, und sie vergeuden ihre ganze Kraft in einem Kampf, den sie nicht gewinnen können. Damit aber zerstören sie letztlich ihr Leben und sich selbst. Die anderen lernen die Wirklichkeit zu akzeptieren, freilich ohne gänzlich hoffnungslos zu werden, und richten sich in der neuen Situation bestmöglich ein. So macht es die Frau in diesem Roman. In ihrer ausweglos scheinenden Lage könnte der Zweifel am Sinn des Weiterlebens die Oberhand gewinnen. Freilich hat auch sie mitunter den Gedanken gehabt, ob es nicht klüger wäre, sich beizeiten umzubringen, anstatt einem Dahinvegetieren ohne einen Menschen und - im Falle ernster Krankheit und Hilflosigkeit - ohne Arzt und Hilfe zu sein oder dem Verhungern entgegensehen zu müssen, wenn eines Tages alle Vorräte aufgebraucht sein würden. Aber da waren ja die Tiere. Für sie mußte sie leben. Als die Tiere dann bis auf eines nicht mehr da waren, war es das Aufschreiben ihres Berichtes, dessentwegen sie leben mußte. Danach würde es ganz sicher wieder etwas anderes sein, das sie am Leben hielt.

Die Existenz der Wand wirft also unter anderem solche Fragen auf wie:
- Wofür lebe ich eigentlich?
- Wofür lohnt es sich zu leben?
- Was gibt meinem Leben Sinn?
- Woraus schöpfe ich an jedem Morgen immer wieder neu den Willen und die Kraft zum Aufstehen?
- Welche Aufgabe stellt mir das Leben in einer scheinbar ausweglosen Lage?
- Welche Fähigkeiten sind mir geschenkt oder welche kann ich in mir entwickeln, damit ich diese Aufgabe zu lösen vermag?
- Kann ich auch dann noch eine Hoffnung haben, wenn es keine mehr zu geben scheint?

Der Roman gibt auf diese Fragen, ohne sie etwa in ihrer Schwere unzulässig zu verharmlosen, durchweg lebensbejahende Antworten und vermittelt damit eine natürliche optimistische Grundhaltung, eine positive Lebenseinstellung, die Mut und macht und Zuversicht gibt. Am Ende des Romans, als die Frau ihren Bericht vollendet, schreibt sie noch hinein: "Jetzt bin ich ganz ruhig. Ich sehe ein kleines Stück weiter. Ich sehe, daß das noch nicht das Ende ist. Alles geht weiter."

Die Schriftstellerin Marlen Haushofer, geboren 1920 im oberösterreichischen Frauenstein und gestorben 1970 in Wien, ist eine bedeutsame Dichterin, in deren Prosawerk sich viel Poesie findet. Ihr gelang die literarische Gestaltung von Szenen stark einprägsamer Originalität, leidenschaftlicher Wahrheit und verblüffender Entfremdung. 1968 erhielt sie den österreichischen Staatspreis für Literatur. Ihr Thema ist der Mensch in seiner schicksalhaften Verflochtenheit mit den Gegebenheiten des vielgestaltigen und konfliktreichen Lebens und wie er sich und seiner Menschlichkeit aber stets treu zu bleiben versucht. So ist in Marlen Haushofers Werken ein tiefer Humanismus zu finden, wie er auch in der "Wand" deutlich zu erkennen ist.

Nicht nur, wer sich in einer Lebenskrise befindet, wird diesen Roman mit Gewinn lesen, er kann jedem Menschen etwas sehr Wertvolles geben: die Anregung, über sich selbst und sein Leben nachzudenken und möglicherweise bisherige Werte in Frage zu stellen. Darüber hinaus ist die Lektüre dieses Buches durch ihre Sprache und die Bilder, die sie in die Vorstellung des Lesers malt, ein ästhetischer Genuß. Obzwar der 234 Seiten lange fortlaufende und nicht in Kapitel unterteilte einschichtige Text (der übrigens wohl eher dem Genre der Erzählung zuzurechnen ist als dem des Romans) auf den ersten oberflächlichen Blick schwierig zu sein anmutet, hat er doch von der ersten bis zur letzten Seite eine Faszination auf mich ausgeübt, deren Spannung mich die ganze Zeit über in Atem hielt. Dieser Roman ist Marlen Haushofers Hauptwerk und, wie Eva Demski schrieb, eines der Bücher, "für deren Existenz man ein Leben lang dankbar ist".

Leider ist das erstmals 1968 beim Claassen Verlag GmbH Hildesheim erschienene Buch schon länger nicht mehr neu aufgelegt worden, es kann aber über Antiquariate bezogen werden. Auf den Netzseiten von www.amazon.de wird es beispielsweise als Gebrauchtexemplar für einen Preis zwischen 4,20 und 6,50 Euro angeboten.

© Eberhard E. Küttner, 15.08.2005


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LINK, Charlotte: Am Ende des Schweigens. Roman,
Blanvalet Verlag, München 2003, ISBN: 3764501782

Stanbury, ein Dorf nahe der englischen Stadt Yorkshire, ist der Hauptschauplatz der Ereignisse. Dort verbringen alljährlich drei befreundete deutsche Ehepaare mit Kindern ihren Urlaub, von denen einer Grundstück und Haus in romantischer Landschaft gehört. Nach außen hin sieht es so aus, als ob die seit Jahrzehnten währende Freundschaft zwischen diesen neun Menschen auf einer unzerstörbaren Harmonie gegründet ist, aber der Schein trügt. Jeder spürt auf seine Weise, daß da etwas nicht stimmt, aber niemand außer Ricarda, einer der Töchter, und ihrer Stiefmutter Jessica wagen es, dieses Unbehagen auszusprechen. Die Vorgängerin an der Seite ihres Ehemannes hatte sich schon deswegen scheiden lassen, weil sie die auf rätselhafte Art belastenden Beziehungen in der Gruppe nicht mehr hatte ertragen können. Dieses Miteinander erscheint auch Jessica bedrückend zwanghaft und verlogen, die ganze scheinbar so idyllische Atmosphäre wirkt in ihrer eigenartig lauernden Stille bedrohlich. Sie gewinnt immer mehr den Eindruck, daß Alexander, ihr Mann, sich der Gruppe mehr verpflichtet fühlt als ihr, und sie fürchtet, daß es ihr wie seiner ersten Frau ergehen könnte, die er dieser Freunde wegen hatte fallen lassen. Als er derentwegen schließlich sogar das Vertrauen und die Liebe seiner Tochter verspielt, beabsichtigt sie endgültig, auf eine Klärung dieser rätselhaften und unnatürlich anmutenden Bindungen zu dringen.

Sie kommt allerdings nicht mehr dazu, denn es geschieht völlig unerwartet ein fürchterliches Verbrechen in dem Haus von Stanbury, dem auch Alexander und fünf weitere Personen zum Opfer fallen. Es gibt nur drei Überlebende, zu ihnen gehören auch Jessica und ihre Stieftochter Ricarda. Durch diesen grausamen Massenmord, dessen Urheber lange unbekannt bleibt, wird gleichsam wie eine Lawine eine Entwicklung ausgelöst, die nach und nach all die Verstrickungen aufdeckt, die zwischen den einzelnen Personen existiert haben. Das verworrene Geflecht von Schuld wird allmählich bloßgelegt, das diese Menschen aneinander gebunden und zum Schweigen verdammt hatte; die weit in der Vergangenheit zurückliegende Wurzel des Verschworenseins der drei Männer wird offenbar, und all die Geheimnisse, Widersprüche und Ungereimtheiten klären sich auf, die über den Personen der Handlung ebenso spannungsvoll lagen wie über dem Leser. Die Übriggebliebenen werden mit ihrer ganz persönlichen Wahrheit konfrontiert, und das Ende des Schweigens wird zugleich zum Anfang des Redens, zum Beginn ihrer Befreiung und eines neuen Weges.

Es gelingt der Erzählerin in hervorragender Weise, mit sprachlichen Mitteln die extreme Unterschiedlichkeit und auch die Entwicklung der Hauptfiguren herauszuarbeiten. Als ganz besonders gelungen empfinde ich die Charakterisierung der Ricarda, die in den dazwischengeschobenen Tagebucheintragungen sehr überzeugend in der Denk- und Gefühlswelt eines fünfzehnjährigen Mädchens lebt und deren Sprachstil schreibt. Er unterscheidet sich deutlich von den verschiedenen Ausdrucksweisen der anderen Personen, die allein schon an ihrer Sprechweise zu erkennen sind. Auch eingefügte Texte psychologischer Beobachtungen einer der handelnden Figuren treffen genau den wissenschaftlichen Stil und sagen zudem sehr viel über die Persönlichkeit des Schreibers aus. Diese meisterhafte Sprachbeherrschung ist eine der Stärken der Autorin. Eine andere besteht in der Fähigkeit, Menschen mit ihrem Denken und Tun, ihrem Erleben und Verhalten zu erklären. So kommt zu ihrem großen Erzähltalent noch die Spannung, die aus der psychologischen Tiefe des Erzählten erwächst. Diese ist es vor allem, die weit mehr als nur einen reinen Kriminalroman entstehen läßt.

Die in Wiesbaden lebende Autorin Charlotte Link, geboren 1963, hat sich in den letzten Jahren zu einer der erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen entwickelt. Ihre letzten Romane ("Die Täuschung", "Die Rosenzüchterin", "Der Verehrer", "Das Haus der Schwestern" und die Trilogie "Sturmzeit") beweisen eine beachtliche Vielseitigkeit ihres Talents: Vom psychologisch-tiefgründigen über den intelligent-spannenden Kriminalroman bis zum großen Familien- und Gesellschaftsroman beherrscht sie alle Genres der epischen Literatur. Ihre Bücher existieren bereits in mehreren Sprachen, ihre verfilmten Romane "Sturmzeit" und "Die Täuschung" waren große Publikumserfolge.

Der über 600 Seiten umfassende Roman verfügt über eine klare, übersichtliche Gliederung und bleibt trotz mehreren Nebenhandlungen und Rückblenden immer als Ganzes verständlich. Die einzelnen anfangs und später begonnenen Handlungsstränge fügen sich nacheinander zu einer stimmigen Komposition zusammen. Das Buch besteht aus vier Teilen mit jeweils ein bis drei Dutzend Kapiteln. Jeder Teil, dem immer ein Prolog vorangestellt ist, behandelt einen relativ in sich abgeschlossenen Zeitabschnitt des streng chronologischen Ablaufs vom 12. April bis zum 27. Mai eines nicht näher bestimmten Jahres in der Gegenwart. Während dieser sieben Wochen vollzieht sich die gesamte minutiös beschriebene Handlung. Diese epische Breite wird aber nie langweilig, die Leselust läßt an keiner Stelle nach, die Spannung bleibt bis zur letzten Seite erhalten.

Charlotte Links Buch "Am Ende des Schweigens" gehört zu den Romanen, deren Lektüre man nur notgedrungen unterbricht. Selbst eine vierstündige Wartezeit beim Arzt war mir mit ihm diesmal nicht lästig, sondern sogar willkommen, und das will schon etwas heißen. Die Lektüre bedeutete für mich einen tagelangen großen Lesegenuß. Wer an guter Literatur interessiert ist, die nicht nur den nach oberflächlicher Unterhaltung suchenden Leser anspricht, sondern auch geistige und ästhetische Ansprüche auf hohem Niveau erfüllt, dem kann ich dieses Buch sehr empfehlen. Als Neuerscheinung ist das Buch in gebundener Form zum Preise von EUR 23,90 zu haben.

© Eberhard E. Küttner, 24.12.2003


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Albom, Mitch: Dienstags bei Morrie (Tuesdays With Morrie)

Bücher, die zur Lebenshilfe geschrieben werden, gibt es wie Sand am Meer. Darunter finden sich neben vielen, deren Lektüre sich kaum lohnt, einige, die durchaus gut und brauchbar, aber nicht besonders nachhaltig sind in ihrer Wirkung auf den Leser, und schließlich ganz wenige Perlen, die man als Kostbarkeiten aufbewahrt und immer wieder zur Hand nimmt.
    Dazu gehört für mich Mitch Alboms Erfahrungsbericht "Dienstags bei Morrie" mit dem vielversprechenden Untertitel "Die Lehre eines Lebens". Wie kann man die Lehre eines Lebens auf 218 Seiten unterbringen?, fragte ich mich skeptisch, als ich vor kurzem dieses Taschenbuch am Beginn einer langen Bahnreise aufschlug und zu lesen begann.
    Man kann! Das wirklich Wesentliche im Leben ist immer nur kurz und mit einfachen Worten sagbar. Um es vorwegzunehmen: Das Buch hat mich nicht mehr losgelassen, ich habe es bis zum Ende der sechsstündigen Fahrt vom ersten bis zum letzten Wort in mich aufgesogen, und ich habe mir zahlreiche Stellen angestrichen, die ich unbedingt schnell wiederfinden möchte, und Notizen an den Seitenrand geschrieben, wo es mich dazu drängte.

Der Verfasser, Mitch Albom, geboren 1958, lebt in den USA und gilt dort als der berühmteste Sportkolumnist. Außerdem ist er Radiomoderator und Fernsehjournalist.
    Die Geschichte, die er erzählt, hat sich im realen Leben genau so ereignet. Insofern handelt es sich weniger um Belletristik (Albom erhebt auch gar nicht den Anspruch, Literatur geschrieben zu haben) als um einen Tatsachenbericht. Dennoch braucht die sprachliche Qualität des Buches den Vergleich mit manchen literarischen Veröffentlichungen nicht zu scheuen. Sie ist durchgängig einheitlich und stimmig, in Wortwahl und Stil dem Inhalt angemessen, einfach und doch nicht vereinfachend, flüssig zu lesen. Die häufig eingeflochtene direkte Rede gibt dem Text zusätzlich Lebendigkeit und vermittelt Authentizität. Auf der Einbandrückseite wird das "Hamburger Abendblatt" mit den Worten zitiert: "Selten gibt es Bücher, die in so bestechender Klarheit und ungekünstelter Schlichtheit wiedergeben, worum es wirklich im Leben geht."

Das große Thema ist: Wie leben? Wie sterben? Aber da ist keine theoretische Abhandlung mit vielen weisen Ratschlägen aufgeschrieben worden, sondern die Quintessenz eines langen und erfüllten Lebens, das bis zum letzten Atemzug würdevoll gelebt wird.
    Zufällig erfährt Mitch Albom über das Fernsehen, daß sein verehrter und geliebter ehemaliger Professor Morrie Schwartz an einer tödlichen Krankheit im Endstadium leidet. Dieser war sein Lieblingslehrer gewesen, ein Mann, den er wegen seiner Menschlichkeit in besonderem Maße geschätzt hat. Albom sucht ihn nach sechzehn Jahren zu Hause auf, um ihm Trost und Beistand zu spenden. Er kommt als Gebender und wird sehr schnell zum Nehmenden, der mit einer neuen Sicht auf das Leben beschenkt wird. Höchst überrascht stellt er fest, daß der alte Humor und die Lust an tiefgründigen Gesprächen den vom Tode Gezeichneten nicht verlassen haben. Dessen Mut und Lebensfreude scheinen unverwüstlich. Die beiden Männer, die verschiedenen Generationen angehören, eint eine Freundschaft, die auf gegenseitiger Achtung und Wertschätzung beruht. Mitch bewundert Morrie wie früher ob dessen Einstellung zum Leben, und er ist immer wieder aufs neue erstaunt darüber, wie der alte Professor sie sich auch angesichts des nahen Todes noch bewahrt hat.
    Dem ersten Besuch folgen weitere, es kommt zu regelmäßigen Zusammenkünften. Vierzehn Wochen lang treffen sie sich jeden Dienstag bei Morrie. Ihre Gespräche drehen sich um die großen Welt- und Menschheitsprobleme und ganz persönliche Fragen, um das Leben und Sterben in unserer Gesellschaft, um unsere Kultur und unseren Umgang mit Geld. Sie sprechen über Gefühle, über das Leben und die Liebe, über Ehe und Familie, über Schuld und Vergebung, über Glück und Abschiednehmen und andere Themen mehr. Dabei übernimmt Morrie nicht die Rolle des Dozierenden, sondern des Freundes, des kameradschaftlichen "Coachs", des Mitmenschen, der ebenso wie wir alle in vielen Dingen keine endgültigen Antworten hat. Diese Natürlichkeit und Offenheit, die Aufrichtigkeit und Echtheit seines Redens und Verhaltens, die von dem Schwerkranken und Todgeweihten ausgehen, und vor allem die allgemeinen und grundlegenden ethischen Werte, von denen Morrie nicht nur redet, sondern die er spürbar lebt, beeindrucken Mitch tief. Diese Gespräche verändern sein Leben. Morrie macht einen erschreckenden physischen Verfallsprozeß durch, aber "während sein Körper zerfiel, leuchtete sein Charakter umso heller" (S. 185).

Das Buch umfaßt 28 Kapitel, 14 davon sind den einzelnen Dienstagen zugeordnet. Zwischen mehrere Kapitel wurden - inhaltlich gut passende - kurze Texte aus alten Überlieferungen sowie Erinnerungen Mitchs an seine College-Zeit eingefügt. Diese Rückblenden zeigen einen Hochschullehrer, der ein ganz besonderer Mensch ist. "Morrie glaubte an das Gute in allen Menschen" (S. 175), und Mitch fragt den Leser: "Haben Sie jemals einen richtigen Lehrer gehabt? [...] Wenn Sie das Glück hatten, einmal einen solchen Lehrer gefunden zu haben, dann werden sie auch immer wieder den Weg zu ihm finden" (S. 217f.).
    Das übergreifende Element, das die einzelnen Kapitel miteinander verbindet, ist als Strukturprinzip die Analogie zu einem Hochschulkursus, dem letzten im Leben des Professors, in welchem er seinem einzigen Studenten die Lebenserfahrungen und -weisheiten weiterzugeben beabsichtigt, die mit seinem Tode nicht verlorengehen sollen. Es ist Morries erklärte Absicht, "den Tod zu seinem letzten Projekt zu machen" (S. 21).
    "Es gab keine Zeugnisse", sagt Mitch, "aber jede Woche fanden mündliche Prüfungen statt. Es wurde erwartet, daß man auf Fragen antwortete, und ebenso, daß man selbst Fragen stellte. [...] Statt der Abschlußfeier fand eine Beerdigung statt. Zwar gab es keine Abschlußprüfung, aber es wurde erwartet, daß man über das, was man gelernt hatte, ein langes Referat schrieb. Das Referat ist dieses Buch" (S. 11f.).

Dieses Buch hat mich beeindruckt wie nur sehr wenige andere, es hat mein Weltbild bestätigt und erweitert, in vielen Punkten meine Ansichten bestärkt und ergänzt, an manchen Stellen hat es verborgene Saiten in mir zum Klingen gebracht, an anderen wieder hat es mich zu Tränen gerührt. Es hat mir den Kopf und das Herz angesprochen, und es wird, da bin ich sicher, ein Stück wohl auch mein eigenes Leben und Sterben beeinflussen. Ich weiß, daß ich es noch oft lesen und daraus zitieren werde.
    Jedem nachdenklichen Menschen gleich welchen Alters, der sich die Frage nach einem sinnerfüllten Leben stellt, möchte ich Mitch Alboms Buch ans Herz legen. Es sollte eigentlich an den Schulen zur Pflichtlektüre gemacht werden. Wenn viele Menschen es läsen und sich davon beeindrucken, inspirieren und verändern ließen, sähe unsere Welt ganz gewiß etwas freundlicher aus.
    Mir liegt die vom Buchclub Bertelsmann im Jahre 2003 herausgegebene Lizenz-Ausgabe des RM Buch und Medien Vertrieb GmbH vor, aus der ich zitiert habe. Sie ist zum Preis von EUR 6,95 erhältlich.

© Eberhard E. Küttner, 17.11.2003


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Good Bye, Lenin!
Preisgekrönter deutscher Spielfilm (2003)

Seit länger als einem Jahrzehnt gehe ich sehr selten ins Kino, denn ich entschließe mich nur dann zum Kauf einer der teuren Eintrittskarten, wenn ich einigermaßen sicher sein kann, daß der Film es wert ist, und das kommt nicht oft vor. Bei "Good Bye, Lenin!" habe ich – nach dem, was ich darüber gelesen und gehört hatte - nicht lange gezögert, und ich habe die Entscheidung nicht bereut. Dieser Film gehört zu den besten und eindrucksstärksten, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.

In den wirren Oktobertagen des Jahres 1989 fällt in Berlin (Hauptstadt der DDR) Christiane Kerner, die Mutter des 21jährigen Alex, nach einem Herzinfarkt ins Koma, aus dem sie erst acht Monate später wieder erwacht. Sie weiß also nicht, daß in Berlin keine Staatsgrenze mehr gesichert wird, daß der Kapitalismus mit seinem Geld, seinen schnellen Autos, seiner aggressiven Produktwerbung, seinen großen Supermarkt- und Fast-Food-Ketten die Hauptstadt inzwischen überschwemmt hat, daß die in vierzig Jahren mit Herzblut und Schweiß errichteten Fundamente der Deutschen Demokratischen Republik zu Tode erschüttert sind und damit auch der reale Sozialismus, dem Alex' Mutter sich eng verbunden fühlt. Da der Arzt dringend empfiehlt, jede Art von Aufregung von der Patientin, die noch nicht ganz außer Lebensgefahr sei, unbedingt fernzuhalten, beschließt Alex, die Mutter - entgegen der ärztlichen Warnung - nach Hause zu holen, damit sie im Krankenhaus nicht unvorbereitet und schonungslos mit jenen unglaublichen Ereignissen konfrontiert werde, die für sie die folgenschwersten aller möglichen Aufregungen wären. So soll wenigstens innerhalb der Wohnung auf 79 Quadratmetern die in den letzten Zügen liegende DDR so lange noch einmal in alter Souveränität erstehen, bis man eines Tages der Mutter die Wahrheit würde zumuten können.
    Dieses löbliche Vorhaben erweist sich schwieriger als zuerst gedacht. Es kostet Alex endloses Mühen bei der Suche nach DDR-Produkten, die plötzlich wie weggekehrt sind aus den Geschäften; bei der Organisation von Mutters Geburtstagsfeier, zu der sie sich den Parteisekretär und Pioniere von der Schule zu Gast wünscht, in der sie als Lehrerin gearbeitet hat; bei der Bewältigung solcher Probleme wie die, daß Mutters ganzes in Scheinen irgendwo verstecktes Geld in die neue Währung umgetauscht werden soll, daß die riesenhafte Reklame am Haus gegenüber durchs Fenster zu sehen ist und daß Mutter fernsehen möchte. Mit Hilfe von Schwester Ariane, Freunden, Arbeitskollegen, Hausbewohnern und oft auch nicht ganz ohne Einsatz finanzieller Mittel gelingt es Alex durch ideenreiche Findigkeit erstaunlicherweise immer wieder, brenzlige Situationen auf dem Wege der Schaffung und Erhaltung einer gespenstischen Trugwelt zu retten.

Der Film gewinnt seine besondere Eindrucksstärke vor allem durch die Besetzung aller Rollen, selbst der kleineren, mit ausgezeichneten, hochrangigen Schauspielern.
    Daniel Brühl, der Darsteller des Alex, ist zweifellos ein vielversprechendes junges Talent unter den deutschen Schauspielen. Für seine außerordentliche Leistung in den Filmen "Nichts bereuen", "Vaya con dios" und vor allem "Das weiße Rauschen" (2001) ist er in diesem Jahr mit dem Deutschen Filmpreis als "Bester Hauptdarsteller" geehrt worden. Brühl gibt der Rolle des Alex Ehrlichkeit und Empfindsamkeit. Sein leises Spiel und die schlichte Natürlichkeit der Mutterliebe eines erwachsenen Sohnes hat mich überzeugt. Seine Betroffenheit von der Lebensgefahr, in der seine Mutter schwebt; sein einfühlsamer Umgang mit ihr, als sie im Koma liegt und dann zu Hause; sein rückhaltloser Einsatz bei der Überwindung von Schwierigkeiten – alles das fand ich in jeder Szene glaubhaft gespielt. Ich halte diese Besetzung für sehr gelungen.
    Frau Kerner wird in überzeugendem Spiel von Katrin Saß verkörpert, einer der bedeutendsten und beliebtesten Charakterdarstellerinnen der DDR. Schon mit ihrem Debut im DEFA-Film "Bis daß der Tod euch scheidet" (1979) war sie über die Grenzen der Republik hinaus bekannt geworden. Durch unvergessene Rollen in vielen Filmen (z.B. "Die Verlobte", "Das Haus am Fluß, "Der Traum vom Elch", "Heute sterben immer nur die anderen", "Härtetest" u.a.) hat sie sich einen großen Namen gemacht. Für ihre herausragende Leistung in "Heidi M." (2001) ist sie mit dem Deutschen Filmpreis als "Beste Hauptdarstellerin" ausgezeichnet worden. Katrin Saß beweist für mich in der Rolle von Christiane Kerner erneut ihre große Wandlungsfähigkeit und Überzeugungskraft, sie spielt sie mit Glaubwürdigkeit und tiefer menschlicher Wärme.

    Die russische Schauspielerin Tschulpan Chamatowa, die Alex' Freundin Lara, die Krankenschwester, verkörpert, wurde für ihre bemerkenswerte Darstellungskunst in "Luna Papa" (1998) beim "Festival du Cinema Russe à Honfleur" im Jahre 2000 als "Beste Hauptdarstellerin" ausgezeichnet. Danach erhielt sie einen Preis in der gleichen Kategorie beim Filmfestival Nantes für ihre Leistung im Film "Tuvalu" (1999). Die Chamatowa spielt auch in diesem Film ihre Stärken, die vor allem in der Verkörperung von Gefühlen und in der Formgebung des mehrschichtigen Charakters der Lara liegen, voll aus.
    Ebenso ist die Darstellerin von Alex' Schwester Ariane, Maria Simon, mehrfache Preisträgerin: Für ihre Rolle in "Zornige Küsse" (1999) erhielt sie beim Filmfestival von Moskau 2000 einen Preis als "Beste Darstellerin", und für den Film "Erste Ehe" wurde sie mit dem "First Steps Award 2002" ausgezeichnet. Maria Simon gibt dem – im Unterschied zu Alex ganz anderen – Wesen von Ariane Echtheit und eine stimmige Kongruenz zur Figur.
    Florian Lukas, ein weiterer hoffnungsvoller Nachwuchsschauspieler, konnte mich mit seinen darstellerischen Erfahrungen, die er bei verschiedenen Bühnenproduktionen - u.a. beim Berliner Ensemble und am Deutschen Theater - sowie bei ersten Filmarbeiten gesammelt hat, überzeugen. Er spielt Denis, den trickreichen Arbeitskollegen von Alex in einer Weise, die der Figur in ihrer Mischung von ehrgeizigem Stolz und selbstlos treuer Hilfsbereitschaft eine glaubwürdige Verkörperung gibt.
    Für die Besetzung selbst von Nebenrollen mit hervorragenden Schauspielern zeugen beispielsweise Michael Gwisdek, seit den sechziger Jahren einer der bedeutendsten Schauspieler und Regisseure aus der DDR, in der Rolle des ehemaligen Schulparteisekretärs Klapproth, und Burghart Klaußner, bekannt an den berühmtesten Bühnen des deutschen Sprachraums, als Alex' Vater. (Quelle der Angaben zu den Schauspielern: http://www.79qmddr.de)

Es stellt sich die Frage, was dieser Film eigentlich sein soll: Eine Groteske? Ein Schwank? Eine Komödie? Eine Tragikömödie? Eine lyrische Reminiszenz? Ein ernsthaftes Stück Geschichtsaufarbeitung mit ungewöhnlichen Mitteln? Ein modernes Märchen? Ich meine, er ist das alles nicht und hat doch von all dem ein bißchen.
    Der Film beruht auf einem klaren Konzept, das ohne stilistische Brüche von Anfang bis Ende konsequent durchgehalten wird. Von Alex als Erzähler wird anfangs in kurzen Rückblenden, die als solche leicht erkennbar sind, die biografische Vorgeschichte und das Schicksal der Familie nachgeliefert, die bis in seine frühen Kindertage zurückreicht. Sie ist der Schlüssel zur Erklärung der Gegenwartshandlung und des Verhaltens der einzelnen Figuren. So wird das Geschehen verständlich und nachvollziehbar. Abgesehen von dieser eingeblendeten Vergangenheitsebene ereignen sich die Geschehnisse des Films auf zwei Gegenwartsebenen: einer Hauptebene und – was die Geschichte mit Alex' Vater betrifft – einer Nebenenebe.
    Die Szenen bauen logisch aufeinander auf und führen die Handlung in Ausführlichkeit und Tempo angemessen voran. Der ästhetisch anspruchsvollen Bildsprache und -führung wird eine zusätzliche rationale und emotionale Vermittlungsfunktion zugeordnet. Das zeigt sich zum Beispiel an der Sequenz, wo das oberste Teil des vom Sockel gestoßenen Berliner Lenin-Standbildes, von einem Flugzeug herabhängend, an Christiane Kerner vorbeischwebt und, sich langsam nähernd, ihr im Fluge gleichsam die Hand zum Abschied zu reichen scheint. Diese Szene, die dem Film wohl auch den Titel gab, ist für mich eine der stärksten des Films.
    Ein Spannungsbogen, der sich vom Beginn bis zur allerletzten Szene erstreckt, umfaßt die gesamte Handlung und läßt über ihr den Zuschauer sich immer wieder die Frage stellen, wie der abenteuerliche Versuch, die gesellschaftlich-politischen Ereignisse vor Alex' Mutter geheimzuhalten, wohl ausgehen wird, und diese Frage bleibt bis zu den letzten Minuten offen.

Heute in Deutschland einen Spielfilm über die Deutsche Demokratische Republik zu produzieren, ist ein schwieriges Unterfangen, das sich auf schmalem Grat bewegt: Einerseits droht der Absturz in die Seichtheit grotesker Übertreibung, die den Stoff der Lächerlichkeit preisgibt, weil sie im provokanten Widerspruch zur historischen Realität ein Zerrbild von jenem Lande zeichnet, das nur noch die älteren unter den ehemaligen DDR-Bürgern wirklich kennen. Das ist zum Beispiel beim Film "Sonnenallee" passiert. Andererseits droht der Absturz in die Hölle der pauschalen Verteufelung des politischen Systems und der gesellschaftlichen Realität der DDR und einer ebenso einseitigen und damit der Wirklichkeit nicht gerecht werdenden Verzeichnung des Alltagslebens in diesem Lande mit überwiegenden Grau- und Schwarztönen, allüberall bedrückend eingeengt von schmerzhaft grellem Rot. Das kennen wir aus mehreren tendenziösen Filmen mit eindeutiger DDR-Aversion.
    "Good Bye, Lenin!" ist beiden Gefahren gekonnt ausgewichen. Ich finde, daß dieser Film mit seinem Rückblick auf ein untergegangenes Land Würde und Respekt bewahrt gegenüber den Menschen, deren Heimat es war und die in ihm - trotz aller Schwächen, die es hatte - eine wirkliche Alternative gesehen haben zu einem Leben in Konsumwahn, Geldvergötzung und Profitgier, sozialer Ungerechtigkeit, Konkurrenzkampf und menschlicher Kälte. Damit spreche ich den Vätern des Films (Bernd Lichtenberg – Drehbuchautor, Wolfgang Becker – Regisseur und Co-Autor, Stefan Arndt – Produzent) eine ganz besondere Anerkennung aus, denn sie haben nie in der DDR gelebt, und dennoch ist es ihnen gelungen, bis ins kleinste Detail die Realität des DDR-Alltags stimmig darzustellen!
    Christiane Kerner ist keine komische und auch keine tragische Figur, man hat Achtung vor ihr. Es gibt auch keinen Grund, etwa ihre "Systemtreue" zu kritisieren, weil sie in der DDR ein erfülltes und glückliches Leben führen konnte und weil sie eine engagierte und gerade deshalb geachtete Persönlichkeit war. Der Film stellt sie als eine sympathische Frau vor, deren Gefühle man verstehen und nachempfinden kann. Ebenso überzeugt mich das Schicksal des entlassenen Pädagogen, der sein ganzes Leben der sozialistischen Schule gewidmet hat und nun vor einem Scherbenhaufen steht. Auch für den alten Nachbarn, der bei jeder Gelegenheit verbittert auf "die vierzig Jahre" zurückschaut, die nun nichts mehr wert sind, zeigt der Film Verständnis. Er enthält nirgendwo auch nur die Spur jener heutzutage gelegentlich zu beobachtenden Tendenz, solchen Menschen mit herablassender Überlegenheit oder mit Kopfschütteln zu begegnen. Im Gegenteil: Er gibt den ehemaligen DDR-Bürgern etwas von dem Selbstbewußtsein wieder, das sie im Jahre 1990 verloren hatten und das sie sich inzwischen Schritt für Schritt zurückerobern. Er bietet eine inhaltlich und künstlerisch ehrliche und einfühlsame Darstellung eines Stücks Wirklichkeit. Das rechne ich dem Film sehr hoch an.
    Gelacht habe ich nicht während der zwei Stunden. Hin und wieder habe ich geschmunzelt, ab und zu huschte auch ein wiedererkennend-wehmütiges Lächeln nostalgischer Erinnerung über mein Gesicht. Am meisten jedoch empfand ich die Ergriffenheit und das Mitgefühl dessen, der sich in diesem Film gemeint und erkannt fühlt. Vor allem spürte ich da in mir wieder dieses tiefsitzende Gefühl der Enttäuschung und der Trauer, daß man damals die beiden deutschen Staaten, bestehend aus zwei Stoffen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, mit heißer Nadel zusammengeflickt hat, oberflächlich und mit sehr unsauberer Naht, mit Verwerfungen und Fehlstichen und ungeachtet dessen, wo etwas paßt und wo nicht, als demütigend empfunden von vielen Menschen im "Beitrittsgebiet". Beim Verlassen des Kinos bewegte mich der Gedanke, wie schön es gewesen wäre, wenn die Historie einen ähnlichen Verlauf genommen hätte, wie das Ende des Films sie liebevoll und sehr bewegend erzählt...
    Ganz gleich, in welchem deutschen Staat man seine Heimat hatte: Dieser Film kann einen wichtigen Beitrag zur gegenseitigen Verständigung leisten. Man sollte ihn sich nicht entgehen lassen.

© Eberhard E. Küttner, 17.2.2003

Nachtrag:
Der Film ist am 6. Juni mit dem Deutschen Filmpreis 2003 in Gold ausgezeichnet worden. Außerdem erhielt er weitere sechs Jury-Preise und zwei Publikumspreise.

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Matthews, Anne McLean: Die Höhle. Roman,
Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt 1998, ISBN: 3-596-13961-9

Manchmal - besonders am Abend eines anstrengenden Tages - verspüre ich das Bedürfnis, mich von einem Roman auf intelligente Weise unterhalten und in eine fiktive Welt entführen zu lassen, die meinen Geist in einer ganz anderen Art beansprucht als mein Alltag. Wenn ein solcher Roman ein mich inspirierendes Thema hat und eine schlüssige und überschaubare Handlung, wenn er klug komponiert ist, sprachlichen Genuß bereitet und mit psychologischem Tiefgang flüssig erzählt wird, mithin also schriftstellerisches Können beweist, dann ziehe ich ihn selbst einem guten Spielfilm vor, denn er regt meine Phantasie dazu an, mir bei der Lektüre meinen eigenen Film zu zeigen. Anne McLean Matthews' Buch "Die Höhle" ist ein solcher Roman. Ich verdanke ihm drei lange Abende fesselnder Begeisterung.

Helen Myrer, eine fünfundvierzigjährige engagierte Psychologin in verantwortungsvoller Position mit langjährigen Erfahrungen im psychologischen Sozialdienst und Mutter zweier Kinder, hat sich entschlossen, für zwei Wochen Urlaub in einem sehr abgelegenen Ferienhäuschen am Lake Glory in New Hampshire zu machen, wo sie zwölf Jahre davor schon einmal mit ihrem vor kurzem verstorbenen Ehemann eine sehr glückliche Zeit verlebt hat.
      Schon am Ankunftstag, als sie voller Erinnerungen durch die Räume geht, bemerkt sie im Schatten einen Mann mit einer Strumpfhose über dem Gesicht und einem Messer in der Hand. Da er sich ihr aber nicht nähert, beschließt sie, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen und so zu tun, als ob sie von der Anwesenheit des Fremden nichts wüßte, und dann zu fliehen. Aber ihre Autoschlüssel sind nicht mehr da, und als auch ein Notruf mißlingt, weil das Telefon nicht funktioniert, begreift sie den Ernst ihrer Lage. Außerdem zeigen ihr direkte und symbolische Handlungen des Fremden aus dem Verborgenen heraus unmißverständlich, daß sie sich in großer Gefahr befindet. Ihr Versuch, zu Fuß zum nächsten Grundstück zu fliehen, scheint zu gelingen, denn sie wird nicht verfolgt. Aber als der Fremde sie dort bereits erwartet, wird ihr bewußt, daß dieser Fluchtversuch in seiner Absicht gelegen hat. Auch später entdeckt sie immer wieder, daß alles, was sie tut, sich nachträglich als Teil seines Planes erweist, der offenbar vorsieht, sie in einem präzise durchdachten und brutal inszenierten Katz-und-Maus-Spiel psychisch zu foltern.
    Helen erkennt im grausam raffinierten Verhalten ihres Peinigers, der ihr dann auch körperliche Schmerzen und Wunden zufügt, einen hochintelligenten Psychopathen. Ihr fachliches Wissen um psychologische Wirkungsmechanismen und die Worte, die ihr zur Verfügung stehen, sind ihre einzigen Werkzeuge gegen die Übermacht dieses Menschen, der sie vollkommen in seiner Gewalt hat, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Sie setzt alle professionellen Methoden ihres Metiers ein, den Kranken emotional zu beeindrucken und psychisch zu beeinflussen, täuscht schließlich gar Liebe zu ihm vor und verspricht, ihm als seine Therapeutin Heilung zu bringen, wenn er sie freiläßt. Immer wieder scheint sie mit ihren Manipulationsversuchen auch Erfolg zu haben, bis sie jedes Mal erkennen muß, daß er das Spiel umgedreht hat und in Wirklichkeit er der Manipulierende ist. Mit jedem Versuch, Gewalt über den gefährlichen Mann zu bekommen, liefert sie sich ihm immer mehr aus. Erschreckender als die körperliche Gewalt, die Helen erdulden muß, ist der allmähliche Verlust von Würde und Willen, von Selbstbewußtsein und Selbsterhaltungstrieb, den sie, eine moderne und gesellschaftlich hoch anerkannte Frau, bis dahin niemals für möglich gehalten hätte.
    Nach und nach erschließen sich Helen die krankhafte Persönlichkeitsstruktur des Wahnsinnigen und die Hintergründe seines triebhaften Handelns, das ihn zu einem Serienmörder gemacht hat. Sie begreift, daß er nicht anders kann, als nun auch sie, wie schon viele andere vor ihr, ganz langsam und schrittweise zu Tode zu bringen, und daß es gerade diese Langsamkeit des Quälens ist, die ihm höchste - auch sexuelle - Befriedigung gibt. Die Handlung führt zu fürchterlichen Szenen an abscheulichen Orten, und bis zuletzt bleibt die Frage offen, ob es für Helen am Ende doch noch ein Entrinnen aus dem teuflischen Labyrinth geben wird.

Die Handlung wird im Imperfekt aus der Sicht eines Erzählers mit einer einheitlichen und gegenüber dem Geschehen und dem Leser neutral gehaltenen Darstellungsweise entwickelt. Zu dieser Erzählperspektive gehört, daß zukünftige Ereignisse nicht bekannt sind und also auch niemals angedeutet werden. So bleibt die Spannung bis zum Schluß erhalten. Aufgebaut und über die gesamte Länge von 299 Seiten durchgehalten wird die Spannung vor allem dadurch, daß die männliche Hauptfigur als eine undurchsichtige Persönlichkeit mit unvorhersehbaren Verhaltensweisen konzipiert ist und daß die Handlung immer wieder neue und unerwartete Wendungen erfährt. Dazu kommt, daß durch ein in der zweiten Hälfte des Romans sich verstärkendes Tempo der Schreckensereignisse eine Komprimierung der Erregungsmomente und eine Zuspitzung der Dramatik erfolgt, die sich erst auf den letzten drei Seiten plötzlich löst. Die scheinbar erfolgreichen Manöver Helens, die sich dann aber doch stets als trügerisch herausstellen, bringen eine zusätzliche Dynamik ins Spiel. Der Roman beginnt im ganz unspektakulären Alltagsleben und gleitet dann allmählich immer tiefer in eine unheimliche Welt hinein, die den Leser zusehends gefangennimmt. Im letzten Kapitel kulminieren die sich schließlich zu einem Ganzen zusammenfügenden Einzelerkenntnisse wie zu einem machtvollen Schlußakkord einer Symphonie. Mit den letzten Sätzen läßt die Autorin einen aufgewühlten und erschütterten Leser zurück.

Der Roman, dem ein einziger, konsequent und bruchlos durchgeführter, in sich stimmiger Handlungsstrang zu Grunde liegt, ist in neunzehn nicht zu lange Kapitel gegliedert, deren Titel jeweils einen Schwerpunkt im Handlungsfortgang bezeichnen. Hin und wieder sind zwischen zwei Kapitel Tagebuchnotizen eingefügt, in denen vom Erzähler mitgeteilte Ereignisse noch einmal aus der Sicht des Psychopathen betrachtet werden. Das gibt der Konstruktion die Andeutung einer zweiten Perspektive. (Ich beziehe mich hier natürlich auf die deutsche Übersetzung aus dem Amerikanischen, die von Friederike Zeininger vorgenommen worden ist.) Dem Tempo des unberechenbaren und aktionsreichen Geschehens entspricht die sprachliche Form in gelungener Weise: Die Autorin arbeitet viel mit direktem Dialog, benutzt kurze Sätze und treffende Worte und kann mit sparsamen sprachlichen Mitteln sehr lebendige Vorstellungen beim Leser erzeugen. In der wörtlichen Rede differenziert und charakterisiert sie anschaulich die Wesenszüge der beiden Hauptfiguren und damit auch in überzeugender Weise die krankhafte Gedanken- und Gefühlswelt des Triebtäters. In kurzen, aber eindrucksvollen Passagen reflektiert der Text sensibel innere psychische Vorgänge und besonders Helens dramatisch sich zuspitzende körperliche und seelische Verfassung. Der Erzählstil entspricht der beabsichtigten realistischen und sachlichen Darstellung des haarsträubend Grauenhaften. Er wird einheitlich durchgehalten und ist bei aller Schlichtheit und Emotionslosigkeit doch wohlgeformt und von künstlerischem Anspruch.

Dieser Kriminalroman hebt sich wohltuend ab von jenen vordergründig action-orientierten Horrorschockern der gegenwärtigen Trivialliteratur, die einen fragwürdigen Zeitgeschmack eines bestimmten Publikums bedienen wollen. Die Autorin hat nicht die Absicht, eventuelle voyeuristische Bedürfnisse beim Vorführen von Abnormität, Perversität und Verbrechen zu befriedigen oder gar niedere Instinkte zu wecken. Die Texanerin hat selbst Psychologie studiert, und man spürt, daß sie sehr wohl weiß, wovon sie schreibt. Sie erzählt das Ungeheuerliche mit Redlichkeit und Seriosität und ohne Effekthascherei. Mit ihrer fiktiven Geschichte, die trotzdem im künstlerischen Sinne durch und durch realistisch ist, erlaubt sie dem Leser mit dem Blick in die "Höhle" zugleich einen Einblick in die erschreckenden Abgründe der menschlichen Seele, in extreme Grenz- und Ausnahmesituationen der menschlichen Existenz und in das Instrumentarium der wissenschaftlichen Psychologie. Dabei stellt sie die Person des Kranken nicht als verabscheuungswürdiges Monster dar, wie die Öffentlichkeit es heutztutage allzu gern tut, sondern als jemanden, der trotz seiner abartigen Grausamkeit ein Mensch ist, für dessen So-Sein es Ursachen gibt, der deshalb Einfühlsamkeit, Verständnis und eine Therapie verdient und dem trotz allem die Menschenwürde nicht abgesprochen werden darf. Sie macht deutlich, daß die Potenz des Bösen in uns allen angelegt ist und daß wir mit unserem Verurteilen anderer immer auch das Urteil über uns selber sprechen. Nicht zuletzt diese zutiefst humanistische Grundhaltung macht den Roman neben seinen vielen anderen Vorzügen lesenswert. Ich werde ihn in meinem Regal neben Harris' "Schweigen der Lämmer" stellen, und sollte er einmal verfilmt wären, was ich mir sehr gut vorstellen könnte, dann möchte ich Götz George in der Hauptrolle sehen.

"Die Höhle" ist 1997 im Limes-Verlag zum Preis von DM 39,80 ( = EUR 20,35) herausgekommen. Die 1998 im Fischer Taschenbuch Verlag erschienene Ausgabe kostete DM 14,90 ( = EUR 7,62).

© Eberhard E. Küttner, 17.2.2003

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DIE BIBEL

Bei einem der drei Bücher, die ich mir für einen Daueraufenthalt auf der sprichwörtlichen einsamen Insel auswählen dürfte, brauchte ich keinen Augenblick zu zögern: Das wäre die Bibel. "Der Umgang mit der Bibel ist ein großes und atemberaubendes Abenteuer", hat Manfred Hausmann, ein Dichter unserer Zeit, gesagt, und das kann ich nur aus vollem Herzen bestätigen. Meine Begegnung mit diesem außergewöhnlichen Buch begann in frühen Kindertagen, als ich seine Geschichten erzählt bekam, sie setzte sich fort über die Jahrzehnte, und obgleich ich es nach unzähligem Lesen und Hören von der ersten bis zur letzten Seite zu kennen glaube, entdecke ich doch jedes Mal, wenn ich es aufschlage und mich darin festlese, wieder etwas Neues.

Die Bibel ist ein Sammelwerk aus 66 einzelnen Büchern – daher auch der Name "biblia" (lat. für "Bibliothek") und die Bezeichnung "Buch der Bücher". 39 davon bilden das (jüdische) "Alte Testament", d.h. jenen in hebräischer und aramäischer Sprache geschriebenen Teil, der dem heiligen Kanon der Juden entspricht; die anderen 27 Bücher bilden das griechisch verfaßte (christliche) "Neue Testament". ("Testament" hat hier nichts zu tun mit den Festlegungen für den Todesfall, sondern bedeutet, abgeleitet von lat. "testimonium", "Zeugnis", "Bezeugung" und meint den Bund Gottes mit den Menschen vor Christus ["Altes Testament"] und durch Christus ["Neues Testament"].)

Es ist nicht mit letzter Sicherheit zu sagen, wann die ersten Teile des "Alten Testaments" niedergeschrieben worden sind, nachdem sie über viele Generationen mündlich weitererzählt worden waren, angenommen wird heute etwa die Zeit um 1600 v.u.Z. Die letzten Teile mögen wohl um 400 v.u.Z. schriftlich festgehalten worden sein. Das "Alte Testament" enthält aus der Frühgeschichte des Volkes Israel Überlieferungen von den Erzvätern und Propheten, Gesetze und kultische Vorschriften, Lieder und Sprüche, feierliche Texte, Lehrerzählungen u.a. Das "Neue Testament" besteht hauptsächlich aus vier Evangelien ("Guten Botschaften") vom Leben und Wirken des Jesus von Nazareth, der Geschichte der urchristlichen Gemeinde und Briefen der Apostel ("Sendboten") Jesu bzw. des neuen Glaubensweges. Die Entstehungszeit ist für den Zeitraum etwa von 50 bis 100 u.Z. anzusetzen.

Die ältesten bisher bekanntgewordenen biblischen Urkunden sind auf Papyrus und Tierhäuten (Pergament) in Rollenform geschrieben. Die Originale sind freilich verlorengegangen. Allein die Zahl der erhalten gebliebenen hebräischen Abschriften wird auf ca. 6000 geschätzt. Um 400 wurde der Kanon (die Gesamtheit der aufzunehmenden Bücher) der Bibel endgültig festgelegt und das "Alte Testament" ins Griechische übersetzt und danach die ganze Bibel ins Lateinische. Bereits im Jahre 500 gab es die erste Handschrift in althochdeutscher Sprache. In den darauffolgenden Jahrhunderten ist die Bibel in den Klöstern immer wieder kopiert worden. Diese Tätigkeit wurde als eine meditative Art des Gottesdienstes empfunden, und so schufen die Mönche zum Lobe Gottes die kunstvollsten und kostbarsten Buchhandschriften des frühen und späten Mittelalters.

Im Jahre 1534 vollendete Martin Luther nach vielen Jahren Arbeit sein großes Schöpfungswerk einer (neuhoch-)deutschen Bibelübersetzung, die – wenn auch mehrmals revidiert (sprachlich angeglichen) - bis zum heutigen Tage die bekannteste und am meisten verwendete in Deutschland geblieben ist. Sie hat den Anstoß gegeben für die Entwicklung einer einheitlichen deutschen Sprache, und sie hat jahrhundertelang den Sprachgebrauch der Menschen geprägt. Eine große Zahl von Redewendungen und Sprichwörtern, die wir noch heute benutzen, sind Bibelstellen im Luther-Deutsch. Bis ins XX. Jahrhundert war die Luther-Bibel nahezu die einzige deutsche Bibel. Seit Ende des I. Weltkrieges sind allmählich erste neue Übersetzungen hinzugekommen, und nach 1945 ist ihre Zahl sprunghaft angestiegen. Einer der Gründe dafür sind die neueren Erkenntnisse der Bibelwissenschaft, nach denen es bei den zahlreichen hebräischen Handschriften viele verschiedene Lesarten gibt, die unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten erlauben. Zum anderen ist es äußerst schwierig, ja nahezu unmöglich, Formulierungen aus dem Hebräischen, einer Sprache, die völlig anders strukturiert ist als die deutsche, und aus dem Altgriechischen so in unsere Sprache zu übersetzen, daß sie beim heutigen Menschen möglichst die gleichen Vorstellungen und Gefühle erwecken, die im Ursprungstext gemeint sind. Entweder man möchte dem Grundtext so weit wie möglich sprachlich treu bleiben und muß damit schwerer verständliche oder gar mißverständliche Formulierungen in Kauf nehmen, oder man entscheidet sich für eine freiere Übertragung, die der Absicht des Originals dann zwar vielleicht inhaltlich näher kommt, sich aber in der sprachlichen Form zu weit vom ihm entfernt. Gerade das aber ist für diejenigen Christen unakzeptabel, die an die Verbalinspiration (die buchstabengetreue Eingebung der Texte durch Gott) glauben. Zwischen diesen beiden Gefahren standen und stehen alle Bibelübersetzer, und jeder versucht nach bestem Wissen und Gewissen, einen akzeptablen Kompromiß zwischen den beiden Polen Formtreue und Inhaltstreue zu finden.

Von den heute gebräuchlichsten deutschsprachigen Bibeln sind die - mit Abstufungen - mehr formgetreuen: die Elberfelder Bibel, die Zürcher Bibel, die Luther-Bibel und die Einheits-Übersetzung; und die mehr inhaltsgetreuen sind: die Menge-Bibel, die "Gute-Nachricht"-Bibel und die "Hoffnung-für-alle"-Bibel. Außer diesen existieren sehr viele weitere – mehr oder weniger gelungene - Versuche, dem sehr hohen Anspruch einer Bibelübersetzung gerecht zu werden. Als eine besonders gute Lösung gilt die "Neue Genfer Übersetzung", von der es bisher erst Teile des "Neuen Testaments" gibt. Man kann heute Bibeln aller Art kaufen: große und schwere Altarbibeln ebenso wie winzige Westentaschenbibeln; teure kunstvoll gestaltete und von berühmten Künstlern illustrierte mit feinstem Ledereinband oder gar Intarsien auf dem Buchdeckel ebenso wie sehr preiswerte Gebrauchsbibeln für den Alltag; Studienbibeln mit Einführungen, Erklärungen und Anmerkungen oder umfangreichen Wörterverzeichnissen ebenso wie solche, die nur den reinen Text haben. . Außerdem gibt es im Elektronikzeitalter natürlich auch CD-ROMs von der Bibel für den PC und kleine Taschenbibelcomputer für unterwegs. Für jeden Gebrauch ist die entsprechende Ausgabe in der gewünschten Übersetzung zu haben. Für jeden Gebrauch gibt es die entsprechende Ausgabe in der gewünschten Übersetzung.

Während frühere Generationen mit der Bibel aufgewachsen sind, gibt es heute nur noch sehr wenige Menschen, die sie kennen oder gar ganz gelesen haben. Bei manchen älteren Leuten steht die Konfirmations-Geschenkausgabe der Bibel freilich auch noch fast unberührt im Bücherschrank. Oft sind es Vorurteile, die davon abhalten, ein lebendiges Verhältnis zu ihr einzugehen, wie etwa diese: Das Buch ist in schwieriger, altertümlicher Sprache geschrieben; es handelt von Dingen, die mir fremd sind und die ich nicht verstehen kann; es ist langweilig und viel zu dick, und im übrigen glaube ich nicht an Gott und interessiere ich mich nicht für Religion. Aber all diese Einwände sind unzutreffend: Von den modernen Übersetzungen war bereits die Rede. Und das, wovon die Bibel handelt, sind nicht nur Geschichten und Überlieferungen aus längst vergangenen Zeiten und fremden Welten; es sind Dinge, die hier und heute geschehen und die mich persönlich in meiner Befindlichkeit ansprechen und zutiefst angehen. Die Bibelbücher sind nicht langweilig, sondern lebendig und spannend, abenteuerlich und mitreißend, unterhaltsam und zum Nachdenken anregend, jedes auf seine eigene Art und Weise.

Was die Bibel eigentlich ist, wird im Streit der Meinungen sehr gegensätzlich beurteilt. Den einen erscheint sie als ein veraltetes Buch, gar zu weit entfernt von den Problemen der heutigen Welt, ein Buch, das sie in manchen Aussagen sogar für fortschrittsfeindlich halten. Für die anderen ist sie ein unverzichtbarer Teil der Weltkultur und des Lebens von immerwährender Aktualität. Unbestritten freilich ist, daß man sich der Bibel vorurteilsfrei öffnen muß und daß es notwendig ist, sie in ihrer Dialektik zwischen historischer Zeitbezogenheit und zeitloser Allgemeingültigkeit wahrzunehmen Selbstverständlich kann sie ebenso mißbraucht werden – wie z.B. auch der Koran und alle heiligen Schriften - für heillose Ziele oder zur Begründung menschenfeindlicher Anschauungen und sogar zur Rechtfertigung von Kriegen. Aber davor ist letztlich kein noch so wertvolles Gedankengut gefeit. Umso wichtiger ist es, den Geist vom Buchstaben zu unterscheiden. Außerdem ist es dringend notwendig für das rechte Verständnis der Bibel, sich auf das Weltbild ihrer Schreiber einzulassen, auf deren - uns Heutigen leider fremd gewordenes - mystisches Denken und ihre oftmals sehr bildhafte Sprache, die der neuzeitliche Mensch weitgehend vergessen hat.

Man muß auch nicht zwingend ein religiöser Mensch sein, wenn man in der Bibel liest. Auch Andersgläubige und sogar Atheisten sagen, daß die Bibel ihnen viel gegeben habe. Zwar ist sie die "Heilige Schrift" der Christenheit und (im "Alten Testament") die des Judentums und als solche für die Gläubigen "Gottes Wort", aber trotzdem ist sie nicht nur ein Buch der Religion und des Glaubens, sie ist auch ein Buch der Geschichte und der Kultur, ein Buch des Lernens und der Lebensbewältigung. Wer die Bibel nicht kennt, der findet nur schwer Zugang zur bildenden Kunst und zur belletristischen Literatur der Jahrhunderte bis heute, der findet den Schlüssel nicht zum Verständnis der Geisteswissenschaften und Gedankengebäude, der Traditionen und Bräuche, der Lebensweisen und Konflikte der Völker in Europa und im Nahen Osten während der letzten dreitausend Jahre und in der Gegenwart. Wer die Bibel nicht kennt, dem bleibt auch manche Lebensfrage unbeantwortet und manche Lebenshilfe unerkannt.

Die Bibel war die Kampfschrift der Erneuerungsbewegung der Reformation, sie war die Grundlage für die Bürgerrechtsbewegung in den USA, und sie ist in unserer Zeit die politische Kraft der Befreiungsbewegung in Lateinamerika und Afrika. Die Bibel hat die Welt verändert und das Leben einzelner Menschen, und das tut sie heute noch. Sie ist ein unerhört lebendiges Buch, sie ist das "unausschöpfbare Meer" (M. Sperber), sie ist ein "Wegweiser in Richtung auf eine humanere Zukunft" (R. Jungk).

Ich habe eine ganze Sammlung unterschiedlicher Ausgaben der Bibel, und immer war eine davon in allen Höhen und Tiefen meines Lebens dabei. Sie ist das Buch, das wie kein anderes zu mir gehört.

© Eberhard E. Küttner, 7.11.2002

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Frankl, Viktor Emil: ...trotzdem Ja zum Leben sagen.
Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager,
Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München, 21. Auflage, 2002
Paperback, 199 Seiten

Heute vor fünf Jahren verstarb im Alter von 92 Jahren in Wien eine der für mich beeindruckendsten Persönlichkeiten, die ich kenne: der große, gütige und weise Viktor Emil Frankl, der auf allen Kontinenten berühmte österreichische Arzt, Professor für Neurologie und Psychiatrie sowie Professor der von ihm begründeten Wissenschaft Logopädie. Unter seinem Werk von über dreißig Fachbüchern, übersetzt in alle wichtigen Sprachen der Erde, ist dieses kleine Bändchen äußerlich vergleichsweise unscheinbar, und dennoch gehört es, wie das Zitat auf der vierten Umschlagseite aussagt, "zum kostbaren Erbe jener säkulären Literatur, in der die Grundwahrheiten unseres Jahrhunderts manifest werden" (deutschland-berichte).

Das Buch will kein objektiver Tatsachenbericht über das Leben in Konzentrationslagern des deutschen Faschismus sein, sondern eine subjektive Erlebnisschilderung aus der Sicht eines Häftlings, der das Erfahrene zudem mit den Augen und dem Verstand eines Psychologen betrachtet und zu erklären versucht. Frankl beleuchtet Ereignisse und Situationen sowie Vorgänge und Verhaltensweisen auf seiten der Inhaftierten wie der SS-Offiziere im KZ-Alltag von der Einlieferung bis zur Befreiung und versucht hier und da psychologische Deutungen. Dabei kommt er unter anderem zu der Feststellung, daß mit der Kennzeichnung einer Person entweder als Angehörigen der SS oder als Lagerhäftling noch kein Urteil über ihn gefällt werden könne. "Menschliche Güte kann man bei allen Menschen finden, sie findet sich also auch bei der Gruppe, deren pauschale Verurteilung doch gewiß sehr nahe liegt. [...] So einfach dürfen wir es uns nicht machen, daß wir erklären: die einen sind die Engel und die andern sind Teufel." (S. 137) Damit spricht er etwas aus, das ich schon immer so empfunden habe. Grundsätzlich lehnt er eine Pauschalverurteilung ab und die Existenz einer "Kollektivschuld".

Er beschreibt sachlich und emotionslos - aber gerade dadurch sehr eindrucksvoll und berührend - in der "ersten Phase" die Ankunft im Bahnhof Auschwitz, die Aufnahme im Lager mit der ersten Selektion, die Desinfektion und die ersten Reaktionen der Mitgefangenen vom Zerrinnen der Illusionen über den Galgenhumor bis hin zur Neugier. Er setzt sich auseinander mit der Selbsttötung, in der vom ersten Tag an von vielen der einzige Ausweg gesehen wurde. Gleich am ersten Abend hatte Frankl sich selbst das Versprechen abgenommen, nicht "in den Draht zu laufen" (womit die Häftlinge das Berühren des mit elektrischer Hochspannung geladenen Stacheldrahtes meinten), und selbst in der schlimmsten Verzweiflung hat er an diesem Vorsatz festgehalten - in dem Wissen, daß auch unter diesen Umständen sein Leben sinnvoll ist.

Als typisch für die "zweite Phase" des Lagerlebens bezeichnet der Autor die Apathie und die Abstumpfung des Gemüts bis hin zur Gleichgültigkeit. Der Tod von Mitgefangenen löste bald kaum noch Gefühlsreaktionen aus. Was dennoch als das Schmerzlichste empfunden wurde, waren nach Mißhandlungen nicht der körperliche Schmerz, sondern der Hohn und der Haß, der sie begleitete, die entmenschte Grausamkeit, der sie entsprangen. Bedingt durch die unter der seelischen Zwangslage des Lagerlebens entstehende Regression, den Rückzug auf eine primitive Form der Emotionalität, spielten in den nächtlichen Träumen der Häftlinge vor allem Brot und Torten und Zigaretten und ein warmes Wannebad die Hauptrolle. Der Hunger und die Gedanken ans Essen bildeten das Haupt-Gesprächsthema, dagegen schwieg unter den Bedingungen der Unterernährung der Sexualtrieb. Die Themen Politik und Kultur rückten zugunsten des religiösen Interesses, das als Ausdruck der inneren (in Ermangelung der äußeren) Freiheit viel Raum im Denken einnahm, in den Hintergrund.

"Die geistige Freiheit des Menschen, die man ihm bis zum letzten Atemzug nicht nehmen kann, läßt ihn auch noch bis zum letzten Atemzug Gelegenheit finden, sein Leben sinnvoll zu gestalten. [...] Wenn Leben überhaupt einen Sinn hat, dann muß auch Leiden einen Sinn haben." (S. 109 f.)

Allgemein zu beobachten war die Flucht nach innen und damit auch in die Transzendenz, die Meditation, die Selbstgespräche und die Sehnsucht nach Einsamkeit, einem Zustand, der fast nicht existierte. Beeindruckend war für mich, daß es auch künstlerische Aktivitäten im KZ gab in Form von Kabarettveranstaltungen, Lyrikabenden, Musikaufführungen, an denen SS-Leute als Zuschauer teilnahmen; und erstaunlich tönte für mich, daß neben dem Kunsterleben sogar Humor seinen Platz hatte - als eine Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung.

Die psychologische Besonderheit der "dritten Phase", nämlich der nach der Befreiung des Lagers (Frankls vierten!), bestand darin, daß der seelischen Hochspannung plötzlich die totale innere Entspannung folgte - mit dem Ergebnis einer ausgeprägten Depersonalisation, in der zunächst alles als irreal, unwahrscheinlich, traumhaft erlebt wurde, so daß man sich über die jahrelang ersehnte Freiheit nicht mehr freuen konnte und nicht mehr zurechtkam mit ihr. Diese Enttäuschung gehörte mit zu den seelischen Spätfolgen des geschehenen Unrechts.

Seit ich diesen 1946 geschriebenen Bericht "... trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager" kenne, gehört er zu den kostbarsten Schriften, die ich besitze. Er hat mich zutiefst bewegt sowie emotional und intellektuell bereichert, und es hat mich in meiner Weltanschauung bestärkt. Was mir besonders zusagt: Es ist kein Buch der Anklage und des Hasses, sondern des Verständnisses menschlicher Schwäche und Begrenztheit und des Glaubens an den Sinn des Lebens, der selbst in der furchtbarsten Existenzbedrohung vorhanden ist. Obzwar Frankl Mutter, Vater und Ehefrau in Konzentrationslagern verloren hat, liegt seinem Fühlen und Denken jegliche Bitterkeit fern. Im Rückblick auf die qualvollen Jahre, die hinter ihm lagen, als er dieses Buch schrieb - ebenso wie bis zu seinem Tode -, überwiegt in seinem Urteilen, das an keiner Stelle ein Ver-Urteilen ist, eine dem Wesen des Menschen gerecht werdende ganzheitliche Betrachtungsweise, in der die einzigartige Kostbarkeit des Individuums ebenso Berücksichtigung findet wie die in uns allen angelegte Neigung, schuldig zu werden. Dieses Verständnis, das keine Rechtfertigung ist, schließt für Frankl Vergeltung aus, denn niemand hat nach seiner Überzeugung das Recht, "Unrecht zu tun, auch der nicht, der Unrecht erlitten hat" (S. 145).

Dieses zutiefst humanistische und lebensfreundliche Buch möchte ich Leser(inne)n jeden Alters ans Herz legen, die nach dem Verständnis des Menschen fragen, die nach Humanismus dürstet und die nach dem Sinn des Lebens suchen. Das Buch macht Hoffnung und ermutigt zum Leben - auch in Grenzsituationen.

Die Ausgabe des Deutschen Taschenbuchverlags von 1982 (21. Auflage 2002), welcher der Text eines von den Häftlingen in Auschwitz aufgeführten Dramas mit dem Titel "Synchronisation in Birkenwald. Eine metaphysische Conférance" und eine Liste weiterer Werke von Viktor E. Frankl beigefügt sind, umfaßt 199 Seiten und ist zum Preis von 7,50 € im Handel erhältlich.

© Eberhard E. Küttner, 2.9.2002

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Kübler-Ross, Elisabeth: Interviews mit Sterbenden,
alle deutschen Rechte beim Kreuz Verlag, Stuttgart 1971

Seit dreißig Jahren begleitet mich ein Büchlein, das mir für meine Entwicklung und für meinen Beruf sehr wichtig geworden ist: "Interviews mit Sterbenden" von Elisabeth Kübler-Ross. Die in den USA lebende Schweizer Ärztin und Wissenschaftlerin, Wegbereiterin der Thanatologie (Wissenschaft vom Sterben; griech. "thanatos" - der Tod), hat mit der Veröffentlichung dieser Arbeit im Jahre 1969 Neuland betreten. Es war das erste einer Reihe von Büchern dieser Autorin zu Fragen des Umgang mit dem Tod und mit Menschen, die lebensbedrohlich krank sind, zu einem Thema also, das damals im gesellschaftlichen Bewußtsein noch weit mehr tabuisiert worden ist als heute. Ich hatte die Gelegenheit, dieser sehr engagierten und leidenschaftlichen Frau persönlich zu begegnen und Briefe mit ihr zu auszutauschen, und das hat meine Hochachtung vor ihr noch verstärkt.
    Das
Grundanliegen des Buches ist die Mahnung, daß vor dem Hintergrund des unpersönlich-sterilen Kliniksystems der Schwerkranke als Individuum mit ganz persönlichen Besonderheiten und Eigenarten, Gefühlen und Bedürfnissen unbedingt im Vordergrund bleiben muß. Der Patient sollte zum Lehrer für die medizinischen Mitarbeiter sowie seiner Angehörigen und Freunde werden, weil die Personen in seiner direkten Umwelt ihrer begleitenden Aufgabe nur dann wirklich gerecht werden können, wenn sie mehr, als bis dahin bekannt war, über die Endstation des Lebens, über die Gedanken und Empfindungen, die Ängste und Hoffnungen, die Kämpfe und Enttäuschungen von Sterbenden wissen. Zu diesem Zweck deckt Elisabeth Kübler-Ross zunächst die Wurzeln der irrationalen Angst unserer Gesellschaft vor dem Tod auf und die Ursachen dafür, daß heute - im Unterschied zu früheren Zeiten - der Tod nicht mehr als natürlicher Bestandteil des Lebens wahrgenommen wird, und sie arbeitet heraus, wie verhängnisvoll dieses gestörte Verhältnis zum Tod sich auf das Verhältnis zum sterbenden Menschen auswirkt. Indem sie ihre Leser dazu ermuntert, den Tod in ihr Denken und Fühlen einzulassen, versucht sie, ihnen ein Stück von der Unsicherheit zu nehmen, die immer wieder dazu verführt, den Menschen im letzten und schwierigsten Abschnitt ihres Lebens - zumindest emotional, oft aber auch räumlich - aus dem Wege zu gehen, und sie macht Mut, sich ihnen ohne Scheu und Hilflosigkeit zuzuwenden und das letzte Stück gemeinsam mit ihnen zu gehen. Wenngleich das Erscheinen dieses Buches auch eine Generation zurückliegt, so ist es doch immer noch von aktueller Brisanz, denn die Probleme unserer Gesellschaft und sehr vieler einzelner Menschen mit diesem Thema sind noch immer nicht gelöst.

Die bedeutsamen Forschungsergebnisse der Autorin bezüglich der verschiedenen psychischen Phasen, die lebensbedrohlich Erkrankte durchlaufen, bilden den Schwerpunkt dieser Veröffentlichung. Sie hatte damals als erste herausgefunden, daß es fünf Phasen sind, von denen das Erleben und Verhalten Sterbender geprägt ist:

1. Die Phase der Leugnung
(Der Patient befindet sich in der Spannung zwischen Ahnen und Wissen einerseits und dem Nicht-wahrhaben-Wollen andererseits, weil er die erschütternde Realität der unheilvollen Prognose anfangs noch nicht zu ertragen imstande ist, und er klammert sich an die Möglichkeit eines Irrtums. Diese Abwehrreaktion der Verdrängung als Schutzfunktion der Seele gibt ihm die Möglichkeit, sich der Tatsache rational und emotional erst später zu öffnen, wenn er die Kraft dazu gesammelt hat.)

2. Die Phase des Zorns
(Der Patient erkennt nun, daß es ihn wirklich betrifft, und er lehnt sich innerlich auf gegen ein als ungerecht empfundenes Schicksal oder gegen Gott. Er ist erfüllt von Zorn, der sich gegen alles und jeden richtet.)

3. Die Phase des Verhandelns
(Der Patient hegt insgeheim die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang als "Gegenleistung" für ein Gelübde: Er sucht mit dem Schicksal oder mit Gott zu "handeln", indem er z.B. gelobt, etwas Gutes zu tun oder sein Leben zu ändern, falls er aus der gegenwärtigen Todesbedrohung noch einmal gerettet werden sollte.)

4. Die Phase der Depression
(Der Patient empfindet eine tiefe Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit, da er spürt, daß der Tod unausweichlich ist und er Abschied nehmen muß von allem und besonders von Menschen, die er liebt.)

5. Die Phase der Annahme
(Der Patient kann sich mit dem Unabwendbaren nun einverstanden erklären und bereit sein zum Sterben. Aus diesem Annehmen-Können, das nur wenige Sterbende erreichen, erwächst ihm eine neue psychische Stabilität und ein tiefer Seelenfrieden, der von Angehörigen, die den Sterbenden nicht loslassen wollen, leider oft wieder zerstört wird.)

Zu jeder dieser Phasen wird überzeugend erläutert, welche Verhaltensweisen der Begleitenden jeweils angemessen und hilfreich sind und welche - irrtümlich gut gemeinten - vermieden werden sollen. Die Beschreibung dieser fünf Phasen (die übrigens keine zwangsläufige Aufeinanderfolge darstellen und auch nicht in jedem Falle gleich verlaufen!) veranschaulicht die Autorin mit zahlreichen Interviews, die sie mit Patienten im Endstadium ihrer todbringenden Krankheit geführt hat.
    Diese Methode war anfangs umstritten: Es wurde - besonders von katholischer Seite - befürchtet, die Grenze der Intimspäre werde nicht ausreichend berücksichtigt, wenn Menschen in einer Ausnahmesituation dazu veranlaßt würden, über sehr sensible Fragen zu sprechen, die außer dem Betroffenen selbst und Gott niemanden etwas angehen dürften. Die Scheu vor den "Letzten Dingen" sollte daran hindern, Geheimnisse bloßlegen zu wollen. Solche Bedenken sind schnell ausgeräumt, wenn man beim Lesen erkennt, mit wieviel Gefühl und Taktempfinden die Fragen gestellt sind, und daß selbstverständlich niemand zu antworten gedrängt worden ist, wenn er zu einer Frage schweigen wollte. Aus den Gesprächsprotokollen ergibt sich aber vor allem unmißverständlich, daß die Befragten über ihre psychische Befindlichkeit (direkt und indirekt) sehr bereitwillig Auskunft gegeben und daß sie nach dieser - sonst nicht möglich gewesenen! - Gelegenheit, sich einmal rückhaltlos aussprechen zu können, ein Gefühl der Erleichterung und der Befriedigung gehabt haben.

In weiteren Kapiteln geht Elisabeth Kübler-Ross auf das Phänomen der Hoffnung des Sterbenden ein, die trotz seinem Wissen um den nahen Tod nie ganz verschwindet, sondern - in ihrem Inhalt immer wieder verändert - bis zum letzten Atemzuge bleibt, auf die Familie des Kranken und Besonderheiten und Möglichkeiten in der Abschiedszeit sowie auf Grundsätze der psychischen Behandlung Kranker im Endstadium. Dem Buch ist eine ausführliche Erklärung medizinischer Fachbegriffe hinzugefügt und (zumindest in meiner Ausgabe) ein Nachwort des Theologen Manfred Haustein.

Damals, da ich als Student das neu erschienene Buch zum ersten Male las, fand ich zu sehr wichtigen Erkenntnissen:
    Ich sollte die Gedanken an den Tod nicht verdrängen und die Auseinandersetzung damit nicht vor mir her schieben, bis ich ihr nicht mehr ausweichen kann. Es ist klug, ab und zu an die Begrenztheit meines Lebens und das der Menschen denken, die mir am Herzen liegen, ehe die Wirklichkeit mich unbarmherzig damit konfrontiert und mich brutal mit der Nase darauf stößt. Dieses Nachdenken über den Tod war seitdem sehr hilfreich und heilsam für mich. Außerdem erkannte ich, daß es ein Weg zum Frieden ist, meinem persönlichen und dem in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen. Elisabeth Kübler-Ross hat recht, wenn sie schreibt, daß wir auch dem Frieden zwischen den Völkern einen Schritt näher kämen, "wenn wir der Realität unseres eigenen Todes ins Auge sähen und ihn annähmen".

   
Deshalb ist dieses Buch nicht nur für diejenigen geschrieben, die jetzt mit dem Tod konfrontiert sind. Ich möchte es daher allen Menschen empfehlen, die ihn aus ihren Gedanken verdrängen, weil sie meinen, solange man jung und gesund sei, brauche man sich damit nicht zu befassen. Dabei wissen wir doch, daß wir uns damit nur selbst belügen. "Interviews mit Sterbenden" ist auch kein Fachbuch für Mediziner oder Psychologen, seine Sprache ist allgemeinverständlich und gefühlvoll und hat mich sehr berührt. Dazu tragen nicht zuletzt die treffenden und zum Nachdenken anregenden Worte von Rabindranath Tagore bei, die jedem Kapitel vorangestellt sind.
    Nach einer Auskunft bei www.amazon.de ist das Buch zur Zeit in mehreren verschiedenen Ausgaben für einen Preis zwischen 3,00 und 16,90 € im Handel erhältlich.

© Eberhard E. Küttner, 26.08.2002

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Johann Wolfgang von Goethe: Italienische Reise

Wenn ich an die Bücher denke, die mich tagelang und halbe Nächte hindurch fesselten und in Atem hielten, dann fällt mir sofort auch Goethes "Italienische Reise" ein, die ich wohl an die dutzendmal mit derselben Glut der Begeisterung und doch immer wieder auch mit neuen Eindrücken gelesen habe. Die Beschreibung seines Italien-Aufenthalts schließt an "Dichtung und Wahrheit", die Lebenserinnerungen des Weimarer Ministers und Geheimrates, an, und sie tut es auf die gleiche spannende und eindrucksvolle Darstellungsweise, die auch dem alten Goethe noch eigen ist und die in mir das längst vergangene XVIII. Jahrhundert lebendig werden läßt.
    Wir wissen, daß es eine Flucht ist, die den 37jährigen Johann Wolfgang Goethe der kleinen Residenzstadt Weimar für anderthalb Jahre den Rücken kehren läßt, ein gewaltsames Losreißen von der höfischen Gebundenheit, ehe er im Dunst der Unproduktivität gänzlich zu versinken droht. Er will die Schaffenskrise überwinden, in die er der profanen Regierungsgeschäfte und der Provinzialität der Verhältnisse wegen geraten ist, will einen neuen Ansatz finden, um seinen Lebensplan zu erfüllen. Heimlich - einzig sein Diener und Freund Philipp Seidel ist eingeweiht - verläßt er am 3. September 1786 Karlsbad, wo er zur Kur weilt, und jagt mit schnellen Postpferden über den Brenner Italien entgegen. Vom Herzog hatte er sich vorsorglich für längere Zeit Urlaub erbeten. Und in der Tat ganz wie ein Flüchtender reist er unter fremdem Namen (Philipp Möller) und sendet lange keine Zeile nach Hause. Charlotte von Stein wird ihm das nie verzeihen können. Am Gardasee erlebt er zehn Tage nach seiner hastigen Abreise in der warmen italienischen Luft und in der Helle des Südens, wie er schreibt, eine "Wiedergeburt". In Verona, Vicenza und Venedig legt Goethe längere Aufenthalte ein, bevor es eilends dem eigentlichen Ziel seiner Sehnsucht zugeht: Rom. In der "Ewigen Stadt", der Hauptstadt der Antike, dem Zentrum der Renaissance soll sein Leben Anregungen erhalten für einen tiefen und umfassenden geistigen und seelischen Neubeginn. Am 29. Oktober 1786 trifft er dort ein und teilt daheim seine Ankunft mit. Er bleibt in Italien bis Ende Mai 1788 und kehrt, seinen Worten nach, als "neuer Mensch" zurück.

Immer wenn ich mich auf die Beschreibung dieser Reise einlasse, mache ich sie im Geiste gleichsam mit, denn ich kann mich, lesend, der Luft nicht entziehen, die er atmete, und ich wünschte, ich könnte tatsächlich einmal seinen Fußstapfen folgen, wenn auch das heutige Italien freilich ein ganz anderes geworden ist. Ich erinnere mich seines Reisebettes, seines Rasierzeugs und anderer Utensilien, die er mit sich führte und die ich im Goethe-Nationalmuseum Weimar betrachten konnte, ich sehe seine Zeichnungen vor mir und Heinrich Wilhelm Tischbeins berühmtes Ölgemälde von ihm, auf dem er mit weitkrempigem Hut auf einem umgestürzten Baumstumpf in der Campagna di Roma sitzend zu sehen ist, und seine Aufzeichnungen werden zu einem Film in meinem Kopf. Ich erlebe beim Lesen mit, wie befreiend es ist, wenn man aus der Enge in die Weite kommt; wenn man in eine neue Welt eintaucht, mit der man sich schon lange innerlich verbunden weiß; wenn man von neuen Lebensgeistern erfüllt wird, die man schon zu lange herbeisehnte. Und ich fühle es dem Autor auf jeder Buchseite nach, wie berauschend es für einen bildungshungrigen Menschen sein kann, an der Quelle unserer Kultur eine solche Fülle von Impulsen für das Aufladen einer fast leeren Batterie zu bekommen, wie es Goethe in seiner Italien-Zeit vergönnt war, die er später als die wichtigste seines Lebens bezeichnet hat.
    "... habe ich genug Zeit, die Eindrücke der vergangenen Monate wieder hervorzurufen; es geschieht mit vielem Behagen",
schreibt Goethe auf seinem Heimweg nach Weimar. Und bedauernd fügt er hinzu: "Und doch tritt gar oft das Lückenhafte der Bemerkungen hervor, und wenn die Reise dem, der sie vollbracht hat, in einem Flusse vorüberzuziehen scheint, und in der Einbildungskraft als eine stetige Folge hervortritt, so fühlt man doch, daß eine eigentliche Mitteilung unmöglich sei. Der Erzählende muß alles einzeln hinstellen: wie soll daraus in der Seele des dritten ein Ganzes gebildet werden?" Trotzdem: Die "Italienische Reise" (mit ihrem Anhang "Zweiter römischer Aufenthalt") ist ein umfassendes Reise-Tagebuch, das dem, der nicht dabei war, sehr viel nacherlebbar macht. Die erste Eintragung ist vom 3. September 1786 datiert, und die letzte trägt das Datum vom 14. April 1788. Auf etwa 450 bis 500 Seiten (in Abhängigkeit von der jeweiligen Ausgabe) hält Goethe an vielen Tagen - zuweilen kurz und knapp, meist aber mit großer Ausführlichkeit und Anschaulichkeit - seine Erlebnisse fest. Er beschreibt den genommenen Weg, Land und Leute und die Stationen seiner Rast, schildert Begegnungen mit bekannten Zeitgenossen, erzählt in Rückblenden von früheren Erlebnissen, reflektiert über das Wetter, über seine unterwegs wachsende Gesteinssammlung, über das Leben der italienischen Weinbauern und Handwerker, über antike Bauwerke und Plastiken, über Fortschritte in der Arbeit an seinen Werken, über geographische, geologische, historische, meteorologische, philosophische, soziologische (wenngleich es diesen Begriff damals noch nicht gab), kunstgeschichtliche und kunsttheoretische Fragen - kurz über Gott und die Welt im großen wie im kleinen. Er flicht Episoden und Anekdoten, Gespräche und Betrachtungen, Briefe, Skizzen und Zeichnungen sowie naturwissenschaftliche Überlegungen ein, so z.B. einen von ihm entworfenen "Vergleichskreis der italienischen und deutschen Uhr".

Gegliedert ist das Tagebuch nach den Stationen seiner Reise:
   
- Karlsbad bis auf den Brenner,
    - Vom Brenner bis Verona,
    - Verona bis Venedig,
    - Ferrara bis Rom,
    - Rom,
    - Neapel- Sizilien (und nochmals),
    - Neapel.
    Der Anhang enthält vor allem Korrespondenz, Berichte über Italien und seine Sitten und Bräuche, z.B über den römischen Karneval, Porträts über Zeitgenossen und historische Persönlichkeiten, so u.a. Philipp Neri. Das Buch bildet trotz einem großen Formenreichtum ein stilistisch einheitliches Ganzes, das durch eine große Lebendigkeit und Bildhaftigkeit der Sprache besticht.

Die Befürchtung der heutigen jüngeren Generation, ein Text, der älter als zweihundert Jahre ist, müsse langweilig und schwierig zu lesen sein, ist spätestens nach den ersten Seiten verflogen, und Begeisterung tritt an ihre Stelle und das Wissen darum, daß der Leser/die Leserin ein Buch in den Händen hält, das - wie alle große Literatur - viel zeitlos Gültiges enthält und immer für einen hohen Lesegenuß und Erkenntnisgewinn sorgen wird. Nach www.amazon.de gibt es in deutschen Verlagen - außer als Bestandteil gesammelter Werke - z.Z. 32 verschiedene Ausgaben der "Italienischen Reise" zum Preis von 7,90 bis 34,90 Euro.

© Eberhard E. Küttner, 6.7.2002

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Dahlke, Ruediger: Krankheit als Sprache der Seele.
Be-Deutung und Chance der Krankheitsbilder
Verlag Bertelsmann, München 1992
Hardcover, 447 Seiten

Zum wichtigsten Handwerkszeug für meine Arbeit gehören die Bücher von Ruediger Dahlke. Sie haben mein Weltbild gehörig verändert und mich ein ganz anderes Verhältnis zu Krankheit und Leben finden lassen.
    Ruediger Dahlkes Werk "Krankheit als Sprache der Seele. Be-Deutung und Chance der Krankheitsbilder" (Bertelsmann, München 1992), zu dem ich diesen Erfahrungsbericht schreibe, ist die Fortsetzung und Weiterführung der 1983 zusammen mit Thorwald Dethlefsen im selben Verlag herausgegebenen Veröffentlichung "Krankheit als Weg".Der erste Band hatte mit dem neuen psychosomatischen Konzept sofort sehr viel Anklang bei Laien und (später zunehmend auch) in medizinischen Fachkreisen gefunden. Es ging und geht nun auch in diesem zweiten Teil um ein Krankheitsverständnis, in welchem Form und Inhalt, Körper und Seele wieder - wie im frühesten Wissen der Menschheit - vereinigt sind.

Beide Bände beruhen auf einer in unserem gesellschaftlichen Bewußtsein weithin unbeachteten Theorie, die ich in folgenden Thesen zusammenfassen möchte:

    1. Es gibt nicht verschiedene Krankheiten, so wie es auch nicht verschiedene "Gesundheiten" gibt; wir befinden uns entweder im Zustand der Gesundheit oder im Zustand der Krankheit. Befinden wir uns in letzterem, so ist niemals nur ein Organ oder ein Körperteil krank, sondern immer der ganze Mensch.

    2. Krankheit bedeutet den Verlust einer Ausgewogenheit, einer ausbalancierten Ordnung im Bewußtsein des Menschen, der sich als Symptom im Körper zeigt. Krankheitssymptome sind demzufolge stets Ausdrucksformen seelischer Konflikte.

    3. Manifestiert sich im Körper ein Symptom, so zwingt es den Menschen, seine gewohnte Lebensführung zu unterbrechen und aufmerksam zu werden auf die in der Bewußtseinsebene liegende Ursache der Störung.

    4. Das Krankheitssymptom ist nicht, wie die Schulmedizin (im Gegensatz zu Hippokrates) meint, ein mehr oder minder zufälliges Ereignis ohne tiefere Bedeutung, sondern ein Signal, das auf seinen eigentlichen Sinn für den Menschen aufmerksam machen will. Deshalb ist es auch nicht das Ziel wirklicher Heilung (im Sinne von Heil-[=Ganz-]Werdung!), Krankheitssymptome zu bekämpfen, sondern sie zu verstehen.
(Dafür benutzt Dahlke einen, wie ich finde, einleuchtenden Vergleich: Wenn am Armaturenbrett des Autos eine Kontrollampe aufleuchtet, so würde es nicht genügen, sie zu entfernen, damit das Signal aufhört; man muß herausfinden, auf welchen verborgenen Fehler im Fahrzeug sie hinweist.)

    5. Krankheit läßt sich nicht hinreichend aus einer Kausalkette von äußeren Ursachen in der Vergangenheit erklären...
(Warum habe ich eine Erkältung? Weil ich infiziert worden bin. - Warum bin ich infiziert worden? Weil mein Immunsystem schwach ist. - Warum ist mein Immunsystem schwach? Weil ich es von meinen Eltern so geerbt habe. - Irgendwann, so Dahlke, würde man mit dieser Fragetechnik beim Urknall ankommen),

...sondern aus einer Absicht, die in der Zukunft liegt.

(Der Leichtathlet läuft nicht nur deshalb los, weil er das Startsignal gehört hat, sondern hauptsächlich wohl, weil er gewinnen will.)

    6. Insofern ist Krankheit auch nicht ein lästiges Schicksal, sondern eine Chance: Sie enthüllt uns eine Botschaft über uns und eine Aufgabe, die uns gegeben ist. Krankheit will uns zu einer Weiterentwicklung verhelfen und bekommt dadurch Sinnhaftigkeit.

   7. Dieser Sinn, den es zu finden gilt, drückt sich in Symbolen aus, die zu deuten sind. (Unsere Sprache weist naturgemäß auf diesen Zusammenhang zwischen Psychischem und Physischem hin: Ärger schlägt mir auf den Magen, ein Konflikt geht mir an die Nieren; eine Enttäuschung nehme ich mir zu Herzen usw.)

Das Buch enthält nach einer Einführung in Dahlkes Lehre interessante Gedanken zu Ritualen in unserer Gesellschaft (Übergangsrituale, Rituale in der alten und in der modernen Medizin, Krankheit als Ritual), gibt praktische Hinweise zur Symptom-Deutung und wendet sich im Hauptteil dann der exemplarischen Bearbeitung von Krankheitsbildern zu.
   In 24 Kapiteln werden Deutungsversuche häufig vorkommender Erscheinungsformen von Krankheit vorgestellt, so unter anderem: Krebs, Tinnitus, Nasenbeinbruch, Gehirnerschütterung, Schüttellähmung, Schlaganfall, Epilepsie, Querschnittslähmung, Gürtelrose, Achillessehnenriß, Fußpilz, Alzheimersche Krankheit.
    Der Autor versäumt es dabei jedoch nicht, immer wieder darauf hinzuweisen, daß mit der Deutung von Krankheitsbildern sehr verantwortungsbewußt umgegangen werden muß, um Patienten nicht zu verunsichern, und daß keine Schuldgefühle bei ihnen hervorgerufen werden und sie keinesfalls vom Arztbesuch abgehalten werden dürfen. Diese Hinweise halte ich für besonders wichtig, zumal ich befürchte, daß Leser(inne)n, die Dahlkes Anliegen nicht im vollen Umfang verstehen, in ihrem Verhalten gegenüber eigener und fremder Krankheit leicht Einschätzungsfehler unterlaufen können.
    Zwischen den einzelnen Kapiteln sind Fragen zur Selbstkontrolle eingefügt, die ich sehr nützlich finde, weil sie ein gründliches weiteres Nachdenken herausfordern. Ein umfangreicher Anmerkungsteil und ein ausführliches Register sowie eine Liste der Veröffentlichungen Dahlkes komplettieren diesen Band von 447 Seiten.

Mich hat die Durcharbeitung dieses sehr anspruchsvollen Buches einerseits viel Mühe gekostet, andererseits aber auch reich belohnt mit interessanten Denkanstößen und wertvollen Erkenntnissen. Nicht allem, was darin steht, kann ich rückhaltlos zustimmen, aber es hat meinen Horizont geweitet und ist mir eine unschätzbare Diskussionsgrundlage im privaten wie im professionellen Bereich geworden.
    Ich kann es jedem aufgeschlossenen, bildungshungrigen und unvoreingenommenen Leser, der gern Lesevergnügen mit Lesemühe verbindet, nur sehr empfehlen!
    Es liegt z.Z. in mehreren unterschiedlichen Ausgaben von verschiedenen Verlagen vor zu einem Preis zwischen 10,00 und 19,90 Euro.

© Eberhard E. Küttner, 20.6.2002

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Nuland, Sherwin B.: WIE WIR STERBEN. Ein Ende in Würde?
Kindler Verlag München, 1. Auflage 1994
Hardcover, 400 Seiten
ISBN 3-8289-1834-4

Wenngleich in den letzten Jahren erfreulicherweise der Tod als natürlicher Bestandteil des Lebens allmählich mehr ins öffentliche Bewußtsein rückt, wird doch die Art, wie wir sterben, immer noch weitgehend tabuisiert. Wer nicht gerade wie ich beruflich von dieser Thematik tangiert wird, muß nach dem, was er über populärwissenschaftlich informierende Medien und hauptsächlich über (vor allem weniger anspruchsvolle) Spielfilme erfährt, sehr realitätsferne Vorstellungen von den vielgestaltigen Abläufen des Sterbeprozesses haben.
   Umso mehr begrüße ich die Veröffentlichung des Buches "Wie wir sterben. Ein Ende in Würde?", geschrieben von dem US-amerikanischen Chirurgen und Medizinhistoriker Sherwin B. Nuland, das in seiner ersten deutschsprachigen Übersetzung 1994 im Kindler Verlag München herausgekommen ist.
    (Diese ist ebenso wie die Lizenzausgabe von 1999 beim Weltbild Verlag Augsburg vergriffen, aber die Taschenbuchausgabe von 1996 vom Verlag Droemer Knaur in München ist zum Preis von 8,90 € lieferbar.)
     Auf 400 Seiten (mit detailliertem Stichwortverzeichnis) gibt Nuland sehr ausführlich und in einer für den Nicht-Mediziner gut verständlichen Sprache detaillierte Antworten auf die Frage, wie der Vorgang des Sterbens verlaufen kann. Er zeigt dies exemplarisch an den sechs häufigsten Krankheitsbildern, die zum Tode führen: Herzversagen, Krebs, AIDS, Alzheimersche Krankheit, gewaltsame Tötung (durch fremde und eigene Hand) und Alterstod. Er zeigt dem Leser,

wie (im Prinzip) gleich und wie (im Einzelfall) unterschiedlich diese verschiedenen Symptome beharrlich und unbeirrt ihr zerstörerisches Werk betreiben, bis der Organismus nicht mehr lebensfähig ist;

welche (zunächst an sich harmlose) biologische Veränderung oder physiologische Funktionsstörung zu welchen weiteren (immer weniger harmlosen) Folgeschäden führt und wie dieser Teufelskreis des im Körper um sich greifenden Chaos sich dem Menschen bemerkbar macht;

wie machtlos die Medizin auch heute noch ist, dieser einmal ins Rollen gekommenen Lawine wirksam Halt zu gebieten, und daß der Arzt diese Grenze der Möglichkeiten - die ihm rational durchaus bewußt ist - irgendwann auch emotional akzeptieren und eine mitmenschliche Begleitung des Sterbenden an die Stelle der letztendlich objektiv erfolglosen Bemühungen zur Verlängerung eines nicht mehr rettbaren Lebens setzen muß.

    Sehr beeindruckend finde ich die Darstellung, daß auch ohne Krankheit der Tod Endpunkt eines bereits im frühen Embryonalstadium beginnenden Alterungsprozesses ist, der, weil er einer biologischen Gesetzmäßigkeit folgt, objektiv nicht aufgehalten werden kann. Demzufolge seien, so Nuland, solche Symptome wie Arteriosklerose, Bluthochdruck, Altersdiabetes, Fettleibigkeit, Verwirrtheit, Krebs und Immunschwäche u.a. zwar die konkreten Anlässe, nicht aber die eigentliche Ursache des Todes: die Altersschwäche. Der Autor zieht daraus die Schlußfolgerung, daß die Ärzte sich mit den Grenzen der Natur abfinden müßten und nicht ihren Berufsehrgeiz dafür einsetzen sollten, das Leben sterbenskranker alter Menschen bis über diese natürliche Grenze hinaus um jeden Preis ausdehnen zu wollen.
    Als einen Kernsatz habe ich meinem Exemplar von Nulands Buch dick rot unterstrichen: "Am Ende des Lebens steht der Tod und nicht der Versuch, das Sterben zu verhindern. Der atemberaubende Fortschritt der Wissenschaft in unserem Jahrhundert hat dazu geführt, daß unsere Gesellschaft hier falsche Akzente setzt. Der Sterbende muß im Drama des Todes als Hauptfigur wieder in den Mittelpunkt rücken." (S. 376)

Bei aller prinzipiellen Zustimmung zu diesem Standpunkt sehe ich aber auch eine große Gefahr in ihrer möglichen logischen Konsequenz. Wenn Nuland z.B. den Sinn krebsbedingter Totaloperationen oder gar von Dialysebehandlungen für Hochbetagte ernsthaft in Frage stellt, dann könnte sich in der Zukunft eine zahlungsunfähig gewordene gesetzliche Krankenversicherung auf solche Überlegungen berufen, wenn sie (wie in Großbritannien heute schon Realität) alten Menschen ohne Vermögen aus Kostenersparnisgründen lebenswichtige Therapieformen vorenthalten und sie damit zum vorzeitigen Tod verurteilen will!
   Ebenso teile ich nicht Nulands befürwortende Haltung gegenüber der aktiven Euthanasie und seine abwertende Ansicht zur Selbsttötung, die sich nach meiner Überzeugung jeglicher moralischer Bewertung entzieht.
    Der Verfasser führt den Leser zu der ernüchternden Erkenntnis, daß trotz bester Absicht ein Sterben in Würde nur in seltenen Einzelfällen erreichbar ist: Den meisten von uns wird ein Ende ohne die spürbaren Merkmale einer auch heute noch unbeeinflußbar grausamen biologischen und klinischen Realität versagt sein.
     Diese schonungslose Darstellung der Wirklichkeit habe ich aber nicht als Horrorszenario empfunden, sondern
     - es hilft mir dabei, von idealisierten Sterbensvorstellungen Abschied zu nehmen;
    - es erleichtert mir die Erfüllung meines Anliegens, beim medizinischen Personal für die notwendige Prioritätsverschiebung zugunsten der mitmenschlichen Zuwendung zu Sterbenden zu werben;
     - und es verstärkt meinen Wunsch, die mir verbleibende kostbare Zeit möglichst sinnerfüllt zu leben.

Die Sprache Nulands ist trotz der Härte der dargestellten Realität einfühlsam bis ehrfürchtig; jene Rigorosität im Ausdruck mancher Mediziner, die tagtäglich mit dem Sterben konfrontiert sind, ist ihm erfreulicherweise nicht anzumerken.
   Dieses Buch ist mir nicht nur eine wertvolle Grundlage für meine Arbeit geworden, sondern hat auch mein Verhältnis zum Sterben nachhaltig beeinflußt. Bei aller Widersprüchlichkeit überwiegt sein informierender, aufklärender und (im positiven Sinne) bewußtseinsverändernder Wert. Ich möchte es jedem kritischen Leser empfehlen, der die - unbedingt auch kontrovers zu führende - Auseinandersetzung mit den behandelten Themen nicht scheut. Die meisten von uns beschäftigen sich ohnehin zu wenig mit den wirklich wichtigen Fragen des Lebens, wie ich immer wieder bedauernd feststelle.

© Eberhard E. Küttner, 10.4.2002

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Buch, Johannes: Mit dem Euro durch Europa.
Das neue Geld und die Bedeutung seiner Symbole,
Gräfe und Unzer Verlag GmbH, Reihe "MERIAN kompass", München, 1. Auflage 2002
Taschenbuch, 96 Seiten mit Bildern
ISBN 3-7742-0768-2

Seit knapp vierzehn Wochen habe ich nun das EURO-Geld in der Tasche, aber bisher ist mir nur ein einziges Geldstück in die Hände gekommen, das etwas anderes auf seiner Rückseite zeigt als Bundesadler, Brandenburger Tor oder Eichenblatt. Dabei stelle ich es mir ganz reizvoll vor, nach und nach eine Sammlung der Münzen aller Euro-Länder zusammenzutragen.
    Wenigstens habe ich kürzlich schon mal dieses Büchlein im praktischen Westentaschenformat als einen wertvollen Helfer bei einem solchen Vorhaben entdeckt. Seine handliche Größe (16 x 9 cm) und sein robuster transparenter Kunststoffumschlag erlauben es, den Ratgeber schon unterwegs zu befragen, welchem Land die im Wechselgeld enthaltene Münze zuzuordnen ist.
    Die Qualität der Farbfotos ist - vor allem dank dem (übrigens laut Deklarierung chlorfrei gebleichten) Kunstdruckpapier - sehr gut. Der Druck und die (in ihrer Art und Größe für ein Taschenbuch gut passende) Schrift sowie die mehrfarbige Gestaltung und die Farbunterlegung von Textteilen zeugt nicht nur von einer ausgezeichneten typographischen Arbeit, sondern macht die Darstellung auch sehr übersichtlich und läßt sie zu einem optischen Genuß werden.
    Der Autor, Johannes Buch, von dem schon einige sehr gute Reiseführer (aus demselben Verlag) stammen, hat hier ein Vademecum vorgelegt, das nicht nur ein Katalog des Eurogeldes ist, sondern ein kleines Europa-Nachschlagewerk. Der Preis von 6,50 Euro erscheint mir dafür sehr günstig.

Auf 96 Seiten enthält das Büchlein

eine übersichtliche Zusammstellung der Münzrückseiten aller zwölf Euro-Staaten mit Erläuterung ihrer nationalen Symbole,
eine Darstellung der sieben Banknoten mit Erklärung ihrer Sicherheitsmerkmale und ihrer Symbole europäischer Baukunst,
Hinweise zur Umlaufmenge der jeweiligen Münzen und Banknoten,
Kurzporträts der Euro-Länder mit Angaben zu Geographie, Politik und Wirtschaft,
111 Quizfragen rund um den Euro mit den dazugehörigen Antworten,
einen 16seitigen Landkartenteil Europas mit besonderer Kennzeichnung von Baukunstdenkmälern, Flughäfen, Autobahnen und Fernstraßen und einem Index,
ein ausführliches Orts- und Sachregister.

    Wenn ich also z.B. feststellen möchte, wo das 2-Euro-Stück mit dem loorbeerbekränzten markanten Männerhaupt herkommt, das ich da kürzlich bekommen habe, dann erfahre ich zunächst aus der Hauptübersicht auf den beiden inneren Umschlagseiten, daß sie in Italien geprägt wurde, und dann kann ich auf Seite 41 nachlesen, daß es sich um das Bildnis von Dante Alighieri (1265-1321) handelt, über den mir die wichtigsten Informationen gleich mitgeliefert werden. Und auf Seite 40 links daneben finde ich darüber hinaus schließlich noch in komprimierter Form Angaben zu Fläche, Einwohnerzahl, Bevölkerungsdichte und Bevölkerungswachstum, zu Staatsform und Regierungschef, zur territorialen Gliederung, zu den Amtssprachen und Nationalfeiertagen, zu den größten Städten, längsten Flüssen, höchsten Bergen, zu Bruttoinlandsprodukt, Exporten und Importen, Mehrwertsteuerhöhe und Arbeitslosenquote, zum Erfüllungsstand der Maastricht-Kriterien und zu den Schöpfern der Münzrückseiten-Entwürfe. Damit ist mein Informationsbedürfnis fürs erste befriedigt.
    Besonders lobend möchte ich die Kommunikationsfreudigkeit des Verlages erwähnen, die in der Einladung der Leser zum Ausdruck kommt, ihre Meinungen, Berichtigungen und Verbesserungsvorschläge mitzuteilen. Ich bin ihr gern gefolgt.
    Alles in allem erscheint mir das kleine Bändchen als eine bibliographische Kostbarkeit, die, wie ich meine, in die Tasche jedes Europäers gehören sollte. (Vielleicht ein willkommener Geschenkhinweis für den nächsten Geburtstag?) Es bildet seinen Besitzer nicht nur und erfreut seine Augen, es leistet darüber hinaus einen kleinen, aber doch wichtigen Beitrag zum weiteren mentalen Zusammenwachsen Europas, auch wenn es sich vorerst leider nur um das halbe Europa handelt...

© Eberhard E. Küttner, 3.4.2002

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