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Die leidende Seele




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Manchmal schieben sich schwarze Wolken vor die Sonne und verdunkeln sie so sehr,
daß uns angst wird.
Manchmal haben wir das Gefühl, daß es Nacht wird mitten am Tage,
und manchmal ist die Finsternis in uns so tief und hält so lange an,
daß wir fast nicht mehr an das Dasein der Sonne zu glauben vermögen.

Aber sie ist da, auch wenn wir sie nicht sehen,
und irgendwann wird sie wieder in hellem Glanz erstrahlen,
auch wenn wir meinen, wir kämen nie wieder aus dem finsteren Tal
heraus ans Licht.
Dann leidet unsere Seele.

Es gibt viele Arten, wie die Seele leiden kann,
und die meisten von ihnen sind unseren Mitmenschen fremd und unverständlich.
So leidet die Seele doppelt.

In den folgenden Texten werde ich
aus meinen privaten und beruflichen Erfahrungen erzählen.
Ich möchte damit leidende Seelen zu stärken versuchen
und bei den Mitmenschen psychisch Beeinträchtigter oder Kranker
um Verständnis für sie werben.

 

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Angst

Petra hat Angst. Aber diese Angst ist eine andere als die, die wir alle kennen. Petra hat Angst, daß sie mitten auf der Straße oder im Bus, im Kino oder im Supermarkt plötzlich einen Herzinfarkt bekommen und tot zusammenbrechen könnte. Deshalb traut sie sich fast überhaupt nicht mehr aus dem Haus, und wenn sie denn ihre Wohnung wirklich einmal verlassen muß, stirbt sie tausend Tode, die schlimmer sind als der eine, den sie fürchtet. Eine höllische Panik erfaßt sie dann, ihr Herz beginnt zu rasen, und es klopft bis zum Hals, sie bekommt Schweißausbrüche, die Knie zittern ihr, und sie fühlt sich einer Ohnmacht nahe. Zur Arbeit muß sie nicht, weil sie sie infolge ihrer Angst nicht mehr bewältigen konnte und vor Monaten schon entlassen worden ist. Die Einkäufe besorgt ihr Mann. Und wenn sie von einer der wenigen Freundinnen, die sie noch hat, eingeladen wird, erfindet sie immer neue Ausreden, warum sie nicht kommen kann. Denn niemand würde den wahren Grund verstehen, weshalb sie absagt.

Petra war in den letzten zehn Jahren schon bei zahlreichen Ärzten und auch wochenlang zu Spezialuntersuchungen in verschiedenen Kliniken. Aber immer wieder sind die Herz-Spezialisten zum gleichen Ergebnis gekommen: Petras Herz ist organisch völlig gesund, und die Herzkranzgefäße sind es auch. Ihre Angst vor einem Infarkt ist also gänzlich unbegründet. Das halten ihr die Verwandten, Freunde und Kollegen auch immer wieder vor, und manche machen sich hinter ihrem Rücken lustig über die "eingebildete Kranke". Meist spürt sie das – und leidet darunter noch zusätzlich. Denn schließlich hat sie ja wirklich immer häufiger schlimme Herzbeschwerden.

Vor kurzem hat sie sich - auf Drängen ihres Hausarztes und ihres Mannes - entschlossen, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Sie hatte monatelang gezögert, diesen Schritt zu tun, weil sie ihn für das Eingeständnis hielt, "verrückt" zu sein, und weil sie befürchtete, auch von ihm für eine Simulantin gehalten zu werden. Der Psychotherapeut aber glaubte ihr nach einem kurzen Gespräch sofort und zeigte vollstes Verständnis für ihre Situation. Er erklärte ihr, daß die körperlichen Symptome in ihrem Kopf entstehen und dort so "echt" produziert werden, daß sie sich von organisch bedingten Herzbeschwerden nicht unterscheiden. Auf Grund der Schwere ihrer Angstkrankheit hielt er eine stationäre Therapie für erforderlich.

Petra hat eine der vielen Angststörungen, an denen etwa drei Prozent der Bevölkerung – mit steigender Tendenz - leiden. Für diese – für die Umwelt der Betroffenen nur sehr schwer nachvollziehbare - Symptomatik gibt es aber dank der Psychotherapie gute Heilungsaussichten. Die psychosomatische Medizin geht davon aus, daß körperliche Beschwerden und Krankheitserscheinungen einen Symbolgehalt haben: Schon das Kind, dem eine zu erwartende Klassenarbeit "schwer im Magen liegt", reagiert mit Bauchweh und Unwohlsein. Der Mann, dem jahrelang unbewältigte Konflikte "an die Nieren gehen", kann chronische Nierenschmerzen bekommen, bis sich im Laufe der Zeit vielleicht gar eine "echte" Nierenkrankheit entwickelt. Und die Frau, die sich eine bittere Enttäuschung allzu sehr "zu Herzen nimmt", wird möglicherweise eines Tages über Herzbeschwerden klagen. So wie Petra. Schmerzen im Kopf, im Magen oder im Bewegungsapparat lassen sich oftmals als Ausdruck unbewältigter Probleme und als ein Hilfeschrei um Zuwendung deuten.

Seit zehn Wochen macht Petra in einer Gruppe diese stationäre Verhaltenstherapie. Die Gruppe fördert die gegenseitige Verständnis- und Hilfsbereitschaft. Die Patienten erfahren durch das Feedback der anderen Gruppenmitglieder, was sie tun können und wie das auf andere wirkt. Sie erkennen ihre Probleme als die Probleme der anderen und stehen ihren eigenen Schwierigkeiten nicht mehr so hilflos gegenüber wie vorher. Die Gruppe ermöglicht dem einzelnen, seinen "sozialen Hunger" zu stillen, Kontaktmöglichkeiten unter "geschützten" Bedingungen wahrzunehmen und soziales Verhalten zu üben, bis sie es auch "draußen" erfolgreich anwenden können. Es gibt offene (dynamische) und geschlossene (statische) Therapiegruppen zu jeweils sechs bis zwölf Mitgliedern. Die geschlossene Gruppe beginnt in derselben Zusammensetzung, mit der sie nach 12 bis 16 Wochen endet, bei der offenen Gruppe gibt es laufend Zu- und Abgänge. Beide Varianten haben ihre Vor- und Nachteile: In der geschlossenen Gruppe lernen alle einander gut kennen, sind aber nur aufeinander fixiert; in der offenen Gruppe muß man sich ständig auf neue Mitglieder und deren Probleme einstellen, wird aber dadurch vielseitiger gefordert. Petra ist in einer offenen Gruppe. Sie hat von Montagmorgen bis Freitagnachmittag ein festes Programm, ähnlich einem Stundenplan in der Schule. Auf diesem Programm stehen z.B. Gymnastik, Gruppengespräch, Maltherapie, Kommunikative Bewegungstherapie, Sing- und Tanztherapie, Autogenes Training, Arbeitstherapie, Abendgestaltung. An den Wochenenden ist Urlaub, damit sich die Patienten dem realen Leben nicht zu sehr entfremden und damit sie das Gelernte schon praktisch üben können.

Jeden Tag geht die Gruppe in Begleitung einer Therapeutin an Orte, wo viele Menschen sind. Dabei hat Petra anfangs jedes Mal fürchterliche Panik durchlitten. Aber sie hat dabei gelernt, ihre Angst zuzulassen und sich dabei zu beobachten. Und sie hat die Erfahrung gemacht, daß das, wovor sie Angst hat, nicht eintritt. Und so ist mit jedem Trainingstag die Angst schwächer geworden. Jetzt kann sie schon allein durch das Stadtzentrum gehen und im Warenhaus einkaufen, ohne daß die Panik übermächtig wird. Sie weiß inzwischen, was sie tun muß, wenn die Angst kommt: Sie einfach kommen und wieder gehen lassen. Und Petra hat in der Therapie eine sehr wichtige Erfahrung gemacht: Solange sie vermeidet, das zu tun, was ihre Angst auslöst, wird die Angst immer größer und überwältigt sie schließlich ganz. Wenn sie aber vor den angstauslösenden Situationen und Orten nicht flieht, sondern sie aushält, verschwindet die Angst allmählich.

In zwei Wochen ist Petras Therapie beendet. Die drei Monate Klinikaufenthalt haben ihr geholfen, den Teufelskreis der Angst zu durchbrechen. Und in dieser Zeit ist ihr auch bewußt geworden, daß sie sich schon als Kind und als junges Mädchen und dann auch in ihrer Ehe zu viel still geärgert hat, wenn sie benachteiligt und ungerecht behandelt wurde, anstatt ihren berechtigten Wünschen und Bedürfnissen gegenüber anderen Menschen Ausdruck zu geben.

© Eberhard E. Küttner, 22.6.2002

 
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Himmelhoch jauchzend – zum Tode betrübt

Manfred ist krank. Und sein Kranksein hat zwei Seiten, zwei extreme Pole: Himmel und Hölle. "Himmelhoch jauchzend – zum Tode betrübt" erweckt nur eine schwache Vorstellung von diesem Krankheitsbild, das die Mediziner manisch-depressive Erkrankung oder bipolare affekte Störung  nennen. Manfreds Leben verläuft in zwei Phasen völlig entgegengesetzter Natur, die mehr oder weniger schnell einander ablösen: manische Phasen und depressive Phasen. Beide sind endogen, das heißt, sie treten unabhängig von äußeren Anlässen ein. Sie halten mehrere Wochen oder Monate an, zwischen ihnen gibt es manchmal eine symptomfreie Zeit, manchmal geht auch die eine Phase ohne erkennbare Ursache ganz plötzlich, gleichsam über Nacht, in die andere über.

In der depressiven Phase hat Manfred keinerlei Antrieb. Der kleinste Handgriff kostet ihn größte Überwindung. Er ist lust- und interesselos, traurig und apathisch, tiefer Gefühle unfähig: Er kann nicht lachen und nicht weinen, sein Gesichtsausdruck ist starr, sein Blick in weite Fernen gerichtet. Stundenlang sitzt er unbeweglich, schweigend. Wird er angesprochen, antwortet er zögernd, sehr leise und mit ausdrucksloser Stimme. Was er sagt, sind Selbstvorwürfe: Er sieht sich als Versager, weil er keine Gewalt über sich hat, er fühlt sich schuldig gegenüber seiner Familie, meint, alle ins Unglück zu stürzen. Sein Denken dreht sich zwanghaft ausschließlich um vermeintlich gegenwärtiges oder drohendes Unheil und ist geprägt von panischer Angst: Angst vor der Zukunft, vor Verarmung, vor schlimmen Ereignissen, vor Menschen; Angst, den Telefonhörer abzunehmen, Briefe zu öffnen, die Wohnung zu verlassen. Manfred kann sich in der depressiven Phase nicht vorstellen, jemals wieder aus diesem tiefen Loch herauszukommen. Deshalb wird er immer wieder hartnäckig von der Vorstellung verfolgt, sich und seine Angehörigen durch Selbsttötung aus dieser Hölle erlösen zu müssen. Jeder zweite manisch-depressiv Kranke verübt während der depressiven Phase einen Suizidversuch.

Und dann kommt auf einmal der Umschlag in die manische Phase. Jetzt verkehren sich alle Symptome in ihr Gegenteil. Manfred fängt in fieberhafter Betriebsamkeit tausend Dinge auf einmal an, macht hochfliegende Pläne und entwirft auf Dutzenden von Blättern Projekte und Entwürfe - oft in der Selbstüberschätzung, alles leicht meistern zu können. Sich selbst sieht er als ein Genie, das den anderen, die ihm viel zu langsam und zu umständlich denken und handeln, in seinem Wissen und Können weit überlegen ist. Er entfaltet einen, zum Teil unsinnigen, Aktivismus und macht, infolge anhaltender Schlaflosigkeit, die Nacht zum Tag. Seine übertrieben euphorische Kontaktfreudigkeit und sein von raschem Themenwechsel gekennzeichneter Rededrang wirkt befremdlich und schnell ermüdend auf die Gesprächspartner. Das nimmt er selbst jedoch nicht wahr, er meint einfach nur locker und witzig zu sein. Typisch ist auch ein unmittelbarer Wechsel zwischen unmotivierten Lach- und Wutanfällen, zwischen freundlicher, gar liebevoll wirkender Zuwendung und rechthaberisch-feindseligem Angriff, zwischen Leutseligkeit und Aggressivität. In der manischen Phase hat Manfred nicht das Gefühl, krank zu sein; im Gegenteil, er fühlt sich gut und findet sein Verhalten völlig angemessen. Die kritischen und zum Teil verständnislosen Reaktionen der Umwelt nimmt er entweder nicht wahr oder betrachtet sie als unbegründet und unberechtigt. Zudem ist er der Überzeugung, daß alle - außer ihm selbst - psychologisch behandlungsbedürftig wären.

Diese Krankheit, für die eine genetische Disposition besteht, tritt meist nach dem 20 Lebensjahr auf, bei Männern geringfügig häufiger als bei Frauen, bei denen andererseits rein depressive Erkrankungen weit öfter vorkommen. Viele Patienten können mit Lithium-Salzen insoweit erfolgreich behandelt werden, daß die Phasen seltener auftreten und nicht so dramatisch stark ausgeprägt sind. Dieses Präparat muß – unter ständiger ärztlicher Kontrolle - lebenslang regelmäßig eingenommen werden. Sobald seine Konzentration im Blut nachläßt, verschwindet die Wirkung. Leider ist es nicht bei allen Betroffenen einsetzbar. Ein gleichermaßen wirksames Mittel, auch im Hinblick auf den antisuizidalen Effekt, gibt es leider noch nicht.

Die Familienmitglieder manisch-depressiv Kranker haben keine leichte Aufgabe. Sie erleben ihn in einer unheimlichen Weise als zwiegesichtige Persönlichkeit, von der sie nicht wissen, wer er eigentlich in Wahrheit ist. Während der depressiven Phase fühlen sie sich hilflos, weil ihre Liebe und Zuwendung nicht angenommen zu werden scheint und auch die traurige Situation nicht verbessern können; und während der manischen Phase kommen sie sich unverstanden, nicht ernstgenommen, gedemütigt vor und leiden darunter. Das ständige Auf und Ab der Stimmung zu Hause, auf die sie sich ständig neu umstellen müssen, beeinträchtigt auf die Dauer freilich auch die innere Stabilität der Angehörigen.

Die Partner von manisch-depressiv Kranken sollten folgendes wissen:

1. Auch wenn der Kranke in der depressiven Phase liebevolle Zuwendung scheinbar nicht annimmt und zurückweist, hat er sie dennoch sehr nötig! Er kann es nur nicht ausdrücken. Der Partner sollte sich also nicht zurücknehmen, sondern einfühlsam, geduldig und verständnisvoll bleiben. Vor allem darf er sich nicht von der Niedergeschlagenheit anstecken lassen, sondern der Kranke soll sich an der Zuversicht seines Partners festhalten können. Der Partner muß auch wissen, daß Mitleid nicht hilft, Mitgefühl allerdings sehr wohl. Und er sollte vor allem darauf achten, daß der Patient seinen alltäglichen Verrichtungen nachgeht, denn es besteht die Gefahr, daß er nicht mehr aus dem Bett aufsteht, keine Nahrung und keine Medikamente mehr zu sich nimmt. Notfalls muß der Partner den behandelnden Facharzt für Neurologie und Psychiatrie verständigen, weil gegebenenfalls eine stationäre Aufnahme nötig wird.

2. In der manischen Phase ist es dagegen eher ratsam, wenn der Partner sich zurückzieht, um nicht unnötig - schnell eskalierende - Streitsituationen heraufzubeschwören, was allein schon durch seine bloße Anwesenheit geschehen kann. Auch zu seinem psychischen Selbstschutz sollte er die relative Ruhe dieses Abstandes suchen. Dennoch ist es wichtig, die mitunter unüberlegten Handlungen des Patienten - wegen einer eventuell erforderlich werdenden Schadensbegrenzung - so weit wie möglich zu verfolgen. Auch in dieser Phase kann eine stationäre Aufnahme erforderlich werden, wenn der Patient davor geschützt werden muß, sich selbst und anderen Schaden zuzufügen.

3. Wie bei jeder Krankheit kann der Patient für sein Verhalten nur bedingt verantwortlich gemacht werden. Vorwürfe und Zurechtweisungen nützen in der manischen Phase ebenso wenig wie verständnislose Aufmunterungsversuche und gut gemeintes Zureden in der depressiven Phase. Beides verschlimmert eher die Situation. Es ist also ein sehr hohes Maß an Verständnis und Leidenstoleranz beim Partner nötig. Dies ist wohl nur möglich, wenn beiderseits Liebe die Grundlage der Beziehung ist.

© Eberhard E. Küttner, 12.05.2002

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Gespaltenes Bewußtsein

Evelyn war 19 Jahre alt, als es begann. Sie hatte gerade das 2. Studienjahr begonnen, und so, wie sie eine sehr gute Schülerin gewesen war, fiel ihr auch das Studieren leicht. Alle mochten die natürliche, lustige und liebenswürdige junge Frau.

Eines Tages fing Evelyn an, ganz ernsthaft von "Aufträgen" zu sprechen, die ihr von einer "Kommandozentrale" übertragen würden. Diese Aufträge stünden verschlüsselt in der Tageszeitung. Sie saß lange über den vielen großen Seiten und blätterte und dechiffrierte den nur für sie bestimmten Code. Dabei duldete sie keine Störung, denn es schien eine sehr schwierige Arbeit zu sein. Über die Aufträge, die ihr auf diesem Wege übermittelt wurden, durfte sie zu niemandem sprechen, denn sie waren streng geheim. Später erhielt sie vertrauliche Nachrichten auch über ein bestimmtes Rundfunkprogramm zu einer bestimmten Sendezeit. Wie gebannt saß sie während dieser Stunde vor dem Radio und machte sich eifrig Notizen, die sie anschließend auswendig lernte und dann verbrannte. Irgendwann begannen auf einmal ihre Auftraggeber direkten Kontakt mit ihr aufzunehmen. Es kam wiederholt vor, daß sie Gespräche plötzlich abrupt unterbrach und in die Stille zu lauschen begann, um auf die Stimmen zu hören, die ihr offenbar sehr Bedeutsames mitzuteilen hatten. Und sie antwortete ihnen mit Worten, die für Uneingeweihte keinen Sinn ergaben. Schließlich konnte man sich mit Evelyn überhaupt nicht mehr vernünftig unterhalten: Sie stellte völlig verschiedene Gedanken beziehungslos nebeneinander, sprach ohne inneren Zusammenhang, und das wenige, das man verstehen konnte, bezog sich auf eine fremde Welt, in der sie inzwischen lebte und in die ihr niemand zu folgen vermochte.

Es war sehr schwierig, Evelyn zu überzeugen, daß ein Arzt konsultiert werden müßte, denn sie hielt ihr Verhalten für völlig normal. Schließlich gelang es doch. Die Diagnose hieß: Schizophrenie. Wörtlich übersetzt bedeutet das griechische Wort "s-chizophrenia" ("s" und ch" sind getrennt zu sprechen, nicht als "sch"-Laut) "gespaltenes Denken". Bezeichnet wird mit diesem Wort eine Störung des Ich-Bewußtseins, eine Zersplitterung der Persönlichkeit. Der Kranke glaubt, daß er fremde Gedanken vermittelt bekommt, daß andere Menschen seine Gedanken lesen und "stehlen" und daß sie sein Tun steuern. Typische Symptome sind: akustische Halluzinationen (der Patient hört fremde Stimmen und nimmt auch seine eigenen Gedanken akustisch wahr), körperliche Halluzinationen (er hat das z.B. Gefühl, daß schmerzhafte Strahlungen seine Haut treffen oder daß er im Wachzustand operiert wird), Wahnvorstellungen (er glaubt, daß er von mächtigen Kräften verfolgt wird oder daß er selbst eine berühmte Persönlichkeit ist oder von einer solchen geliebt wird), Denk- und Sprachstörungen (er setzt mehrere Gedanken beziehungslos nebeneinander und bildet unnatürliche Sätze), Affektivitätsstörungen (er kann seine Gefühle nicht mehr richtig ausdrücken; es kommt z.B. vor, daß er von schlimmem Wahnerleben betroffen ist und dabei ausgelassen lacht), Ambitendenz (er versucht, verschiedene Dinge, die sich gegenseitig ausschließen, gleichzeitig zu wollen oder zu tun) und Antriebsstörungen (er schwankt hin und her zwischen – teilweise von Angst geprägter - Antriebslosigkeit und Überaktivität).

In Deutschland erkrankt ca. 1% der Bevölkerung mindestens einmal im Leben an Schizophrenie. Die Krankheit verläuft in Schüben, zwischen denen das Verhalten des Patienten unauffällig ist. Mit einer Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie läßt sie sich heute gut behandeln. Etwa 20% der Patienten werden wieder völlig gesund, bei der Hälfte kommt es nach längerer Zeit zu neuen Schüben, die aber gut zu beherrschen sind, und bei ca. 30% wird die Persönlichkeitsveränderung stärker. Für die Schizophrenie gibt es zwar eine genetische Veranlagung, aber die ist nicht der zwingende Auslöser der Symptome. Es sind immer mehrere Faktoren, die zusammenkommen müssen. Als Hauptursache werden Stoffwechselstörungen im Gehirn angenommen (ein Überschuß der Botenstoffe Dopamin und Serotonin).

Am schwersten wiegen die sozialen Konsequenzen während bzw. nach der Erkrankung. Das Unverständnis der Umwelt hat nicht selten zur Folge, daß der Patient zunehmend isoliert wird. Er verliert seine Arbeit, seine Beziehung scheitert, die Familie zieht sich von ihm zurück, die Nachbarn reden über ihn hinter der vorgehaltenen Hand. Nach wie vor werden psychisch Kranke in unserer Gesellschaft dämonisiert und diskriminiert. Es ist dringend notwendig, für mehr Verständnis in der Bevölkerung zu werben und die Tabuisierung psychischen Krankseins ebenso zu überwinden wie die vielen auf Unwissen beruhenden Vorurteile und Gerüchte.

Evelyn hat ihr Studium abbrechen müssen, sie war mehrmals in stationärer Behandlung und ist nach einigen Schüben, die in längeren Abständen kamen und weniger ausgeprägt waren, jetzt seit sieben Jahren symptomfrei. Inzwischen hat sie eine Arbeit gefunden, die ihr gefällt, und einen Ehemann, der sie liebt.

© Eberhard E. Küttner, 3.7.2002

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